… to you, happy birthday to you, happy birthday liebste Dina, happy birthday to you! In ein paar Tagen wird in La Paz nachgefeiert! Wir freuen uns auf Dich!
… to you, happy birthday to you, happy birthday liebster Hugo, happy birthday to you!
Heute wird nicht nur Hugos Geburtstag gefeiert, sondern das Land Bolivien begeht auch seinen Nationalfeiertag. Hugo, Flo und Yannic beschließen, den Tag auf der berüchtigten Death Road, der Abra La Cumbre, zu verbringen. Dazu später mehr…
Mit den beiden Jungs unternehmen wir zwei Ausflüge, um uns einen Überblick über die wichtigste Stadt Boliviens, Dreh- und Angelpunkt von Politik, Wirtschaft und Tourismus, zu verschaffen. Mit einer neuen, von einem österreichischen Unternehmen gebauten Seilbahn fahren wir bis auf die Kante von El Alto. Der Blick aus der Luft ist spektakulär: Die 2 Mio Einwohner-Stadt zieht sich aus dem windgeschützten tiefen Talkessel rund 1.000 Meter die Berghänge hoch, überragt von den schneebedeckten Gipfeln der Cordillera Real.
Das Stadtbild ist geprägt von modernen, nicht immer schönen, Hochhäusern in der tief gelegenen Innenstadt und unzähligen ärmlichen Lehmhütten, die wie braune Schwalbennester dicht an dicht an den steilen Hängen kleben, bis sie am Rand des Altiplanos an den tiefblauen Himmel stoßen. Leben in La Paz kann auf eine simple Formel gebracht werden: Je tiefer man wohnt um so wohlhabender ist man und desto dicker ist die Luft zum Atmen.
Aus der Gondel erkennen wir, daß sich weitere Seilbahnen im Bau befinden, die offensichtlich die verschiedenen Stadtteile zukünftig à la Wuppertal miteinander verbinden sollen. Das ist mal eine gute Idee, denn der Verkehr ist mörderisch und ein U-Bahn-Bau kaum möglich. Und wem haben wir dieses Projekt zu verdanken? Meinem speziellen Freund Senor Morales, der sich zumindest auf großformatigen Plakaten damit einmal mehr unübersehbar schmückt.
Am nächsten Tag fahren wir mit dem Bus zwei Stunden durch La Paz und schauen uns die Stadtviertel etwas genauer an. Am Paseo El Prado, die Lebensader der Stadt, wechseln sich koloniale Prachtbauten mit modernen Geschäfts- und Bürohäusern ab. Viele Häuserfronten sind mit Graffity bedeckt, teilweise sehr kunstvolle und farbenfrohe Bilder aus der Andenkultur, aber meistens leider nur gewöhnliche Schmierereien.
Die Innenstadt wimmelt vor Menschen: Indigenas in ihren bunten Andentrachten, die an kleinen Straßenständen Obst, Gemüse, Süßigkeiten oder Brot anbieten, Geschäftsmänner und –frauen in Hosenanzügen, junge Menschen in Jeans und T-Shirt, Gaukler, die Zauberkunststücke vorführen, Nonnen in ihren tristen Gewändern, Männer, die Fossilien verkaufen möchten …
Hinter der barocken Basilica San Francisco mit ihrem wuchtigen Glockenturm bummeln wir durch die steil ansteigende Calle Sagarnaga, wo es Pullover und die typischen Ponchos aus Alpakawolle, alte Stoffe, bunte Taschen mit Indio-Mustern und Llama-Felle zu kaufen gibt. In der Calle Linares, der Zaubergasse oder dem Hexenmarkt, verkaufen alte Frauen mit zerfurchten Gesichtern Heilpflanzen, Steine, geheimnisvolle Pülverchen und allerhand Mittelchen gegen Krankheiten oder böse Geister. Hier entdecken wir an den Verkaufsständen auch erstmals die Llama-Embryos, die als Glücksbringer beim Hausbau in die vier Ecken eingemauert werden.
In diesem Monat kommen 66% unserer Kinder zu Besuch, die fehlenden 33% dann im kommenden Jahr. Florian und sein Freund Yannic landen heute früh um kurz nach 5.00 Uhr in El Alto. Wir stehen auf dem Flughafen in der dünnen Luft hinter der Glasscheibe und sehen die American Airlines Maschine in der Dunkelheit einschweben. Ihre Parkposition ist direkt vor uns und so können wir aus nächster Nähe die Passagiere über die herangerollte Treppe aussteigen sehen. Wir schauen und schauen, aber kein Flo und kein Yannic in Sicht. Haben sie den Anschlussflug in Miami verpasst? Hat der Zoll in Miami sie mit unseren ganzen Bestellungen (diverse Ersatzteile für den Mog, ein Pad, Ceranfeldreiniger, Nutella usw.) nicht weiterreisen lassen? Langsam werden wir nervös, was den in der dünnen Luft ohnehin schon beschleunigten Puls nochmals erhöht, aber dann, als letzte Passagiere, steigen die Zwei aus. In kurzen Hosen auf über 4.000 Metern bei Minusgraden! Wir freuen uns!
Während Hugo in der Luft ist besuche ich den sehr schön angelegten Zoo in der Nähe des Landeplatzes, der fast ausschließlich hier in Bolivien beheimatete Tiere der Hochebenen, der Nebelwälder und des Dschungels beherbergt. Neben Andenbären, Affen, Schlangen und verschiedenen Vögeln gibt es auch eine unerwartet große Vielzahl von Raubkatzen, Kondore und natürlich Llamas. Einziger Exot, der nicht hier hin gehört, ist ein Löwe, der vermutlich aus irgendeinem Zirkus stammt und hier eine neue Heimat gefunden hat.
Mein Herz schlägt für die seltenen Vicunas mit ihrem zarten Körperbau und ihren übergroßen langbewimperten Augen. Ein zutrauliches Vicuna-Mädchen lässt sich von mir sogar genüsslich am Kopf kraulen, aber dann kommen zwei Hengste mit angelegten Ohren angaloppiert, stellen sich auf die Hinterbeine, legen die Vorderläufe auf das Gatter und schleudern eine gewaltige Ladung Rotz in meine Richtung. Zum Glück bin ich rechtzeitig einige Meter zurück gewichen, so daß sie ihr Ziel verfehlen.
