Archiv für den Monat: September 2014

Keine Zeit Keine Zeit

Jetzt wird es langsam wirklich eng mit dem Timing. Ein Muß für Dina und uns sind Cusco und Machu Picchu, aber um diese Highlights noch zu schaffen müssen wir unser Programm rigoros zusammendampfen. Canyon de Colca und Cruz del Condor werden gestrichen bzw. auf später vertagt, ebenso die abenteuerliche Piste durch die Berge, die wir eigentlich nach Cusco nehmen wollen. Stattdessen entscheiden wir uns für die asphaltierte „Rennstrecke“ über Juliaca, kilometermäßig zwar ein Umweg, aber trotzdem deutlich schneller und von Arequipa aus in zwei Tagen zu schaffen, wenn wir Gas geben und mit Unimoppels Maximalgeschwindigkeit von immerhin 80 kmh durch die Landschaft rasen.

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Die Straße bis Juliaca, einem wichtigen Knotenpunkt verschiedener Handelsstraßen nahe des Titicacasees, erweist sich nicht nur als Strecke mit schlechter Fahrbahn, sondern bietet landschaftlich auch nicht sehr viel, obwohl es wieder über hohe Pässe mit bis zu 4.500 Metern geht. Juliaca selbst, auf kühlen 3.800 Metern gelegen, scheint ausschließlich aus unfertigen Backsteinbauten zu bestehen und erweist sich trotz sogenannter Umgehungsstraße als verkehrstechnisches Inferno. Die Umgehungsstraße ist zu einem großen Teil inzwischen von der wuchernden Stadt umgeben und ein anderer Teil wurde gar nicht erst fertiggestellt, sondern verläuft buchstäblich im Nirvana. Die zahllosen überladenen Schwertransporter haben die Fahrbahn inzwischen so stark abgerieben, daß sie so gut wie nicht mehr vorhanden ist, sondern durch tiefe Rinnen und Schlaglöcher ersetzt wurde. Die Fahrt macht nicht wirklich Spaß.

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Zwischen den größeren Fahrzeugen flitzen dann noch Tausende dreirädrige blaue taxi cholos auf der erbitterten Jagd nach Kundschaft wie wildgewordene Mäuse auf Prozac umher.

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Außerdem scheint die geographische Nähe Boliviens abzufärben: Die Vermüllung an den Straßenrändern steht der im Nachbarland in nichts nach.

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Da die Fernstraße nicht sehr sicher sind verbringen wir die Nacht an einer 24h Tankstelle, die von einer mürrischen Alten, die prompt die Hand aufhält, und ihren fünf Hunden geführt wird. Nachdem wir Juliaca am nächsten Morgen mühsam umschifft haben bessert sich die Strecke nach Cusco merklich; wir sind wieder auf dem mit Büschelgras bewachsenen Altiplano, dem andinen Hochland, und auf den weiten kargen Ebenen entlang der Fahrbahn weiden Tausende von Llamas und Alpakas, die hier zur Woll- und Fleischgewinnung gehalten werden. Etwas entfernt blitzen die Gipfel der Eisriesen Cunurana und Chimboya in den blauen Andenhimmel und langsam freuen wir uns auf Cusco, den „Nabel der Erde“ wie die Stadt von den Inkas einst genannt wurde.

Santa Catalina

Es ist für uns heute kaum nachvollziehbar, daß über fast vier Jahrhunderte in der über 20.000 qm umfassenden Klosterstadt Santa Catalina in Arequipa Novizinnen und Nonnen des Katharinenordens ein spartanisches Leben abseits alles Weltlichen führten. Gegründet wurde das Kloster 1580 vom spanischen Mutterorden der Dominikaner.

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Aufgrund der starken Nachfrage von spanischen Familien, die ihre Töchter hier unterbringen wollten, wurde es im 17ten Jahrhundert auf die heutige Größe erweitert. Für reiche spanische Familien war es selbstverständlich, daß die zweite Tochter – natürlich mit makelloser Vergangenheit – für „Gott und das Himmelreich“ an ein Kloster abgetreten wurde. Dazu war als Mitgift die horrende Summe von tausend Goldpesos in Form von Goldmünzen, Porzellan, Silber, Schmuck usw. erforderlich.

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Wer nicht über genügend Barschaft verfügte, verkaufte seine Wertgegenstände auf dem Klostermarkt. Für die Lebenskosten der Tochter im Kloster mussten die Familien weiterhin in vollem Umfang aufkommen. Die erheblichen Geldmittel, die dem Kloster auf diese Weise zuflossen, ermöglichten die Anstellung von Dienstpersonal, auch von Männern, die im Kloster arbeiteten und insbesondere das umliegende Ackerland bearbeiteten. Was hinter den hohen Mauern aus Tuffgestein geschah, wie die rund 150 Nonnen und Novizinnen mit ihren 400 Dienstmädchen lebten, blieb der Öffentlichkeit über 300 Jahre weitestgehend verborgen. Verarmte eine Nonne oder deren Familie, so wurde sie gezwungen, ihr letztes Hab und Gut an andere Nonnen zu verkaufen. Alles im Namen Gottes und zu Ehren der Heiligen Katharina – die katholische Kirche gibt hier ein schönes Vorbild für spätere Sekten ab.

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Beim Eintritt ins Kloster mussten die Novizinnen ein absolutes Schweigegelübde ablegen. Über einen Zeitraum von ein bis vier Jahren musste die Novizin eine Probezeit allein im Noviciado absolvieren und durfte in dieser Zeit keinen Besuch empfangen. Nach der Probezeit konnte die Novizin einen notariellen Vertrag als Nonne mit dem Kloster abschließen und musste dann die Mitgift zahlen.

Nonnen war es gestattet, bei besonderen Gelegenheiten Besuch von Familienangehörigen zu erhalten. Dazu gab es im Kloster hinter dem Eingang sogenannte Lokutorien mit hölzernen Sprechgittern, die so konstruiert sind, daß der Angehörige die Nonne nicht sehen konnte, sie jedoch ihn. Berührungen waren nicht möglich. Für die Übergabe von Geschenken und Briefen gab es ein Drehregal, in welches die Dinge von außen gelegt und nach innen gedreht werden konnten. Eine Nonne hörte alle Besuchsgespräche mit und kontrollierte jedes Geschenk und jeden Brief.

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Die Wohnräume der Nonnen waren einfachst ausgestattet: Ein Bett mit Matraze, die manchmal zur Selbstkasteiung mit Steinen oder Stacheln gefüllt war, Tisch, Stuhl, Altar. Das Fenster musste immer offen stehen, damit eine Kontrolle jederzeit möglich war. Bei ihrem Tagwerk wurden die Nonnen von bis zu vier Dienstmädchen unterstützt, die für sie eingekauft, gewaschen, geputzt haben. Meist waren dies Mestizinnen, Indigena oder Afrikanerinnen. Alle Wohnräume besaßen über eine Treppe nach oben einen Ausgang in Freie, vermutlich als Fluchtweg bei Erdbeben oder Bränden. Vielleicht haben wir das aber auch mißverstanden und es war der Eingang für den Gärtner zum Blumengießen…

 

Um sich von allen Sünden, getan oder gedacht, frei sprechen zu lassen gab es dann noch eine ganze Reihe von Beichtstühlen.

Die sündige Nonne begab sich in die kleine Kammer hinter der Holztür und sprach in die von kleinen Löchern durchbrochene Wand, hinter welcher sich eine höhergestellte Nonne verbarg und zuhörte.

Alle Straßen des Klosters tragen in den Tuffstein gemeißelte spanische Namen wie Calle Granada, Calle Sevilla, Calle Cordoba usw. Die Mauern, ehemals weiß getüncht, sind heute hellblau, orange und rot gestrichen und bieten schöne Fotomotive.

 

Bis ins Jahr 1970 war das Kloster von der Außenwelt nahezu hermetisch abgeriegelt. Weder war es den Nonnen gestattet, das Kloster zu verlassen, noch waren Besucher erlaubt. Heute leben noch etwas fünfzig Ordensschwestern in Santa Catalina, die den Klosterbetrieb aufrechterhalten, aber die strengen Bestimmungen gelten für sie nicht mehr. Das Kloster ist weitestgehend der Öffentlichkeit zugänglich, auch die Klosterkirche steht den Besuchern offen und in der Pinakothek kann man rund achtzig Gemälde aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert bewundern.

 

Nach soviel Kultur brauchen Dina und ich jetzt was Handfestes: ein Crepe mit Mango und eines mit Alpaka.

