Bullenritt

Wir haben uns bewusst für die nördliche Ringstraße Ruta Misiones Jesuiticas Chiquitanas nach Santa Cruz entschieden, da wir einige der alten Jesuitenreduktionen besichtigen möchten.Die Fahrt führt durch den Urwald und das Dickicht zu beiden Seiten der Fahrbahn ist undurchdringlich. Ab und an gibt es Abschnitte, die von gelbblühenden Ipé-Bäumen gesäumt sind.

Ipé - Bäume

Die Rote-Erde-Piste wird zunehmend schlechter. Die brettharte Oberfläche ist von Längs- und Querfurchen durchzogen und Krater mit einer Tiefe von über einem halben Meter machen die Fahrt zu einem einzigen Slalomparcours. Außer ein paar LKW und einem gelegentlichen Overlander ist die Route so gut wie nicht befahren und entgegenkommende Fahrzeuge kündigen sich schon kilometerweit durch eine große Staubwolke an.

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Als es später Nachmittag ist sind wir noch weit über 100 Kilometer von unserem eigentlichen Tagesziel, San Ignacio, entfernt und so bleiben wir in dem winzigen Ort San Vicente, nicht mehr als eine Handvoll Häuser entlang der Piste. In einem „Restaurant“ am Straßenrand essen wir Reis mit Hühnchen, etwas anderes gibt es nicht. Über eine Juke Box werden Musikvidos abgespielt und wenn diese gerade nicht laufen, flimmern auch in diesem so erzkatholischen Land schon am späten Nachmittag und in aller Öffentlichkeit leicht bekleidete Damen über den Bildschirm.

In Santa Rosa 1

Kinderprogramm

Die Piste wird am nächsten Tag noch schlimmer. Der Wagen buckelt wie ein gereizter Bulle beim Rodeo, die Sitze schlagen trotz Druckluftfederung bis zum Anschlag durch. Hugo klammert sich ans Lenkrad und ich mich an die Hoffnung, daß wir zumindest heute San Ignacio noch vor dem Abend erreichen werden. Einzig dem Unimog macht der mörderische Ritt nichts aus; er entpuppt sich als wahre Pistenkuh.

Stunde um Stunde, Kilometer für Kilometer arbeiten wir uns vor. Wir verkeilen uns in unseren Sitzen, irgendwann schmerzt das Steißbein empfindlich und ich klammere mich wie ein Gibbon an die Dachgriffe. Unsere flüsterasphalt-verzärtelten deutschen Hintern sind eine solche Dauerbelastung einfach nicht gewohnt.

In Santa Rosa

Same same but different

Die Landschaft des Pantanal und seine Tierwelt werden über viele Kilometer noch unverändert bleiben, aber mit dem simplen Schlagbaum, der die Grenze zwischen Brasilien und Bolivien markiert, ändert sich alles andere im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Die fröhliche Offenheit und Neugier der Brasilianer weicht einer distanzierten Zurückhaltung der beiden bolivianischen Grenzbeamten. Es gibt hier an der Grenze keinen Computer; mit Bleistift werden unsere Daten auf einem Stück Papier notiert. Die offizielle Anmeldung erfolgt erst einige Kilometer später in San Mathias. Mit dem Schlagbaum endet auch die Asphaltstraße. Die nächsten 470 Kilometer bis Concepcion führen über Erdpiste durch zunehmend undurchdringlichen Urwald.

Pantanalhirsch

Und mit dem Schlagbaum endet leider auch die Sauberkeit und die Vermüllung beginnt. San Mathias erstickt schon fast in Plastikmüll, der gedankenlos auf die Straße geworfen wird und auch bei tropischen Temperaturen leider eben nicht verrottet. Bolivien zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und Umweltbewusstsein ist hier noch Luxus.

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Wir kreisen mit unserem Unimog mehrmals kreuz und quer durch die kleine Ortschaft, bis wir die Migración finden. Problemlos werden die 90 Tage Aufenthaltsgenehmigung in unsere Dokumente eingetragen.

Migracion San Mathias

Mit den Papieren fahren wir zum Zoll etwas außerhalb des Städtchens. Dort erklärt uns der junge Zollbeamte, daß er von allem Kopien benötigt, er aber keinen Kopierer hat. In puncto Büroartikel ist er ansonsten jedoch bestens bestückt: Auf einem Regal stapeln sich in bester Loriot-Manier unzählige Kisten von Büroklammern, die bei dem mageren Grenzverkehr hier bis zum Jahr 3000 ausreichen sollten.

Wir fahren zurück ins Zentrum und suchen einen Copy Shop. Wir kopieren alle Unterlagen und stellen dabei fest, daß auf allen Dokumenten 90 Tage eingetragen sind – mit einer Ausnahme: Auf Hugos Touristenkarte sind nur 30 Tage eingetragen. Absicht oder Fehler? Im Zweifel kann das bei Überziehung der Frist, da er der Fahrzeughalter ist, richtig Ärger bis hin zu Beschlagnahmung des Fahrzeuges bedeuten. Und da wieder rauszukommen kostet in der Regel eine Menge Geld und noch mehr Zeit. Also wieder zurück in die Migración und alles von vorne. Nachdem schlussendlich überall 90 Tage eingetragen sind und wir die Kopien haben geht es wieder zum Zoll. Dort werden alle Angaben über Internet erfasst, nur dieses ist so langsam, daß der Prozess ewig dauert. Nachdem alle Formalitäten erledigt sind ist es zu spät zum Weiterfahren und wir verbringen den Abend und die Nacht in San Mathias. Im Abstand von ein paar Stunden kommen zwei vom Pistenstaub rot gepuderte Overlander aus Santa Cruz an, das Gepäck der Fahrgäste auf dem Dach unter Planen festgezurrt, aus den eigentlichen Gepäckfächern unten im Bus werden große Säcke Kartoffeln, Zwiebeln, Maniok und Orangen ausgeladen. Frauen mit langen Zöpfen in landestypischer Tracht räumen die Lebensmittel in die kleinen Verkaufsstände entlang der staubigen Straße. Brasilien ist keine zehn Kilometer weit weg, und doch Lichtjahre entfernt.

Abschied von Brasilien

Dafür, daß Brasilien für unsere erste Tour nicht vorgesehen war, haben wir es ganz schön lange ausgehalten: Insgesamt zwei Monate waren wir hier unterwegs und haben es trotzdem nur gestreift, nur einen Bruchteil dieses großen und großartigen Landes kennenlernen können.

Es hat uns in vielerlei Hinsicht überrascht. Dieses Land ist ein Gigant, der vor Kraft und Energie nur so strotzt. Weltweit unter den TOP TEN der Wirtschaftsmächte hat es den Sprung vom Entwicklungsland längst geschafft und verfügt über immense Ressourcen, sowohl was Rohstoffe als auch was manpower angeht. Viele Märkte werden dominiert von starken brasilianischen Marken, zum Beispiel die Bekleidungs- oder Möbelindustrie. Die „üblichen Verdächtigen“ namens Hilfiger, Calvin Klein, Benetton usw. findet man hier selten, wenn überhaupt, dann nur in den Malls sehr großer Städte. In Design und Qualität reichen die einheimischen Textilien, Schuhe usw. an die amerikanischen oder europäischen locker heran. In anderen Bereichen wie zum Beispiel der Elektroindustrie gibt es – noch – qualitative Unterschiede, aber diese Lücken werden sicherlich schnell geschlossen werden. Knowhow läßt sich im Zweifel einkaufen.