Vicunas wurden wegen seiner seidenfeinen Wolle, der teuersten Naturfaser der Welt (Kilo = ca. EUR 500), fast ausgerottet und sind heute nur Dank strengster Schutzbestimmungen wieder in den Hochanden zu finden. Durch ihre spezifischen Bluteigenschaften können die Tiere sowohl in Höhen bis zu 5.000 Metern als auch in wüstenartigen Hochsteppen überleben.
Hier im Zoo bietet sich die einmalige Gelegenheit, auch die riesenhaften Kondore aus der Nähe zu betrachten. Nicht gerade mit Schönheit gesegnet beeindrucken sie durch ihren Körperbau und ihre ungeheure Spannweite von über 3 Metern. Aber nichts und niemand ist nur häßlich und so haben die Kondore zauberhafte schneeweiße Federkränzchen um ihren Hals, um die sie Prinzessinnen beneiden würden. Leichte thermische Aufwinde reichen aus, um den Kondor in Höhen von über 5.000 Metern zu tragen. Bei den Inka wurde der der König der Anden als heiliges Tier, als Symbol des Lichtes und der Sonne, verehrt.
In Cochabamba haben wir das erste Mal Chuno gegessen. Bröckelig, mehlig, aber erdig aromatisch und ganz eindeutig eine Kartoffel. In den Andenländern gibt es, neben rund 100 wilden Sorten, 4.000 Kartoffelsorten, die kultiviert werden, allein in Peru 2.500. In Peru kann der Beginn der Kartoffelkultivierung auf 3.500 Jahre v. Chr. Datiert werden.
Chuno ist eine Bitterkartoffel, die in den Anden bis auf eine Höhe von 4.500 Metern wächst. Nicht Peter von Frosta hat die Gefriertrocknung erfunden, sondern die Bewohner des andinen Hochlandes haben dieses Verfahren zur Haltbarmachung entwickelt. Hier in diesen Höhen sind die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht sehr groß. Nachts werden die geernteten Kartoffeln dem Frost ausgesetzt, tagsüber in der starken Sonne wieder getrocknet. Dadurch verlieren die Kartoffeln stark an Gewicht und Volumen. Vor der letzten Trocknung drücken die Andenbauern das letzte Wasser mit den Füßen aus den Kartoffeln. Danach sind sie bis zu 10 Jahre haltbar und leicht in die Vorratslager zu transportieren. Auf diese Weise konnten und können sich die Andenbewohner vor Hungersnöten und Missernten schützen. Ein unschätzbares Wissen für die Zukunft.
Uns waren mehrfach die unglaublich vielen Hunde aufgefallen, die entlang der großen Fernstrecken im rechten Winkel zur Fahrbahn fast auf der Straße liegen. Hund folgt auf Hund, alle paar hundert Meter ein neuer auf beiden Seiten der Straße. Wir hatten uns gewundert, was es damit auf sich haben könnte, da es bei so viel Land und Weite erheblich bessere Plätze für Hunde zum Herumliegen gibt. Dann werden wir Zeuge, wie ein großer LKW heranbraust, auf der Beifahrerseite das Fenster herunter gelassen und eine große Mülltüte herausgeschleudert wird. Der eben noch dösende Hund springt auf, sprintet in Lichtgeschwindigkeit neben dem LKW her, fängt die fliegende Tüte noch fast in der Luft und fleddert sie dann am Straßenrand auf der Suche nach Eßbarem. Es sind Müllhunde, die gelernt haben, auf fliegende Plastiktüten zu warten. Müllhunde, die sich perfekt an die unschöne Gewohnheit der Bolivianer angepasst haben, ihren Müll gedankenlos in die Umwelt zu entsorgen, egal ob dieser organisch ist oder nicht.
Wir haben in dem kleinen Ort Caracollo übernachtet und als wir am nächsten Morgen wach werden stellen wir fest, es ist Sonntagsmarkt. Von überall her rollen Taxis, Motorräder, LKW, Reisebusse und sonstige fahrbare Untersätze an, aus denen Unmengen an Menschen purzeln.
Wir lassen uns die Gelegenheit nicht entgehen und bummeln im Ort umher. Bunter kann ein Markt nicht sein: Von Gemüse bis zu Coca-Blättern, von Autoersatzteilen bis zu Lamas und Schafen, von gekochten Hühnerherzen bis zu bunten Spitzenröcken, von Waschmitteln bis zu medizinischen Heilkräutern, hier gibt es alles zu kaufen. Es geht beschaulich zu, das Verkaufsgespräch ist nicht beschränkt auf den Tausch von Geld gegen Ware, sondern man nimmt sich viel Zeit für einen ausgiebigen Plausch. Wie in alten Zeiten ersetzt der Markt hier noch immer die Zeitung und erhält die Gemeinschaft.
Schafe liegen an Vorder- und Hinterbeinen gebunden blökend auf dem Boden, nur die Lämmchen dürfen frei umherlaufen, bewegen sich aber nicht von ihrer Mutter weg. Lammfromm halt.
Nach erfolgreichen Verhandlungen nimmt der Käufer die Schafe rechts und links am Seil zwischen den Beinen wie zwei Einkaufstaschen und schleppt sie kopfüber fort. Sie werden entweder auf einen robusten Anhänger geladen, auf die Rückbank eines Taxis gestopft oder aber – die abenteuerlichste Version, die wir sehen – neben die Gepäckstücke auf dem Dach eines so schon völlig überladenen Overlanders geschnallt. Ein Herz für Tiere kennt man hier nicht.
Caracollo ist kein touristischer Ort und dementsprechend begegnen uns die Menschen. Nicht unfreundlich, aber misstrauisch und verschlossen, manchmal abweisend. Ein offenes Lächeln und ein freundlicher Blick werden nicht unbedingt erwidert. Wir sind hier Fremdlinge und fühlen uns auch so.