Arequipa – La Ciudad Blanca

Der uns aufgezwungene Aufenthalt in Tacna hat uns wertvolle Zeit gekostet. Dina fliegt am 27ten September von Lima aus nach Hause und wir müssen unser Programm etwas straffen. Über die Panamericana Sur geht es weiter nach Arequipa, eine der beeindruckendsten Kolonialstädte und mit rund 1,4 Mio Einwohnern zweitgrößte Stadt Perus auf angenehmen 2.400 Metern. Die Flußoase mit ihrer gut erhaltenen Altstadt rund um die Plaza de Armas liegt unmittelbar zu Füßen der mächtigen Vulkane Misti (5.822 m und aktiv), Chachani (6.075 m und weiß verschneit) und Pichu Pichu (5.425 m). Durch die Nähe zu weiteren aktiven Vulkanen werden in Arequipa täglich bis zu zwölf Erdbeben registriert.

An Stelle einer früheren Inka-Stadt gründeten die Spanier 1540 die „weiße Stadt“, die mit ihren Kirchen und Palästen aus weißem Sillar, einem vulkanischen Tuffstein, zu einer der schönsten Städte des Kolonialreiches erblühte. Manche Zungen behaupten, die Bezeichnung „weiße Stadt“ beziehe sich nicht auf den weißen Stein, sondern auf die Tatsache, das ehemals die Innenstadt ausschließlich von den weißen Kolonialherren bewohnt werden durfte, wohingegen die Sklaven, zumeist Indios und Schwarze, in den Randgebieten leben mussten. Kommt einem bekannt vor, oder?

Heute ist der Durchgangsverkehr aus den schmalen Gassen des historischen Zentrums verbannt und es sind kleine Fußgängerbereiche entstanden, die zum Bummeln und Verweilen einladen. Die schattenspendenden zweigeschossigen Arkaden rund um die begrünte Plaza de Armas sind mit Geschäften, Touranbietern und Restaurants bevölkert; lediglich die Nordseite des Platzes wird in ihrer gesamten Breite von der imposanten Kathedrale beherrscht, die sich im blankpolierten weißen Marmor des Vorplatzes spiegelt.

Böse Überraschung

Wir sind gerade einmal eine Stunde in Peru, da kommt, was irgendwann in Südamerika kommen muß. Wir parken unseren Wagen mittags vor dem mitten im Stadtzentrum von Tacna gelegen Krankenhaus, um bei einer uns empfohlenen Agentur eine gesonderte Haftpflichtversicherung abzuschließen, da die bestehende Mercosur-Versicherung nur Anrainerstaaten von Argentinien umschließt und Peru sowie Ecuador, die wir auch besuchen wollen, ausklammert. Nach kaum zehn Minuten kommen wir zurück und halten den Atem an: Die Scheibe auf der Beifahrerseite ist eingeschlagen und der Wagen ausgeraubt.

Die wichtigsten Dinge wie Dokumente, Kreditkarten, Kamera usw. haben wir zum Glück entweder dabei oder im Bordversteck, aber die bösen Jungs machen trotzdem fette Beute. Wir sind um einen Laptop, einen Kindle, diverses Computerzubehör, ein i-phone, drei Sonnenbrillen, einen Rucksack und eine Tasche erleichtert. Es ist nicht, als hätten wir nicht um die Gefahr gewusst, aber Fahrlässigkeit wird in Südamerika umgehend bestraft, auch am helllichten Tag.

Binnen weniger Minuten erscheint ein hilfsbereiter Einheimischer am Tatort und ruft die Polizei herbei; kurz darauf stellt er sich als Journalist einer lokalen Tageszeitung vor – was für ein seltsamer Zufall?!?!?!? Die beiden Polizisten befragen uns, steigen vorne ein, steigen hinten ein, steigen wieder vorne ein, finden den Unimog ganz toll … und sprechen mit dem Journalisten, der die Zeit für ein paar Fotos genutzt hat. Dann werden wir gebeten, ihnen mit unserem Fahrzeug ein paar Hundert Meter zur zentralen Wache zu folgen, wo wir die nächsten Stunden damit verbringen, zehn verschiedenen Beamten zu erklären – nacheinander und auf Spanisch, da niemand ein einziges Wort Englisch spricht, wohlgemerkt -, was wir während der Tat wo und warum gemacht haben und was genau gestohlen wurde. Erst fragt der Eine, dann werden wir ins nächste Zimmer gereicht, dann kommt die Spurensicherung dazu und will wissen, ob wir die Türen und die Fenster nach der Tat schon angefasst haben. Nein, haben wir nicht, aber ihre Kollegen dafür umso reichlicher undsoweiterundsofort… Alle sind ausnehmend freundlich und geben sich große Mühe, aber die Abwicklung ist, gelinge ausgedrückt, etwas merkwürdig und konfus.

Nachdem ungefähr zehn handschriftliche Protokolle von unterschiedlichen Personen angefertigt wurden nimmt man meine Fingerabdrücke, damit später bewiesen werden kann, das ich die Anzeige höchstpersönlich vor Ort gemacht habe. Wird immer lustiger! Zwischendurch kommt noch eine Dame von der sogenannten Touristenpolizei, die im Haus nebenan angesiedelt ist, drückt mit weit aufgerissenen Augen in einem Kauderwelsch aus Spanisch, Französisch und einigen englischen Brocken ihre Betroffenheit über die Tat aus und verteilt nonstop parlierend bunte Flyer über Tacna, Arequipa, Cusco und Lima an uns. Peru sei ja sooooooooo ein schönes Land und Tacna sooooooooooo eine schöne Stadt! Das ganze entwickelt sich immer mehr zu einer liebenswerten Komödie und ich muß schon fast lachen.

Dina hat inzwischen den Polizeichef dazu bewogen, ihr seinen fast die gesamte Raumbreite einnehmenden Schreibtisch und den Computer mit Internetanschluß zu überlassen, da sie ihr Handy usw. sperren möchte. Als Stunden später ein Polizist sie anspricht, weil der den Computer wohl selbst benötigt, faucht sie ihn – ganz in ihrer digitalen Welt versunken – mit „No es possible!“ an. Ich ziehe den Kopf ein, aber nichts passiert, der junge Mann zuckt nur mit den Schultern und trollt sich brav und ohne Widerspruch davon. Aus den zehn verschiedenen handschriftlichen Protokollen wird eine weitere, elfte, handschriftliche Version erstellt, die dann wiederum von einem jungen Polizisten im Zweifingersuchsystem in meinem Beisein auf einem Computer abgetippt und mit einem weiteren Fingerprint von mir bezeugt werden muß. Wie ich später erfahre, gibt Hugo in dieser Zeit dem lokalen Fernsehsender, der zwischenzeitlich vor dem Eingang ebenfalls aufgetaucht ist, draußen ein Interview.

Als wir mit dem Prozedere fertig sind ist es schon später Nachmittag und viel zu spät zum Weiterfahren, zumal die Scheibe auf der Beifahrerseite erst ersetzt werden muß. Wir suchen uns ein Hotel und nachdem wir unsere prekäre Situation an der Rezeption des Holiday Suites erklärt haben dürfen wir den Parkplatz hinter hohen Mauern als Stellplatz für die Nacht nutzen. Als wir später den Parkplatz zu Fuß durch die kleine Tür, die im großen Portal eingelassen ist, verlassen wollen, um Essen zu gehen, stellen wir fest, daß nicht die bösen Jungs hinter Gittern sitzen, sondern wir. Man hat uns eingesperrt. Durch ein kleines vergittertes Fenster in der Tür versuchen wir, Passanten auf uns aufmerksam zu machen, aber dann erscheint nach ein paar Minuten jemand von der Rezeption und schließt die Tür für uns auf. Der Parkplatz wird videoüberwacht und man hat uns herumzappeln sehen. Wer den Schaden hat…

Am nächsten Morgen sitze ich wartend in der Lobby des Hotels, blättere in einer der herumliegenden Tageszeitungen und entdecke prompt einen Artikel über den Diebstahl inklusive Foto von Unimoppel und Hugo.

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Der überaus freundliche Chef des Hotels kennt die Geschichte offensichtlich ebenfalls, hat zwei und zwei schon zusammengezählt, lädt uns zum Frühstück ein und bietet uns dann ein Zimmer zu einem großzügigen Sonderpreis für die folgende Nacht an; ein Angebot, welches wir unmöglich abschlagen können ohne unhöflich sein. Wir sagen zu und freuen uns darauf, nach einem halben Jahr mal wieder mehr als 7,5 qm zur Verfügung zu haben. Aber es soll noch besser kommen… Die Paparazzi verfolgen offenbar unsere Schritte und finden uns – wer da wohl gegen ein paar Scheinchen geplaudert hat – auch auf dem abgeriegelten Parkplatz, denn einen Tag später entdecken wir in der Tageszeitung einen weiteren Artikel.

