Tiere des Pantanal

Der Pantanal ist in Südamerika das Gebiet mit der höchsten Tier- und Pflanzenartendichte. Naturkundlich registriert wurden bis jetzt: 1700 Pflanzenarten, 700 Vogelarten, 50 Reptilienarten, 278 Fischarten, darunter welche, die bis zu 120 kg schwer werden.

Trotz der immens hohen Tierdichte darf man keinen „Zoobesuch“ erwarten. Vögel sieht man sehr viele und sie machen auch immer lautstark auf sich aufmerksam, ansonsten ist der Pantanal leise und man muß sehr genau und geduldig hinsehen, um Tiere zu entdecken. Die größeren Säugetiere sind fast ausnahmslos nachtaktiv und so muß man entweder in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 7 Uhr losziehen oder aber abends nach Einbruch der Dunkelheit. Lediglich Capivaras, die „Wasserschweine“ und Jacarés = Kaimane gibt es häufig.

Caiman 1 Doc

Der Name „Jacaré“ entstammt der Sprache der Guarani-Indiander, der Ureinwohner des Pantanal. Für sie ist der Kaiman ein göttlicher Bruder und sie erzählen sich eine Legende, in der sich ein Guarani-Häuptling in einen Kaiman verwandelte, um die Natur zu schützen. Sie glauben, daß der Kaiman die göttliche Ordnung auf Erden aufrecht erhält und das Ende der Welt naht, wenn der Kaiman den Pantanal verlässt. Was die Apokalypse betrifft besteht zumindest im Augenblick kein Anlaß zur Sorge: Seit 1967 die Kaimanjagd verboten wurde hat sich der Bestand im Pantanal auf 35 Mio Kaimane erholt.

Tagsüber haben Hugo und ich bisher mehrfach den großen Ameisenbären, einen Pantanalhirsch, ein Opossum, ein Gürteltier, zahlreiche Affen und einen großen Keiler gesehen, und wir hoffen, auf einer organisierten Nachtbeobachtungstour noch mehr Tiere zu Gesicht zu bekommen. Auf der Fazenda Sao Francisco geht es im offenen Jeep abends für zwei Stunden los, die Augen durch übergroße Brillen gut geschützt vor den Unmengen an Moskitos und anderen Insekten. Im Scheinwerferlicht stieben vor unserem Wagen auf den Feldwegen unzählige Eulen unwillig im letzten Moment hoch, in ihren Fängen baumelt hilflos ihre Beute, meistens kleine Frösche. Wir sehen im Lichtkegel ein paar Capivaras, einen Pantanalhirsch, entdecken in einem Busch am Rande des Weges eine grüne Schlange und schrecken einen Ozelot auf, der prompt mit einem Satz im Gebüsch verschwindet.

Ozelot Doc

Auf der Fazenda Sao Francisco wird im Rahmen eines Reproduktionsprogrammes ein ausgewachsener männlicher Tapir gehalten. Sein Gehege ist groß, dicht und hoch bewachsen und die Chance, ihn zu sehen, sind eher gering, aber wir haben Glück. Als wir am späten Nachmittag aus dem Unimog treten sehen wir ihn, noch ganz verschlafen, aus seinem Stall kommen. Wir waren gewarnt worden, ihm zu nahe zu treten: Bei Bedrohung können Tapire ihren (vermeintlichen) Feind zielgenau über mehrere Meter Entfernung anpinkeln. Wir betrachten das seltsam anmutende Tier von der Größe eines Ponies aus gebührendem Abstand.

Tapir 1 Doc

Der größten Katze des südamerikanischen Kontinentes, dem Jaguar, zu begegnen ist eher unwahrscheinlich. Seit brasilianische Umweltschutzbeamte die Einhaltung des Arten-schutzabkommens streng überwachen hat sich zwar der Bestand des Jaguars im Pantanal wieder auf rund 8.000 Exemplare erhöht, aber leider bekommen wir in dieser Nacht keines dieser Raubtiere mit dem schön gezeichneten Fell zu sehen. Sie sind ausgesprochene Einzelgänger, sehr scheu und man wird ihnen vermutlich eher auf der Fifth Avenue oder der Kö zu begegnen, wo sie die Schultern einer rich bitch schmücken, mit der zweifelhaften Aufgabe ihr zu mehr Selbstbewusstsein und Anerkennung zu verhelfen.

Wir sehen in dieser Nacht jedenfalls keinen, sind aber nicht enttäuscht, weil die Fahrt durch den nächtlichen Pantanal auch so sehr lohnenswert ist. Wenn die Vögel schlafen ist die Stille fast physisch greifbar. Es gibt keine künstlichen Lichtquellen, keinen Lichtsmog, der den Millionen Sternen am Himmel Konkurrenz machten könnte. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie es war, als der Mensch noch nicht da war.

Eine große Säugetierart gibt es hier im Pantanal allerdings zu Millionen und bedroht das Paradies immer stärker. Hugo nennt sie den „brasilianischen Butterhirsch“, naturwissenschaftlich korrekt heißen sie Charolez, Miura, Caracu, Longhorn oder Boi Pantaneiro, ich sage dazu einfach Rinder. Für die einträgliche Zucht roden die Fazenderos legal und illegal nach wie vor großflächig den Urwald, so daß die Rückzugsräume für die wilden Tiere immer kleiner werden. Viel Fleisch wird dabei nach Europa und Indien exportiert. Die Größe der Fazendas ist teilweise atemberaubend: Es gibt Farmen mit über 100.000 Tieren. Geschätzt werden zur Zeit allein im Pantanal ca. 8 Mio Rinder gehalten.

Butterhirsche 1 Doc

Vor Kurzem hatten wir im Blog die Benutzung des Begriffs „öko“ angesprochen, der hier in Brasilien unserem Empfinden nach inflationär eingesetzt wird. Inzwischen haben wir recherchiert und unser Eindruck wurde bestätigt: Von den Rund 1.250 Fazendas im Pantanal haben ganz drei (!) ein offizielles Öko-Zertifikat; der Rest schmückt sich also mit fremden Federn und bastelt sich seine Eco-Labels selbst. Trotzdem, globale Naturschutzorganisationen wie der WWF und auch die brasilianische Regierung haben erkannt, daß Ökotourismus ein sinnvolles Instrument ist, dieses Biotop zu erhalten und die Bemühungen gehen in die richtige Richtung.

