Archiv für den Tag: 28. September 2014

Santa Catalina

Es ist für uns heute kaum nachvollziehbar, daß über fast vier Jahrhunderte in der über 20.000 qm umfassenden Klosterstadt Santa Catalina in Arequipa Novizinnen und Nonnen des Katharinenordens ein spartanisches Leben abseits alles Weltlichen führten. Gegründet wurde das Kloster 1580 vom spanischen Mutterorden der Dominikaner.

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Aufgrund der starken Nachfrage von spanischen Familien, die ihre Töchter hier unterbringen wollten, wurde es im 17ten Jahrhundert auf die heutige Größe erweitert. Für reiche spanische Familien war es selbstverständlich, daß die zweite Tochter – natürlich mit makelloser Vergangenheit – für „Gott und das Himmelreich“ an ein Kloster abgetreten wurde. Dazu war als Mitgift die horrende Summe von tausend Goldpesos in Form von Goldmünzen, Porzellan, Silber, Schmuck usw. erforderlich.

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Wer nicht über genügend Barschaft verfügte, verkaufte seine Wertgegenstände auf dem Klostermarkt. Für die Lebenskosten der Tochter im Kloster mussten die Familien weiterhin in vollem Umfang aufkommen. Die erheblichen Geldmittel, die dem Kloster auf diese Weise zuflossen, ermöglichten die Anstellung von Dienstpersonal, auch von Männern, die im Kloster arbeiteten und insbesondere das umliegende Ackerland bearbeiteten. Was hinter den hohen Mauern aus Tuffgestein geschah, wie die rund 150 Nonnen und Novizinnen mit ihren 400 Dienstmädchen lebten, blieb der Öffentlichkeit über 300 Jahre weitestgehend verborgen. Verarmte eine Nonne oder deren Familie, so wurde sie gezwungen, ihr letztes Hab und Gut an andere Nonnen zu verkaufen. Alles im Namen Gottes und zu Ehren der Heiligen Katharina – die katholische Kirche gibt hier ein schönes Vorbild für spätere Sekten ab.

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Beim Eintritt ins Kloster mussten die Novizinnen ein absolutes Schweigegelübde ablegen. Über einen Zeitraum von ein bis vier Jahren musste die Novizin eine Probezeit allein im Noviciado absolvieren und durfte in dieser Zeit keinen Besuch empfangen. Nach der Probezeit konnte die Novizin einen notariellen Vertrag als Nonne mit dem Kloster abschließen und musste dann die Mitgift zahlen.

Nonnen war es gestattet, bei besonderen Gelegenheiten Besuch von Familienangehörigen zu erhalten. Dazu gab es im Kloster hinter dem Eingang sogenannte Lokutorien mit hölzernen Sprechgittern, die so konstruiert sind, daß der Angehörige die Nonne nicht sehen konnte, sie jedoch ihn. Berührungen waren nicht möglich. Für die Übergabe von Geschenken und Briefen gab es ein Drehregal, in welches die Dinge von außen gelegt und nach innen gedreht werden konnten. Eine Nonne hörte alle Besuchsgespräche mit und kontrollierte jedes Geschenk und jeden Brief.

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Die Wohnräume der Nonnen waren einfachst ausgestattet: Ein Bett mit Matraze, die manchmal zur Selbstkasteiung mit Steinen oder Stacheln gefüllt war, Tisch, Stuhl, Altar. Das Fenster musste immer offen stehen, damit eine Kontrolle jederzeit möglich war. Bei ihrem Tagwerk wurden die Nonnen von bis zu vier Dienstmädchen unterstützt, die für sie eingekauft, gewaschen, geputzt haben. Meist waren dies Mestizinnen, Indigena oder Afrikanerinnen. Alle Wohnräume besaßen über eine Treppe nach oben einen Ausgang in Freie, vermutlich als Fluchtweg bei Erdbeben oder Bränden. Vielleicht haben wir das aber auch mißverstanden und es war der Eingang für den Gärtner zum Blumengießen…

 

Um sich von allen Sünden, getan oder gedacht, frei sprechen zu lassen gab es dann noch eine ganze Reihe von Beichtstühlen.

Die sündige Nonne begab sich in die kleine Kammer hinter der Holztür und sprach in die von kleinen Löchern durchbrochene Wand, hinter welcher sich eine höhergestellte Nonne verbarg und zuhörte.

Alle Straßen des Klosters tragen in den Tuffstein gemeißelte spanische Namen wie Calle Granada, Calle Sevilla, Calle Cordoba usw. Die Mauern, ehemals weiß getüncht, sind heute hellblau, orange und rot gestrichen und bieten schöne Fotomotive.

