Archiv für den Tag: 6. September 2014

Offroad

Als ich am nächsten Morgen aus dem Fenster schaue ist mein erster Gedanke.“ Ganz schön glatt heute…“ In der aufgehenden Sonne glitzern die Salzkristalle wie das Eis einer gigantischen Schlittschuhbahn.

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Wir fahren nahe an der Grenze zu Chile Richtung Südwesten mit dem Ziel, in einigen Tagen den Grenzübergang Hito Cajones zu erreichen. Nachdem wir den winzigen Ort Chiguana und den ebenfalls beeindruckenden Salar gleichen Namens passiert haben wird die Umgebung immer unwirtlicher, der Pistenzustand immer schlechter bis hin zu nicht mehr vorhanden. Harter Schotter wechselt sich mit feinstem, tiefem Sand, grobem Geröll und weitläufigen Feldern aus roter und grauer Vulkanasche ab.

Wir navigieren parallel mit zwei Systemen: Mit GPS über unser Garmin (äußerst dürftig) und mit MapsWithMe auf dem Tablet. Dazu unsere reguläre Straßenkarten von Bolivien und Chile, in welchen die Pisten natürlich nicht eingezeichnet sind, wohl aber die größten Berge und Vulkane der Region, die uns zumindest Hinweise auf die grobe Richtung geben können. Jedes System für sich ist völlig unzureichend und würden wir uns auf ein System allein blind verlassen, dann würden wir uns hoffnungslos verfahren. Im Trio und im Zusammenspiel mit gesundem Menschenverstand sowie einer guten Portion Intuition klappt es aber dann ganz gut. Stunde um Stunde arbeiten wir uns voran, über lange Strecken mit gerade einmal fünf Stundenkilometern. Wir fahren am fast 6.000 Meter hohen Vulkan Ollagüe vorbei, der auf chilenischer Seite liegt und uns mit einer hauchzarten, kaum erkennbaren Rauchfahne grüßt. Zum Glück hat er heute keinen Husten.

Auf rund 4.000 Metern erreichen wir die ersten Lagunen, Canapa und Hedionda, auf deren Wasseroberfläche sich die umliegenden 5000er und 6000er spiegeln und die Heimat der beiden seltenen Andenflamingoarten, Tokoko und Chururu, sind.

Wie kamen die Vögel bloß in diese absolute Einsamkeit? In diese Höhe? Wann? Und vor allem: Warum? Zig Kilometer weit ist rundherum nichts. Die Lagunen sind weißgesäumt von Borax, was zusammen mit dem Blau und Türkis des Wassers einen wunderbaren Kontrast zu den Brauntönen der Berge und dem gelbfarbigen Andengras ergibt.

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Das gesamte Gebiet in seiner Einzigartigkeit zählt zur Reserva Nacional de Fauna Andina Eduardo Avaroa und steht unter strengem Naturschutz. Leben ist hier spärlich, aber durchaus vorhanden: Wir haben Glück und sehen neben den zähen Vicunas, denen wir sogar auf 5000 Metern noch begegnen, sogar einen Andenfuchs und eine Art Hase, den wir inmitten des grün-grauen Gerölls niemals entdeckt hätten, wenn er sich nicht bewegt hätte.

Auf 4.275 Meter Höhe erreichen wir die Laguna Colorada, die mit ihrer Farbpalette ein besonders Naturschauspiel ist. Das Wasser des Sees ist aufgrund kupferhaltiger Mineralien rötlich gefärbt, an manchen Stellen von grünen Algen durchsetzt und von einem schneeweißen Boraxstrand umgeben. Auch hier gibt es zahlreiche pinkfarbene und graue Flamingos sowie andere schützenswerte Vogelarten und etliche Vicunas bereichern ihre karge Nahrung durch Mineralien aus dem See.