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Bei der Suche nach einer Glaserei, die unser Fenster kurzfristig ersetzen kann, lernen wir Paul kennen, einen Deutschen, der seit zehn Jahren hier in Tacna lebt und mit Guadeloupe, einer Zahnärztin, verheiratet ist. Eines ergibt das andere, mittags sitzen wir mit ihm und seiner Frau bei einer Suppe und anschließendem Kaffee auf seiner Terrasse, nachmittags unterzieht sich Hugo in Guadeloupes Praxis einer längst fälligen Wurzelbehandlung und abends treffen wir uns bei Pisco Sour in einer Bar hoch über den Dächern von Tacna, um unsere neue Freundschaft zu besiegeln. Alles ist gut.

(Frucht-) Grenze

In Arica, der nördlichsten Stadt Chiles, verbringen wir eine Nacht am Strand mit seiner sanften Brandung unterhalb des knapp 300 Meter hohen Morros. Am nächsten Morgen geht es über die Grenze. Das Auschecken aus Chile geht ruckzuck, aber das Einchecken nach Peru hat dann wie erwartet seine Tücken und dauert insgesamt fast zwei Stunden. Erst Schlange stehen an dem einen Schalter, dann zur Passkontrolle, dann an einem weiteren Schalter in einem anderen Gebäude im zweiten Stock ein Formular kaufen (!), dann mit dem ausgefüllten Formular wieder runter zur Paßkontrolle, dann das ganze nochmals woanders um die Ecke für das Fahrzeug. Stempel hier, Stempel da, Hauptsache viele Stempel. Abschließend kommt dann noch der Zoll und durchsucht den Wagen, wenngleich auch nur oberflächlich.

Zum Schutz vor Fruchtfliegen- und anderem Schädlingsbefall befall hat Chile schon seit geraumer Zeit eine sogenannte Fruchtgrenze zu Bolivien und Peru, das heißt, es dürfen kein frisches Obst und Gemüse, keine frischen Fleischwaren, keine nicht pasteurisierten Milchprodukte und kein Honig eingeführt werden. Dies war uns bekannt. Nun hat auch Peru umgekehrt eine solche Fruchtgrenze eingeführt, ob aus echter Besorgnis oder aus Nickeligkeit gegenüber den „reichen“ Nachbarn sein mal dahin gestellt. Immerhin gehörte die Region um das chilenische Arica bis 1880 zu Peru. Auf jeden Fall nehmen uns die Zöllner die Bananen, Äpfel, Avocados, Kartoffeln und den Honig ab.

PanAm

Nach ein paar Tagen Pause in Iquique setzen wir unseren Weg nach Norden fort, schrauben uns 600 Meter die steile Kordillerenwand hoch und werfen einen letzten Blick auf El Dragòn und die Stadt am Meer, bevor es landeinwärts und dann gezwungenermaßen ein Stück über die Panamericana geht. Kurz vor der Kreuzung mit der PanAm kommen wir an den beiden verlassenen Salpeterstädtchen Humberstone und Santa Laura mit ihren vor sich hinrostenden Industrieanlagen vorbei, die wie Dinosauriergerippe im Sand stehen. Während des Salpeterbooms entstanden hier Kleinstädte mit Wohnungen für die Arbeiter, Geschäften, Kneipen und manchmal sogar Freizeiteinrichtungen. De facto gehörten die saliteras, also die Orte, den Minenbesitzern, die ihre Arbeiter mit sogenannten fichas bezahlten, Münzen, die nur im jeweiligen Ort Gültigkeit als Zahlungsmittel besaßen und andernorts völlig wertlos waren. Ein in sich geschlossener, für die Minenbesitzer äußerst lukrativer Kreislauf also. Nachdem die Salpeterherstellung dann auf chemischem Weg viel leichter und kostengünstiger wurde, blieben die beiden Städtchen sich selbst überlassen und wurden Ende der 60er aufgegeben.

Die Panamericana ist hier im Norden Chiles alles andere als eine Traumstraße. Die zweispurige, über Kilometer schnurgerade verlaufende Straße ist an den Seiten häufig vermüllt und führt durch die karge Landschaft der Atacama, aber sie ist die einzige fahrbare Verbindung nach Arica und weiter zum einzigen chilenisch-peruanischen Grenzübergang, Tacna. Als es Abend wird suchen wir uns einen Stellplatz und kurz darauf geht am Himmel der Vollmond über der PanAm auf.

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Endlich Wasser

Von Calama, einer großen, aber wenig reizvollen Minenstadt, fahren wir quer durch die nördliche Atacama und durchschneiden die legendäre, hier aber entsetzlich langweilige Panamericana auf rund 1.000 Metern Höhe. Trotz unserer Trödelei in Brasilien und zwei Monaten in Bolivien haben wir es dann endlich geschafft – wir erreichen den Pazifik und freuen uns über das Wasser, das hier als mächtige Brandung und eiskalt auf die einsamen Strände rollt.

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Nordchile besteht vorwiegend aus Wüstenlandschaft, aus braun-grauen öden Sand- und Geröllflächen, die teilweise ganz bis an die Steilküste heranreichen. Gekennzeichnet wird der Norden durch die Atacama, die trockenste Wüste der Erde. Sie umschließt die östlichen Teile des Küstenberglandes sowie die anschließende, rund 1.000 Meter über N.N. gelegene Senkzone, die Pampa de Tamarugal. In den letzten Jahrzehnten, an manchen Wetterstationen sogar seit Beginn der Aufzeichnungen, wurden hier überhaupt keine Niederschläge gemessen. Kein Tropfen, nichts, nada. Der Humboldt-Strom bringt zwar kaltes Wasser an die Küste, aber die steil aufragenden Küstengebirge – bei Iquique über 600 Meter – halten den aufsteigenden Küstennebel vom Landesinneren ab. Die Wolken stauen sich an den Bergen und liegen wie eine dicke weiße Decke über der Küste. Infolgedessen gibt es in der Pampa nicht einmal ansatzweise Zeichen von Leben. Von den wenigen echten Sommermonaten Dezember bis Februar abgesehen liegen die Strände an Chiles Küste stattdessen im grauen Dauernebel.

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Bevor wir Iquique erreichen legen wir einen Stop an einem einsamen Strand ein und bleiben über Nacht. Viele Pelikane und verschiedene Arten von Seevögeln sind hier zuhause und wir schauen zu, wie sie mit angewinkelten Flügeln pfeilschnell ins Wasser schießen und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftauchen.

Am Morgen können wir über Stunden große Schwärme von Vögeln beobachten, die wie auf einer Autobahn in einem Abstand von vielleicht einem Meter über der Wasseroberfläche hintereinander von Norden nach Süden ziehen, dem patagonischen Sommer entgegen.

Iquique liegt auf einer schmalen Zone zwischen dem Pazifik und einer direkt hinter der Stadt auf über 600 Meter Höhe aufragenden Kordillerenwand, die über eine einzige Straße erklommen werden kann. Von oben hat man einen wunderbaren Überblick über die Stadt, den Pazifik und eine gigantische, mehrere Hundert Meter hohe Sanddüne namens El Dragón.

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Zu Zeiten Charles Darwins war Iquique ein Fischernest, dann über lange Zeit Lieferant für den entsetzlich stinkenden Guano und Salpeter aus den großen nahegelegenen Minen. Insbesondere die reichen Salpeterbarone verliehen der Stadt ihr auch heute immer noch recht hübsches Gesicht. Der historische Stadtkern rund um die schmucke Plaza Prat mit ihrem Uhrenturm wurde gekonnt renoviert und die typische Architektur wie vor hundert Jahren erhalten, so zum Beispiel die mit Holz getäfelten breiten Bürgersteige in der Avenida Baquedano und die eleganten, oft villenartigen Holzhäuser, die im oberen Geschoß eine Art überdachte Veranda besitzen. In der kleinen Fußgängerzone wurden sogar die Kabel unterirdisch verlegt, was für Chile eine große Ausnahme ist.

Hier in Iquique spürt man am derzeitigen Bauboom ganz deutlich, daß Chile emsig alles daran setzt, in puncto Wirtschaftsleistung global aufzuschließen. Aus der Stadt der kleinen ein- bis zweistöckigen Häuser entwickelt sich ein Bonsai-Miami mit modernen Glastürmen, trendigen Restaurants und gut sortierten Supermärkten.