Im wirtschaftlich weniger starken Norden des Landes sieht es derzeit vielleicht noch etwas anders aus, aber trotzdem: Brasilien benötigt keine Unterstützung von außen mehr. Die verbleibende Lücke, das letzte Quentchen, muß und kann es aus eigener Kraft schaffen, indem innenpolitisch die Stellschrauben entsprechend justiert werden. Jeder Entwicklungshilfeminister, der bei einem Besuch durch die Favelas von Rio geschleust wird und aufgrund dessen dem Land noch Gelder zusagt, gehört gehauen.

Wir reisen über Cacéres aus und müssen dazu bei der lokalen Polizeistation offiziell auschecken, rund 100 km vor dem eigentlichen Grenzübergang nach Bolivien. Die Straße ist gut ausgebaut, sehr wenig befahren und endet mitten in der Landschaft an einem einfachen Schlagbaum und einem Holzhäuschen vom Format eines Dixie-Klos.

Brasilianische Traumfrau gesucht

Spricht man bei uns zuhause gemeinhin von Der Brasilianerin hat man gleich das Bild eines milchschokolade- oder zartbitterfarbenen Geschöpfes mit Endlosbeinen und Wespentaille vor Augen, jedes der wenigen Pfunde wohlproportioniert und an genau der richtigen Stelle, um im Stringtanga am Strand vor den bewundernden Blicken aller lässig und raubtiergleich spazierengeführt zu werden. Insbesondere die Herren der Schöpfung schließen bei der Vorstellung genießerisch die Augen und manch einer reagiert wie die Pawlowschen Hunde mit unkontrolliertem Sabbern.

Graffity Girl

Graffity Girl

Wir sind nun seit über zwei Monaten in Brasilien unterwegs und suchen diese Traumfrau noch immer. Die Wahrheit ist, daß Die Brasilianerin weder langbeinig noch wohlproportioniert ist. Sie ist eher klein und rundlich, um nicht zu sagen, drall. Milchkaffeebraun ist sie auch nicht unbedingt.

Im Gegensatz zur Mode für Mollige in unseren Breitengraden mit allerlei die Kurven und Kilos sanft umspielenden Hängerchen steht Die Brasilianerin jedoch zu jedem einzelnen ihrer Pfunde und betont diese so gut sie kann. Heißt, die Kleidung wird so engsitzend wie eben möglich getragen, am besten so, daß es richtig schön spackig aussieht. Shirts, die oberhalb des Bauchnabels enden und den Rettungsringen um die Mitte herum die bei dieser Hitze nötige Frischluftzufuhr gewähren. Jackets, die mit einem Knopf direkt unter der Brust geschlossen werden, wobei der Knopf mit Angelschnur angenäht sein muß, da er sonst abzusprengen droht. Die Schößchen der Jackets stehen vom Körper ab wie kleine Flügelchen. Apropos Brust: Hier gelten zwei Prinzipen: „Je höher desto besser“ und „Je mehr desto höher“. Es wird gepusht und geschnallt was das Elastanband hergibt, bis kurz vor dem Zerreißen, möglichst hoch, am besten bis unters Kinn.  Luft holen braucht Die Brasilianerin anscheinend nicht. Das Outfit ergänzt sie gekonnt durch hautenge Slim Jeans oder knallbunte Leggins sowie High Heels mit nagelspitzen 16 cm Absätzen, die die ohnehin in alle Richtungen rundlichen Popos noch besser ins rechte Licht rücken.

Wie dem auch sein, Die Brasilianische Traumfrau mit Modelmaßen und Glutaugen à la Shakira ist hier genauso selten zu finden wie bei uns zuhause die Claudia Schiffers oder Eva Padbergs.

Also Mädels, entspannt Euch, wir können locker mithalten. Was wir allerdings von Der Brasilianerin lernen können ist ihr Selbstbewußtsein. Auch ohne Modelmaße sind sie/wir schön!

Und Jungs: Träumt ruhig weiter!

 

Hugos Tunga-Tunga-Party

Die brasilianische Fußballmannschaft kämpft noch im Elfmeterschießen gegen Chile, als wir die Klinik Santa Rosa in Cuiabá anlaufen. Als wir dort ankommen wissen wir durch die Böllerei in den Straßen, daß Brasilien das Spiel knapp, aber immerhin gewonnen hat. Im Krankenhaus begrüßt uns die Belegschaft folglich bestens gelaunt und ein kleiner, witziger Anästhesist nimmt sich umgehend Hugos Füße an. Als er den Tunga entdeckt juchzt er vor Begeisterung auf, hüpft wie ein Flummi auf und ab und trommelt sofort die halbe Belegschaft zum Zuschauen zusammen. Anscheinend ist der Tunga = Sandfloh ein Prachtexemplar. Heroisch verzichtet Hugo auf die ihm angebotene lokale Betäubung und der Arzt macht sich mit dem Skalpell an das Entfernen des Parasiten. Nachdem das schwarze „Ding“ ausgeschabt ist und auf einem Gazestreifen liegt, haben der Arzt und sein Team helle Freude daran, Hugo ein ziemliches Loch unter dem Fuß und ich bin einer Ohnmacht nahe.

Cuiaba 2

 

Krümelmonster

Wir haben eine neue Leidenschaft entwickelt und haben jetzt richtig einen an der Waffel. Mangels Kinderschokolade, Ritter Sport Nougat, Toblerone und Nutella haben wir lange Zeit nach einer Ersatzdroge gesucht und sind jetzt fündig geworden. Wir haben die Waffeln für uns entdeckt und zwar genau jene feinen, hauchzarten, die man bei uns zuhause in die Eisportionen gesteckt bekommt. Es gibt sie offiziell in den Geschmacksrichtungen Schoko, Walnuß, Erdbeere und Limone, wobei sie inoffiziell alle gleich schmecken, nämlich süß, und je billiger desto süßer. Ab sofort sind Waffeln fester Bestandteil unserer täglichen Nahrungsaufnahme, in besonders schwierigen Zeiten auch bereits vor 15.00 Uhr.

So ist das Leben

Hugos Infektion am Zeh wird nicht deutlich spürbar besser, der Tunga am anderen Fuß muß auch entfernt werden, bevor er größeren Schaden anrichtet, und so planen wir vor dem Grenzübertritt nach Bolivien einen Arztbesuch in Cuiabá ein.

Bei Unimoppel haben wir zudem ein „Gelenkleiden“ festgestellt: Die Manschetten an der Lenkstange sollten besser ersetzt werden, bevor wir in wenigen Wochen im Gebirge die langen Pässe fahren. Wir steuern in Cuiabá eine Mercedes LKW-Werkstatt an, wo man unser Problem lösen kann und will. Da es Originalteile hier nicht gibt, muß improvisiert werden und das dauert. Wir verbringen die Nacht vor der großen Niederlassung, in der gerade an die vierzig LKWs in Stand gesetzt werden. Die Werkstatt ist blitzsauber, perfekt mit allen Werkzeugen und Maschinen ausgestattet und bestens durchorganisiert und das Zuschauen bei den Reparaturarbeiten an den Trucks, die wie große Tiere in der Halle stehen, ist auch für uns interessant.

