Endlich Wasser

Von Calama, einer großen, aber wenig reizvollen Minenstadt, fahren wir quer durch die nördliche Atacama und durchschneiden die legendäre, hier aber entsetzlich langweilige Panamericana auf rund 1.000 Metern Höhe. Trotz unserer Trödelei in Brasilien und zwei Monaten in Bolivien haben wir es dann endlich geschafft – wir erreichen den Pazifik und freuen uns über das Wasser, das hier als mächtige Brandung und eiskalt auf die einsamen Strände rollt.

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Nordchile besteht vorwiegend aus Wüstenlandschaft, aus braun-grauen öden Sand- und Geröllflächen, die teilweise ganz bis an die Steilküste heranreichen. Gekennzeichnet wird der Norden durch die Atacama, die trockenste Wüste der Erde. Sie umschließt die östlichen Teile des Küstenberglandes sowie die anschließende, rund 1.000 Meter über N.N. gelegene Senkzone, die Pampa de Tamarugal. In den letzten Jahrzehnten, an manchen Wetterstationen sogar seit Beginn der Aufzeichnungen, wurden hier überhaupt keine Niederschläge gemessen. Kein Tropfen, nichts, nada. Der Humboldt-Strom bringt zwar kaltes Wasser an die Küste, aber die steil aufragenden Küstengebirge – bei Iquique über 600 Meter – halten den aufsteigenden Küstennebel vom Landesinneren ab. Die Wolken stauen sich an den Bergen und liegen wie eine dicke weiße Decke über der Küste. Infolgedessen gibt es in der Pampa nicht einmal ansatzweise Zeichen von Leben. Von den wenigen echten Sommermonaten Dezember bis Februar abgesehen liegen die Strände an Chiles Küste stattdessen im grauen Dauernebel.

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Bevor wir Iquique erreichen legen wir einen Stop an einem einsamen Strand ein und bleiben über Nacht. Viele Pelikane und verschiedene Arten von Seevögeln sind hier zuhause und wir schauen zu, wie sie mit angewinkelten Flügeln pfeilschnell ins Wasser schießen und mit einem Fisch im Schnabel wieder auftauchen.

Am Morgen können wir über Stunden große Schwärme von Vögeln beobachten, die wie auf einer Autobahn in einem Abstand von vielleicht einem Meter über der Wasseroberfläche hintereinander von Norden nach Süden ziehen, dem patagonischen Sommer entgegen.

Iquique liegt auf einer schmalen Zone zwischen dem Pazifik und einer direkt hinter der Stadt auf über 600 Meter Höhe aufragenden Kordillerenwand, die über eine einzige Straße erklommen werden kann. Von oben hat man einen wunderbaren Überblick über die Stadt, den Pazifik und eine gigantische, mehrere Hundert Meter hohe Sanddüne namens El Dragón.

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Zu Zeiten Charles Darwins war Iquique ein Fischernest, dann über lange Zeit Lieferant für den entsetzlich stinkenden Guano und Salpeter aus den großen nahegelegenen Minen. Insbesondere die reichen Salpeterbarone verliehen der Stadt ihr auch heute immer noch recht hübsches Gesicht. Der historische Stadtkern rund um die schmucke Plaza Prat mit ihrem Uhrenturm wurde gekonnt renoviert und die typische Architektur wie vor hundert Jahren erhalten, so zum Beispiel die mit Holz getäfelten breiten Bürgersteige in der Avenida Baquedano und die eleganten, oft villenartigen Holzhäuser, die im oberen Geschoß eine Art überdachte Veranda besitzen. In der kleinen Fußgängerzone wurden sogar die Kabel unterirdisch verlegt, was für Chile eine große Ausnahme ist.

Hier in Iquique spürt man am derzeitigen Bauboom ganz deutlich, daß Chile emsig alles daran setzt, in puncto Wirtschaftsleistung global aufzuschließen. Aus der Stadt der kleinen ein- bis zweistöckigen Häuser entwickelt sich ein Bonsai-Miami mit modernen Glastürmen, trendigen Restaurants und gut sortierten Supermärkten.

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Iquique ist einer der chilenischen Hot Spots für die Flugszene und Hugo nutzt die Thermik für einige Flüge, sowohl mit dem Gleitschirm als auch dem Drachen, wobei der Startplatz spektakulär oberhalb der großen Sanddüne liegt und die Landung am zentralen Stadtstrand erfolgt. Eine Kunst, zwischen all den spielenden Kindern, umherjagenden Hunden, Joggern und sonstigen Passanten ein freies Fleckchen zu finden!

Dina und ich bummeln durch den Hafen bis zur Mole der Fischer, wo neben vielen Pelikanen einige Seelöwen behäbig am Ufer liegen oder im Wasser schwimmen und auf Fischabfälle hoffen. Wir bekommen prompt auch Appetit und gönnen uns ein Stück gegrillten Schwertfisch. Frischer geht es nicht!

In einer der ersten Nächte, die wir in Iquique verbringen, werde ich wach, weil ich mich urplötzlich seekrank fühle. Im wenigen Licht versuche ich mich zu orientieren, kann aber über Sekunden keinen festen Punkt finden, da alles vibriert. Dina fährt panisch aus dem Schlaf hoch, weiß gar nicht, was los ist und springt fast durchs Fenster. Die Erde bebt, aber nach wenigen Sekunden ist der Spuk vorbei. Hugo, das Murmeltier, hat von alledem nichts mitbekommen. Am nächsten Tag erfahren wir, daß in Chile pro Jahr rund 500 Mal die Erde bebt und Iquique erst im April von einem Beben der Starke 8,2 betroffen war, welches die Straße am Steilhang in großen Teilen einstürzen ließ, die seitdem noch immer instandgesetzt wird. Auch Tsunamis sind hier nicht unbekannt und das gesamte Stadtareal ist mit Schildern entsprechend der Gefahrenstufe gekennzeichnet: Rot für Tsunami Hazard Zone, grün für Tsunami Safety Zone, dazwischen gibt es noch eine blaue Zone. Auch die Fluchtwege sind in den Straßen mit Pfeilen markiert. Überhaupt wird hier sehr viel gewarnt: Wir entdecken an der Strandpromenade sogar ein fünfstufiges Warnsystem für Sonnenstrahlung, damit man sich keinen Sonnenbrand holt.

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