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Iquique ist einer der chilenischen Hot Spots für die Flugszene und Hugo nutzt die Thermik für einige Flüge, sowohl mit dem Gleitschirm als auch dem Drachen, wobei der Startplatz spektakulär oberhalb der großen Sanddüne liegt und die Landung am zentralen Stadtstrand erfolgt. Eine Kunst, zwischen all den spielenden Kindern, umherjagenden Hunden, Joggern und sonstigen Passanten ein freies Fleckchen zu finden!

Dina und ich bummeln durch den Hafen bis zur Mole der Fischer, wo neben vielen Pelikanen einige Seelöwen behäbig am Ufer liegen oder im Wasser schwimmen und auf Fischabfälle hoffen. Wir bekommen prompt auch Appetit und gönnen uns ein Stück gegrillten Schwertfisch. Frischer geht es nicht!

In einer der ersten Nächte, die wir in Iquique verbringen, werde ich wach, weil ich mich urplötzlich seekrank fühle. Im wenigen Licht versuche ich mich zu orientieren, kann aber über Sekunden keinen festen Punkt finden, da alles vibriert. Dina fährt panisch aus dem Schlaf hoch, weiß gar nicht, was los ist und springt fast durchs Fenster. Die Erde bebt, aber nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei. Hugo, das Murmeltier, hat von alledem nichts mitbekommen. Am nächsten Tag erfahren wir, daß in Chile pro Jahr rund 500 Mal die Erde bebt und Iquique erst im April von einem Beben der Starke 8,2 betroffen war, welches die Straße am Steilhang in großen Teilen einstürzen ließ, die seitdem noch immer instandgesetzt wird. Auch Tsunamis sind hier nicht unbekannt und das gesamte Stadtareal ist mit Schildern entsprechend der Gefahrenstufe gekennzeichnet: Rot für Tsunami Hazard Zone, grün für Tsunami Safety Zone, dazwischen gibt es noch eine blaue Zone. Auch die Fluchtwege sind in den Straßen mit Pfeilen markiert. Überhaupt wird hier sehr viel gewarnt: Wir entdecken an der Strandpromenade sogar ein fünfstufiges Warnsystem für Sonnenstrahlung, damit man sich keinen Sonnenbrand holt.

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Leicht angeschlagen

Bei dem Ritt über die bolivianischen Vulkane hat der Unimog ein paar üble Blessuren davon getragen und Hugo verbringt einige Zeit mit kreativer Bastelarbeit unter dem Auto:

– Gewinde im Bremsflüssigkeitsbehälter losgerüttelt und undicht
– Undichtigkeit am Getriebe
– Kleiner Ölschlauch am Vorgelege abgerissen
– Kabel an Batterie losgerüttelt, dadurch ist der Batterieanschluß teils geschmolzen
– Staubmanschette zwischen Getriebe und Achswelle gerissen
– Dieselfilter zugesetzt
– Anschlagsbegrenzer der Beifahrertür durch Windbö abgerissen
– Teilweise Möbelschrauben gelockert
– Sicherungsautomaten rausgerüttelt
– Schrauben im Motorraum gelockert
– Druckluftschlauch undicht

In Calama laufen wir auf dem halben Weg Richtung Küste eine Mercedes-LKW-Werkstatt an, aber da keine Ersatzteile vorhanden sind, muß auch hier technisch improvisiert werden. Zum Glück erweist sich der Unimog als gutmütig und schnurrt weiter.

War es das alles wert? Ja, unbedingt!!!!!

San Pedro de Atacama

Gute zweitausend Meter rauschen wir den Paso de Jama in Chile hinunter und können es kaum fassen: Der Paß ist nicht nur asphaltiert, sondern hat Mittel- und Seitenstreifen und an besonders kritischen Stellen sogar … Leitplanken und Reflektoren! Deutschen Maßstäben genügt er allemal. Es geht nonstop bis auf 2.440 Meter bergab und seitlich der Fahrbahn finden sich alle paar Kilometer Notfallspuren für Wagen, deren Bremsen versagen. Die kleine Stadt San Pedro de Atacama mit rund 2.000 Einwohnern ist umgeben von einem knappen Dutzend Fünf- und Sechstausender, markantester Gipfel dieser Kulisse ist der Vulkan Licanbur. Der Ursprung von San Pedro liegt weit zurück. Der Ort war bereits Zentrum der Atacama-Indianer, bevor er um 1450 von den Inka eingenommen wurde. Im 19ten Jahrhundert lebte die Siedlung von durchziehenden Karawanen, die Vieh und andere Waren aus Argentinien zu den Minen in der Wüste und zu den Häfen am Pazifik brachten.

Mit den einstöckigen, weiß getünchten Häuschen aus Adobe, den luftgetrockneten Lehmziegeln, gleicht San Pedro de Atacama ein bisschen einer Westernstadt in New Mexico. Die kleine Oase in der Atacama ist heute eine touristische Drehscheibe; hier erholen sich die Reisenden von den Strapazen und verteilen sich neu in alle Himmelsrichtungen: Die Grenzen von Bolivien, Argentinien und Chile treffen hier aufeinander und bis Peru ist es auch nicht weit. Die Infrastruktur ist entsprechend: Es gibt viele Touranbieter, kleine hübsche Hostals und unzählige Restaurants. Nach den entbehrungsreichen einsamen Tagen im südlichen Bolivien fühlen wir uns wie im Paradies und schlemmen uns hemmungslos durch die Menukarten.

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Ganz in der Nähe von San Pedro und ein Muß für uns ist das Valle de la Luna. Vor Urzeiten war es ein See, dessen Boden bei heftigen Erdbeben emporgedrückt und aufgefaltet wurde. In Jahrmillionen tat die Natur, sprich Wind und Wetter, dann ihr Übriges. Sie schuf eine einmalig bizarre Welt, schliff Figuren und Türme aus Sand, Salz und Lehm und schichtete große Dünen aus rötlichem Sand auf. Von der höchsten Düne erblickt man in der Ferne den Vulkan Licanbur mit seiner symmetrischen Silhouette. Bei Sonnenuntergang leuchten er und das zu seinen Füßen liegende Tal erst gelb-orange, dann rot und zuletzt violett.

Rückblick Bolivien

Um es gleich vorweg zu nehmen: Bolivien hat einzigartige, tief beeindruckende Landschaften von ganz besonderer Schönheit, die einen Besuch dieses Landes immer rechtfertigen, aber das ist auch schon alles. Die Menschen hier zeichnen sich nicht durch die bei uns in Europa immer so hochgelobte Freundlichkeit der Andenvölker aus. Hugo und ich sind irritiert, als uns die Bolivianer immer wieder mürrisch, wortkarg und teilweise sehr abweisend begegnen. Wir fragen uns lange Zeit, was wir im Umgang mit ihnen falsch machen, ob wir etwas übersehen, ob wir in ihren Augen und ihrer Kultur eventuell taktlos sind, oder ob wir zu sehr „weißer Mann“ sind und unbewußt ein Kolonialherrengehabe an den Tag legen, aber das alles ist es nicht. Wir schauen genauer hin und stellen fest, daß ihr Umgang untereinander genauso harsch, kurz angebunden und ohne Herzlichkeit ist. Wir fragen daraufhin einen Schweiz-Bolivianer, der in La Paz geboren wurde und dort heute eine Werkstatt betreibt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Nein, es liegt überhaupt nicht an uns, daß die Bolivianer, insbesondere die Aymara, uns so kalt und desinteressiert begegnen, sondern sie sind ein Volk der Neider und Egoisten. Der eine gönnt dem anderen nichts. Ein alltägliches Beispiel finden wir im Autoverkehr, wenn hunderte Autos mit rasender Geschwindigkeit auf einen engen Trichter zufahren und keiner bereit ist, die Geschwindigkeit zu drosseln. Niemand schaut nach rechts und links, sondern mit tief eingezogenem Kopf stur geradeaus, laut hupen ersetzt bremsen, und alle hoffen, daß es irgendwie gut geht.