Bewegte Bilder findet Ihr hier:

Der Grzimek ist los

Am nächsten Morgen bin ich schon vor sechs Uhr unterwegs, während Hugo noch im Koma liegt und sich vom Capivara-Trauma des Vorabends erholt. Der Himmel über der Fazenda ist malerisch gefärbt; ein Hauch von Nebel überzieht die Landschaft um diese Zeit noch mit einem zarten Schleier, den die Sonne in kurzer Zeit weggeschmolzen haben wird. Außer den Vögeln, die wie immer um diese Uhrzeit einen Mordsradau machen, ist noch alles still. Einer der Peones sattelt mit ruhigen Bewegungen und leise eine Melodie summend sein noch dösendes Pferd, um seine morgentliche Runde zu machen, zwei Stunden später wird er zurück sein.

Satteldecke Doc

Schon am Vortag hatte sich der Reichtum an Vögeln hier auf der Fazenda gezeigt. Jetzt, am frühen Morgen, bestätigt sich der erste Eindruck und der Grzimek in mir kennt kein Halten mehr. Schon als Kind zogen mich die Tierdokumentationen von Prof. Bernhard Grzimek im Fernsehen in ihren Bann und viele Jahre lang war es mein größter Berufswunsch (nach Verpackerin an der Käsetheke bei IFA, Försterin und Eiskunstläuferin), ihm später im Frankfurter Zoo zu assistieren. Clarence, der schielende Löwe, Flipper, der Freund aller Kinder und Skippy, das nuksende Buschkänguruh waren meine besten Freunde, im Kinderzimmer stapelten sich die Steifftiere, vom heimischen Eichhörnchen bis zur exotischen Giraffe. Während andere Mädchen eifrig Glanzbilder mit und ohne Glitzer für das Poesiealbum tauschten sammelte ich die Unterwasser-Klebebilder von Hans Hass, die es damals an den Esso-Tankstellen gab, wenn ich mich recht erinnere. Zu meinem Glück zeigten meine Eltern Verständnis für meine Leidenschaft und sponsorten großzügig ein Abonnement von „Der kleine Tierfreund“, so daß ich dafür nicht mein Taschengeld opfern musste.

Zwei kleine Grüne Doc

„Live“ drückte sich meine Tierliebe noch vehementer aus, da ich alles nach Hause schleppte, was auch nur im Entferntesten „hilfebedürftig“ aussah: Kleine Katzen, Maikäfer im Karton, Marienkäfer im Glas, Kaulquappen, Wellensittiche, Frösche. Im wahrsten Sinne „den Vogel abgeschossen“ hatte ich, als ich eines Tages nach der Schule eine in die Brust geschossene Taube anschleppte, an die ich dann zum Leidwesen meiner Mutter heimlich die Körner aus den in liebevoller Arbeit von ihr selbstgebastelten Trockenblumensträußen, die damals so modern waren, verfütterte. Die Taube hat es trotz meines Einsatzes leider nicht überlebt. Getoppt wurde das dann wohl noch durch die zwingend erforderliche „Rettung“ eines völlig verflohten Igels. Ich weiß es noch wie gestern: Um die Flöhe besser sehen zu können hatte ich den Igel in unserer Küche auf ein weißes Trockentuch mit dünnen roten Karos gesetzt und war gerade dabei, die stachelige Kugel mit dem Staubsauger hin und her zu rollen und von ihren Flöhen zu befreien, als meine Mutter herein kam. Der Igel durfte gnädigerweise noch bei uns im Keller überwintern, aber die Geduld meiner lieben Mutter war mit dieser Episode dann doch überstrapaziert. Meinen tierischen Rettungseinsätzen wurde jedenfalls vorläufig ein Ende gesetzt.

Roter Vogel Doc

Egal, hier auf der Fazenda Sao Joao jedenfalls kann ich meiner animalischen Leidenschaft hemmungslos und ohne schlechtes Gewissen frönen und so gehe ich auf Pirsch. Die Kaimane liegen reglos und mit halb geschlossenen Augen im seichten Wasser, zwei weiße Jabirus mit schwarzen Köpfen – die großen Störche und Wahrzeichen des Pantanal – stolzieren auf ihren langen Beinen erhaben durch das Gras, rund um unseren Stellplatz zetern lautstark die grünen Sittiche und kleinen Papageien. In den Baumkronen entdecke ich großen Gruppen von Gelbbrust-Aras mit ihren leuchtend-blauen Flügeln und einem roten Farbtupfer auf der gelben Brust, der aussieht wie ein kleines rotes Herz. Etwas entfernt davon sehe ich hellrote Aras Vermelhas im Tiefflug über die Landschaft jagen.

Bunter Großer Doc

Dann kneife ich die Augen zusammen, da ich nicht glauben kann was ich sehe: In einem fast gänzlich entlaubten Baum entdecke ich Hyazinth-Aras mit ihrem blauen, leicht ins Violette schimmernden Gefieder und dem markanten gelben Pinselstrich um die Augen! Ich hätte nie gedacht, jemals einen Ara Azul in seiner natürlichen Umgebung erleben zu können, und hier zähle ich gleich zwölf Tiere, die entspannt Früchte knabbern und dabei genüsslich vor sich hin krakelen. Sie beobachten mich genauso aufmerksam wie ich sie. Dann startet eine Gruppe von ihnen in vollendeter Formation zu einem Tiefflug über die Farm; ihre Größe und ihre langen Schwanzfedern sind beeindruckend. Nach einiger Zeit kommen sie zurück und kündigen ihre Landung schon von weitem lautstark an.

Hyazinth Aras 5 Doc

Hyazinth Aras 2 Doc

Mit über einem Meter Länge ist der Ara Azul der größte Papagei der Welt und in gewissen Kreisen leider ein Objekt der Begierde. Sammler zahlen bis zu 20.000 Euro, egal ob tot oder lebendig, was dazu geführt hat, daß der freilebende Bestand in ganz Südamerika auf geschätzte 3.000 Tiere geschrumpft ist. Was veranlaßt Menschen nur, diese Tiere besitzen zu wollen? Sie in viel zu kleine Käfige zu sperren oder ausgestopft in ihren Designer-Wohnzimmern zu präsentieren, wo ihr einzigartiges Gefieder allen Glanz verliert und Staub ansetzt, bis sie irgendwann herzlos entsorgt werden, weil ein neues „Objekt“ begehrt wird? Wer sind diese Menschen?