Bei einem winzigen Militärposten müssen wir uns registrieren lassen. Die beiden jungen Männer in dicken Jacken und den landestypischen Mützen bis über die Ohren freuen sich ganz offensichtlich über diesen Besuch und sind ausnehmend freundlich. Was haben sie nur verbrochen, daß sie die Verbannung in diesen allerletzten Winkel von Einöde verdient haben? Das kleine, aus grobem Stein gebaute Gebäude ist für die beiden Büro, Wohn- und Schlafzimmer gleichzeitig und hat noch nicht einmal einen Ofen oder Kamin, und das bei nächtlichen Temperaturen von bis zu -20 Grad! In dieser Eishöhle werden unsere Daten handschriftlich in eine Liste eingetragen und das war´s auch schon. Das Computer- und Wi-Fi Zeitalter hat den Weg in diese endlegene Ödnis noch nicht gefunden.

Zum Posten gehören eine derzeit unbesetzte meteorologische Beobachtungsstation und ein sogenanntes campamento, d. h. hier lebt eine Handvoll Menschen, deren Bekanntschaft wir am nächsten Morgen machen, von der Llama- und Alpaka-Zucht. Wie schon häufig in Bolivien erlebt, begegnen sie uns unfreundlich und griesgrämig, drehen uns beim Betanken des Wassertanks sogar den Hahn ab, obwohl wir bereits großzügig dafür bezahlt haben und giften uns mit einem Wortschwall in unverständlicher Sprache an. Wahrscheinlich brauchen sie ein Ventil, um sich mal Luft zu machen. Hier gibt es ja auch sonst nichts, worüber man sich aufregen könnte. Die possierlichen Tiere hingegen scheinen uns freundlich gesonnen und kommen neugierig auf uns zu.

Wir fahren über eine brutale Sand- und Wellblechpiste weiter, schrauben uns auf 4.850 Meter hoch zum Geysir Sol de Manana, der an unserer Strecke liegt. Die Lavaschlammlöcher köcheln nur leise vor sich hin; eine große Fontäne ist nicht zu sehen, was wir irgendwie beruhigend finden.

Die Einsamkeit hier oben könnte nicht größer sein, kein Laut ist wahrnehmbar, nicht einmal das Säuseln des Windes. Wenn Stille hörbar ist dann hier. Optisch und akustisch könnten wir genauso gut auf dem Mars unterwegs sein und wenn hier etwas passiert, dann kann einen noch nicht einmal Lassie retten. Wir sind hier nicht nur off-road, sondern off-everything.

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Wir sind umgeben von den über sechstausend Metern hohen Kegeln aktiver Vulkane, fahren über rotbraune Lava- und Aschefelder mit Ausdehnungen bis zum Horizont und kilometerweit übersät mit hausgroßen und kleineren Gesteinsbrocken von den vergangenen Ausbrüchen. Welch gewaltige Eruptionen müssen dem vorausgegangen sein? Mit welch immenser Wucht muß die Erde ihr Innerstes nach außen geschleudert haben? Wir fühlen uns wie Zeitzeugen der Erdgeschichte und uns wird wieder einmal bewusst, daß diese noch lange nicht abgeschlossen, sondern ein immerwährender Prozeß außerhalb der menschlichen Kontrolle ist. Zu sagen „Man muß die Natur in Balance halten“ klingt zwar gut, ist aber Quatsch. Die Natur ist niemals in Balance, sondern permanter Veränderung ausgesetzt, ob wir Menschen das gut finden oder nicht.

Die Fahrt ist selbst mit dem Unimog mörderisch, eine brutale Materialschlacht ohnegleichen, aber das Erlebnis einzigartig. Weder Worte noch Bilder können unsere Gefühle und Eindrücke auch nur annährend wiedergeben; jeder Versuch muß angesichts der Großartigkeit dieser Landschaft schon im Ansatz scheitern.

Bei späteren Recherchen stellen wir fest, daß wir unwissentlich große Streckenabschnitte der diesjährigen Ralley Paris – Dakar, die über Chile, Bolivien und Argentinien führte, gefahren sind. Wir hatten ab und an einige kleine Markierungen im Sand und Geröll gesehen und uns schon nach deren Bedeutung gefragt, aber mit Blick auf das Rennen macht es Sinn. An die Geschwindigkeiten der internationalen Fahrer kamen wir mit unserem Schiff allerdings nicht annährend heran 🙂