Der Schweiz-Bolivianer berichtet uns von anderen Fällen, in denen diese ausgeprägte Haltung zur Missgunst regelrechte wirtschaftliche Schäden anrichtet. Ein Beispiel: Ein Bolivianer hatte gemeinsam mit seiner Frau in einer Ortschaft nahe des Sajama-Vulkanes eine kleine Firma zu Herstellung von Bio-Llamawolle gegründet. Mit der Zeit war diese Firma gewachsen, der Unternehmer hatte im Ort nach und nach drei kleine Lehmhäuser als Arbeitsstätten gekauft und bot zum Schluß etwa 25 Familien dieses Dorfes Arbeit. Als er eine weitere Produktionsstätte benötigte und zu diesem Zweck ein viertes, wohlgemerkt kleines Haus kaufen wollte, wurde ihm dies von der Dorfgemeinschaft mit der Begründung, der besäße ja bereits drei Häuser, untersagt und die bei ihm angestellten Arbeiter legten ihre Arbeit nieder. Die Verhandlungen zogen sich über einen Zeitraum von über einem Jahr hin, blieben für den Unternehmer letztlich aufgrund der Uneinsichtigkeit der Dorfgemeinschaft erfolglos und so sah er sich schlußendlich gezwungen, den Standort vom Dorf wegzuverlegen. 25 Familien verloren somit ihre Arbeit und damit ein gutes sicheres Einkommen und das Dorf fiel wieder in Tiefschlaf.

Wenn wir Europäer an Andenvölker denken, dann haben wir Bilder von bunt-bemützten Indios mit tiefbraunen, von der Sonne zerfurchten markanten Gesichtern vor den Augen und das Panflötengedudel vom Evergreen „El condor pasa“ in den Ohren, aber wir sollten uns frei machen von dem Gedanken, daß jeder Indio ein „edler Inka-Häuptling“ ist. Genauso wenig ist jeder der eine Milliarde Inder ein spirituell erleuchteter Sadhu. Die Realität in Bolivien ist, daß viele der Aymara in ihren Traditionen und Verhaltensweisen verharren, geradezu verknöchern und sich nicht weiterentwickeln. Am Fortschritt partizipieren – ja, ein TV, Auto und Handy haben wollen – ja, aber die Einsicht, daß man selbst dafür etwas tun, den Hintern hochbekommen muß, fehlt. Der Schweiz-Bolivianer gibt uns ein Beispiel gutgemeinter, aber aus diesem Grund fehlgeschlagener deutscher Entwicklungshilfe. Über einen Zeitraum von fünf langen Jahren wurde mit Entwicklungshilfegeldern und unter deutscher Betreuung eine Berufsausbildungsstätte für die Industrie in La Paz initiiert und erfolgreich geführt. Nach Abschluß der fünf Jahre wurde die Leitung des Projektes vertragsgemäß in bolivianische Hände gegeben, kein Jahr später war es bereits gescheitert und wurde, da sich niemand zuständig fühlte, eingestellt.

Bolivien verfügt über immense Rohstoffreserven und hat zur brasilianischen Grenze hin genug fruchtbares Land, um alle Einwohner ernähren zu können. Niemand muß hier hungern, aber trotzdem ist die Armut groß. Von Santa Cruz, der wohlhabenden Provinz im Osten des Landes, werden bereits seit Jahren Rufe nach Autonomie von der Zentralregierung in wirtschaftlicher und politischer Sicht laut, so wie sich Norditalien am liebsten vom Rest der Landes lossagen möchte, da man keine Lust mehr hat, zu schuften und den Rest „durchzufüttern“. In einem Referendum in 2008 stimmten über 85% der Bewohner von Santa Cruz für die Unabhängigkeit und gingen somit auf frontalen Kollisionskurs zum Projekt einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, wie sie Evo Morales umsetzen möchte.

Dann der Punkt der Demokratie. Auf dem Papier ist sie laut bolivianischer Verfassung zwar verbürgt, de facto gibt es sie kaum noch, da Morales Kritiker und Opposition mit Erfolg mundtot gemacht oder aufgekauft hat. Reicht für letzteres das eigene Geld nicht, hilft der Bündnispartner im Geiste – Venezuela – aus. Viele politische Gegner sitzen ohne richterliche Entscheidung nur aufgrund von förmlichen Anklageerhebungen seit Jahren im Gefängnis und der Justizapparat wird korruptiv und erpresserisch missbraucht. Sicherlich ist die Demokratie nicht für jedes Land die ideale Staatsform, sondern setzt eine gewisse politische Reife voraus, und ob die parlamentarische Diskussionsfreudigkeit, mit der bei uns in Berlin oder Brüssel jeder Pups stundenlang und zuweilen vollends sinnentleert durchgekaut wird, der Weisheit letzter Schluß ist sei dahingestellt, aber eine Diktatur ist sicherlich nicht die Lösung, auch wenn oben genannter Schweiz-Bolivianer ganz lapidar meint, das Land benötige einen „temporären Pinochet“.

Ganz klar, alle diese Aussagen, alle diese Eindrücke haben keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit oder Richtigkeit, sondern sind lediglich subjektive Momentaufnahmen, ganz persönliche snapshots von uns. Wie dem auch sei, wir wollen jedenfalls raus aus diesem wunderschönen, aber ungastlichen Land.

Wir wollen runter

Wir sind inzwischen gut akklimatisiert, aber nach fast zwei Monaten in den Anden auf oftmals weit über 3.500 Metern haben wir genug vom endlosen Altiplano, seiner staubigen Kargheit und Eintönigkeit, dem ewigen gelben Büschelgras. Genug von den großen Höhen, in welchen man immerzu durstig ist und Tag und Nacht Wasser säuft wie ein Pony. Genug von den unruhigen Nächten, in denen man nicht richtig tief durchschläft, weil der Körper im Liegen zu sehr mit der Sauerstoffversorgung beschäftigt ist. Die Wochen waren anstrengend und Körper, Geist und Seele schreien geradezu nach grüner, satter Vegetation, nach Feuchtigkeit, nach Ruhepause. Wir wollen ans Meer, an die chilenische Pazifikküste.

Offroad

Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaue ist mein erster Gedanke.“ Ganz schön glatt heute…“ In der aufgehenden Sonne glitzern die Salzkristalle wie das Eis einer gigantischen Schlittschuhbahn.

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Wir fahren nahe an der Grenze zu Chile Richtung Südwesten mit dem Ziel, in einigen Tagen den Grenzübergang Hito Cajones zu erreichen. Nachdem wir den winzigen Ort Chiguana und den ebenfalls beeindruckenden Salar gleichen Namens passiert haben wird die Umgebung immer unwirtlicher, der Pistenzustand immer schlechter bis hin zu nicht mehr vorhanden. Harter Schotter wechselt sich mit feinstem, tiefem Sand, grobem Geröll und weitläufigen Feldern aus roter und grauer Vulkanasche ab.

Wir navigieren parallel mit zwei Systemen: Mit GPS über unser Garmin (äußerst dürftig) und mit MapsWithMe auf dem Tablet. Dazu unsere reguläre Straßenkarten von Bolivien und Chile, in welchen die Pisten natürlich nicht eingezeichnet sind, wohl aber die größten Berge und Vulkane der Region, die uns zumindest Hinweise auf die grobe Richtung geben können. Jedes System für sich ist völlig unzureichend und würden wir uns auf ein System allein blind verlassen, dann würden wir uns hoffnungslos verfahren. Im Trio und im Zusammenspiel mit gesundem Menschenverstand sowie einer guten Portion Intuition klappt es aber dann ganz gut. Stunde um Stunde arbeiten wir uns voran, über lange Strecken mit gerade einmal fünf Stundenkilometern. Wir fahren am fast 6.000 Meter hohen Vulkan Ollagüe vorbei, der auf chilenischer Seite liegt und uns mit einer hauchzarten, kaum erkennbaren Rauchfahne grüßt. Zum Glück hat er heute keinen Husten.

Auf rund 4.000 Metern erreichen wir die ersten Lagunen, Canapa und Hedionda, auf deren Wasseroberfläche sich die umliegenden 5000er und 6000er spiegeln und die Heimat der beiden seltenen Andenflamingoarten, Tokoko und Chururu, sind.

Wie kamen die Vögel bloß in diese absolute Einsamkeit? In diese Höhe? Wann? Und vor allem: Warum? Zig Kilometer weit ist rundherum nichts. Die Lagunen sind weißgesäumt von Borax, was zusammen mit dem Blau und Türkis des Wassers einen wunderbaren Kontrast zu den Brauntönen der Berge und dem gelbfarbigen Andengras ergibt.

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Das gesamte Gebiet in seiner Einzigartigkeit zählt zur Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa und steht unter strengem Naturschutz. Leben ist hier spärlich, aber durchaus vorhanden: Wir haben Glück und sehen neben den zähen Vicunas, denen wir sogar auf 5000 Metern noch begegnen, sogar einen Andenfuchs und eine Art Hase, den wir inmitten des grün-grauen Gerölls niemals entdeckt hätten, wenn er sich nicht bewegt hätte.