Hyazinth Arars 3 Doc

Als ich nach über zwei Stunden nach Hause zurückkomme, bin ich voll mit Eindrücken und Erlebnissen und texte den noch völlig verschlafenen Hugo regelrecht zu. Ergebnis: Wir beschließen, unseren Aufenthalt in diesem kleinen Paradies um einen Tag zu verlängern.

 

Schwein gehabt

Am Portico in Buraco das Piranhas verlassen wir die asphaltierte BR 262 und die Rote-Erde-Piste der Estrada Parque do Pantanal, die uns tiefer in das seit 2001 von der UNESCO geschützte Biosphärenreservat bringen soll, beginnt. In Urzeiten war das Pantanal eine große pazifische Meeresbucht, heute ist es das größte zusammenhängende Feuchtgebiet der Welt. Zum Vergleich: Die Everglades in Florida betragen gerade einmal 4% der Fläche des Pantanal. Die zweitweilig überschwemmte Landfläche ist oftmals so groß wie Dänemark, Niederlande, Belgien und Portugal zusammen. Wissenschaftler sprechen vom größten Schwamm der Erde: Ein halbes Jahr lang saugt der Pantanal die Wassermassen aus den Anden und dem Herzen Südamerikas auf, pro Stunde 178 Millionen Liter. Fein dosiert mit einer Geschwindigkeit von 1200 Kilometern in 180 Tagen gibt er das Wasser dann ganz langsam wieder ab. Alles hier ist vom diesem Wasserkreislauf abhängig und folgt den jahreszeitlichen Schwankungen, insbesondere die Tiere, die in diesem Labyrinth aus Flüssen, Seen, Sumpf, Savanne, Kanälen und Inseln ihren Lebensraum haben.

Land unter

Land unter

Die Dammpiste der Estrada Parque do Pantanal ist 117 km lang und überquert auf 87 Holzbrücken Wasserläufe und sumpfigen Grund. Wir sind überrascht: Die Brücken sind in tadellosem Zustand und offensichtlich nach Ende der regulären Regenzeit im April/Mai in Stand gesetzt worden. Unsere Chancen, die gesamte Strecke bis Corumba durchfahren zu können, steigen.

Estrada do Parque do Pantanal

Estrada do Parque do Pantanal

Übernachtungsziel ist die Fazenda Sao Joao zwischen Brücke 28 und 29. Es ist später Nachmittag, als wir ankommen, und wir sind sofort begeistert von der Atmosphäre dieses Ortes. Wir werden vom Verwalter sehr freundlich begrüßt, stellen Unimoppel drei Meter vom See auf einer Wiese ab, um uns herum grasen Pferde oder stehen im Wasser, in den Bäumen sehen und hören wir viele Vögel. Die Sonne sinkt bereits ab 17.00 Uhr und taucht die Landschaft in ein zart-rosa Licht, um 18.00 Uhr umgibt uns rabenschwarze Finsternis und Stille, bis das abendliche Konzert der Frösche und Zikaden einsetzt.

Stellplatz auf der Fazenda Sao Joao

Stellplatz auf der Fazenda Sao Joao

Vor dem Zubettgehen wollen wir noch die Sonnencreme und das Moskitospray von der Haut spülen. Es gibt zwanzig, dreißig Meter von Unimoppel entfernt eine Freiluftdusche ohne alles; heißt: kein warmes Wasser, keine Tür, kein Licht. Hugo marschiert als Erster los, die Stirnlampe leuchtet in der Finsternis wie ein umherirrendes Glühwürmchen. Ich räume inzwischen im Unimoppel ein bisschen herum. Dann plötzlich ohrenbetäubendes Wasserplatschen!!! Alarm!!! Adrenalin in einer Überdosis schießt im Bruchteil einer Sekunde durch meinen Körper, nur ein Gedanke rast durch meinen Kopf: Die Dusche ist nur zwei oder drei Meter vom See entfernt. Hat sich einer der bis zu drei Meter großen Kaimane, die den ganzen Abend vor unseren Augen im See geräuschlos das Ufer entlang patrouillierten, meinen knusprigen Ehemann zum Abendessen geschnappt?

Kaiman 1

Kaiman 1

Ich greife nach der Taschenlampe und jage Richtung Dusche. Es ist stockfinster, aber dann erkenne ich im Lichtkegel der Taschenlampe Hugo, der wie versteinert am Ufer steht, das Badelaken lässig um die Hüfte geschlungen, Stirnlampe und Augen gebannt auf das Wasser gerichtet. Mein Herzschlag verlangsamt sich spürbar. Ich drehe meine Taschenlampe um 90 Grad auf den See und sehe riesige Augen, die das Licht reflektieren. Für Kaimane leuchten die gelben Scheiben zu groß, für Pferde eindeutig zu niedrig über der Wasseroberfläche. Was sind das für Tiere? Dann erkennen wir eine große Familie Capivaras, Wasserschweine (… die richtigerweise Nager sind und zu den Ratten zählen), die fröhlich hintereinander her durchs Wasser plantschen. Schwein gehabt…

Capivara mit Krönchen

Capivara mit Krönchen

PS: Wir lernen später, daß Kaimane friedliche Tiere sind und wir Menschen ihnen nicht schmecken.

Urlaub auf dem Bauernhof

Weiter geht es durch die wilde Serra da Bodoquena nach Miranda, einem kleinen „Land-Ei“ mit viel Lokalkolorit. In den Gesichtern entdecken wir hier verstärkt den Einfluß indigener Vorfahren. Wir finden ein schönes Plätzchen unter großen schattenspendenden Bäumen auf der Fazenda Meia Lua (= Halbmond), die wie zahlreiche Fazendas im Pantanal ihre Tore für den sogenannten „Eco-Tourismus“ geöffnet hat. Kein Massentourismus, sondern sie bieten wenigen Besuchern einfache Unterkünfte und manchmal Reisenden wie uns einen Stellplatz mit Zugang zu Wasser und Strom.