Ungefähr 50 km südlich des Geysirfeldes erreichen wir kurz vor Einbruch der Dunkelheit die Laguna Verde am Fuß der Vulkane Licanbur und Juriquez und suchen uns einen Stellplatz auf 4.350 Metern . Höher haben wir noch nie geschlafen. Kurz vor Mitternacht steigert sich der eiskalte Wind zu einer Sturmstärke, die selbst den 7,5 Tonnen schweren Unimog zum Schwanken bringt. Da es auf der Hochebene keine Hindernisse wie Felsen oder Wälder gibt, die den Sturm zumindest etwas brechen könnten, tost der Wind völlig ungebremst heulend darüber hinweg. Die Nacht ist für uns entsprechend unruhig und ausgeruht sind wir am nächsten Morgen nicht, aber es hat sich gelohnt. Um die Mittagszeit vollzieht sich dann an der Laguna Verde ein besonderes Naturschauspiel: Durch die Sonneneinstrahlung und die Reaktion des pflanzlichen Planktons in Verbindung mit dem hohen Blei-, Kalzium- und Schwefelgehaltes schimmert die vorher kristallklare Lagune plötzlich türkis-grünlich.

Und nein, die Bilder sind nicht gephotoshopped!

Nachdem wir uns an dem Farbspiel satt gesehen haben fahren wir weiter und erreichen am Nachmittag den winzigen internationalen Grenzübergang nach Chile: Nach fast tausend Kilometern offroad sind Unimoppel und wir zwar ganz schön gerädert, aber wir haben es geschafft!

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Nach der Ausreise aus Bolivien müssen wir noch ein paar Kilometer Piste fahren, bis wir den Paso Jama erreichen, und dann müssen wir uns entscheiden: rechts oder links.

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Der weiße Riese

Einige Zeit hinter Oruro geht die bisher asphaltierte Straße in eine Schotterpiste nach Uyuni über. Wir wissen, daß wir in den nächsten Tagen eine sehr lange Dirt Road unterschiedlichster Beschaffenheit vor uns haben werden. Erst in Chile in rund 1.000 Kilometer Entfernung werden wir mit dem Paso Jama im Drei-Länder-Eck Bolivien-Chile-Argentinien wieder auf eine geteerte Straße treffen.

Uyuni bedeutet in der Aymara-Sprache „Platz der Lasttiere“, was auf seine Vergangenheit als Markt schließen lässt, und ist heute der Ausgangspunkt für Touren auf den Salar de Uyuni, den größen Salzsee der Welt.

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Es ist letztmöglicher Versorgungspunkt für die mehrtägigen Offroad-Fahrten über die Andenkette und die bolivianischen Lagunen nach Chile. Zwischen Uyuni und San Pedro de Atacama in Chile – wenn man die direkte Strecke ohne Umweg über den Salar und die Lagunen nimmt – gibt es auf 550 Kilometern weder Lebensmittelläden noch Tankstellen.

Die Fahrt auf der Piste ist staubig und ruppig, am weit entfernten Horizont spiegeln sich die Berge schon auf der hellen Oberfläche des Salzsees und immer wieder jagen kleine und große Staubteufel vor uns über die ebene Fläche.

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Die Stadt mit 20.000 Einwohnern liegt inmitten der bitterkalten, windigen und trostlosen Hochlandöde am östlichen Rand des Salars auf knapp 3.700 Metern und bietet Dank des Tourismus ein für Bolivien überraschend gepflegtes Bild, wenngleich das Angebot an Waren der entlegenen Lage entsprechend bescheiden ist. Wir decken uns so gut es geht mit Lebensmittelvorräten und reichlich Trinkwasser ein, so daß wir im Notfall über ausreichend Reserven verfügen, falls der Wagen unterwegs liegenbleiben sollte.

An einigen Straßenkreuzungen sind in dem Städtchen noch die Spuren des letzten „bloqueos“ in Form abgebrannter Autoreifen zu sehen.

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Mit diesen tage- oder wochenlangen Straßenblockaden versuchen die Aymara immer wieder, massiv ihre Wünsche durchzusetzen und legen mit Vorliebe die zentralen Verkehrsadern und somit Wirtschaft und Tourismus vollständig lahm. Mitunter werden auch Gringos auf der Durchreise „Opfer“: Der Wagen wird kurzerhand temporär „beschlagnahmt“ und man sitzt für die Dauer der Blockade fest. Wir hatten uns zuvor informiert und waren ziemlich sicher, daß keine Blockade bevorstand.