Auf 4.275 Meter Höhe erreichen wir die Laguna Colorada, die mit ihrer Farbpalette ein besonders Naturschauspiel ist. Das Wasser des Sees ist aufgrund kupferhaltiger Mineralien rötlich gefärbt, an manchen Stellen von grünen Algen durchsetzt und von einem schneeweißen Boraxstrand umgeben. Auch hier gibt es zahlreiche pinkfarbene und graue Flamingos sowie andere schützenswerte Vogelarten und etliche Vicunas bereichern ihre karge Nahrung durch Mineralien aus dem See.

Bei einem winzigen Militärposten müssen wir uns registrieren lassen. Die beiden jungen Männer in dicken Jacken und den landestypischen Mützen bis über die Ohren freuen sich ganz offensichtlich über diesen Besuch und sind ausnehmend freundlich. Was haben sie nur verbrochen, daß sie die Verbannung in diesen allerletzten Winkel von Einöde verdient haben? Das kleine, aus grobem Stein gebaute Gebäude ist für die beiden Büro, Wohn- und Schlafzimmer gleichzeitig und hat noch nicht einmal einen Ofen oder Kamin, und das bei nächtlichen Temperaturen von bis zu -20 Grad! In dieser Eishöhle werden unsere Daten handschriftlich in eine Liste eingetragen und das war´s auch schon. Das Computer- und Wi-Fi Zeitalter hat den Weg in diese endlegene Ödnis noch nicht gefunden.

Zum Posten gehören eine derzeit unbesetzte meteorologische Beobachtungsstation und ein sogenanntes campamento, d. h. hier lebt eine Handvoll Menschen, deren Bekanntschaft wir am nächsten Morgen machen, von der Llama- und Alpaka-Zucht. Wie schon häufig in Bolivien erlebt, begegnen sie uns unfreundlich und griesgrämig, drehen uns beim Betanken des Wassertanks sogar den Hahn ab, obwohl wir bereits großzügig dafür bezahlt haben und giften uns mit einem Wortschwall in unverständlicher Sprache an. Wahrscheinlich brauchen sie ein Ventil, um sich mal Luft zu machen. Hier gibt es ja auch sonst nichts, worüber man sich aufregen könnte. Die possierlichen Tiere hingegen scheinen uns freundlich gesonnen und kommen neugierig auf uns zu.

Wir fahren über eine brutale Sand- und Wellblechpiste weiter, schrauben uns auf 4.850 Meter hoch zum Geysir Sol de Manana, der an unserer Strecke liegt. Die Lavaschlammlöcher köcheln nur leise vor sich hin; eine große Fontäne ist nicht zu sehen, was wir irgendwie beruhigend finden.

Die Einsamkeit hier oben könnte nicht größer sein, kein Laut ist wahrnehmbar, nicht einmal das Säuseln des Windes. Wenn Stille hörbar ist dann hier. Optisch und akustisch könnten wir genauso gut auf dem Mars unterwegs sein und wenn hier etwas passiert, dann kann einen noch nicht einmal Lassie retten. Wir sind hier nicht nur off-road, sondern off-everything.

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Wir sind umgeben von den über sechstausend Metern hohen Kegeln aktiver Vulkane, fahren über rotbraune Lava- und Aschefelder mit Ausdehnungen bis zum Horizont und kilometerweit übersät mit hausgroßen und kleineren Gesteinsbrocken von den vergangenen Ausbrüchen. Welch gewaltige Eruptionen müssen dem vorausgegangen sein? Mit welch immenser Wucht muß die Erde ihr Innerstes nach außen geschleudert haben? Wir fühlen uns wie Zeitzeugen der Erdgeschichte und uns wird wieder einmal bewusst, daß diese noch lange nicht abgeschlossen, sondern ein immerwährender Prozeß außerhalb der menschlichen Kontrolle ist. Zu sagen „Man muß die Natur in Balance halten“ klingt zwar gut, ist aber Quatsch. Die Natur ist niemals in Balance, sondern permanter Veränderung ausgesetzt, ob wir Menschen das gut finden oder nicht.

Die Fahrt ist selbst mit dem Unimog mörderisch, eine brutale Materialschlacht ohnegleichen, aber das Erlebnis einzigartig. Weder Worte noch Bilder können unsere Gefühle und Eindrücke auch nur annährend wiedergeben; jeder Versuch muß angesichts der Großartigkeit dieser Landschaft schon im Ansatz scheitern.

Bei späteren Recherchen stellen wir fest, daß wir unwissentlich große Streckenabschnitte der diesjährigen Ralley Paris – Dakar, die über Chile, Bolivien und Argentinien führte, gefahren sind. Wir hatten ab und an einige kleine Markierungen im Sand und Geröll gesehen und uns schon nach deren Bedeutung gefragt, aber mit Blick auf das Rennen macht es Sinn. An die Geschwindigkeiten der internationalen Fahrer kamen wir mit unserem Schiff allerdings nicht annährend heran 🙂

Ungefähr 50 km südlich des Geysirfeldes erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Laguna Verde am Fuß der Vulkane Licanbur und Juriquez und suchen uns einen Stellplatz auf 4.350 Metern . Höher haben wir noch nie geschlafen. Kurz vor Mitternacht steigert sich der eiskalte Wind zu einer Sturmstärke, die selbst den 7,5 Tonnen schweren Unimog zum Schwanken bringt. Da es auf der Hochebene keine Hindernisse wie Felsen oder Wälder gibt, die den Sturm zumindest etwas brechen könnten, tost der Wind völlig ungebremst heulend darüber hinweg. Die Nacht ist für uns entsprechend unruhig und ausgeruht sind wir am nächsten Morgen nicht, aber es hat sich gelohnt. Um die Mittagszeit vollzieht sich dann an der Laguna Verde ein besonderes Naturschauspiel: Durch die Sonneneinstrahlung und die Reaktion des pflanzlichen Planktons in Verbindung mit dem hohen Blei-, Kalzium- und Schwefelgehaltes schimmert die vorher kristallklare Lagune plötzlich türkis-grünlich.

Und nein, die Bilder sind nicht gephotoshopped!

Nachdem wir uns an dem Farbspiel satt gesehen haben fahren wir weiter und erreichen am Nachmittag den winzigen internationalen Grenzübergang nach Chile: Nach fast tausend Kilometern offroad sind Unimoppel und wir zwar ganz schön gerädert, aber wir haben es geschafft!

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Nach der Ausreise aus Bolivien müssen wir noch ein paar Kilometer Piste fahren, bis wir den Paso Jama erreichen, und dann müssen wir uns entscheiden: rechts oder links.

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Der weiße Riese

Einige Zeit hinter Oruro geht die bisher asphaltierte Straße in eine Schotterpiste nach Uyuni über. Wir wissen, daß wir in den nächsten Tagen eine sehr lange Dirt Road unterschiedlichster Beschaffenheit vor uns haben werden. Erst in Chile in rund 1.000 Kilometer Entfernung werden wir mit dem Paso Jama im Drei-Länder-Eck Bolivien-Chile-Argentinien wieder auf eine geteerte Straße treffen.

Uyuni bedeutet in der Aymara-Sprache „Platz der Lasttiere“, was auf seine Vergangenheit als Markt schließen lässt, und ist heute der Ausgangspunkt für Touren auf den Salar de Uyuni, den größen Salzsee der Welt.

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Es ist letztmöglicher Versorgungspunkt für die mehrtägigen Offroad-Fahrten über die Andenkette und die bolivianischen Lagunen nach Chile. Zwischen Uyuni und San Pedro de Atacama in Chile – wenn man die direkte Strecke ohne Umweg über den Salar und die Lagunen nimmt – gibt es auf 550 Kilometern weder Lebensmittelläden noch Tankstellen.

Die Fahrt auf der Piste ist staubig und ruppig, am weit entfernten Horizont spiegeln sich die Berge schon auf der hellen Oberfläche des Salzsees und immer wieder jagen kleine und große Staubteufel vor uns über die ebene Fläche.

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Die Stadt mit 20.000 Einwohnern liegt inmitten der bitterkalten, windigen und trostlosen Hochlandöde am östlichen Rand des Salars auf knapp 3.700 Metern und bietet Dank des Tourismus ein für Bolivien überraschend gepflegtes Bild, wenngleich das Angebot an Waren der entlegenen Lage entsprechend bescheiden ist. Wir decken uns so gut es geht mit Lebensmittelvorräten und reichlich Trinkwasser ein, so daß wir im Notfall über ausreichend Reserven verfügen, falls der Wagen unterwegs liegenbleiben sollte.