Auf Meia Lua

Auf Meia Lua

Das Eco-Label steht im Pantanal wie vielerorts für „ökologisch betrieben“, könnte aber auch genauso gut für „ökonomisch maximal genutzt“ stehen.  Auf jeden Fall wird der Begriff „öko“ hier in Brasilien sehr weit gedehnt und bei jeder sich bietenden Gelegenheit angewendet, Hauptsache, es läßt sich damit dem Verbraucher ein zusätzlicher Dollar aus der Tasche ziehen. Auf der Fahrt hierher sind wir entlang kilometerlanger Maisfelder gefahren, bei welchen die Spitzen der Halme wie mit dem Rasiermesser abgeschnitten milimetergenau auf einer Höhe endeten. Die Gentechnik grüßt. Die großen Agrarflächen sind alle paar hundert Meter mit kleinen Tafeln zur angebauten Sorte gekennzeichnet und da lesen wir doch wahrhaftig: Eco-Gen Mais. Ja was denn nun??? Wir wissen aus unseren Gesprächen mit Ronnie und Hanzi, daß die Felder in Brasilien durch jahrzehntelange Monokulturen und Überweidung restlos ausgelaugt sind. Nur mit starker (Kunst-) Düngung und Kalk können rentable Erträge erzielt werden. Aber: Wir Europäer haben kein Recht, mit dem erhobenen Zeigefinger auf andere Nationen zu zeigen…

Auch wenn der Pantanal inzwischen vollständig unter Naturschutz steht: Es gibt hier kein Stück Land, das nicht irgendwem gehört und demzufolge auch irgendwie bewirtschaftet wird. Die Fazenderos sehen im aufstrebenden Eco-Tourismus eine moderne Möglichkeit, auf schnelle und einfache Weise Geld in die Farmkassen zu spülen. Gute Absichten lassen sich immer gut verkaufen und nur wer rechtzeitig auf die Welle aufspringt kann vorne mitsurfen. Dabei entsteht auch sehr viel Gutes: Artenschutz- und Reproduktionsprogramme sowohl für Fauna als auch Flora werden ins Leben gerufen, die Tiere und Pflanzen registriert und katalogisiert, verletzte Tiere liebevoll gesund gepflegt und behutsam wieder ausgewildert, das Bewußtsein bei Besuchern und in der Öffentlichkeit geschärft.

Kurz nach der Toreinfahrt auf Meia Lua treffen wir auf eine erste, vom Aussterben stark bedrohte Spezies, einen großen Ameisenbären, der mit seinen scharfen Krallen die Termitenhügel aufkratzt, um sich sein Leibgericht einzurüsseln: rund 30.000 Termiten pro Tag. Die urzeitlich anmutenden Tiere mit dem langen, rauen Fell können bis zu 50 kg schwer werden, sind tagaktiv, tragen ihre Babies auf dem Rücken spazieren und haben keine Zähne. Stattdessen besitzen sie eine schmale Zunge, die über 60 cm lang werden kann, und über ein Riechvermögen verfügt, welches 40x höher ist als das des Menschen. Der Ameisenbär läßt sich von uns bei seiner Mahlzeit nicht stören, obwohl wir nur wenige Meter entfernt stehen, und trollt sich nach ein paar Minuten gemächlich ins hohe Gras.

Großer Ameisenbär

Großer Ameisenbär

Zufällig treffen wir abends auf Meia Lua Ursi und Urs wieder, ein äußerst symphatisches und weitgereistes Pärchen aus der Schweiz, die wir in Foz schon kennengelernt hatten. Die Welt ist klein und es hat sich herumgesprochen, daß Reisende wie wir auf Meia Lua willkommen sind. So auch Hansueli, ebenfalls aus der Schweiz, der mit seinem Schäferhund in einem riesigen MAN durch Südamerika reist. Man trifft sich, tauscht sich aus, gibt Tipps und Erfahrungen weiter, verbringt eine gute Zeit miteinander, trinkt den ein oder anderen Wein, dann trennen sich die Wege wieder und man hofft auf ein Wiedersehen – irgendwo, irgendwann.

Meia Lua zählt mit ihren 800 ha (Wert ca. 3 Mio Euro) nicht zu den großen Fazendas in Brasilien, wie wir von Chicco, dem 21-jährigen Sohn des Besitzers, erfahren. Macht aber nichts … der Vater besitzt noch acht weitere. Nicht acht weitere Hektar, sondern Fazendas…! Die meisten Fazenderos leben selbst nicht mehr auf ihren Farmen, sondern lassen diese von einem Verwalter und Personal bewirtschaften. Meia Lua ist die Heimat von ca. 1.000 Rindern, einigen Schafen und den sechs Peones, die für den laufenden Betrieb zuständig sind. Sie arbeiten aufgrund des unwegsamen Geländes noch ganz traditionell zu Pferde. Chiccos Familie dagegen lebt heute in Sao Paulo das moderne Großstadtleben.

Eines Nachtmittags dann große Aufregung: Einer der Rinderhirten hat die giftigste Schlange des Pantanal entdeckt und zeigt sie uns. Wir halten gebührenden Abstand. Erfolgt keine unmittelbare medizinische Behandlung, ist der Biß tödlich, da das Gift in kurzer Zeit das Gewebe zersetzt. Die Schlange ist nicht besonders groß und gut getarnt, aber jetzt wissen wir, worauf wir zu achten haben.

Giftschlange auf Meia Lua

Giftschlange auf Meia Lua

Wir hatten überlegt, von Meia Lua aus direkt über Campo Grande, Coxim und Cuiabá in den nördlichen Pantanal zu fahren, um die Transpantaneira zu fahren. Da wir keinen Zeitdruck haben ändern wir unsere Planung mal wieder spontan und fahren erst einmal westwärts, um die Estrada Parque do Pantanal noch mitzunehmen, eine 117 km lange Piste, die über 87 Holzbrücken durch den süd-westlichen Pantanal bis nach Corumba an der bolivianischen Grenze führt und früher die einzige Verbindung war. Ob wir durchkommen ist ungewiß, denn der Klimawandel hat auch den Pantanal erreicht und für die Jahreszeit steht noch zuviel Wasser auf dem Land. Wir werden sehen.

 

Uns laust der Affe

Im beschaulichen Bonito, dem südlichen Tor zum Pantanal und touristisch gut erschlossen, finden wir einen traumhaft am Rio Formoso gelegenen Camp Ground. Hölzerne Stege führen in den kristallklaren Fluß und man schnorchelt dort wie in einem großen Aquarium, umgeben von Piraputangas. Kleine Pfade führen durch den Regenwald, in dem auch eine Gruppe Macacos lebt. Morgens erhalten sie eine Handvoll Maiskörner und man kann ihnen zuschauen, wie sie gemeinsam mit einigen Vögeln genüßlich frühstücken.