Über die fast schnurgerade Straße geht die Fahrt über das Hochplateau weiter Richtung La Paz. Die Landschaft ist wie am Vortag eine eintönige Halbwüste, trockene Weiden und einige weiße Salzflächen säumen die Fahrbahn rechts und links bis hin zu den sanften beige-braunen Hügeln am Horizont.
Dann, wie eine Fata Morgana, wie ein gestrandeter Eisberg, wie ein weißer Baiser aus Eischaum und Puderzucker, schiebt sich auf der rechten Seite zwischen zwei Hügeln die schneeweiße Kuppe des Illimani (6.439 m) in den Blick.
In der glasklaren Luft scheint er zum Greifen nah. Wenige Kilometer weiter wird auf der linken Seite dann auch der Vulkankegel des Sajama (6.542 m), 240 Kilometern entfernt an der Grenze zu Chile und höchster Berg Boliviens, sichtbar.
Und dann ist der Moment da, in dem am Horizont vor unseren Augen die Cordillera Real, die Königskordillere, plötzlich mit ihren eisgepanzerten Gipfeln im klaren Licht des Nachmittages wie eine übergroße Fototapete sichtbar wird. Wir fahren im rechten Winkel direkt auf die Bergkette zu, zu deren Füßen tief im Talkessel La Paz liegt, und halten den Atem an. Die europäischen Alpen sind beeindruckend, die Rocky Mountains im Westen Nordamerikas auch, aber dieses Panorama ist schlichtweg atemberaubend und treibt uns für einen Moment die Tränen in die Augen. Vor uns liegen die schneebedeckten Gipfel in ihrer ganzen königlichen Pracht: Die Grupo Condoriri (5.648 m), der Huayna Potosi (6.088 m), der berühmte Chacaltaya (5.395 m) mit seinem inzwischen geschmolzenen Gletscher, der Mururata (5.858 m),der Illimani (6.439 m) und unzählige weitere Gipfel mit über 5.000 Metern.
Nachdem wir den Kontrollpunkt der Militärpolizei passiert haben führt unsere Route durch die auf dem Rand des Altiplano gelegene sozial schwache Zwillingsstadt von La Paz, El Alto. Da Garmin zur Zeit noch keine Bolivien Software anbietet haben wir uns eine bolivianische Freeware auf das Handy geladen und folgen nun ihren Anweisungen, kombiniert mit dem bewährten Richtungsfahren. Wir wollen zum Hotel Oberland, dem Treffpunkt der Globetrotter in La Paz im Stadtteil Mallasa nahe dem Valle de la Luna. Nach etlichen Kilometern auf schnurgerader Straße durch El Alto weist uns das Navi an, rechts abzubiegen. Die Richtung stimmt, also folgen wir und stürzen uns mit dem Unimog auf einer Schotterpiste fast 1.000 Meter talwärts durch bizarre Stein- und Erdtürme, Säulenpyramiden, und Felsnadeln, geformt durch Erosion und klimatische Gegensätze.
Keine Frage, die Richtung stimmt noch immer, es ist das Valle de la Luna, aber wir bezweifeln, daß es der offizielle Weg nach Mallasa ist. Minuten später bekommen wir eine blinkende Nachricht auf unser Handy: „Thank you very much for improving our software. You receive 24 bonus points.“ Ob der Weg eine Verbesserung ist sei mal dahin gestellt. Wir haben eher die Befürchtung, daß jetzt zukünftig alle armen Teufel diesen Steilhang hinuntergejagt werden.
Nach Wochen ohne eine einzige Begegnung mit anderen Travellern treffen wir jetzt im Hof des Hotels gleich auf drei Wagen aus Deutschland (2x Bamberg, 1x Berlin) und einen aus UK. Das „Hallo“ ist immer groß bei solchen Treffen, es folgt der übliche Austausch bei Bier und Wein und für den nächsten Abend wird gemeinsames Grillen verabredet. In der Nacht gesellt sich noch ein Pärchen aus der Schweiz dazu und damit ist der Hof zugeparkt.
Unser nächstes Etappenziel auf dem Weg nach La Paz ist Oruro. Die Ruta 4 schraubt und windet sich entlang steiler Felswände unaufhörlich die Ostflanke der Anden hinauf. Leitplanken gibt es nur selten, was die Fahrer von LKW, Bussen und Autos aber nicht von waghalsigen Überholmanövern abhält.
Die Pässe sind gesäumt mit unzähligen kleinen Giebelhäuschen geschmückt mit Blumenkränzen, filigranen Metallkreuzen oder kleinen weißen Engeln aus Marmor zum Gedenken der Unfallopfer, die hier ihr Leben im bodenlosen Abgrund neben der Fahrbahn ließen. Manchmal stehen in Kurven acht, neun Häuschen nebeneinander, auf einigen Tafeln stehen bis zu zwanzig Namen. Ganze Familien, ganze Reisebusse, die hier in die Tiefe stürzten. Auf glatten Felswänden sehen wir immer wieder fromme Sprüche in weißer Farbe gepinselt: „Herr Jesus Christus, wir legen unser Leben in Deine Hände, bitte beschütze uns“. Wie wäre es denn einfach mal mit langsamer fahren? Aber es ist ja so viel leichter, die Verantwortung für das Leben an irgendeinen Gott abzugeben.
Nachdem wir den La Cumbre-Paß mit knapp 4.500 Metern überwunden haben erreichen wieder das waldlose und trockene Hochlandbecken des Altiplano zwischen West- und Ostkordilleren. Unterwegs sehen wir die ersten Llamas.
Der Altiplano erstreckt sich auf einer Höhe von 3.600 – 4.200 Metern auf einer Fläche von 700 km Länge und 200 km Breite. Das heißt: Einmal auf dieser Höhe kommt man so schnell nicht wieder hinunter. Trotz der Höhenlage und Trockenheit ist der Altiplano das Siedlungsgebiet Boliviens; rund 80% der Bevölkerung lebt hier, überwiegend noch in den traditionellen, mit Stroh oder Wellblech gedeckten winzigen Lehmhäusern. Aber die Moderne hat auch hier Einzug gehalten, wenngleich noch nicht wirklich spürbar, aber auf jeden Fall unübersehbar. Das Mobilfunkunternehmen tigo hat offensichtlich einen Trupp die Ruta 4 entlang gejagt mit der Aufgabe, möglichst viele Bauern dazu zu bewegen, ihr Häuschen vollständig tigo-blau streichen zu lassen. So ist der Weg entlang der Ruta 4 jetzt blaugetupft.