 

Bis ins Jahr 1970 war das Kloster von der Außenwelt nahezu hermetisch abgeriegelt. Weder war es den Nonnen gestattet, das Kloster zu verlassen, noch waren Besucher erlaubt. Heute leben noch etwas fünfzig Ordensschwestern in Santa Catalina, die den Klosterbetrieb aufrechterhalten, aber die strengen Bestimmungen gelten für sie nicht mehr. Das Kloster ist weitestgehend der Öffentlichkeit zugänglich, auch die Klosterkirche steht den Besuchern offen und in der Pinakothek kann man rund achtzig Gemälde aus dem 16ten und 17ten Jahrhundert bewundern.

 

Nach soviel Kultur brauchen Dina und ich jetzt was Handfestes: ein Crepe mit Mango und eines mit Alpaka.

Arequipa – La Ciudad Blanca

Der uns aufgezwungene Aufenthalt in Tacna hat uns wertvolle Zeit gekostet. Dina fliegt am 27ten September von Lima aus nach Hause und wir müssen unser Programm etwas straffen. Über die Panamericana Sur geht es weiter nach Arequipa, eine der beeindruckendsten Kolonialstädte und mit rund 1,4 Mio Einwohnern zweitgrößte Stadt Perus auf angenehmen 2.400 Metern. Die Flußoase mit ihrer gut erhaltenen Altstadt rund um die Plaza de Armas liegt unmittelbar zu Füßen der mächtigen Vulkane Misti (5.822 m und aktiv), Chachani (6.075 m und weiß verschneit) und Pichu Pichu (5.425 m). Durch die Nähe zu weiteren aktiven Vulkanen werden in Arequipa täglich bis zu zwölf Erdbeben registriert.

An Stelle einer früheren Inka-Stadt gründeten die Spanier 1540 die „weiße Stadt“, die mit ihren Kirchen und Palästen aus weißem Sillar, einem vulkanischen Tuffstein, zu einer der schönsten Städte des Kolonialreiches erblühte. Manche Zungen behaupten, die Bezeichnung „weiße Stadt“ beziehe sich nicht auf den weißen Stein, sondern auf die Tatsache, das ehemals die Innenstadt ausschließlich von den weißen Kolonialherren bewohnt werden durfte, wohingegen die Sklaven, zumeist Indios und Schwarze, in den Randgebieten leben mussten. Kommt einem bekannt vor, oder?

Heute ist der Durchgangsverkehr aus den schmalen Gassen des historischen Zentrums verbannt und es sind kleine Fußgängerbereiche entstanden, die zum Bummeln und Verweilen einladen. Die schattenspendenden zweigeschossigen Arkaden rund um die begrünte Plaza de Armas sind mit Geschäften, Touranbietern und Restaurants bevölkert; lediglich die Nordseite des Platzes wird in ihrer gesamten Breite von der imposanten Kathedrale beherrscht, die sich im blankpolierten weißen Marmor des Vorplatzes spiegelt.

Böse Überraschung

Wir sind gerade einmal eine Stunde in Peru, da kommt, was irgendwann in Südamerika kommen muß. Wir parken unseren Wagen mittags vor dem mitten im Stadtzentrum von Tacna gelegen Krankenhaus, um bei einer uns empfohlenen Agentur eine gesonderte Haftpflichtversicherung abzuschließen, da die bestehende Mercosur-Versicherung nur Anrainerstaaten von Argentinien umschließt und Peru sowie Ecuador, die wir auch besuchen wollen, ausklammert. Nach kaum zehn Minuten kommen wir zurück und halten den Atem an: Die Scheibe auf der Beifahrerseite ist eingeschlagen und der Wagen ausgeraubt.

Die wichtigsten Dinge wie Dokumente, Kreditkarten, Kamera usw. haben wir zum Glück entweder dabei oder im Bordversteck, aber die bösen Jungs machen trotzdem fette Beute. Wir sind um einen Laptop, einen Kindle, diverses Computerzubehör, ein i-phone, drei Sonnenbrillen, einen Rucksack und eine Tasche erleichtert. Es ist nicht, als hätten wir nicht um die Gefahr gewusst, aber Fahrlässigkeit wird in Südamerika umgehend bestraft, auch am helllichten Tag.