The Boss

The Boss

Ich schlage Hugo vor, sich die gleiche dynamische Frisur zuzulegen, aber er will nicht so recht…

Während unseres Aufenthaltes kommen uns viele Tiere rund um den Wagen besuchen: Frühmorgens gegen halb acht krakelen zwei grüne Aras hoch oben in den Wipfeln, gegen Mittag erscheint lautlos ein Pärchen dieser seltsam anmutenden Vögel mit Federn auf dem Schnabel und unglaublich dünnen langen Beinen, etwas später dann eine Gruppe von großen schwarzen Vögeln, angeführt vom einem imposanten Hahn mit Löckchen auf dem Kopf, der seinen Harem stolz spazierenführt. Den Abschluß machen zwei Tucans, die am späten Nachmittag schnarrend im Tiefflug einlanden, um ein paar Früchte zu knuspern. Sogar eine Art Reh kommt eines Nachmittages vorbei und läßt uns völlig unbesorgt bis auf drei Meter herankommen. Und dann sind da natürlich noch die … Katzen…

Wer kann diesen Blicken widerstehen?

Wer kann diesen Blicken widerstehen?

Dank der vorausschauenden Intervention meiner besseren Hälfte kann die Einleitung eines Adoptionsverfahrens noch eben verhindert werden. Nicht verhindert werden kann dagegen der Kauf eines Sacks Trockenfutter am nächsten Tag.

 

Energiegeladen

Unser nächstes Ziel ist Bonito im südlichen Pantanal, rund 800 km weiter nördlich. Auf dem Weg dorthin nehmen wir noch das gewaltige Wasserkraftwerk Itaipu (= Klingender Fels) mit, welches kurz außerhalb von Foz de Iguacu an der Grenze von Paraguay und Brasilien liegt und den Rio Paraná staut. Ich erinnere mich noch daran, als ich im Geographieunterricht das erste Mal von dem Megaprojekt hörte. Die ganze Welte staunte damals nicht schlecht über dieses – auch in finanzieller Hinsicht – gewagte Vorhaben zweier „Dritte-Welt-Länder“.

Itaipu

Itaipu

Das Wasserkraftwerk ist ein Gemeinschaftsprojekt von Brasilien und Paraguay. Der Vertrag beinhaltet eine Klausel, die den Verkauf von in Itaipu erzeugter Enegie an Drittstaaten untersagt. Argentinien hat also keine Chance zu partizipieren und schaut neidisch zu den Nachbarn . 1974 wurde mit dem Bau begonnen, 1991 die vorläufig letzte Turbine in Betrieb genommen, bis der brasilianische Präsident Lula Da Silva das Bauwerk in 2007 um zwei weitere Turbinen (aus dem deutschen Heidenheim) ergänzte und das Projekt als beendet erklärte. An der Großbaustelle arbeiteten über 34.000 Mitarbeiter, während der Bauphase gab es 145 Todesfälle, über 40.000 Ureinwohner vom Stamm der Guarani – die indianischen Namensgeber des Kraftwerkes – mußten ihren angestammten Lebensraum aufgeben und wurden zwangsumgesiedelt und große Flächen subtropischen Regenwaldes, Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen, wurden abgeholzt. Positive Bilanz? Negative Bilanz? Kommt auf die Brille an, durch die man schaut. Im stylischen Besucherzentrum jedenfalls wird das gesamte Thema in schönen Bildern und Worten auf amerikanische Art und Weise emotional aufgeladen und gekonnt weichgespült.

Auf das nicht nachlassende Bestreben zahlreicher nationaler und internationaler Naturschützer hat man heute das Wasserkraftwerk um ein geschütztes Naturreservat erweitert, für die heimischen Fische eine 10 km lange Fischtreppe gebaut, um die Höhendifferenz von oberem zu unterem Rio Paraná bewältigen zu können und die Ufer des Flusses auf einer Breite von je 200 Metern unter Naturschutz gestellt. Daß die einzigartige Natur dieser Region geschützt werden muß scheint inzwischen im Bewußtsein angekommen zu sein und Naturschutz und technischer Fortschritt müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen, sondern ergänzen sich im Idealfall und bei sorgfältiger Planung sogar perfekt.

Noch einige interessante Zahlen im Vergleich: Bei normaler Stauhöhe wird der Rio Paraná im Itaipu-Stausee auf einer Fläche von 1.350 km² und auf etwa 170 km Länge aufgestaut. Bei maximalen Stauvolumen ist die Wasseroberfläche des Stausees zweieinhalb mal so groß wie der Bodensee. Die dazugehörige Itaipu-Staumauer inklusive Damm ist 7.760 m lang und 196 m hoch. Insgesamt wurden 13 Mio Kubikmeter Beton verbaut.

Paraguay generiert heute 100% seines Stromverbrauches aus Wasserkraft; das große Land Brasilien immerhin 75%. Jetzt wundern wir uns auch nicht mehr, warum wir bisher auf unsere Frage, warum Solarenenergie in diesen sonnenverwöhnten Ländern energietechnisch so gar kein Thema ist, nur Achselzucken erhielten. Allein aus der Leistung von Itaipu wird der Energiebedarf Paraguays zu 75% gedeckt und der Brasiliens zu 17%! Der in Itaipu erzeugte Strom wird bis ins 800 km entfernte Sao Paulo transportiert und versorgt den gesamten Süden Brasiliens. Bei einem Black Out heißt es: Gute Nacht!

 

Komische Vögel

Wir runden unser Programm in Foz mit dem Besuch des Parque das Aves ab, einem großen Vogelpark, der die Fauna und Flora Brasiliens zeigt. Der Spaziergang durch den Park ist wunderschön. Die Vögel sind in großzügigen Volieren untergebracht, so daß sie frei fliegen und Nester bauen können. Für die Besucher sind die Volieren durch Doppeltore zugänglich, so daß wir uns mitten unter den Vögeln befinden und sie im wahrsten Sinne hautnah erleben können. Die Tiere sind Besucher gewöhnt, dementsprechend sehr zutraulich und kommen teilweise auf weniger als Armlänge an uns heran. Sie sind mindestens genauso neugierig wie wir.

Ich bin nicht aus Plastik!!!

Ich bin nicht aus Plastik!!!