Vermutlich haben die Bewohner als Gegenleistung dafür eine Handvoll Bolivianos, ein Huhn oder einen Sack Reis erhalten. Das auf die Häuserwände gepinselte großspurige Versprechen, auf der gesamten Ruta 4 eine dauerhafte gute Internetverbindung zu gewährleisten, kann tigo allerdings nicht halten.
Die Sonne brennt unbarmherzig von einem wolkenlosen Himmel, auf dem gesamten Altiplano gibt es nicht einen Baum oder Strauch, der Schatten wirft und wir fahren Stunde um Stunde bei gleißendem Licht auf gleichbleibender Höhe. Staub dringt durch alle Öffnungen, die Nase verstopft, der Rachen fühlt sich wie Sandpapier an, obwohl Hugo und ich – Entschuldigung – schon Wasser saufen wie die Ponies. Wie war das Leben hier ohne Telefon? Ohne Fernsehen? Ohne Internet? Für die Bewohner muß die Einführung dieser Medien einen Quantensprung bedeutet haben, oftmals vielleicht der einzige Zugang zu aktuellen Informationen und Bildung.
Wir erreichen die Peripherie von Oruro (250.000 Einwohner) und sind entsetzt. Nach einer Fahrt durch die Stadt erhärtet sich unser erster apokalyptischer Eindruck und wir beschließen, ein Stück außerhalb zu nächtigen. Die Vermüllung mit Plastik und Schrott ist grenzenlos, darüber hinaus wurden überall planlos private und gewerbliche Baumaßnahmen begonnen und offensichtlich aus Geldmangel wieder abgebrochen. Wildwuchs und Bauruinen en masse beherrschen das Bild. Wir bezweifeln, daß es hier so etwas wie Kommunalpolitik oder Stadtverwaltung gibt. Oder, wahrscheinlicher, es gibt alle paar Monate eine neue.
Wir verlassen Oruro über die Ruta 1 und wundern uns wieder einmal über ein Großprojekt. Die Ruta 1 soll auf einer Strecke von 230 km von Oruro bis La Paz zu einer vierspurigen „Autobahn“ ausgebaut werden. Der eher mäßige Verkehr mit 90% LKW rechtfertigt dies nicht wirklich. Besser hätte man auf dieser planen Geradeaus-Fläche eine Bahnlinie für den Güter- und Personenverkehr angelegt. Noch verwunderlicher ist, daß über endlose Kilometer auf beiden Seiten der Fahrbahn zigtausende Bäume in aufwändiger Weise angepflanzt werden.
Erste Frage: Welche Bäume sollen hier, in der dürren, salzhaltigen Erde, wo nur das trockene Büschelgras ichu überlebt, wachsen? Zweite Frage: Wofür überhaupt? Jeder Baum am Straßenrand, wenn er denn wider Erwarten überhaupt gedeihen sollte, stellt bei der bolivianischen Fahrweise ein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar. Dann sehen wir in einer der Baustellen ein überdimensionales Plakat zu dem Straßenprojekt, von welchem uns Herr Morales mit Blumenkette anlächelt, und uns wird alles klar: Er möchte bestimmt eine repräsentative Präsidentenavenida anlegen! Ein paar Kilometer weiter steht dann in der Mitte der Fahrbahn eine deutlich kleinere Projekttafel und es erschließt sich uns, wie er sein Projekt finanziert: Die Europäische Union greift mal wieder tief in die Tasche. Tun sie/wir das aus Nächstenliebe? Oder Berechnung? Bolivien ist immens reich an Bodenschätzen, die in Zukunft auch für uns immer mehr an Bedeutung gewinnen werden. Wie dem auch sein, hier wird jedenfalls viel Geld in den Sand bzw. das Salz gesetzt.
Zurück auf der Straße und im prallen Leben besuchen wir als Kontrastprogramm den Palacio de los Portales, das Stadthaus des legendären Zinnkönigs Simon Patino, einst einer der reichsten Männer der Welt und eine Zeit lang bolivianischer Botschafter in der Schweiz. Der elegante Palast im Renaissancestil beherbergt verschiedene Salons mit Seidentapeten, Tapisserien und Möbeln aus der Zeit Napoleons und Ludwig XV. Zahlreiche fünf Meter hohe Flügeltüren (portales), die dem Palast den Namen gaben, öffnen sich auf eine große Terrasse oberhalb der parkähnlichen Anlage. Vor dem geistigen Auge erscheinen unweigerlich Bilder von rauschenden Festen, Damen in großen Roben und Zigarre rauchenden Männern.
Ein mitten im Zentrum von Cochabamba gelegener Ort mit besonderer Atmosphäre ist das Karmeliterkloster Santa Teresa, eines der wenigen „geschlossenen“ Klöster in Südamerika. Architektonisch ist das aus zwei Gebäuden und einem Innenhof bestehende Kloster ein Kleinod; fotografieren ist leider untersagt. Wir nehmen an einer Führung teil und erfahren, daß die Klosterschwestern früher wie auch heute noch von der Gesellschaft völlig isoliert leben. Am „normalen“ Leben nehmen sie nicht teil, jeglicher Kontakt nach draußen ist strengstens untersagt. Innerhalb der Klostermauern werden einige Produkte wie zum Beispiel Zitronenmarmelade hergestellt, die verkauft oder getauscht werden, wobei der Verkauf ausschließlich über ein blickdichtes Holzrondel erfolgt. Die Karmeliterinnen legen ihre Produkte im Gebäude in ein Fach des Rondels und drehen dieses; der Käufer entnimmt die Waren draußen und legt seinerseits Geld oder Tauschwaren hinein.