Cuiabá ist tagsüber ein Glutofen und auch nachts sinkt die Temperatur nicht. Es weht nicht der geringste Lufthauch durch die große Stadt und so schwitzen wir vor uns hin. Am nächsten Morgen geht die Schicht bei Mercedes zwar früh los, aber das Ersatzteil lässt auf sich warten. Hugo verbringt die Zeit mit kleineren Wartungsarbeiten am Unimog; ich mit Lesen und brasilianischen Telenovelas im Aufenthaltsraum für die Fernfahrer. Zwischendurch gibt es Kaffee und Sandwiches, mittags werden wir in die Betriebskantine zu Schmorhühnchen eingeladen. Die Zeit tröpfelt in der Hitze dahin, nichts geschieht. Am späten Nachmittag ist das Ersatzteil dann plötzlich da und wird fix und gekonnt montiert.

Inzwischen ist es zu dunkel, um noch eine größere Strecke zu fahren, und wir beschließen, uns einen Übernachtungsplatz an einer der Tankstellen an den großen Ausfallstraßen der Stadt zu suchen. Der Platz, den wir aufsuchen, übertrifft in seiner Rohheit alles bisher dagewesene. Das Wort wüst beschreibt es vielleicht am Besten. Eine riesige Fläche am Rand der sechsspurigen Fernstraße, die rote Erde, die nachts schwarz zu sein scheint, plattgewalzt von Tausenden schwerer LKWs, die kreuz und quer geparkt sind, eine kleine Lanchonete mit roten Plastiktischen und -stühlen, eine zweite mit gelben Stühlen. Das Angebot ist bei beiden identisch: Auf einem kleinen Grill werden draußen Spieße mit Fleisch, Hühnerherzen oder Bacon zubereitet, alles entweder mit Maniok oder Reis aus dem großen Plastikeimer, dazu Bier, Cola oder Wasser.

Mückenumschwirrte Neonlampen tauchen unbarmherzig das Geschehen in einen ungesunden grün-schwarzen Schimmer; außerhalb ihres Lichtkegels verschluckt die Dunkelheit nach wenigen Metern alles. Fernfahrer sitzen erschöpft, einsam und schweigend vor ihrem Bier. Kaum jemand unterhält sich. Professionelle ziehen von Tisch zu Tisch und hoffen auf ein schnelles Geschäft. An der Kreuzung steht dauerhaft ein Krankenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht und offener Tür; davor fährt ein Junge mit rot-weißem Ringelpulli auf einem Fahrrad unaufhörlich im Kreis. Ein paar Hundert Meter entfernt sehen wir die mit Stacheldraht bewehrten Mauern eines großen Gefängnisses.

Wir lassen uns an einem Tisch nieder, bestellen Fleischspieße und lassen die Szenerie, die einem der surrealistisch-düsteren Filme David Lynchs´entsprungen sein könnte, auf uns wirken. Sie wäre in ihrer Trostlosigkeit bedrückend, geradezu gespenstisch, vielleicht sogar bedrohlich, wäre da nicht die Musik, die aus der Juke Box tönt. Brasilianischer Country-Pop, eine Mischung aus Fröhlichkeit und Saudade, der sanften brasilianischen Melancholie, nimmt dem Moment alle Düsternis und verleiht der Atmosphäre eine unbeschreibliche Leichtigkeit. Eso es la vida.

Als wir am nächsten Morgen abfahren hören wir die Insassen der Strafanstalt laut singen und klatschen.

Zwei Flops in Flip-Flops

Frage: Was passiert, wenn man in Flip-Flops im Pantanal durch die Büsche schleicht?
Antwort: Man fängt sich einen Tunga ein, der sich in die Haut unter den Zehen verbeißt und dort böse wütet… siehe Hugo.

Frage: Was passiert, wenn man in Flip-Flops mit der Kamera in der Hand durch Poconé bummelt und bonbonfarbene Häuser ablichtet?
Antwort: Man tritt mit Schmackes vor die Bordsteinkante und bricht sich einen Zeh … so Daniela.

Kleine Sünden bestraft der liebe Gott sofort.

PS: Hat sich trotzdem gelohnt!

Transpantaneira

Perforiert und blutleer brechen wir vom Portal Paraiso in die Transpantaneira auf. Die Dammpiste mit über 120 Holzbrücken in mehr oder weniger gutem Zustand führt über zahlreiche Tümpel, Flüsse, Lagunen und Bäche von Poconé bis Puerto Jofre am Rio Cuiabá. Während der Regenzeit ist die Piste auch für 4×4 unpassierbar, aber das meiste Wasser ist hier im Norden inzwischen fast abgelaufen. Bevor man in die Piste einsteigt sollte man sich noch einen Moment im Spiegel bewundern und über den schön gebräunten, gesunden Teint freuen. Auf den nächsten 145 Kilometern wird die Gesichtsfarbe unwillkürlich ständig wechseln: von kreideweiß ob des völlig maroden Zustandes einiger Brücken bis hin zu seekrankgrün aufgrund des nicht weniger katastrophalen Pistenzustandes (entspricht in der Schifffahrt etwa Windstärke 10). Bis Pixaim auf ungefähr halber Strecke geht es noch, aber dann kommt die erste desolate Brücke, die bei uns ernsthafte Zweifel aufkommen lässt: Drüberfahren oder besser nicht?

TP Brücke 12

TP Brücke 3

Wir entscheiden uns für „besser nicht“ und nehmen eine Furtdurchfahrt, bei der wir allerdings dann fast im zähen Schlamm steckenbleiben.

TP Furt 2

Dann kommt die zweite Brücke in ähnlich marodem Zustand, nur schlimmer. An der Brückenauffahrt bricht links und rechts die Befestigung weg, so daß die Reifen für einen Moment in der Luft hängen. Auf der Brücke selbst fehlen sowohl Längs- als auch Querbretter, auch hier wieder große Luftlöcher mit Blick in den zwei bis drei Meter tiefer liegenden Sumpf. Diesmal gibt es keine Alternative in Form einer Furt, sondern nur eine, die „Umkehren“ heißt. Das wollen wir aber nicht, also Augen zu und D R Ü Ü Ü Ü Ü B E R!!! Unser Puls rast, die Brücke hält.

So geht es noch eine Weile weiter, als plötzlich eine Staubwolke vor uns auftaucht. Uns kommt ein MAN entgegen … und wir treffen Ruth und Jürgen wieder, die ersten Deutschen seit wir Hamburg verlassen hatten. Wir hatten die beiden in Chapada auf der ewigen Suche nach Wi-Fi kennengelernt und die Gelegenheit natürlich für einen Schwatz genutzt. Wir beschließen spontan, einen gemeinsamen Stellplatz für die Nacht zu suchen. Gesagt getan, das Lagerfeuer brennt, die Steaks bruzeln, der Wein schmeckt hervorragend und Geschichten aus dem alten und dem neuen Leben werden ausgetauscht. Nach einem gemeinsamen Kaffee am nächsten Morgen trennen sich unsere Wege und wir sind wieder allein.

MAN Ruth und Jürgen

Entlang der Transpantaneira wechselt das Bild ständig zwischen undurchdringlichem Dschungel, mit Termitenhügeln übersätem Weideland, Sümpfen und Landschaften, die an einen englischen Park erinnern.

 

Wir sehen wieder viele Vögel. Highlight ist das Nest zweier Jabirus in einem Baum direkt am Straßenrand und beide Eltern sind gerade zuhause. Der Nachwuchs scheint noch nicht da zu sein.