Überhaupt scheint die Vogelwelt nicht viel anders zu „ticken“ als unsere menschliche. Überall ohrenbetäubende Streiterei und immerwährendes Gezeter um nichts, man macht sich gegenseitig das Futter oder den Sitzplatz streitig oder man stiehlt gleich des anderen Weiblein/Männlein…

Das große Wasser

In Foz de Iguacu im Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay angekommen finden wir einen Platz auf einem sehr schönen Camp Ground nur wenige Kilometer von den Wasserfällen entfernt. Außer uns ist nur eine französische Familie da, die mit drei Kindern zwischen drei und sieben Jahren Südamerika bereist. Im Gegensatz zu Deutschland ist es in Frankreich überhaupt kein Problem, ein Kind für ein Jahr aus der Schule zu nehmen, solange man ihm selbst den Lernstoff halbwegs vermitteln kann, was während der Grundschulzeit nicht schwierig sein sollte. Vernünftige Einstellung; Kinder werden durch Reisen bestimmt nicht dümmer…

Wir fahren zunächst über die Grenze auf die argentinische Seite. Ein Fußweg führt etwas über einen halben Kilometer durch den Nationalpark, bevor der Blick auf die Wasserfälle von der dichten Vegetation freigegeben wird. Da es die Tage vorher stark geregnet und gewittert hat führen die Fälle viel Wasser.

Wir steigen hinunter zu einem Anleger und registrieren uns für eine Bootstour. Bevor es losgeht erhalten alle Teilnehmer einen wasserdichten Sack für ihre Taschen, Kameras usw. Noch wundern wir uns und halten die Maßnahme für leicht übertrieben: Auch wenn die Luft voll feinstem Sprühnebel ist – so schlimm kann es doch nicht werden. Außerdem scheint die Sonne.

Das Schlauchboot legt ab, der Bootsführer dreht den Motor voll auf und dann geht es nicht etwa bis vor die Fälle auf der brasilianischen Seite, sondern mitten hinein, und zwar bis ans Limit! Ich habe das Gefühl, daß ich in den unglaublichen Wassermassen rundherum für einen Moment keine Luft mehr bekomme, aber dann sind wir auch schon wieder draußen – klatschnaß trotz großem Regencape mit Kapuze. Bevor wir richtig Luft holen können dreht der Bootsführer mit hoher Geschwindigkeit eine enge Linkskurve … ich sitze auf der linken Seite unmittelbar an der Bordwand, die sich entsprechend tief neigt und ein Riesenschwall Wasser ergießt sich über meine untere, bis dahin noch fast trockene Hälfte. Jetzt bin ich endgültig durch und Hugo ebenfalls. Und weil es so schön war, wiederholt der Bootsführer die gesamte Aktion noch einmal. Es geht wieder hinein in die gewaltige Naturdusche, dann eine enge Kurve für alle, die auf der rechten Seite sitzen. Hugo und ich sind zwar naß bis auf die Knochen, haben aber Spaß ohne Ende. Mit unverminderter Geschwindigkeit donnert der Bootsführer dann zur argentinischen Seite, wo die Fälle nicht weniger Wasser führen. Da inzwischen ohnehin alle zappelnaß sind, geht es auch hier noch zweimal „satt unter die Dusche“. Dann ist der Spaß vorbei und zum oberflächlichen Antrocknen fahren wir noch eine kleine Weile gemütlich auf dem unteren Rio Iguacu spazieren.

Iguacu BR6

Iguacu BR6

Beim anschließenden Fußmarsch durch den Wald und einer Fahrt mit der kleinen Parkbahn zur Garganta del Diablo trocknen wir in der Sonne kurzzeitig gut durch, bevor uns der Sprühnebel über den Wasserfällen erneut einweicht. Ein Weg aus Stegen über den oberen Rio Iguacu führt rund einen Kilometer weit direkt bis an den Rand der Fälle zum „Teufelsschlund“. Abhängig von der jahreszeitlich schwankenden Wassermenge stürzen dort 1500 m³/s bis über 7000 m³/s mit ohrenbetäubender Wucht hinunter. Der Grund bzw. der untere Iguacu ist durch die Gischt für uns nicht mehr zu erkennen.

Für alle Interessierten hier ein paar Fakten:

  • 20 größere und 255 kleineren Wasserfälle
  • gesamte Ausdehnung rund 2,7 Kilometer
  • Höhe zwischen 64 und 82 Meter.

Im Vergleich zu anderen Wasserfällen:

Victoria Falls in Zimbabwe:                    61 m hoch    1.100 Kubimeter pro Sekunde

Niagara in Kanada:                                51 m hoch    7.000 Kubikmeter pro Sekunde

Sete Quedas in Brasilien/Paraguay:     40 m hoch   13.300 Kubikmeter pro Sekunde

Wir sind beeindruckt und können uns von dem Naturschauspiel kaum losreißen. Aus jeder Perspektive erscheinen die Wasserfälle vor der Kulisse des immergrünen Regenwaldes wieder anders und überall schimmern Regenbogen. Niemand hat die Macht, auf einen Knopf zu drücken und die Wasserfälle „abzustellen“. Gut so.

Auf dem Fußweg zurück begegnen wir vielen großen Schmetterlingen in den schönsten Edelsteinfarben, die sich nicht scheuen, auf dem Arm oder der Schulter zu landen und eine Weile mitzureisen.

Iguacu Schmetterlinge 7

Iguacu Schmetterlinge 7

An den öffentlichen Plätzen plündern Unmengen von Nasenbären die Abfallbehälter und drangsalieren dreist bis aggressiv Besucher, die den Fehler machen, Lebensmittel zu verzehren oder die Tiere anzulocken. Dabei gehen die eigentlich possierlichen Tierchen sogar soweit, völlig hemmungslos die Hosenbeine hochzukrabbeln. Das wäre alles ganz niedlich, wären da nicht die langen Zähne und die Gefahr von ganz üblen Bißwunden und noch übleren Infektionen bis hin zu Tollwut. Auch wenn wir gut geimpft sind, wir halten lieber gebührenden Abstand.

Iguacu Nasenbären 3

Iguacu Nasenbären 3

Der Name Iguazú hat seinen Ursprung aus den guaranischen Wörtern y für Wasser und guasu für groß. Ende der achziger Jahre wurde der Nationalpark auf die UNESCO-Weltnaturerbe-Liste gesetzt, um die Artenvielfalt des atlantischen Regenwaldes zu schützen. Leider etwas zu spät, da einige Tiere wie beispielsweise der Riesenotter hier schon ausgestorben sind, aber besser als gar nicht. So haben Tapir, Jaguar & Co noch eine gute Chance. Wie wir erfahren gibt es bis heute noch Interessenkonflikte, weil Anwohner der Region eine bei der Einrichtung des Parks geschlossene Straße ungesetzlich wiedereröffneten. Die 17,5 km lange Straße teilt den Park von Nord nach Süd in zwei Häften und erspart den Anwohnern einen Umweg von 130 km. Inzwischen ist die Straße per Bundesgerichtsentscheid wieder gesperrt, aber der Unmut geblieben.