Die Wände der Räume und des Kreuzganges sind mit vielen großformatigen Gemälden geschmückt, die in ihrer Art sehr besonders sind und drei verschiedene Kunstschulen repräsentieren. Bei Eintritt in das Karmeliterkloster wird den Nonnen das Haar geschoren, welches teilweise für Figuren der heiligen Familie und anderer Heiliger verwendet wird, die in einigen Nischen und Treppenaufgängen stehen. Wir empfinden es schon als sehr befremdlich, sich freiwillig so vollständig von der Gesellschaft zurückzuziehen.
In der Nacht hatte es etwas geregnet und am nächsten Morgen tragen die Vier- bis Fünftausender rund um Cochabamba kleine weiße Mützen. Die Flugbedingungen stimmen: Der Himmel ist wieder strahlend blau, der Startplatz auf 3.300 Metern liegt sehr schön an einem Paß oberhalb von Cochabamba, die Startbedingungen mit leichtem Wind von vorne sind für die Piloten fast ideal. Es ist Winter, daher ist es thermisch zwar nur mäßig, aber ausreichend. Nach einem lässigen Bilderbuchstart kann sich Hugo eine Dreiviertelstunde in Startplatzhöhe halten und einen schönen Flug vor grandiosem Panorama genießen, bevor er zur Landung auf dem offiziellen Platz des lokalen Clubs in einem ausgetrockneten Flussbett ansetzt. Alles prima, ein guter Tag.
Nach vielen weiteren Kilometern über das Altiplano fällt die Hochlandroute in ein weites staubiges Tal ab und wir erreichen am Nachmittag Cochabamba auf 2.600 Metern.Trotz des klaren blauen Himmels liegt ein dicker Deckel aus Feinstaub und Abgasen über der Stadt.
Da es in Santa Cruz problemlos möglich war, auf dem Public Parking des Flughafens zu stehen und alle Annehmlichkeiten vor Ort zu nutzen, steuern wir durch und durch optimistisch den Jorge Wilstermann Airport an. Prompt verfransen wir uns im Straßenlabyrinth der Innenstadt und landen mitten auf dem Markt La Cancha. Es herrscht ein unbeschreibliches Chaos : Die enge Straße ist nur einspurig, also keine Chance zu wenden, tiefhängende Stromkabel, quer über die Straße gespannte Werbebanner, Marktstände halb auf der Straße, Händler, die ihre Karren zwischen den Autos durchschieben und tausende Menschen machen den Weg auch nicht einfacher. Kurzeitig beschleunigt sich unser Puls, aber nach einer knappen Stunde haben wir uns durchgewuselt.
Am Flughafen finden wir einen schönen Stellplatz. Denken wir vorerst. Mitten in der Nacht hämmert jemand wie wahnsinnig gegen unser Fahrzeug. Metall auf Metall. Wir linsen vorsichtig durch unsere Fenster und stellen als Erstes fest, daß außer uns kein anderes Fahrzeug auf dem Parkgelände stehen. Nicht gut. Dann höre ich einen Funkspruch und entdecke einen Arm mit der Aufschrift „Security“. Wir öffnen das Fenster, nur um von zwei Security Officers zu erfahren, daß nächtliches Parken hier nicht erlaubt ist. Mag ja sein, steht aber nirgendwo. Wir flunkern und jammern ein bisschen, erklären, daß wir auf unsere Kinder warten, die früh am nächsten Morgen aus La Paz einfliegen … und dürfen wenigstens für den Rest der Nacht bleiben. In diesem Land herrscht pure Anarchie: Es gibt Gesetze, Regeln und Vorschriften für jede Kleinigkeit, niemand hier hält sich daran, aber aus Lapalien wird willkürlich eine Riesensache gemacht. Am nächsten Morgen verduften wir und schlagen gegen eine kleine Gebühr unser Quartier im Hinterhof eines Hotelkomplexes etwas außerhalb der Stadt auf. Von dort können wir gut mit dem Taxi ins Zentrum gelangen und uns weiteren Fahrstress ersparen.
Die Stadt mit ihren 800.000 Einwohnern zieht sich die umliegenden Hügel hinauf und wird überragt von der 40 Meter hohen schneeweißen Statue Cristo la Concordia, angeblich die größte begehbare Cristusstatue der Welt.
Neben Santa Cruz zählt Cochabamba zu den wohlhabendsten Städten Boliviens, wenngleich dieser Reichtum nicht überall sichtbar ist. Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens ist die Plaza Principal im Stadtzentrum, ein hübscher Platz im Kolonialstil mit Palmen und vielen Bänken, die zum Verweilen einladen. In der Mitte stehen eine Kondorsäule und Anschlagtafeln mit den Seiten der aktuellen Zeitungen.
Viele Frauen tragen hier die typische andine Tracht: mehrere Faltenröcke in gedeckten Farben übereinander, auf dem Kopf ein kleiner schwarzer Hut ähnlich der Melone von Pan Tau, auf dem Rücken eine geschlungene „Kiepe“ aus leuchtend-buntem Stoff für ihr Hab und Gut, die dunklen Haare zu zwei langen Zöpfen geflochten, an deren Ende kleine schwarze Trodeln eingearbeitet sind. Optisch werden wir mehr und mehr auf die Anden eingestimmt.
Abends sind wir mit Cristian, einem Gleitschirmflieger aus Cochabamba, zum Essen verabredet. Es geht nach La Recoleta, einem schönen modernen Stadtteil nördlich des Zentrums. Nach einem opulenten, landestypischen Mahl inklusive reichlich bolivianischem Merlot möchte uns Cristian noch das Nightlife seiner Heimatstadt ein bisschen vorstellen. Erst geht es in eine Karaoke-Bar, anschließend in einen Salsaschuppen. Wenn Cristian so fliegt wie er Salsa tanzt, dann wird es morgen ein spannender Tag. Es ist zwei Uhr nachts, als wir endlich zuhause sind.