 

Auf der Rückfahrt Richtung Poconé nehmen wir die Holzbrücken dann schon flott nach dem Motto: Et hätt noch emmer joot jejange…

Blutrausch

There´s no free lunch – auch dieses echte Paradies hat leider einen Makel, und zwar einen, der gewaltig juckt. Eine Hölle, die Dante in seinem Inferno wohl zu erwähnen vergessen hat und in der Hugo und ich, aus welchen Gründen auch immer, nun wohl oder übel schmoren müssen: die Moskitohöllehöllehölle. Zwischen 16.30 und 20.30 Uhr fällt sämtliches Stechgetier des Pantanals im Blutrausch erbarmungslos über uns her. Gringoblut scheint den Insekten hier besonders gut zu schmecken. Egal ob drinnen oder draußen, wir sind chancenlos; unser gesamtes Waffenarsenal an Chemiekeulen versagt kläglich. In den zwei Glasteelichtern auf unserem Tisch draußen sammeln sich so viele Mücken und Falter, daß plötzlich der gesamte Inhalt wie auf dem Scheiterhaufen lichterloh zu brennen beginnt. Auch die feinmaschigen Moskitonetze halten leider nicht alle Insekten ab; irgendwie finden sie immer noch einen Weg, sich von draußen ins Innere des Unimogs zu beamen.

Mit der Fliegenklatsche richten wir – inzwischen selbst völlig entfesselt und im Blutrausch – auf den weißen Wänden im Unimoppel ein regelrechtes Massaker an und erlegen dabei leider auch ein verirrtes Glühwürmchen, welches sein Leben aushaucht und dann noch zwei Stunden lang nachglüht. Das nennt man wohl Kollateralschaden.

Paradiespforte

In Chapada verbringen wir die Nacht an der Abbruchkante zum Pantanalbecken und erleben am nächsten Tag einen wunderschönen Sonnenaufgang. Die Tiefebene wird noch von einer geschlossenen Nebeldecke verhüllt, während darüber auf 800 Metern Höhe schon bei klarem Himmel die Sonne scheint. Nicht bedacht haben wir, daß wir auf dem Plateau wie auf dem Präsentierteller stehen: Es ist noch nicht einmal neun Uhr morgens, da haben wir schon drei Fotoshootings, unter anderem mit der lokalen Feuerwehr, hinter uns. Um doch noch halbwegs zeitig vom Platz wegzukommen wendet Hugo sein probates Mittel an, die intensive brasilianische Kommunikation mit einem Satz zu erschlagen: „Do you speak English?“

Chapada

Fauchend fallen wir etliche Stunden und Kilometer später im Paradies ein. Wir haben die Fazenda Portal Paraiso erreicht, kurz hinter dem Anfang der Transpantaneira. Bei Unimoppel hat sich ein Druckluftkabel durchgescheuert und er pfeift wie ein alter Wasserkessel. Alle Flickbemühungen schlagen fehl, also steht ein Werkstattbesuch in Poconé an, der letzten Ortschaft, bevor es tiefer ins Pantanal hinein geht.

Auf der Fazenda werden wir – ich kann es wieder kaum fassen – von acht lautstark krakelenden Hyazinth-Aras in einem großen Baum begrüßt. Wir richten unseren Stellplatz weit ab vom Haupthaus ein und freuen uns über die Einsamkeit und Stille. Wir sind allein.

Stellplatz Portal Paraiso 2

In der Abenddämmerung kommt ein großer Ameisenbär gemächlich aus dem Dickicht auf der Suche nach Termiten. Auch hier gibt es wieder viele Vögel, die in den Bäumen nisten, Früchte finden oder in den Tümpeln nach Fischen und Schnecken suchen. Von einer kleinen Plattform aus Holz lässt sich das Geschehen 360 Grad verfolgen. Nachmittags krabbelt ein Baby-Caiman durchs Gras. So, wie er auf dem Rücken ausschaut, scheint er unter einer Kuh gedöst zu haben.

Baby Caiman von vorne

Wie auf ein geheimes, für uns nicht wahrnehmbares Zeichen hin strömen im letzen Abendlicht von überall her plötzlich die Pferde, Wasserbüffel, Rinder und Ziegen der Fazenda zusammen. Die Nacht werden sie geschützt in einer großen Koppel nahe dem Haupthaus verbringen, bevor sie sich frühmorgens wieder in den Urwald und das Grasland verstreuen, Tag für Tag im gleichen Rhythmus. Vögel ziehen in großen Schwärmen oder paarweise über uns hinweg und suchen für die Nacht ihre Schlafbäume auf. Dann wird es still.

Lagerfeuer Portal Paraiso

Wir sitzen im Stockfinsteren draußen vor dem Unimog und bewundern den Sternenhimmel und die vielen Glühwürmchen, als wir plötzlich ein Mampfen und Rupfen hören. Im Schein der Taschenlampe sehen wir acht Capivaras, die keine zehn Meter von uns entfernt genüsslich grasen und sich von uns nicht stören lassen.

Capivaras by night

Am nächsten Morgen stehe ich in aller Frühe im Evakostüm in der Dusche, als hinter der Holztür, die ich zum Glück offen stehen gelassen hatte, eine fingerdicke, ungefähr einen Meter lange rotbraune Schlange mit dreieckigem Kopf hervorlugt. Ich rühre mich nicht vom Fleck und sie schlängelt sich im Abstand von 20 cm an meinen nackten Füßen vorbei langsam nach draußen. Auch wenn wir im Paradies sind: Einen Apfel bietet sie mir nicht an.

Nabelschau

Von Rondonopolis aus sind wir auf dem Weg nach Chapada dos Guimaraes, einem Gebirgsplateau mit vielen Schluchten bei Cuiaba. Ganz in der Nähe liegt zwar nicht der Nabel der Welt, aber immerhin der geodätische Mittelpunkt Südamerikas. Da es noch früher Nachmittag ist machen wir uns auf die Suche und treffen prompt auf ein altes Holzschild mit eingeschnitzten Koordinationen und einem Pfeil, der eindeutig nach rechts zeigt. In ein Maisfeld. Okay, es führt dort eine Piste hinein und Pisten mussten wir schon des Öfteren fahren, um irgendwohin zu kommen, warum also nicht? Wir biegen rechts ab und fahren, bis wir an eine nicht weiter beschilderte Kreuzung kommen. Links oder rechts? Wir entscheiden uns für „grobes Richtungsfahren“ und biegen nach links ab. Dann die nächste Kreuzung, diesmal mit drei Optionen, ein Schild ist nirgendwo zu entdecken. So geht es eine ganze Weile mit Kreuzungen weiter bis wir uns inmitten des kilometerlangen Maisfeldes komplett verfranst haben. Bei fast drei Meter hoch gewachsenen Maisstauden rechts und links, vorne und hinten ist es mit der optischen Orientierung dann auch nicht mehr weit her. Also bleibt nur eine Lösung, wenn wir nicht den Track zurückverfolgen wollen: Solange weiterfahren, bis wir wieder auf eine befestigte Straße kommen. Der Nabel Südamerikas ist uns inzwischen egal. Es geht weiter durch endlosen Mais, über eine Holzbrücke, die uns zum Glück trägt und irgendwann haben wir die asphaltierte Straße wieder erreicht.

Wir sind einige Kilometer gefahren, als die Vegetation am Straßenrand plötzlich vollständig weicht und den Blick auf das rund 800 Meter tiefer liegende Pantanalbecken frei gibt. Dann sehen wir ein uns entgegenkommenden Auto rechts abbiegen und fahren hinterher. Wenige Minuten später stehen wir am Nabel Südamerikas und können bei klarem Wetter Hunderte Kilometer weit in die Tiefebene blicken. Ein Panorama, das uns den Atem raubt.