Ursprünglich gehörte der Salar zum großen Andenbinnenmeer. Als dieser Ursee vor Jahrmillionen austrocknete, blieben Altiplano-Seen wie der Titicaca-See und einige Salare zurück. Die riesige Salzpfanne von Uyuni ist ca. 160 km lang und 135 km breit. In der Trockenzeit verdunstet das Wasser und hinterlässt eine harte, befahrbare Kruste aus Salzkristallen. Nach den jährlichen Niederschlägen zwischen Dezember und April verwandelt sich die feste Salzdecke in einen Salzsumpf.

Auch in der Trockenzeit treten auf der Salarfläche sogenannte ojos („Augen“) auf, blubberndes Quellwasser von unterirdischen Wasserläufen und Gasen, die durch die Salzkruste brechen und für schwere Fahrzeuge wie unseren Unimog Einsackgefahr bedeuten. Also immer schön die Augen auf! Auch wenn immer einige Jeeps auf dem See unterwegs sind, die Entfernungen sind riesig und es kann dauern, bis man entdeckt wird und Hilfe kommt.

Im kleinen Ort Colchani am Rand des Salars wird Speisesalz gewonnen. Vermummte Männer schlagen auch heute noch mühsam mit Äxten Salzblöcke aus dem Boden, die dann in einer Salzmühle weiterverarbeitet, mit Jod versetzt und verpackt werden.

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Der eigentliche Reichtums des Salars liegt jedoch in tieferen Schichten und ist noch weitestgehend unausgebeutet. Wissenschaftler, u. a. auch deutsche Experten der Technischen Universität Freiburg, schätzen das Vorkommen an Lithium, das als Legierungszusatz für Batterien und in der Kerntechnik benötigt wird und auch in jedem Handy zu finden ist, auf 9 Millionen Tonnen. Das entspräche rund 75% des derzeit bekannten Weltvorkommens. Bolivien sitzt also, wie so viele andere sogenannte „arme Entwicklungsländer“, auf vielen vielen Dollars und einem Fast-Monopol.

Bevor wir auf den Salar fahren gönnen wir dem Unimog bei einer winzigen Waschstation eine Unterbodenwäsche mit Dieselöl, um ihn vor dem aggressiven Salz zu schützen. Wir fahren schnurgerade auf der blendend-weißen Salzkruste unter einem tiefblauen Himmel und legen einen ersten Stopp bei dem aus einem großen Salzblock gehauenen Denkmal der diesjährigen Ralley Paris – Dakar ein, welches die nördliche Wendemarke der zu bezwingenden Route war.

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Unterwegs sind wir auf der weißen, endlos scheinenden Fläche allein und gönnen uns ein wenig hemmungslosen Spaß:

Hugo kann nicht widerstehen und packt seinen Schirm aus:

Unser Tagesziel ist die Isla Incahuasi rund 80 km nordwestlich von Uyuni, die aus versteinerten Korallen besteht und völlig einsam im Salzmeer liegt. In der glasklaren Luft täuscht die Perspektive: Alles sieht unglaublich nah aus. Immer wieder denken wir, gleich sind wir da, und stellen dann fest, daß wir doch noch viele Kilometer fahren müssen. Viel wächst auf der kleinen Insel nicht, nur Grasbüschel und bis zu zehn Meter hohe stachelige Kakteen, die allerdings teilweise ein stolzes Alter von über 1.200 Jahren besitzen. Wir erklimmen trotz dünner Luft den höchsten Punkt der Insel, rund 100 Meter über dem Salar, und haben eine wunderbare Aussicht bis zu den schneebedeckten Vulkanen am Horizont.

Und wirklich, so wie man Korallenstöcke vom Tauchen oder Schnorcheln kennt, so liegen sie hier auf fast 4.000 Metern Höhe an der trockenen Luft, Millionen Jahre alt, vielleicht aus Gondwanas Zeiten.