Binnen weniger Minuten erscheint ein hilfsbereiter Einheimischer am Tatort und ruft die Polizei herbei; kurz darauf stellt er sich als Journalist einer lokalen Tageszeitung vor – was für ein seltsamer Zufall?!?!?!? Die beiden Polizisten befragen uns, steigen vorne ein, steigen hinten ein, steigen wieder vorne ein, finden den Unimog ganz toll … und sprechen mit dem Journalisten, der die Zeit für ein paar Fotos genutzt hat. Dann werden wir gebeten, ihnen mit unserem Fahrzeug ein paar Hundert Meter zur zentralen Wache zu folgen, wo wir die nächsten Stunden damit verbringen, zehn verschiedenen Beamten zu erklären – nacheinander und auf Spanisch, da niemand ein einziges Wort Englisch spricht, wohlgemerkt -, was wir während der Tat wo und warum gemacht haben und was genau gestohlen wurde. Erst fragt der Eine, dann werden wir ins nächste Zimmer gereicht, dann kommt die Spurensicherung dazu und will wissen, ob wir die Türen und die Fenster nach der Tat schon angefasst haben. Nein, haben wir nicht, aber ihre Kollegen dafür umso reichlicher undsoweiterundsofort… Alle sind ausnehmend freundlich und geben sich große Mühe, aber die Abwicklung ist, gelinge ausgedrückt, etwas merkwürdig und konfus.

Nachdem ungefähr zehn handschriftliche Protokolle von unterschiedlichen Personen angefertigt wurden nimmt man meine Fingerabdrücke, damit später bewiesen werden kann, das ich die Anzeige höchstpersönlich vor Ort gemacht habe. Wird immer lustiger! Zwischendurch kommt noch eine Dame von der sogenannten Touristenpolizei, die im Haus nebenan angesiedelt ist, drückt mit weit aufgerissenen Augen in einem Kauderwelsch aus Spanisch, Französisch und einigen englischen Brocken ihre Betroffenheit über die Tat aus und verteilt nonstop parlierend bunte Flyer über Tacna, Arequipa, Cusco und Lima an uns. Peru sei ja sooooooooo ein schönes Land und Tacna sooooooooooo eine schöne Stadt! Das ganze entwickelt sich immer mehr zu einer liebenswerten Komödie und ich muß schon fast lachen.

Dina hat inzwischen den Polizeichef dazu bewogen, ihr seinen fast die gesamte Raumbreite einnehmenden Schreibtisch und den Computer mit Internetanschluß zu überlassen, da sie ihr Handy usw. sperren möchte. Als Stunden später ein Polizist sie anspricht, weil der den Computer wohl selbst benötigt, faucht sie ihn – ganz in ihrer digitalen Welt versunken – mit „No es possible!“ an. Ich ziehe den Kopf ein, aber nichts passiert, der junge Mann zuckt nur mit den Schultern und trollt sich brav und ohne Widerspruch davon. Aus den zehn verschiedenen handschriftlichen Protokollen wird eine weitere, elfte, handschriftliche Version erstellt, die dann wiederum von einem jungen Polizisten im Zweifingersuchsystem in meinem Beisein auf einem Computer abgetippt und mit einem weiteren Fingerprint von mir bezeugt werden muß. Wie ich später erfahre, gibt Hugo in dieser Zeit dem lokalen Fernsehsender, der zwischenzeitlich vor dem Eingang ebenfalls aufgetaucht ist, draußen ein Interview.

Als wir mit dem Prozedere fertig sind ist es schon später Nachmittag und viel zu spät zum Weiterfahren, zumal die Scheibe auf der Beifahrerseite erst ersetzt werden muß. Wir suchen uns ein Hotel und nachdem wir unsere prekäre Situation an der Rezeption des Holiday Suites erklärt haben dürfen wir den Parkplatz hinter hohen Mauern als Stellplatz für die Nacht nutzen. Als wir später den Parkplatz zu Fuß durch die kleine Tür, die im großen Portal eingelassen ist, verlassen wollen, um Essen zu gehen, stellen wir fest, daß nicht die bösen Jungs hinter Gittern sitzen, sondern wir. Man hat uns eingesperrt. Durch ein kleines vergittertes Fenster in der Tür versuchen wir, Passanten auf uns aufmerksam zu machen, aber dann erscheint nach ein paar Minuten jemand von der Rezeption und schließt die Tür für uns auf. Der Parkplatz wird videoüberwacht und man hat uns herumzappeln sehen. Wer den Schaden hat…

Am nächsten Morgen sitze ich wartend in der Lobby des Hotels, blättere in einer der herumliegenden Tageszeitungen und entdecke prompt einen Artikel über den Diebstahl inklusive Foto von Unimoppel und Hugo.

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Der überaus freundliche Chef des Hotels kennt die Geschichte offensichtlich ebenfalls, hat zwei und zwei schon zusammengezählt, lädt uns zum Frühstück ein und bietet uns dann ein Zimmer zu einem großzügigen Sonderpreis für die folgende Nacht an; ein Angebot, welches wir unmöglich abschlagen können ohne unhöflich sein. Wir sagen zu und freuen uns darauf, nach einem halben Jahr mal wieder mehr als 7,5 qm zur Verfügung zu haben. Aber es soll noch besser kommen… Die Paparazzi verfolgen offenbar unsere Schritte und finden uns – wer da wohl gegen ein paar Scheinchen geplaudert hat – auch auf dem abgeriegelten Parkplatz, denn einen Tag später entdecken wir in der Tageszeitung einen weiteren Artikel.