Chapada 2

Chapada 7

Aber der Tag wird noch besser. An der Kante des Plateaus entdecken wir eine Gruppe von Gleitschirmfliegern bei ihren Startvorbereitungen. So schnell, wie Hugo auf dem Dach des Unimogs bei seinem Gurtzeug ist, habe ich noch keine Affen auf die Bäume flüchten sehen! Nach dem obligatorischen Erfahrungsaustausch mit den lokalen Piloten kann es losgehen. Einzige wirkliche Herausforderung ist, daß zwingend top-gelandet werden muß. Hat man kein Steigen und versenkt sich in die Tiefebene, dann landet man unweigerlich im Dschungel des Pantanals und eine Rückholung bzw. Rettung ist langwierig, wenn nicht sogar aufgrund des unzugänglichen Geländes unmöglich. Bei jedem gelungenen Start jubeln die zuschauenden Brasilianer frenetisch und klatschen Beifall. Dann geht Hugo raus und genießt bei soften Luftverhältnissen einen Traumflug entlang der Steilkante.

Chapada 8

Chapada 3

Nach einer guten Stunde landet er – zum Glück oben – und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Chapada 9

Kurz vor Anbruch der Dunkelheit erreichen wir unser Nachtquartier, einen winzigen Camp Ground im Ort Chapada dos Guimaraes. Die Einfahrt gestaltet sich schwierig, da die Stromleitungen für Unimoppel viel zu tief hängen. Wir versuchen, sie mit unserer Angel hochzuschieben, aber es reicht nicht. Dann klettert der Verwalter aufs Autodach, um die Strippen hochzuhalten. Auf meine Frage, ob das auch sicher sei, sagt er nur: „Si si!“ Ich glaube ihm, bis ich später den Duschkopf sehe: Offen liegende Kabel! Egal, wir bekommen Unimoppel jedenfalls auf den Camp Ground rangiert, dessen Fassungsvermögen damit zu 80% ausgelastet ist, und machen uns vorläufig keine Gedanken darüber, wie wir hier wieder rauskommen. Als ich Hugo zum Abendessen dann noch Nudeln mit Bröseln und Spiegelei serviere ist er der glücklichste Mann der Welt.

Prinzenrolle

Mein Herzensprinz ist Hugo ja schon lange, aber ich befürchte, er hat noch andere Ambitionen. Wo immer wir mit Unimoppel auftauchen winken uns die Menschen lachend zu. Auch unterwegs auf der Straße grüßen uns die entgegenkommenden Brummifahrer oftmals laut hupend und wir grüßen natürlich zurück. Hugo hat inzwischen die Kunst des huldvollen Winkens derart perfektioniert, daß selbst die Queen neidisch wäre. Ich habe allerdings die leise Befürchtung, daß er selbst ein royales Amt anstrebt und sich nach unserer Rückkehr in Düsseldorf für die Rolle des Karnevalsprinzen bewirbt.

Agrargigantismus

Wenn wir bisher gedacht haben, die Agrarflächen, die wir unterwegs gesehen haben, seien groß gewesen, dann werden wir jetzt eines Besseren belehrt. Wir fahren durch einen Ozean aus Mais, Zuckerrohr, Soja und manchmal Baumwolle; Felder, die nicht fünf oder zehn Kilometer lang sind, sondern zwanzig, dreißig Kilometer, teilweise sogar noch länger. Die grünen Flächen reichen bis zum Horizont und sind in ihrer Dimension wahrscheinlich vom Mond aus mit bloßem Auge sichtbar. In ihrer Schlichtheit sind sie beängstigenderweise schon fast wieder schön: Monochrome geometrische Flächen vor einem dreidimensionalen weiß-blauen Himmel.

Taquari 4 Doc

Taquari 8 Doc

Taquari 5 Doc

Wie frisch aufgerissene Wunden in der roten Erde scheinen die Fahrwege für die Landmaschinen und ja, der Mensch ist hier in seiner grenzenlosen Gier nach großen Profiten mit seinen John Deeres´und New Hollands´wie ein Raubtier über das Land hergefallen. Abgeerntet bleiben öde braune Flächen zurück, die Erde auf Jahre ausgeblutet.

Taquari 6 Doc

Erst hat man diesem Land seine angestammten Bewohner genommen, so daß man in großem Maßstab Sklaven aus Afrika importieren mußte, mit denen man dann das an Bodenschätzen so reiche Land um sein Gold und Silber gebracht, danach hat man den wertvollen Kautschuk aus den Bäumen gezapft, später wurden die Bäume dann für die Felder und das Vieh gefällt und jetzt nimmt man dem Boden seine Kraft. Irgendwann ist Schluß.

Wir sind im Land von Shell, BR, Dow Chemical und BASF & Co. angekommen, die der Natur mit langen Fingern in die Tasche greifen. Die Mengen an Mais und Zuckerrohr sind nicht etwa für den Verzehr durch den Menschen bestimmt, nicht einmal für die Rinderzucht, sondern alles wandert in die Tanks nimmersatter Autos. Die Rohstoffe werden hier direkt vor Ort in riesigen Fabriken zu Ethanol verarbeitet, dann in große Tanklaster abgefüllt und abtransportiert. Ganze Güterzüge fahren direkt bis in die Felder hinein, Kolonnen von Tanklastwagen stehen wartend auf den großen Parkplätzen vor den Unternehmen. „Bio“-Ethanol ist in Brasilien der mit Abstand billigste Treibstoff und rund 30% günstiger als Diesel. Mobilität bedeutet Fortschritt, in Brasilien wie in jedem anderen Land der Welt. Aber zu welchem Preis für die Natur?

Taquari 3 Doc

Abends erreichen wir im letzten Licht Rondonopolis, eine Kleinstadt mit 180.000 Einwohnern und einer der logistischen Mega-Hubs. Hier kommen pro Tag Tausende von Trucks aus allen Winkeln Brasiliens zusammen und verteilen sich neu in alle Himmelsrichtungen. Die Fernstraße führt als Tangente an der Stadt vorbei und ist über mehrere Kilometer gesäumt von Reifenhändlern, Werkstätten, Tankstellen, kleinen und großen Lanchonetes. Alles dreht sich hier um das Thema LKW und seinen Bedarf. Die Trucks kommen teilweise von sehr weit her und sind restlos schmutz- und schlammverkrustet von der terra rossa. Unimoppel und wir selbst sind auch nicht mehr die Frischesten und so mogeln wir uns auf einer Tankstelle wieder zwischen zwei LKW.