Wir beschließen, die Nacht auf dem Salar zu verbringen. Ein eisiger Wind pfeift horizontal über die ansonsten lautlose Ebene und als die Sonne untergegangen ist, ist die Schwärze der Nacht so dick wie Teer. Für einen Moment habe ich das Gefühl, über mir macht jemand den Sargdeckel zu und ich kann die aufsteigenden Beklemmungen nur mit absoluter Konzentration auf ein anderes Thema bezwingen. Später dann werden wir mit einem unglaublichen, von jeglichem Lichtsmog ungetrübten Himmel belohnt: Millionen Sterne – zum Greifen nah.

Personenkult

Zitat: Sandro Benini für den schweizerischen Tagesanzeiger aus Mexico-City am Freitag, den 25.7.2014

Inszeniert sich als Volksheld: Boliviens Präsident Evo Morales

Militärdiktaturen und Putsche von Offizieren gegen demokratisch gewählte Regierungen gibt es in Lateinamerika nicht mehr, was einen großen zivilisatorischen Fortschritt bedeutet. Doch auch heutige lateinamerikanische Präsidenten wollen verehrt werden und betreiben ziemlich schamlos Propaganda für sich selbst. Zum Beispiel der Bolivianer Evo Morales. Er hat seine ehemalige Kabinettschefin beauftragt, ein Kinderbuch mit dem Titel „Die Abenteuer von Evito“ zu gestalten, in dem die Kindheit des Präsidenten glorifiziert wird.

Ein Kapitel lautet „Evito geht zur Schule“, ein anderes „Evito spielt Fußball“. Bei der Buchpräsentation in der venezolanischen Botschaft in La Paz sagte die Autorin: „Ich wollte den Kindern zeigen, wie prekär ihre Situation früher war, und wie gut sie es dank Präsident Evo Morales heute haben.“ Einen Teil der Auflage verteilten die Behörden gratis, und dasselbe werden sie wohl mit den übrigen vier geplanten Evito-Büchern tun, die das Leben des ehemaligen Coca-Bauern-Gewerkschaftsführers bis zum Beginn seiner glorreichen Präsidentenschaft erzählen sollen.

Auch in Venezuela beglückt die Regierung Schulkinder mit erbaulichen Werken. Sie verteilt an den Schulen ein „Illustrierte Verfassung der bolivarischen Republik Venezuelas“.
Darin ist zu bewundern, wie der verstorbene Präsident Hugo Chavez gütig lächelnd mit Kindern spielt – unter dem Titel „Höchste Glückseligkeit“. Eine andere Illustration zeigt, wie Chavez gottgleich vom Himmel herab auf seinen Nachfolger Nicolas Maduro blickt, der mit umgehängter Präsidentenschärpe triumphierend die Hand hebt. Titel des Bildes: „Demokratie“. Von großem didaktischen Wert ist auch folgende aus einem venezolanischen Schulbuch stammende Mathematikaufgabe: „In einem staatlichen Unternehmen wird gemäß den solidarischen Prinzipien der bolivarischen Konstitution Zucker verpackt.. Für eine Bestellung sind 12 Kilogramm Zucker in Säcken zu 1,5 Kilos zu verpacken. Wie viele Säcke braucht es?“

Argentiniens Präsidentin Christina Fernandez de Kirchner hat den Fimmel, jedes Bauwerk und jede Institution nach ihrem verstorbenen Ehemann und Vorgänger Nestor Kirchner zu benennen. Hier ist eine bei weitem nicht vollständige Liste: Das Busterminal in San Salvador de Jujuy. Ein beheizbares Schwimmbad in Apostoles. Eine Turnhalle in Palpala, die allerdings nicht einfach Nestor Kirchner heißt, sondern „Olympisches Gemeindestadion Präsident Nestor Kirchner“. Das Integrationszentrum in Venado Tuerto. Ein von Geröll bedeckter Fußballplatz in Chubut. Und so weiter und so weiter. Ein Journalist der oppositionellen Zeitung Clarin hat sich den Spaß gemacht, auf Tumblr unter dem Titel „Benenne alles nach Nestor“ Beispiele zusammenzutragen.