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Bei der Suche nach einer Glaserei, die unser Fenster kurzfristig ersetzen kann, lernen wir Paul kennen, einen Deutschen, der seit zehn Jahren hier in Tacna lebt und mit Guadeloupe, einer Zahnärztin, verheiratet ist. Eines ergibt das andere, mittags sitzen wir mit ihm und seiner Frau bei einer Suppe und anschließendem Kaffee auf seiner Terrasse, nachmittags unterzieht sich Hugo in Guadeloupes Praxis einer längst fälligen Wurzelbehandlung und abends treffen wir uns bei Pisco Sour in einer Bar hoch über den Dächern von Tacna, um unsere neue Freundschaft zu besiegeln. Alles ist gut.

(Frucht-) Grenze

In Arica, der nördlichsten Stadt Chiles, verbringen wir eine Nacht am Strand mit seiner sanften Brandung unterhalb des knapp 300 Meter hohen Morros. Am nächsten Morgen geht es über die Grenze. Das Auschecken aus Chile geht ruckzuck, aber das Einchecken nach Peru hat dann wie erwartet seine Tücken und dauert insgesamt fast zwei Stunden. Erst Schlange stehen an dem einen Schalter, dann zur Passkontrolle, dann an einem weiteren Schalter in einem anderen Gebäude im zweiten Stock ein Formular kaufen (!), dann mit dem ausgefüllten Formular wieder runter zur Paßkontrolle, dann das ganze nochmals woanders um die Ecke für das Fahrzeug. Stempel hier, Stempel da, Hauptsache viele Stempel. Abschließend kommt dann noch der Zoll und durchsucht den Wagen, wenngleich auch nur oberflächlich.

Zum Schutz vor Fruchtfliegen- und anderem Schädlingsbefall befall hat Chile schon seit geraumer Zeit eine sogenannte Fruchtgrenze zu Bolivien und Peru, das heißt, es dürfen kein frisches Obst und Gemüse, keine frischen Fleischwaren, keine nicht pasteurisierten Milchprodukte und kein Honig eingeführt werden. Dies war uns bekannt. Nun hat auch Peru umgekehrt eine solche Fruchtgrenze eingeführt, ob aus echter Besorgnis oder aus Nickeligkeit gegenüber den „reichen“ Nachbarn sein mal dahin gestellt. Immerhin gehörte die Region um das chilenische Arica bis 1880 zu Peru. Auf jeden Fall nehmen uns die Zöllner die Bananen, Äpfel, Avocados, Kartoffeln und den Honig ab.

PanAm

Nach ein paar Tagen Pause in Iquique setzen wir unseren Weg nach Norden fort, schrauben uns 600 Meter die steile Kordillerenwand hoch und werfen einen letzten Blick auf El Dragòn und die Stadt am Meer, bevor es landeinwärts und dann gezwungenermaßen ein Stück über die Panamericana geht. Kurz vor der Kreuzung mit der PanAm kommen wir an den beiden verlassenen Salpeterstädtchen Humberstone und Santa Laura mit ihren vor sich hinrostenden Industrieanlagen vorbei, die wie Dinosauriergerippe im Sand stehen. Während des Salpeterbooms entstanden hier Kleinstädte mit Wohnungen für die Arbeiter, Geschäften, Kneipen und manchmal sogar Freizeiteinrichtungen. De facto gehörten die saliteras, also die Orte, den Minenbesitzern, die ihre Arbeiter mit sogenannten fichas bezahlten, Münzen, die nur im jeweiligen Ort Gültigkeit als Zahlungsmittel besaßen und andernorts völlig wertlos waren. Ein in sich geschlossener, für die Minenbesitzer äußerst lukrativer Kreislauf also. Nachdem die Salpeterherstellung dann auf chemischem Weg viel leichter und kostengünstiger wurde, blieben die beiden Städtchen sich selbst überlassen und wurden Ende der 60er aufgegeben.

Die Panamericana ist hier im Norden Chiles alles andere als eine Traumstraße. Die zweispurige, über Kilometer schnurgerade verlaufende Straße ist an den Seiten häufig vermüllt und führt durch die karge Landschaft der Atacama, aber sie ist die einzige fahrbare Verbindung nach Arica und weiter zum einzigen chilenisch-peruanischen Grenzübergang, Tacna. Als es Abend wird suchen wir uns einen Stellplatz und kurz darauf geht am Himmel der Vollmond über der PanAm auf.

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