Nach einigen entspannten Tagen in Samaipata geht es über die alte Hochlandstraße weiter Richtung Cochabamba. Der unbefestigte Paß schraubt sich Meter um Meter die Ostseite der Anden hoch. Nur wenige Fahrzeuge, zumeist kleine LKW, kommen uns entgegen oder folgen uns. Hand aufs Herz: Die meisten überholen uns, da Unimoppel bei steilen Abschnitten im Schneckentempo kriecht. Es geht durch Nebelwälder mit kurios gewachsenen Bäumen, deren Äste dicht mit Moos, Bromelien und graugrünen Flechten bewachsen sind, die wie lange steinalte Bärte herabhängen. Mit seiner geheimnisvollen Anmutung und Stille wird der Nebelwald hier in Südamerika auch poetisch „Elfenwald“ genannt.
Die Nebelwälder der Anden sind wichtige Wasserspeicher Südamerikas. Sie binden Wolkenwasser, das sonst nicht abregnen würde. Die großen Ströme und Flüsse, die von den Anden durch den Kontinent ostwärts zum Atlantik fließen, entspringen alle in den Nebelwäldern der Anden. Leider gehören auch diese zu den gefährdetsten Ökosystemen unserer Welt. Die Ursachen sind weithin bekannt: extensive Viehwirtschaft, Anbau von Kaffee, Koka, Zitrusfrüchten, Nutzholzeinschlag und Klimawandel. Biologen schätzen, dass in zehn Jahren die Nebelwälder der Anden und damit auch die Elfen in Südamerika verschwunden sein werden.
Je höher wir fahren, desto mehr dämpft der Wolkennebel das Sonnenlicht und irgendwann sind auch wir im Dunst verschwunden. Wir wissen, daß es neben der Fahrbahn Hunderte Meter senkrecht abwärts geht, aber wir sehen den Abgrund nicht.
Dann lichtet sich der Nebel und wir erreichen erstmals auf unserer Reise die 3000-Meter-Marke. Die Sicht ist nach allen Seiten frei und die Nebelwälder werden abgelöst durch kargen Baumbewuchs und Kakteenfelder.
Wir sind bis zum Horizont umgeben von einem Ozean aus Bergen unter einem strahlend-blauen wolkenlosen Himmel. Die Sonne brennt in dieser Höhe unbarmherzig und die Luft ist spürbar dünner. Wir fahren und fahren und hinter jedem Paß folgt ein neuer Paß. Tageshöchstmarke sind 3.700 Meter, und wir wundern uns, daß in dieser Höhe nicht nur Menschen leben, sondern auch noch Ackerbau betreiben. Überall sehen wir Felder mit Weizen, Raps, Mais, Kartoffeln und Gemüse. Selbst Steilhänge mit 50 Grad oder mehr Neigung werden hier auf dem Altiplano noch bewirtschaftet, wie seit jeher mit dem von Ochsen gezogenen Pflug, da jeder Traktor umfallen würde. Die wenigen Ortschaften auf unserer Route sind klein, bestehen meist nur aus einer Handvoll niedriger Ziegelhäusern. Die alles dominierende Farbe in dieser Höhe ist beige-braun, ab und an unterbrochen von lila blühenden Bäumen.
Insgesamt befahren wir an diesem Tag sechs oder sieben Pässe mit einer Höhe von mindestens 3.000 Metern. An einer Mautstelle auf einer Passhöhe erfahren wir, daß eine Weiterfahrt am gleichen Tag nicht mehr möglich ist, da der Paß aufgrund seiner Gefährlichkeit ab 16.00 Uhr gesperrt wird. Es ist 16.35 Uhr, heute also nichts mehr zu machen. Als ich zum Wagen zurückkehre höre ich unvermutet hinter mir eine Stimme in akzentfreiem Deutsch „Düsseldorf“ sagen. Erstaunt drehe ich mich um und sehe eine junge Frau mit zwei Jungen, die auf unserer Autokennzeichen zeigt. Auf mein verblüfftes Gesicht hin erklärt sie mir, daß sie hier oben geboren, aber als sehr kleines Kind zur Adoption freigegeben wurde, in Bonn bei deutschen Eltern groß geworden ist und nun, zum zweiten Mal in ihrem Leben, ihre biologische Mutter hier in dieser Abgeschiedenheit besucht. Ein größerer Kontrast ist fast nicht vorstellbar. Was muß in dieser jungen Frau vorgehen? Dieser Gedanke soll mich den ganzen Abend über nicht mehr loslassen.
Wir fahren unseren Wagen an die Seite und müssen die Nacht unfreiwillig hier in der Einsamkeit auf 3.000 Metern verbringen. Pro Tausend Meter Höhe fehlen dem Körper ungefähr 10% Sauerstoff, sagt man. Heißt, uns fehlen ca. 30%. Dazu habe ich durch den Staub und die trockene Luft eine Schnupfnase mit geschwollenen Schleimhäuten, so daß Schnappatmung und Beklemmungen die Folge sind. Ich schnaufe und hechle mich irgendwie durch die Nacht und bin froh, als es am nächsten Morgen weiter nach Cochabamba geht.
Samaipata, eingebettet in eine sattgrüne Hügellandschaft mit dichtester Bewaldung, ist die Sommerfrische der wohlhabenden Santa Cruzenos, und so verfügt das charmante Städtchen über relativen Wohlstand. Die Einwohner sind trotzdem noch immer sehr traditionsverhaftet und kleiden sich vorwiegend in der Tracht des andinen Hochlandes.
Die kleinen Häuschen im Zentrum rund um die Plaza tragen Pastellfarben, wobei grundsätzlich nur die Front gestrichen wird.
An den Hängen finden sich vereinzelte Villen mit gepflegten Gartenanlagen und Swimming Pools.
Nach zwei Nächten in der Seitenstraße ziehen wir auf einen der hier äußerst seltenen Campingplätze, La Vispera, um, der von seit über 30 Jahren hier lebenden Holländern betrieben wird. Wir müssen unsere Wassertanks füllen und ein Hausputz steht auch an. Nur wenige Häuser hier in Samaipata verfügen über TV und so freuen wir uns umso mehr, als uns Peter für das WM-Endspiel zu sich nach Hause einlädt. Schande, wenn wir das verpasst hätten!