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Über der Stadt hängt ein dichter Schleier aus dem vom Schwerverkehr meterhoch aufgewirbelten Staub der rostroten Erde. Im Licht der untergehenden Sonne entsteht optisch Endzeitstimmung und ich erwarte jeden Moment, daß Bruce Willis lässig aus einem Truck steigt und sagt: „Volltanken, bitte.“

Parque Nacional das Emas

Paul Theroux hat den schönen Satz gesagt: „Tourists don’t know where they’ve been, travelers don’t know where they’re going.” Spontan beschließen wir mal wieder eine Kursänderung und machen einen Abstecher zu einem Biosphärenreservat weiter östlich im Bundsstaat Goias, also in die entgegengesetzte Richtung. Überschlägig rechnen wir abends einen Umweg von rund 400 km aus, das Garmin sagt uns am nächsten Tag, daß es locker über 700 km sind, aber wir fahren trotzdem. Die Fahrt dorthin zieht sich – wieder einmal – entlang Mais- und Zuckerrohrfelder, die zunehmend größer werden. Der Parque Nacional das Emas, benannt nach den großen flugunfähigen Emas (Nandus), ist einer der bedeutendsten Nationalparks in der brasilianischen Buschsteppe und weltweit ein Hot Spot in Bezug auf Biodiversität. Biologen und Wissenschaftler sind hier auf der Suche nach Pflanzen, die zukünftig für Medikamente und Kosmetika eingesetzt werden können. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Aus der Ebene geht es bis über 900 m auf ein immens großes, fast vollständig ebenes Hochplateau hinauf. Oben angekommen, finden wir auf der einen Seite der Fernstraße weiterhin gentechnisch perfektionierte Mais- und Zuckerrohrfelder, auf der anderen Seite den 132.000 ha großen Nationalpark, beide Gebiete nur getrennt durch die zweispurige BR 341. Wir erfahren, daß der Zutritt zum Park nur mit Genehmigung der ICMBio und in Begleitung eines Führers (gibt es sogar auch englischsprachig) möglich ist, aber es ist kein Problem, beides für den nächsten Tag zu organisieren. Am nächsten Morgen finden wir uns am nördlichen Eingang des Parks ein, wo außer dem „Portier“ niemand da ist. Dieser radelt mit seinem Fahrrad los und kommt kurze Zeit später zurück, um uns mitzuteilen, daß gleich jemand käme. Zwanzig Minuten später kommt auch jemand, der schon recht offiziell ausschaut und uns mitteilt, daß gleich der „Guide“ käme. Wiederum zwanzig Minuten später kommt dann auch jemand vorgefahren und stellt sich als unser Parkführer vor, allerdings der englischen Sprache dann doch nicht mächtig ist. Er fragt, woher wir kommen… aus Deutschland … ich frage ihn, ob er vielleicht Italienisch versteht … nein …. dann vielleicht Spanisch … nein … vielleicht eine andere Sprache… Französisch … nein und nochmals nein. Okay, dann wurschteln wir uns halt so durch.

Wir fahren auf Erdpisten in den Park, der Teil der Serra do Calapo ist, der Wasserscheide zwischen dem Amazonas-, Platino- und Pantanalbecken. Schon nach den ersten wenigen Kilometern haben wir den Eindruck, in ein post-apokalyptisches Szenario einzutauchen.

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Die eigenwillige Landschaft ist zu einem großen Teil mit bis zu drei Meter hohem Gras bedeckt, dazwischen prägen Abertausende von Termitenkegeln und knorrige, weit auseinander stehende und oftmals gänzlich unbelaubte Bäume von wenigen Metern Höhe das Bild. Würde nicht ein leiser Windhauch durch die Spitzen des Grases streichen, man würde denken, die Landschaft sei „gefriergetrocknet“ oder durch einen Atomschlag erstarrt.

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Wir können keine Bewegung und fast keinen Laut wahrnehmen, außer dem Pfeifen einiger versteckter Vögel. Kaum zu glauben, daß diese Landschaft Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen ist: Mähnenwölfe, Ameisenbären, Tapire, Pecaris, Lanzenotter, Hirsche, Gürteltiere. Allein 90 verschiedene Säugetierarten sind hier zuhause, insgesamt über 3.000 Species. Wir fahren langsam die 45 Kilometer von Nord nach Süd durch den Park bis zum entgegengesetzten Eingang und dann nach kurzer Pause wieder zurück. Außer Hirschen, Nandus und ein paar anderen Vögeln bekommen wir keine Tiere zu sehen, aber wir sind auch viel zu spät dran. Die beste Zeit ist frühmorgens von 5 bis 7 Uhr; in der Hitze der Mittagszeit dösen die Tiere alle im Schatten, perfekt getarnt durch das hohe Gras. Trotzdem, die spröde Eigenwilligkeit der Landschaft ist beeindruckend. Schaut man genauer hin und nimmt einen Quadratmeter Boden „unter die Lupe“, dann entdeckt man selbst als Laie die Vielfalt.

PDE 12 Doc

Unzählige Pflanzen und Pflänzchen drängen sich auf kleinem Raum, manchmal auf den ersten Blick leblose Äste oder einzelne Blätter, die aus dem Boden wachsen, manchmal nur trockenes Gestrüpp, welches beim nächsten Regen erneut zu Leben erwacht. Zur Trockenzeit fällt hier ein halbes Jahr lang kein Tropfen Wasser und so verfügen viel Pflanzen über ausgeklügelte Fähigkeiten, sich am Leben zu erhalten.

Ich denke an die Mais- und Zuckerrohrfelder auf der anderen Straßenseite. Vor gar nicht einmal allzu langer Zeit hat das gesamte Hochplateau noch so ausgesehen und kurz vor knapp hat zum Glück jemand die unschätzbaren Ressourcen erkannt, die Reißleine gezogen und der völligen Vernichtung dieser einzigartigen Fauna und Flora Einhalt geboten.

Kurz vor Sonnenuntergang sind wir zurück am Nordtor. Unser „Guide“ hat freiwillig während der gesamten Zeit so gut wie keine Informationen gegeben; wenn wir etwas wissen wollten , dann mussten wir dies mühselig erfragen und die Antworten waren dann einsilbig und alles andere als zufriedenstellend. Nachdem wir abschließend den Parkeintritt – den wir ganz offiziell quittiert bekommen – und die Gebühr für den Guide – die wir nicht quittiert bekommen – gezahlt haben, kann der Mensch plötzlich sprechen, und zwar recht verständlich auf Deutsch! Er erzählt uns brühwarm, daß seine Großeltern aus Deutschland stammen und nach Brasilien ausgewandert sind. Ich bekomme Schnappatmung, zwinge mich dann aber dazu, diesen Vorfall mit buddhistischer Gelassenheit über mich hinwegrauschen zu lassen, weil ich uns den ansonsten schönen Tag nicht versauen möchte. Auf solche Idioten trifft man leider ab und zu, aber zum Glück ausgesprochen selten.

Wieder zurück auf der Straße, die Nationalpark von Agrarland trennt, fahren wir am späten Nachmittag Richtung Nordwesten weiter und entdecken zu unserem Entsetzen zwischen den Feldern immens große Gruben mit Müll, primär Plastik. Nach dem Motto „Aus den Augen aus dem Sinn“ schieben große Bagger einfach einen Meter rote Erde darüber und das war es. Wir sind etwas fassungslos. Naturschutz auf der einen Seite, und dann dieses…wie passt das zusammen?

In Alto Taquari finden wir abends an einer Tankstelle wieder einen Schlafplatz und quetschen uns zwischen die großen 80-Tonner-Trucks. 7-, 8- und 9-Achser, die Doppeltanks beladen mit jeweils 60.000 Litern Treibstoff. Um uns herum stehen davon 10 bis 12, irgendwie kein gutes Gefühl und den Gedanken „Was ist eigentlich wenn…“ schieben wir schnell beiseite.