Überwältig von den Eindrücken des Tages fahren wir nach Hause und können nachts prompt nicht schlafen. Im Kopf sind zu viele Bilder.

Ein paar Tage später fahren wir mit den Mountain Bikes zur brasilianischen Seite des Parks. Auch dort ist alles top durchorganisiert. Mit einem Bus geht es vom Eingang aus etwa 9 km  bis zu den Wasserfällen. Die meisten Kaskaden liegen auf argentinischer Seite, daher ist von Brasilien aus der Panoramablick noch imposanter. Beide Seiten sind durch mehre Inseln und Halbinseln voneinander getrennt.

Hier auf der brasilianischen Seite von Iguacu empfinden wir die Wasserfälle anders,  unmittelbarer, physisch noch deutlicher spürbar als auf der argentinischen Seite. Man kommt näher heran, teilweise kann man den Arm in das herabtosende Wasser strecken. In der Gischt entstehen wunderbare Regenbogen, vereinzelt sogar Doppelbögen. Ein Catwalk führt in weniger als 1m Höhe über eine der großen wasserumspülten Felsterrassen zu einer kleinen Plattform in den Fällen und in kürzester Zeit sind wir trotz Regencape wieder „sanft geduscht“, können uns aber von dem Anblick nicht losreißen. Was folgt kennen wir ja schon: eine schlaflose Nacht. Diagnose: Akute Reizüberflutung.

Iguacu BR14

Iguacu BR14

Große Herzen

Wir lassen das Vale Europeu mit seinen großen deutschen Einwanderersiedlungen Blumenau, Pomerode, Joinville und den vielen verlockenden Bierbrauereien links liegen und fahren an der boomenden Industrie- und Universitätsstadt Curitiba vorbei in den Bundesstaat Paraná, einen der wohlhabendsten Bundesstaaten Brasiliens. Curitiba genießt heute den Ruf als Capital Ecológica, also Öko-Hauptstadt, da sie als erste Stadt des Landes Umweltschutz zum Leitthema ihrer Kommunalpolitik erhob, inklusive Mülltrennung und Wertstoffsammlung. Gegen den massiven Protest der Autofahrer wurde hier auch bereits Anfang der 70er Jahre die erste Fußgängerzone eingerichtet.

Die BR 277, welche Curitiba mit unserem Ziel Foz de Iguacu verbindet, führt uns über eine fast ausschließlich landwirtschaftlich genutzte Hochebene (800 – 1.300 m). Endlose Flächen Mais, Soja und Weizen ziehen sich bis zum Horizont über die sanften Hügel, nur ab und an unterbrochen von den gewaltigen Getreidesilos der Agrargenossenschaften, die wie silbrig glänzende Ufos von einem anderen Stern in der Landschaft sitzen und so gar nicht dort hinpassen wollen.

Wie immer auf langen Überlandfahrten suchen wir bei Anbruch der Dunkelheit einen Platz an einer der großen 24/7 Tankstellen und schummeln unseren Dicken zwischen die großen Trucks. Dort sind wir vor eventuellen Übergriffen sicher, denn die LKW-Fahrer passen gut aufeinander auf. Bei einem dieser Stopps werden wir, wie schon so oft, angesprochen. Miguel lebt in der Nähe, seine Eltern stammen ursprünglich aus der Ukraine und er muß seinen mit Sojaöl beladenen 30m-Truck noch in der Nacht von Paranaguá nach Cascavel bringen. Zeit für einen Plausch ist in Brasilien aber immer.

Als Miguel erfährt, daß wir aus Deutschland kommen, hüpft er ganz aufgeregt auf dem Parkplatz umher und schnappt sich sein Handy. Dann reicht er es an Hugo weiter, der – ganz verblüfft – auf Deutsch mit seinem Gesprächspartner am anderen Ende sprechen kann. Minuten später haben wir eine Einladung nach Palmital, rund 80 km entfernt und so gar nicht an unserer Strecke nach Iguacu gelegen. Wir schlafen eine Nacht darüber und entscheiden am nächsten Morgen spontan, uns darauf einzulassen und den „kleinen Umweg“ zu fahren, obwohl wir nicht sicher sind, ob die Einladung ernst gemeint war.

Palmital ist in keinem unserer beiden Reiseführer verzeichnet und nicht ahnend, wer und was uns dort erwartet, machen wir uns auf den Weg. Eineinhalb Stunden später erreichen wir den kleinen Ort, fahren gespannt an der uns genannten Adresse vor.  Drei beeindruckende Hunde bewachen bewegungslos wie große Porzellanfiguren den Eingang eines schmucken Hauses. Wir klingeln … und werden bereits von Ronny erwartet. Er hatte früher mit uns gerechnet und bereits telefonisch über Miguel versucht herauszufinden, wann wir wohl ankommen würden. Kurze Zeit darauf sitzen wir schon beim gemeinsamen Mittagessen in Ronnys und Zenis stilvollem Eßzimmer.

Vor Zenis und Ronnys Haus

Vor Zenis und Ronnys Haus

Wir haben das große Glück und Vergnügen, mit Ronny und seiner Familie auf eine Spezies zu treffen, die in unserer profit- und effizienzorientierten „Welt“ bereits unter den Artenschutz fallen müßte, da sie vom Aussterben bedroht ist: Menschen mit riesengroßem Herzen. Was wir in den nächsten vier Tagen erleben dürfen rechtfertigt die Tränchen, die beim Abschied dann unvermeidlich fließen. Wir sind als Fremde, die mal kurz „Hallo“ sagen wollten, gekommen und gehen als Freunde auseinander.

Ronnys Eltern sind als deutsche Einwanderer nach Brasilien gekommen; er selbst hat 12 Jahre in Süddeutschland gelebt und gearbeitet, bevor seine (Herzens-)Entscheidung fiel, ganz nach Brasilien zurückzukehren. Er betreibt heute in Palmital erfolgreich ein Recyclingunternehmen und hat damit in der Region nicht nur Arbeitsplätze geschaffen, sondern auch Bewußtsein in der Bevölkerung. Neugierig wie wir sind fragen wir, ob sich das in einem so kleinen Ort rechnet. Palmital hat inklusive der verstreut liegenden Fazendas im Umland gerade einmal 8.000 Einwohner. Ronny gibt uns ein Beispiel, das uns überrascht: Pro Monat werden dem Recyclingzyklus allein 5 Millionen Plastiktüten aus Supermarkteinkäufen wieder zugeführt. Der Wahnsinn – Von „Jute statt Plastik“ hat hier noch niemand etwas gehört.