Samaipata ist Ausgangspunkt für das Fuerte de Samaipata, einem präinkaischen Kultplatz in rund 1900 Metern Höhe, der zu einem nationalen Denkmal Boliviens und Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Heilige Felsen darf nicht erklommen werden, aber man hat einige Holzplattformen errichtet, welche einen guten Überblick über die gesamte zeremonielle Anlage bieten. Wir bummeln knapp zwei Stunden umher und genießen die magische Stille und Abgeschiedenheit des Ortes.
Ich bin gerade dabei, in einem wohltemperierten blitzsauberen und mit Waren mehr als gut bestückten Supermarkt ganze Berge voll Tüten von Haribo-Vampiren in den Einkaufswagen zu werfen, als jemand lautstark an die Tür unseres Unimogs hämmert und uns unsanft aus dem Traum reißt. Es ist der Wachdienst der Tankstelle außerhalb von Santa Cruz, an der wir mangels anderer Stellmöglichkeiten abends spät noch gestrandet sind. Es ist kurz nach sieben Uhr morgens und wir sollen verschwinden. Kein guter Anfang für einen neuen Tag.
Wir sind auf dem Weg nach Cochabamba und haben uns für die alte Hochlandroute entschieden, die schöner sein soll als die neue Route durch die Tiefebene, aber auch erheblich langsamer. Wieviel langsamer die Fahrt schlussendlich werden soll wissen wir zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht. Tagesziel ist Samaipata, nur rund 130 km von Santa Cruz in westlicher Richtung auf einer Höhe von 1.600 Metern gelegen. Unser erster kleiner Andenpass steht an.
Auf der Fernstraße in Richtung Berge läuft uns dann unversehens ein großer Hund vor die Räder. Wir haben keine Chance auszuweichen und auch der Bremsversuch unserer 7,5 Tonnen geht schief. So gibt es leider ein Todesopfer. Ein paar Kilometer weiter stehen wir dann mit unzähligen schwer beladenen LKW unvermittelt im Stau.
In einer ersten Information heißt es, daß es am militärischen Kontrollposten Fahrzeugchecks gibt, welche in Bolivien durchaus üblich sind, auch bei den einheimischen Fahrzeugen (noch so eine Schikane). Wir stehen und stehen und es geht nicht weiter. Ab und an darf ein Wagen vor rollen, dann geht wieder Ewigkeiten gar nichts. Wir schnappen eine neue und diesmal zutreffende Information auf: Durch die Regenfälle der letzten Tage ist der Berg aufgeweicht und der Paß ist in einem längeren Abschnitt von einer Schlammlawine begraben. Für LKW mit guter Bereifung ist er nach Aussage einiger LKW-Fahrer wohl langsam passierbar, also sind wir guter Dinge, daß wir in absehbarer Zeit durchkommen. Stunde um Stunde vergeht und schleppend bewegt sich die inzwischen Kilometer lange Kolonne voran. Wir vertreiben uns die Zeit mit den Simpsons.
Langsam wird für uns das ganze Ausmaß der Verwüstung sichtbar: Die Passstraße ist über mehrere Kilometer unter einer dicken Schlammschicht begraben. Die überladenen bolivianischen LKW mit ihren teilweise restlos abgefahrenen Profilen haben bergauf keine Chance, versuchen es aber natürlich trotzdem und orgeln mit hochjagenden Motoren wild im zähen Matsch. Mittlerweile ist es mittags und den Gedanken an Umkehr müssen wir verwerfen, da der Paß an keiner Stelle auch nur halbwegs breit genug ist, um den Unimog zu wenden. Etliche LKW haben schon aufgegeben, blockieren nun die Fahrbahn und erschweren die Fahrmanöver auf der rutschigen Oberfläche noch zusätzlich. Es werden große Raupen herangeschafft, um die LKW über die kritischen Meter zu ziehen, abwechselnd einer bergauf und bergab. Anstatt in der Schlange mitzufahren versuchen ungeduldige Fahrer leichterer 4×4 PKW und auch einige Busse an der Schlange vorbeizufahren. Klares Signal dieser von der Wand bis zur Tapete denkenden Idioten, die es in jedem Land der Welt gibt: ICH bin ja soviel wichtiger als du.
In logischer Konsequenz kommt der Verkehr durch die von oben entgegen rutschenden Wagen nun vollständig zum Erliegen. Zwischen den LKW laufen Menschen im Schlamm herum: Trucker, die teilweise mit ihren gesamten Familien unterwegs sind, Frauen und Kinder aus dem Dorf, die inzwischen in ihren Flip-Flops den Paß hochgestiegen sind, um den Wartenden Essen und Getränke zu verkaufen, von irgendwoher taucht plötzlich ein Fernsehteam auf.
Das Chaos ist perfekt und langsam wird es dunkel. Wir haben die Hoffnung längst aufgegeben, Samaipata bei Tageslicht zu erreichen; für die letzten vier Kilometer haben wir acht Stunden gebraucht. Irgendwann, als es schon stockfinster ist, haben wir dann die Schlammpiste geschafft und es folgen lange Abschnitte mit Steinschlag, am Straßenrand liegen Felsbrocken so groß wie Doppelgaragen. Gut, daß wir in der Dunkelheit nicht sehen können, wie viele Meter es seitlich der Piste senkrecht abwärts geht.
Dann kommt es wie es kommen muß: Uns überholt plötzlich ein eiliger Overlander vor einer uneinsehbaren Kurve und prompt kommt Gegenverkehr von oben. Statt abzubremsen schneidet uns der Bus brutal, um sich vor uns in die nicht vorhandene Lücke zu quetschen und hakt sich bei voller Geschwindigkeit von hinten in unsere vordere Stoßstange. Außer einem kurzzeitig beschleunigten Puls, der sich in einem Schwall übelster Verwünschungen entlädt, passiert zum Glück nichts. Der Overlander hält noch nicht einmal an.
Wir erreichen Samaipata zwar noch am gleichen Tag, aber es ist schon 22.00 Uhr und so stellen wir uns mit dem Unimog in eine ruhige Seitenstraße.