Ziemlich beste Freunde

In den vergangenen Monaten hat sich zwischen Hugo und Unimoppel eine fast symbiotische Beziehung gebildet. Der eine kann nicht mehr ohne den anderen. Liebevoll wird mit der Infrarotpistole regelmäßig die Temperatur des Motors oder der Vorgelege gemessen – manchmal auch die des Lagerfeuers oder die von umherlaufenden Hühnern -, alle 1.000 km ein Liter Öl nachgefüllt (mit seinen dreißig Jahren ist Unimoppel schon ein Oldtimer und darf ein legitimes Laster haben), die Anzeigetafel für Energie- und Wasserversorgung hin- und hergeschaltet, die Solarzellen auf dem Dach von Laub und Staub befreit, Diesel von einem Tank in den anderen umgepumpt und so weiter und so fort. Zum Glück bin ich nicht der eifersüchtige Typ …

Da wir erst auf die allerletzte Minute vor unserer Abreise im Februar mit dem Ausbau der Wohnkabine fertig geworden sind, hatten wir keine Gelegenheit, unser rollendes Zuhause gründlich zu testen. Wir sind eine Nacht offroad im Halberbrachter Wald herumgerumpelt, mehr oder weniger im Blindflug, da die Zusatzscheinwerfer noch nicht angebracht waren, aber das war´s auch schon. Zu mehr Tests reichte die Zeit einfach nicht mehr. An Bord der Grande San Paolo haben wir uns manches Mal gefragt, ob wir nicht vollkommene Idioten sind, gleich die erste Tour direkt in Südamerika zu starten. Mut und Dummheit sind bekanntlich Geschwister…

Bisher funktioniert alles überraschend gut und wir sind sehr zufrieden. Unimoppel bewährt sich bestens. Nach längeren Fahrten auf rappeligen Erdpisten hat er manchmal die ein oder andere Schraube locker, die dann nachgezogen werden muß, die Temperaturanzeige für den Motor haben wir ausgetauscht und ab und an zieht die Trinkwasserpumpe Luft, aber das ist auch schon alles an Kinderkrankheiten.

Bei sehr steilen Bergauffahrten verlangsamt sich die Fahrt allerdings so drastisch von 70 kmh auf gefühlte 3 kmh, daß ich denke: „Jetzt rollen wir gleich jeden Moment rückwärts“ und Herzjagen bekomme, aber das sind die Momente, wo Hugo mir beruhigend auf´s Knie klopft und sagt:“Schatz, wir haben noch zwei …(Gänge)“. Okay, bis zu den gewaltigen Andenpässen müssen Unimoppel und ich an unserer Beziehung wohl noch etwas arbeiten.

Und Schweine können doch fliegen

Von Campo Grande aus fahren wir nordwärts und nähern uns immer mehr dem geographischen Mittelpunkt Südamerikas. Wir legen einen Stopp auf der Fazenda Cachoeira das Palmeiras hinter Coxim ein, wo wir … die Überraschung ist perfekt … Ursi und Urs wiedertreffen, die aus dem Norden kommen und jetzt in einem ziemlichen Ritt zurück nach Montevideo müssen, um ihren Heimflug Ende Juni zu bekommen.

Urs und Ursi Doc

Unser Stellplatz auf der Fazenda liegt sehr schön in der Nähe eines kleinen Wasserfalls, der nicht sehr hoch, aber dafür schön breit ist. Außer uns sind noch einige Brasilianer da, die im Fluß angeln wollen.

Cachoeira das Palmeiras  Stellplatz Doc

Zur Fazenda gehören neben den vielen Rindern auch Pferde, Hühner, eine Katze und ein Schwein, welches wir den ganzen Nachmittag immer wieder grunzen hören, aber nicht zu Gesicht bekommen. In den Bäumen des nahen Waldes springen einige Äffchen von Baum zu Baum und im dichten Unterholz rascheln einige Tiere von der Größe eines Hasen, die wir sehen, aber nicht kennen. Nachmittags fliegen lautstark drei Gelbbrust-Aras ein, um die Früchte in den großen Palmen zu verspeisen und eine Art Specht klopft sich seine Mahlzeit aus einem Baum.

Cachoeira das Palmeiras  Gelb Ara  Doc

Abends streunt Hugo weiträumig über das Gelände, um Holz für unser Lagerfeuer zu sammeln, aber auch er kann das grunzende Schwein immer noch nicht entdecken.

Cachoeira das Palmeiras Unimoppel Doc

Wo versteckt es sich bloß? Wir vermuten sogar, daß es vielleicht ein Wildschwein ist; der Wald fängt direkt an unserem Stellplatz an. Irrtum! Am nächsten Morgen sitzt das Schwein über uns im Baumwipfel und hat einen gelben Schnabel.

Marmitex

Es ist Mittagszeit und wir steuern eines der einfachen, aber gut besuchten Straßenrestaurants in Downtown Campo Grande an. Eine Speisekarte am Tisch gibt es nicht, aber an der Wand hängt eine Tafel, auf der sieben oder acht Gerichte aufgeführt sind. Was sich hinter den eigenwilligen Namen verbirgt erschließt sich uns auch bei intensivem Nachdenken nicht, noch nicht einmal ob Fleisch, Fisch oder Huhn, daher entscheide ich mich für das mit dem lustigsten Namen: Marmitex. Es gibt auch noch Marmitex Special, aber das ist – vemute ich – bestimmt eine große Portion von Marmitex und so groß ist mein Hunger auch wieder nicht. Hugo schließt sich mir an und dann wird es wirklich lustig.

Ich bestelle beim Kellner in perfektem Brasilianisch- das schaffe ich inzwischen schon ganz gut – zwei Mal Marmitex und eine große Flasche Cola. Er schaut mich leicht irritiert an und stellt mir eine Frage. Die zu enträtseln schaffe ich dann schon nicht mehr ganz so gut. Ich meine zu verstehen, daß er wissen möchte, ob wir an diesem Tisch essen möchten, und ich denke: „Was für eine doofe Frage: Erstens hast du uns gerade erst diesen Tisch zugewiesen und zweitens sind alle anderen im Restaurant besetzt“, aber ich schenke ihm mein strahlendstes Lächeln und sage selbstbewußt: „Si, cierto!“ Woraufhin er mich erst recht verständnislos anschaut und seine Kollegin zur Hilfe holt, die dann ihren etwa 18jährigen Sohn hinzuzieht. Erwartungsvoll schauen die beiden mich an und noch immer lächelnd wiederhole ich unseren Wunsch und denke mir nichts dabei: Zwei Marmitex und eine große Flasche Cola und ja, hier an diesem Tisch, bitte.

Die Kollegin lächelt mich unverändert an, zieht zeitverzögert dann die Unterlippe zwischen die Zähne und die Augenbrauen hoch, schaut nachdenklich erst zum Kellner, dann zu mir, zu Hugo, wieder zum Kellner, in ihren Augen unverkennbar große Fragezeichen. Sie zuckt hilflos mit den Achseln, offensichtlich bleibt es ihr ein Rätsel, was wir wünschen. Der Junge sieht seinen Einsatz kommen, zückt hilfsbereit sein Handy, tippt in atemberaubender Geschwindigkeit wie es nur Teenager können etwas auf brasilianisch in das Übersetzungsprogramm und hält Hugo dann das Display vor die Nase. Der liest laut den folgenden Satz vor: „Even if you serve the food.“