In Ecuador schließlich hat kürzlich das Informations- und Kommunikationsministerium die Chefredaktoren dreier nationaler Zeitungen einberufen, um sich zu beklagen: Die Blätter hätten skandalöserweise mit keinem Wort erwähnt, daß Präsident Rafael Correa zur Verleihung der Ehrendoktorwürde nach Chile gereist war.

Einen Lichtblick in diesem von präsidialer Eitelkeit und sonstigem Wahnsinn gebeutelten Kontinent gibt es: Luis Guillermo Solis, Costa Ricas seit Mai regierender Präsident. Der Mitte-links-Politiker hat verfügt, daß in keiner Amtsstube des Landes sein Konterfei hängen darf, in keiner Polizeistation und in keiner Botschaft. Es dürfe auch kein öffentliches Gebäude eine Plakette mit seinem Namen tragen. „Der Persönlichkeitskult ist zu Ende, zumindest während meiner Regierung“, begründete er die Maßnahme. Aber der liberalen Opposition ist das auch nicht recht. Deren Chef Juan Luis Jimenez Succar sagte: “Dieses populistische Getue beweist, daß sich der Präsident noch immer benimmt wie im Wahlkampf“. – Zitat Ende.

Saturday Night in Caracollo

Auf dem Weg nach Uyuni übernachten wir in dem kleinen Ort Caracollo, den wir mit samt Sonntagsmarkt schon bei unserer Anfahrt von Cochabamba nach La Paz kennengelernt hatten. Dieses Mal fahren wir jedoch weg von der Durchfahrtsstraße bis zur Kirche am zentralen Dorfplatz, da wir für die Nacht etwas ruhiger stehen möchten, und stellen den Wagen etwas seitlich versetzt neben dem „Denkmal des 30. November“ ab. Es ist Samstagabend und die Ortsmitte scheint verwaist, bis gegen 20.00 Uhr plötzlich immer mehr Menschen auf den Platz strömen. Dann hören wir plötzlich Böller und zunehmend lauter werdende Blechmusik. Kurz darauf biegt auch schon die erste uniformierte Musiktruppe mit Major, Tanztruppe und allem drum und dran um die Straßenecke. Eine farbenfrohe Mischung aus Schützen- und Karnevalsverein stellt sich neben Unimoppel so gut es geht vor dem Denkmal in Formation auf. Wie peinlich, aber für uns ist es zu spät, den Motor anzulassen und wegzufahren, und so stehen wir mit dem Unimog wie ein Fremdkörper inmitten des Trubels und schauen perplex einfach zu.

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Nach zwanzig Minuten hat die mehr oder weniger musikalische Truppe ihr Repertoire beendet, es folgt eine lautstarke Ansprache, von der wir kein Wort verstehen, gefolgt von viel Beifall und Jubel, dann biegt eine zweite bunte Musiktruppe um die Ecke, die deutlich schmissiger ist als die erste. Wir trauen unseren Ohren kaum, als wir „Dschingis Khan“ von den Les Humphries Singers in bolivianischer Blechbläserversion hören! Nach weiteren zwanzig Minuten ist der Spuk schlagartig vorbei, alle gehen und wir ins Bett.

Pachamama oder die Sache mit den Plastikblumen

Rund 90% der Bolivianer gehören der römisch-katholischen Kirche an, doch fast alle Indigenas, die einen Anteil von über 80% an der Gesamtbevölkerung haben, praktizieren nebenbei ihre Naturreligionen und glauben auch weiterhin an ihre traditionellen Schöpfungsmythen. Besondere Verehrung erfährt die Pachamama, die „Mutter Erde“. Mit der Liebe zu ihrer Pachamama kann es allerdings nicht wirklich weit her sein, anders lässt sich das Ausmaß der hemmungslosen Vermüllung der ach so heiligen Natur allerorten nicht erklären. Sobald man die zwar über und über mit Graffity-Schmierereien verunstaltete, aber ansonsten recht gepflegte Innenstadt von La Paz verlässt und über Land fährt sind die Ortschaften, Wege, Felder und Freiflächen von Plastikmüll, Flaschen, Tetrapacks, Blechdosen, abgefahrenen Reifen und altem Hausrat übersät. Die Krönung der Vermüllung ist mit Abstand die Peripherie von Oruro, wo in alle Richtungen unglaubliche Mengen an Müll und Gerümpel verstreut sind. Besonders die hauchdünnen Plastiktüten in rosa, orange und hellgrün, in die bei Einkäufen die Waren verpackt werden – und sei es auch nur eine einzelne Packung Zigaretten -, wehen durch den Wind auf dem Altiplano kilometerweit in die Landschaft, bis sie wie bunte Tupfen an dem niedrigen Büschelgras für immer hängenbleiben. Da sich niemand die Mühe macht, diese Tüten jemals einzusammeln, wird die Dichte der bunten Tupfen mit der Zeit immer größer. Die gesamte Umgebung Oruros scheint eine einzige postapokalyptische Deponie zu sein und unzählige streunende Hunde durchstöbern auf der Suche nach Essensresten im Kollektiv diesen Unrat.