An einigen Straßenkreuzungen sind in dem Städtchen noch die Spuren des letzten „bloqueos“ in Form abgebrannter Autoreifen zu sehen.

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Mit diesen tage- oder wochenlangen Straßenblockaden versuchen die Aymara immer wieder, massiv ihre Wünsche durchzusetzen und legen mit Vorliebe die zentralen Verkehrsadern und somit Wirtschaft und Tourismus vollständig lahm. Mitunter werden auch Gringos auf der Durchreise „Opfer“: Der Wagen wird kurzerhand temporär „beschlagnahmt“ und man sitzt für die Dauer der Blockade fest. Wir hatten uns zuvor informiert und waren ziemlich sicher, daß keine Blockade bevorstand.

Ursprünglich gehörte der Salar zum großen Andenbinnenmeer. Als dieser Ursee vor Jahrmillionen austrocknete, blieben Altiplano-Seen wie der Titicaca-See und einige Salare zurück. Die riesige Salzpfanne von Uyuni ist ca. 160 km lang und 135 km breit. In der Trockenzeit verdunstet das Wasser und hinterlässt eine harte, befahrbare Kruste aus Salzkristallen. Nach den jährlichen Niederschlägen zwischen Dezember und April verwandelt sich die feste Salzdecke in einen Salzsumpf.

Auch in der Trockenzeit treten auf der Salarfläche sogenannte ojos („Augen“) auf, blubberndes Quellwasser von unterirdischen Wasserläufen und Gasen, die durch die Salzkruste brechen und für schwere Fahrzeuge wie unseren Unimog Einsackgefahr bedeuten. Also immer schön die Augen auf! Auch wenn immer einige Jeeps auf dem See unterwegs sind, die Entfernungen sind riesig und es kann dauern, bis man entdeckt wird und Hilfe kommt.

Im kleinen Ort Colchani am Rand des Salars wird Speisesalz gewonnen. Vermummte Männer schlagen auch heute noch mühsam mit Äxten Salzblöcke aus dem Boden, die dann in einer Salzmühle weiterverarbeitet, mit Jod versetzt und verpackt werden.

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Der eigentliche Reichtums des Salars liegt jedoch in tieferen Schichten und ist noch weitestgehend unausgebeutet. Wissenschaftler, u. a. auch deutsche Experten der Technischen Universität Freiburg, schätzen das Vorkommen an Lithium, das als Legierungszusatz für Batterien und in der Kerntechnik benötigt wird und auch in jedem Handy zu finden ist, auf 9 Millionen Tonnen. Das entspräche rund 75% des derzeit bekannten Weltvorkommens. Bolivien sitzt also, wie so viele andere sogenannte „arme Entwicklungsländer“, auf vielen vielen Dollars und einem Fast-Monopol.

Bevor wir auf den Salar fahren gönnen wir dem Unimog bei einer winzigen Waschstation eine Unterbodenwäsche mit Dieselöl, um ihn vor dem aggressiven Salz zu schützen. Wir fahren schnurgerade auf der blendend-weißen Salzkruste unter einem tiefblauen Himmel und legen einen ersten Stopp bei dem aus einem großen Salzblock gehauenen Denkmal der diesjährigen Ralley Paris – Dakar ein, welches die nördliche Wendemarke der zu bezwingenden Route war.

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Unterwegs sind wir auf der weißen, endlos scheinenden Fläche allein und gönnen uns ein wenig hemmungslosen Spaß:

Hugo kann nicht widerstehen und packt seinen Schirm aus:

Unser Tagesziel ist die Isla Incahuasi rund 80 km nordwestlich von Uyuni, die aus versteinerten Korallen besteht und völlig einsam im Salzmeer liegt. In der glasklaren Luft täuscht die Perspektive: Alles sieht unglaublich nah aus. Immer wieder denken wir, gleich sind wir da, und stellen dann fest, daß wir doch noch viele Kilometer fahren müssen. Viel wächst auf der kleinen Insel nicht, nur Grasbüschel und bis zu zehn Meter hohe stachelige Kakteen, die allerdings teilweise ein stolzes Alter von über 1.200 Jahren besitzen. Wir erklimmen trotz dünner Luft den höchsten Punkt der Insel, rund 100 Meter über dem Salar, und haben eine wunderbare Aussicht bis zu den schneebedeckten Vulkanen am Horizont.

Und wirklich, so wie man Korallenstöcke vom Tauchen oder Schnorcheln kennt, so liegen sie hier auf fast 4.000 Metern Höhe an der trockenen Luft, Millionen Jahre alt, vielleicht aus Gondwanas Zeiten.

Wir beschließen, die Nacht auf dem Salar zu verbringen. Ein eisiger Wind pfeift horizontal über die ansonsten lautlose Ebene und als die Sonne untergegangen ist, ist die Schwärze der Nacht so dick wie Teer. Für einen Moment habe ich das Gefühl, über mir macht jemand den Sargdeckel zu und ich kann die aufsteigenden Beklemmungen nur mit absoluter Konzentration auf ein anderes Thema bezwingen. Später dann werden wir mit einem unglaublichen, von jeglichem Lichtsmog ungetrübten Himmel belohnt: Millionen Sterne – zum Greifen nah.

Personenkult

Zitat: Sandro Benini für den schweizerischen Tagesanzeiger aus Mexico-City am Freitag, den 25.7.2014

Inszeniert sich als Volksheld: Boliviens Präsident Evo Morales

Militärdiktaturen und Putsche von Offizieren gegen demokratisch gewählte Regierungen gibt es in Lateinamerika nicht mehr, was einen großen zivilisatorischen Fortschritt bedeutet. Doch auch heutige lateinamerikanische Präsidenten wollen verehrt werden und betreiben ziemlich schamlos Propaganda für sich selbst. Zum Beispiel der Bolivianer Evo Morales. Er hat seine ehemalige Kabinettschefin beauftragt, ein Kinderbuch mit dem Titel „Die Abenteuer von Evito“ zu gestalten, in dem die Kindheit des Präsidenten glorifiziert wird.

Ein Kapitel lautet „Evito geht zur Schule“, ein anderes „Evito spielt Fußball“. Bei der Buchpräsentation in der venezolanischen Botschaft in La Paz sagte die Autorin: „Ich wollte den Kindern zeigen, wie prekär ihre Situation früher war, und wie gut sie es dank Präsident Evo Morales heute haben.“ Einen Teil der Auflage verteilten die Behörden gratis, und dasselbe werden sie wohl mit den übrigen vier geplanten Evito-Büchern tun, die das Leben des ehemaligen Coca-Bauern-Gewerkschaftsführers bis zum Beginn seiner glorreichen Präsidentenschaft erzählen sollen.

Auch in Venezuela beglückt die Regierung Schulkinder mit erbaulichen Werken. Sie verteilt an den Schulen ein „Illustrierte Verfassung der bolivarischen Republik Venezuelas“.
Darin ist zu bewundern, wie der verstorbene Präsident Hugo Chavez gütig lächelnd mit Kindern spielt – unter dem Titel „Höchste Glückseligkeit“. Eine andere Illustration zeigt, wie Chavez gottgleich vom Himmel herab auf seinen Nachfolger Nicolas Maduro blickt, der mit umgehängter Präsidentenschärpe triumphierend die Hand hebt. Titel des Bildes: „Demokratie“. Von großem didaktischen Wert ist auch folgende aus einem venezolanischen Schulbuch stammende Mathematikaufgabe: „In einem staatlichen Unternehmen wird gemäß den solidarischen Prinzipien der bolivarischen Konstitution Zucker verpackt.. Für eine Bestellung sind 12 Kilogramm Zucker in Säcken zu 1,5 Kilos zu verpacken. Wie viele Säcke braucht es?“

Argentiniens Präsidentin Christina Fernandez de Kirchner hat den Fimmel, jedes Bauwerk und jede Institution nach ihrem verstorbenen Ehemann und Vorgänger Nestor Kirchner zu benennen. Hier ist eine bei weitem nicht vollständige Liste: Das Busterminal in San Salvador de Jujuy. Ein beheizbares Schwimmbad in Apostoles. Eine Turnhalle in Palpala, die allerdings nicht einfach Nestor Kirchner heißt, sondern „Olympisches Gemeindestadion Präsident Nestor Kirchner“. Das Integrationszentrum in Venado Tuerto. Ein von Geröll bedeckter Fußballplatz in Chubut. Und so weiter und so weiter. Ein Journalist der oppositionellen Zeitung Clarin hat sich den Spaß gemacht, auf Tumblr unter dem Titel „Benenne alles nach Nestor“ Beispiele zusammenzutragen.