??? Heißt das, wir sollen uns am Buffet selbst bedienen??? Nein, auch damit liege ich falsch. Wir grinsen uns an, erst Hugo und ich, dann wir alle fünf. Inzwischen amüsieren sich auch die Gäste an den Nachbartischen über die beiden Gringos. Mittlerweile ist klar, daß sie hier gerade Zeugen eines mittleren Kommunikationsgaus sind. Ich kann mich vor Lachen kaum noch halten, nehme nochmals einen Anlauf, erst auf italienisch, dann auf spanisch, der Kellner und seine Kollegin versuchen es gemeinsam mit wilder, aber bezeichnender Gestik und dann macht es plötzlich „Bingo“ in meinem Kopf! Marmitex bedeutet Take Away! Ist doch ganz klar, oder? Wir signalisieren, daß wir endlich verstanden haben, und bestellen dann für Hugo “irgendetwas mit carne! (Fleisch) und für mich „irgendetwas mit frango“( Hühnchen) und bekommen beides prompt serviert. Geht also doch…

Anpfiff in Campo Grande

Wieder zurück auf der Fernstraße nehmen wir Kurs auf Campo Grande und fahren rund 280 km ostwärts. Eigentlich interessieren uns die großen Städte nicht sonderlich und wir wollen in der Nähe von Campo Grande nur eine Tankstelle als Zwischenstopp und Übernachtungsplatz ansteuern. Als wir ankommen ist es noch früh und wir beschließen, einmal die Ost-West-Achse, die Avendia Afonso Pena, mitten durch das Stadtzentrum zu fahren. Ist der erste Eindruck positiv, dann bleiben wir, wenn nicht, dann fahren wir „hinten“ wieder raus aus der 750.000-Einwohner-Stadt.

Die Entscheidung fällt nicht schwer: Campo Grande präsentiert sich von der besten Seite. Sehr sauber, modern und tiefenentspannt. Wir bleiben, und finden zentrumsnah einen Stellplatz an der Straße vor einem Hostel, etwas laut, aber dafür sicher. Von hier aus können wir alles gut zu Fuß und mit dem Bus erreichen. Nach so viel Natur in den letzten Tagen ist uns jetzt nach etwas Kultur und quirligem Leben: Wir besuchen den überdachten Mercado Publico mit seinen unzähligen Ständen und erstehen verschiedene Gewürze, die wir nicht kennen, und die fünfte (!) scharfe Soße. Anschließend kaufen wir spontan zwei Bustickets und fahren zum Parque das Nacoes Indigenas am anderen Ende der Stadt, um das Museu das Culturas Dom Bosco zu besuchen, welches mit über 5.000 Exponaten einen Einblick in das Leben der Ureinwohner dieser Region gibt. Wir sind begeistert von dem kleinen, feinen Museum. In gut überlegtem, zurückhaltendem Ambiente werden handgefertigte Waffen, filigraner Schmuck, Musikinstrumente, Gefäße und Werkzeuge der Indianer ausgestellt. Dazu Kopfschmuck aus Federn, der schöner nicht sein könnte. Philip Tracey würde vor Neid erblassen! Auf großen Tafeln wird nicht nur die Geschichte der vielen unterschiedlichen Indio-Stämme erklärt, sondern auch die heutige geographische Verbreitung. Traurig zu sehen, daß einige Stämme ganz ausgestorben sind und es von manchen heute nur noch gerade einmal 600 Nachfahren gibt.

Auf dem Rückweg zur Busstation sehen wir, daß im Park eine große Leinwand und Lautsprecher aufgebaut werden. Morgen ist WM-Auftakt; Brasilien spielt gegen Kroatien. Im Vorfeld hatten wir immer wieder von schweren Massenausschreitungen gehört und entschieden, public viewings in großen Städten zu meiden, aber da auch der zweite Eindruck von Campo Grande eindeutig entspannt ist beschließen wir, das Spiel live im Kreise der Brasilianer mitzuverfolgen. Eine bessere Gelegenheit werden wir nicht mehr haben. Wir schmücken Unimoppel rechts und links mit grün-gelben Bannern und am nächsten Tag fahren wir zum Park.

Fan mit grüner Perücke Doc

Es ist eine einzige Show! Als wir ankommen, ertrinken wir in einem gelb-grünen Meer. Niemand, der nicht mindestens ein T-Shirt, eine Perücke, eine Flagge oder Gesichtsbemalung in den brasilianischen Nationalfarben trägt, am besten gleich mehreres zusammen. Mit meinem langweiligen schwarzen T-Shirt – und ja, wieder einmal den schwarzen Leggins – bin ich das sprichwörtliche scharfe Schaf und fühle mich wie ein Pickel auf Schneewittchens Teint. Als die brasilianischen Nationalspieler ins Stadion einlaufen bricht um uns herum infernalischer Jubel aus und die Sambatrommel dröhnt bis zur Copacabana. Die Brasilianerinnern haben sich aufgebrezelt wie für die Disco: Knappste Shirts, noch knappere Shorts und Ultrahighheels, aber zur Brasilianerin (und zum Brasilianer) verraten wir an anderer Stelle mehr.

Die Diven von hinten Doc

Hugo und ich sind so mit people watching beschäftigt, daß wir das 1:0 für Kroatien nicht mitbekommen. Bei allen Toren, die Brasilien schießt, bricht minutenlang frenetisches Gejubel aus. Als das Spiel vorbei ist, sind wir längst von der ausgelassenen Stimmung angesteckt und fahren laut hupend mit Unimoppel im Konvoi zurück in die Stadt.

PS: Mit Doppelclick auf die Bilder könnt Ihr sie öffnen und in vollem Format anschauen.

Zwei Girls und ein Mann Doc

Emergency Room

Seit einigen Tagen trage ich einen imaginären weißen Kittel und ein rotes Kreuz auf der Stirn. Hugo hat eine üble Entzündung im Zeh – die Details ersparen wir Euch – , die behandelt werden muß. Ich sehe zwar nicht aus wie George Clooney, aber Fußbäder, Jodbehandlungen und Bandagen bekomme ich hin. Hugo ist ein vorbildlicher Patient, klagt und jammert nicht und lässt alles tapfer über sich ergehen. Zur Belohnung gibt’s nach der abendlichen Behandlung eine Dose Skol-Bier.

Sackgasse

Der Abschied von der schönen Fazenda Sao Joao fällt uns schwer, aber wir wollen weiter bis Corumba und begeben uns wieder auf die Estrada Parque do Pantanal. Wir kommen genau bis zur Curva do Leque, dann ist Schluß.

Curva do Leque Doc

Wir sprechen mit drei LKW-Fahrern, die ebenfalls nicht weiter kommen und umkehren müssen. Es steht noch zu viel Wasser in der verbleibenden Strecke, selbst mit Unimoppel, der Tiefen bis 120 cm durchwaten kann, ist es nicht zu schaffen. Maximal fünf Kilometer könnten wir noch fahren, aber der Damm selbst ist so durchweicht, daß wir den Wagen nicht mehr wenden könnten. Wir sehen ein, daß es hier nicht weitergeht, aber vielleicht ja in die andere Richtung? Es gibt noch einen alten Weg, der quer durch das Pantanal führt und für uns eine Abkürzung nach Coxim böte. Wir fragen nach, erhalten aber die gleiche Antwort: Ebenfalls noch viel zu viel Wasser für die Jahreszeit. Alle Fazendas in östlicher Richtung sind durch das Hochwasser komplett abgeschnitten. Die Regenzeit hat sich spürbar nach hinten verschoben; der Klimawandel macht auch vor dem Pantanal nicht halt. Wir sind einsichtig, kehren um und werden stattdessen den Pantanal über die BR 262 und BR163 großräumig umfahren, um über Coxim nach Cuiabá zu gelangen.

Tunnel Doc