Es gibt Länder, die alles dafür tun, ihren Bewohnern das Leben so beschwerlich und unangenehm wie möglich zu machen. In der Regel sind dies die kommunistischen Staaten und die Militärdiktaturen. Aber auch Bolivien, wenngleich präsidiale Republik, gehört dazu und die ideologische Nähe zu Venezuela ist unübersehbar. Wie der verstorbene venezolanische Staatspräsident Hugo Chavez lässt der bolivianische Präsident Evo Morales in seiner Selbstverliebtheit überall sein Konterfei abbilden. Einem Hund gleich, der zwanghaft jeden Baum anpinkelt, muß er überall seine Marke hinterlassen, und so schmücken überdimensionale Werbetafeln für Energieausbau, Agrarproduktion, Wasserversorgung, Tourismus, Bildung, Töpfe, Pfannen, Staubsauger …den Straßenrand und die Häuserwände, auf jedem das Gesicht Morales, hübsch mit rot-weißer Blumengirlande um den dicken Hals und leicht seitlich von unten fotografiert wie das berühmte Bild Che Guevaras. Man scheut keinen Vergleich.
Wie jeder „gute“ Präsident hat sich Evo Morales mit dem neuen Flughafen 17 Kilometer außerhalb von Santa Cruz, mit über 1.5 Millionen Einwohner größte Stadt Boliviens und wirtschaftliche Metropole, ein Denkmal gesetzt. Auf einer riesigen Fläche steht das reguläre Passagierterminal mit einer ungefähren Größe von Münster/Osnabrück für nationale und wenige internationale Flüge. Eine vierspurige, teilweise noch im Bau befindliche Asphaltstraße mit Beleuchtung führt zum Terminal, vor welchem bereits eine metallene Pferdeskulptur installiert ist. Wie Geschäftsreisende oder Touristen allerdings überhaupt in dieser ausufernden Stadt zum Flughafen finden sollen ist uns ein Rätsel, den Santa Cruz hat so gut wie keine Beschilderung.
Auch als Präsident kann man den Boliviano nur einmal ausgeben und so muß auch Senor Morales Prioritäten setzen. Da die Volksvertretung, der Congreso Nacional, eine jährliche Sitzungsperiode von nur drei Monaten hat – die restliche Zeit ist mehr oder weniger Urlaub – drängen sich bei ihm die Termine in dieser Zeit natürlich Schlag auf Schlag. Um mögliche Wartezeiten auszuschließen läßt er sich daher gerade am Flughafen flugs ein eigenes Präsidententerminal errichten. Kostet ja nicht die Welt, oder? Macht ja auch nichts, solange Deutschland wie bisher großzügige Entwicklungshilfegelder in das Land pumpt (seit den 60er Jahren bereits über eine Milliarde EUR).
Wir parken jedenfalls ohne schlechtes Gewissen zwei Nächte vor dem Flughafen, entsorgen unseren Müll, nutzen hemmungslos das mal mehr mal weniger stabile Wi-Fi und schauen uns die WM-Spiele an, allerdings ohne zu lautstark zu jubeln.
Wie Perlen auf einer Schnur reihen sich die Jesuitenreduktionen auf der Ruta 10 in der südlichen Chiquitania aneinander. In den Missionsdörfern, die zwischen 1691 und 1760 angelegt wurden, lebten je 2000 – 3000 Chiquitos / Guarani in begrenzter Selbstverwaltung. Die Missionen waren so angelegt, daß sie wirtschaftlich autark bestehen konnten, wobei jesuitische Missionare den Reduktionen vorstanden. Pfeiler der Gemeinschaften waren Viehzucht und Landwirtschaft, aber auch handwerkliche Berufe wie Zimmerei, Steinbearbeitung, Schnitzerei und der Bau von Musikinstrumenten. Viele Produkte kann man heute in den kleinen, den Kirchen angrenzenden Museen noch anschauen.
Heute stehen die Reduktionen aufgrund ihrer Geschichte und spezifischen Architektur als Weltkulturerbe unter dem Schutz der UNESCO und sind weitgehend erhalten bzw. authentisch restauriert. Um eine große quadratische Plaza lagen an drei Seiten die einstöckigen Wohngebäude der Indigena, an der vierten Seite standen die Kirche und der Glockenturm, dahinter die Werkstätten.
In der Obhut der Jesuiten waren die Indigena vor Sklavenhändlern, Ausbeutung und Verschleppung geschützt, daher siedelten sie sich gerne und vor allem ohne Zwang in den Reduktionen an. Die Jesuiten sprachen die Sprache der Indigena, respektierten vorbehaltlos ihre Lebensweise und organisierten den Widerstand gegen Sklavenjäger. Der spanischen Krone zahlten die Reduktionen ganz offiziell Tribut. Christliche und weltliche Neider feindeten jedoch die Jesuiten und ihr erfolgreiches Konzept des multikulturellen Zusammenlebens an und 1767 befahl Kaiser Karl III. die Auflösung der Reduktionen in ganz Südamerika.
Die Restaurierungsarbeiten wurden zu einem großen Teil mit Spendengeldern aus Deutschland finanziert und unter der Leitung des Architekten Hans Roth, der sein Lebenswerk den Missionen widmete, durchgeführt.
Die Kirchen sind sowohl von außen wie auch im Inneren mit ihren kunstvoll geschnitzten Säulengängen und Dachkonstruktionen aus Holz kleine architektonische Juwelen. In San Ignacio de Velasco und in Concepcion bleiben wir über Nacht an der Plaza direkt neben der Kirche stehen. Uns gefallen beide Orte sehr gut, besonders die eingeschossige Hausbauweise mit den typischen Laubengängen, in denen sich kleine Geschäfte und Eßstände befinden.
Auch in Paraguay, Brasilien und Argentinien gab es Jesuitenreduktionen, die das gleiche oder sogar ein schlimmeres Schicksal erleiden mussten. Wer sich für das Thema interessiert, dem möchten wir den Film „The Mission“ mit Robert De Niro, Jeremy Irons und Liam Neeson aus dem Jahr 1986 empfehlen, der mit starken Bildern sehr einfühlsam die Geschichte der Jesuitenreduktionen erzählt.