In Ecuador schließlich hat kürzlich das Informations- und Kommunikationsministerium die Chefredaktoren dreier nationaler Zeitungen einberufen, um sich zu beklagen: Die Blätter hätten skandalöserweise mit keinem Wort erwähnt, daß Präsident Rafael Correa zur Verleihung der Ehrendoktorwürde nach Chile gereist war.

Einen Lichtblick in diesem von präsidialer Eitelkeit und sonstigem Wahnsinn gebeutelten Kontinent gibt es: Luis Guillermo Solis, Costa Ricas seit Mai regierender Präsident. Der Mitte-links-Politiker hat verfügt, daß in keiner Amtsstube des Landes sein Konterfei hängen darf, in keiner Polizeistation und in keiner Botschaft. Es dürfe auch kein öffentliches Gebäude eine Plakette mit seinem Namen tragen. „Der Persönlichkeitskult ist zu Ende, zumindest während meiner Regierung“, begründete er die Maßnahme. Aber der liberalen Opposition ist das auch nicht recht. Deren Chef Juan Luis Jimenez Succar sagte: “Dieses populistische Getue beweist, daß sich der Präsident noch immer benimmt wie im Wahlkampf“. – Zitat Ende.

Saturday Night in Caracollo

Auf dem Weg nach Uyuni übernachten wir in dem kleinen Ort Caracollo, den wir mit samt Sonntagsmarkt schon bei unserer Anfahrt von Cochabamba nach La Paz kennengelernt hatten. Dieses Mal fahren wir jedoch weg von der Durchfahrtsstraße bis zur Kirche am zentralen Dorfplatz, da wir für die Nacht etwas ruhiger stehen möchten, und stellen den Wagen etwas seitlich versetzt neben dem „Denkmal des 30. November“ ab. Es ist Samstagabend und die Ortsmitte scheint verwaist, bis gegen 20.00 Uhr plötzlich immer mehr Menschen auf den Platz strömen. Dann hören wir plötzlich Böller und zunehmend lauter werdende Blechmusik. Kurz darauf biegt auch schon die erste uniformierte Musiktruppe mit Major, Tanztruppe und allem drum und dran um die Straßenecke. Eine farbenfrohe Mischung aus Schützen- und Karnevalsverein stellt sich neben Unimoppel so gut es geht vor dem Denkmal in Formation auf. Wie peinlich, aber für uns ist es zu spät, den Motor anzulassen und wegzufahren, und so stehen wir mit dem Unimog wie ein Fremdkörper inmitten des Trubels und schauen perplex einfach zu.

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Nach zwanzig Minuten hat die mehr oder weniger musikalische Truppe ihr Repertoire beendet, es folgt eine lautstarke Ansprache, von der wir kein Wort verstehen, gefolgt von viel Beifall und Jubel, dann biegt eine zweite bunte Musiktruppe um die Ecke, die deutlich schmissiger ist als die erste. Wir trauen unseren Ohren kaum, als wir „Dschingis Khan“ von den Les Humphries Singers in bolivianischer Blechbläserversion hören! Nach weiteren zwanzig Minuten ist der Spuk schlagartig vorbei, alle gehen und wir ins Bett.

Pachamama oder die Sache mit den Plastikblumen

Rund 90% der Bolivianer gehören der römisch-katholischen Kirche an, doch fast alle Indigenas, die einen Anteil von über 80% an der Gesamtbevölkerung haben, praktizieren nebenbei ihre Naturreligionen und glauben auch weiterhin an ihre traditionellen Schöpfungsmythen. Besondere Verehrung erfährt die Pachamama, die „Mutter Erde“. Mit der Liebe zu ihrer Pachamama kann es allerdings nicht wirklich weit her sein, anders lässt sich das Ausmaß der hemmungslosen Vermüllung der ach so heiligen Natur allerorten nicht erklären. Sobald man die zwar über und über mit Graffity-Schmierereien verunstaltete, aber ansonsten recht gepflegte Innenstadt von La Paz verlässt und über Land fährt sind die Ortschaften, Wege, Felder und Freiflächen von Plastikmüll, Flaschen, Tetrapacks, Blechdosen, abgefahrenen Reifen und altem Hausrat übersät. Die Krönung der Vermüllung ist mit Abstand die Peripherie von Oruro, wo in alle Richtungen unglaubliche Mengen an Müll und Gerümpel verstreut sind. Besonders die hauchdünnen Plastiktüten in rosa, orange und hellgrün, in die bei Einkäufen die Waren verpackt werden – und sei es auch nur eine einzelne Packung Zigaretten -, wehen durch den Wind auf dem Altiplano kilometerweit in die Landschaft, bis sie wie bunte Tupfen an dem niedrigen Büschelgras für immer hängenbleiben. Da sich niemand die Mühe macht, diese Tüten jemals einzusammeln, wird die Dichte der bunten Tupfen mit der Zeit immer größer. Die gesamte Umgebung Oruros scheint eine einzige postapokalyptische Deponie zu sein und unzählige streunende Hunde durchstöbern auf der Suche nach Essensresten im Kollektiv diesen Unrat.

Die Bolivianer leben völlig unberührt inmitten dieses Mülls und fühlen sich anscheinend auch noch wohl dabei. Niemand fühlt sich offensichtlich auch nur ansatzweise bemüßigt, in Eigeninitiative zumindest vor seiner eigenen Haustür für etwas Sauberkeit, auch im Sinne der allgemeinen Hygiene, zu sorgen. Es wäre so einfach, aber das Bewusstsein für Ordnung, Sauberkeit und Ästhetik fehlt völlig.

Vielleicht haben Hugo und ich auch nur etwas falsch verstanden: Vielleicht ist das alles ja gar kein Müll und die Bolivianer züchten auf ihren Feldern aus den Plastiktüten Plastikblumen, um damit ihre Pachamama zu ehren.

La Paz

Mit Dina unternehmen wir eine zweite Citytour mit dem Bus. Über die Kopfhörerdurchsage in sehr guter deutscher Übersetzung erfahren wir bei der Fahrt über die Hügel der Stadt vom bolivianischen Fremdenverkehrsamt – also ganz offiziell und mit dem Segen von ganz oben -, daß das Durchschnittseinkommen eines Bolivianers USD 1.200 pro Jahr beträgt, das eines Ministers dagegen USD 4.000 pro Monat. Die Regierung hat offensichtlich nicht einmal Hemmungen, in aller Öffentlichkeit über diese himmelschreienden Ungerechtigkeiten zu sprechen. Warum auch nicht? Die Gewaltenteilung ist so gut wie aufgehoben, das Land auf dem besten Weg zu einer Diktatur. Da braucht man kaum Kritiker zu fürchten.

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Vom Mirador Kili-Kili aus bewundern wir erneut den weißen Wächter der Stadt, den alles überragenden Illimani, und die Abertausende sich die Hänge zur Oberstadt El Alto hinaufwindenden Häuschen aus braunen Lehmziegeln. Bretterverschläge oder Buden aus Pappkartons und Wellblech wie in den Favelas von Rio, Kapstadt oder Jakarta sucht man hier vergebens. Alle Häuser sind aus Ziegeln errichtet, wobei bei vielen allerdings die Fenster komplett unverglast und die Bewohner somit den teils eisigen Winden und sehr kalten Nächten ungeschützt ausgesetzt sind.

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Während der Inkazeit war Bolivien Teil des Inkaimperiums, bis der Spanier Diego de Almagro 1535 das Territorium eroberte. Auf dem Boden der einstigen Inkasiedlung Choqueyapu in diesem windgeschützten Tal gründeten die Spanier 1548 zum Gedenken an einen Friedenvertrag zwischen Almagro und Pizarro „La Ciudad de Nuestra Senora de La Paz“ (Stadt unserer Frau des Friedens). Das Stadtwappen wurde interessanterweise von Kaiser Karl V. verliehen.

Bei der Stadtrundfahrt stellen wir dann unzweifelhaft fest, daß hier in Bolivien die Zeit rückwärts läuft…

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Nachdem Dina sich ein paar Tage akklimatisiert hat stürzen wir uns wieder ins Verkehrschaos von El Alto und machen uns auf den Weg über Oruro Richtung Salar de Uyuni, zum größten Salzsee der Welt.