Die Bolivianer leben völlig unberührt inmitten dieses Mülls und fühlen sich anscheinend auch noch wohl dabei. Niemand fühlt sich offensichtlich auch nur ansatzweise bemüßigt, in Eigeninitiative zumindest vor seiner eigenen Haustür für etwas Sauberkeit, auch im Sinne der allgemeinen Hygiene, zu sorgen. Es wäre so einfach, aber das Bewusstsein für Ordnung, Sauberkeit und Ästhetik fehlt völlig.

Vielleicht haben Hugo und ich auch nur etwas falsch verstanden: Vielleicht ist das alles ja gar kein Müll und die Bolivianer züchten auf ihren Feldern aus den Plastiktüten Plastikblumen, um damit ihre Pachamama zu ehren.

La Paz

Mit Dina unternehmen wir eine zweite Citytour mit dem Bus. Über die Kopfhörerdurchsage in sehr guter deutscher Übersetzung erfahren wir bei der Fahrt über die Hügel der Stadt vom bolivianischen Fremdenverkehrsamt – also ganz offiziell und mit dem Segen von ganz oben -, daß das Durchschnittseinkommen eines Bolivianers USD 1.200 pro Jahr beträgt, das eines Ministers dagegen USD 4.000 pro Monat. Die Regierung hat offensichtlich nicht einmal Hemmungen, in aller Öffentlichkeit über diese himmelschreienden Ungerechtigkeiten zu sprechen. Warum auch nicht? Die Gewaltenteilung ist so gut wie aufgehoben, das Land auf dem besten Weg zu einer Diktatur. Da braucht man kaum Kritiker zu fürchten.

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Vom Mirador Kili-Kili aus bewundern wir erneut den weißen Wächter der Stadt, den alles überragenden Illimani, und die Abertausende sich die Hänge zur Oberstadt El Alto hinaufwindenden Häuschen aus braunen Lehmziegeln. Bretterverschläge oder Buden aus Pappkartons und Wellblech wie in den Favelas von Rio, Kapstadt oder Jakarta sucht man hier vergebens. Alle Häuser sind aus Ziegeln errichtet, wobei bei vielen allerdings die Fenster komplett unverglast und die Bewohner somit den teils eisigen Winden und sehr kalten Nächten ungeschützt ausgesetzt sind.

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Während der Inkazeit war Bolivien Teil des Inkaimperiums, bis der Spanier Diego de Almagro 1535 das Territorium eroberte. Auf dem Boden der einstigen Inkasiedlung Choqueyapu in diesem windgeschützten Tal gründeten die Spanier 1548 zum Gedenken an einen Friedenvertrag zwischen Almagro und Pizarro „La Ciudad de Nuestra Senora de La Paz“ (Stadt unserer Frau des Friedens). Das Stadtwappen wurde interessanterweise von Kaiser Karl V. verliehen.

Bei der Stadtrundfahrt stellen wir dann unzweifelhaft fest, daß hier in Bolivien die Zeit rückwärts läuft…

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Nachdem Dina sich ein paar Tage akklimatisiert hat stürzen wir uns wieder ins Verkehrschaos von El Alto und machen uns auf den Weg über Oruro Richtung Salar de Uyuni, zum größten Salzsee der Welt.