Umweltschutz, Wiederverwertung von Ressourcen, Bioanbau von Lebensmitteln und eine saubere Trinkwasserversorgung sind Themen, die Ronny und seiner Familie am Herzen liegen. Nebenbei züchtet er auf 2 ha Land mit großer Leidenschaft allerhand Pflanzen: Wir finden Bananen, Orangen, Bohnen, Matetee, Blumenkohl, japanische Weintrauben, Zironengras und unzählige Heilkräuter – alles Bio natürlich. Wobei er alles andere als ein „Krauter“ ist: Modern, dynamisch, zielorientiert; ein Geschäftsmann mit ausgeprägtem Umweltbewußtsein und Pack-an-Mentalität. Seine Geschäftsideen sind nicht nur pragmatisch, sondern auf Nachhaltigkeit angelegt. Ehrenamtlich kümmert er sich darüber hinaus um die Wiederaufforstung der Region. In den 70er Jahren beabsichtigte die brasilianische Regierung, aus Paraná die Kornkammer ganz Brasiliens zu machen. Im Zuge dessen wurden landwirtschaftliche Projekte finanziell stark gefördert und große Flächen des Waldbestandes rigoros abgeholzt. Inzwischen hat man den Fehler erkannt und die Farmer jetzt verpflichtet, mindestens 20% ihres Landes wieder aufzuforsten. Ronny engagiert für die Pflanzarbeiten teilweise ganze Schulklassen, die dann auf einer Farm nicht 20 oder 200 Bäume setzen, sondern mal eben 2000 und mehr! Als Großfarmer gilt man hier übrigens erst ab 100 ha Land…

Ronnys Bruder Hanzi, der mit seiner Familie zwei Häuser weiter im ehemaligen Elternhaus – ganz traditionell aus Holz gebaut und wunderschön – lebt, beliefert die verstreut und versteckt liegenden Fazendas im Umland mit Lebensmitteln und benutzt dazu einen uralten Jeep, umgerüstet mit einem Opel-Motor, wiederum umgerüstet auf Gasbetrieb aus Flaschen. Für uns abenteuerlich!

Unterwegs mit Hansi

Unterwegs mit Hansi

Wir werden von Hanzi eingeladen, eine Tour zu begleiten und ganz klar … daraus wird natürlich ein Grillevent! Über Erdpisten mit teilweise gewaltigen Steigungen geht es eine Stunde lang durch die wunderschöne grüne Landschaft, zu einigen einsamen Höfen und dann wird irgendwo im Nirgendwo ein Feuer angezündet. Auf großen Spießen grillen wir mit grobem Salz eingeriebene Steaks und Maiskolben, dazu gibt es Brot. Einfach nur lecker!

Grillen in Palmital

Grillen in Palmital

Hugo bekommt als Dessert vom Wettergott noch einen Flug mit dem Gleitschirm serviert und freut sich den Rest des Tages ein Loch in den Bauch.

Hugo fliegt bei Palmital

Hugo fliegt bei Palmital

Eigentlich wollen wir schon längst wieder „on the road“ sein, aber Ronny mit seiner charmanten und überzeugenden Art „nötigt“ uns geradezu zu bleiben. Wir „müssen“ noch unbedingt gemeinsam eine echte Feijoada essen gehen, und so sitzen wir am nächsten Tag im Restaurant und lassen uns das brasilianische Nationalgericht schmecken. Ein deftiger Eintopf, den einst afrikanische Sklaven aus Essensresten der Herrenhäuser zusammenmengten. Grundlage sind schwarze Bohnen und scharfer Pfeffer, dazu Fleisch von Schwein und etliche Gewürze. Alles zusammen wird einige Stunden gekocht und mit Reis, Farofa und Orangenscheiben serviert. Uns schmeckt es sehr gut und wir langen ordentlich zu, sind danach aber ziemlich geschafft. An ein Weiterfahren ist nicht zu denken, also verschieben wir es auf den nächsten Tag.

Hanzi hat hinter seinem Haus einen wahren „Paradiesgarten“ mit unzähligen Obstbäumen und Gemüsebeeten. In der satten terra roxa wächst einfach alles: Orangen-, Mandarinen-, Limonenbäume, die sich vor Früchten biegen, Bananen, Mangos, Erdbeeren, Rote Beete undundund. Gemeinsam pressen wir frischen Zuckerrohrsaft und dürfen von allem, was wächst, probieren. Darüber hinaus werden wir mit Zitrusfrüchten so reich beschenkt, daß im Unimog die Schubladen aus allen Nähten platzen. Skorbut wird an Bord so schnell nicht ausbrechen.

Beim Zuckerrohrpressen

Beim Zuckerrohrpressen

Unimoppel ist inzwischen so bekannt wir ein rosa Elefant und der halbe Ort ist schon zum Schauen und Plauschen gekommen. Richy, der 6jährige Sohn von Ronny und Zeni, kennt sich mit allen Klappen und Kläppchen an Bord inzwischen bestens aus und übernimmt selbstbewußt die Führungen für die Dorfjugend. Als Hugo am nächsten Tag mit Ronny und Hansi zu einem zweiten Flug aufbricht fahren einige der Dorfbewohner spontan mit. Ihre Begeisterung ist grenzenlos.

Nach der Landung

Nach der Landung

Abends wartet Ronny dann mit dem nächsten kulinarischen Highlight auf: Über dem offenen Feuer vier Stunden lang geschmorte Rinderrippchen, die der Größe nach zu urteilen auch von einem Dinosaurier stammen könnten. Wir bekommen langsam Angst, daß Ronny und Zeni schon die Adoptionspapiere beantragt haben und wir gar nicht mehr aus Palmital wegkommen, sondern in Brasilien bleiben. Sie wollen uns einfach nicht gehen lassen … und dem Kloß in unserem Hals nach zu urteilen möchten wir eigentlich auch gar nicht gehen.

Am nächsten Tag eisen wir uns schweren Herzens los und starten Richtung Iguacu. Ronny und Hanzi: Wir danken Euch für die unvergeßlichen Tage in Palmital und die wunderbare Zeit mit Euch! Wir haben Euch und Eure Familien in unser Herz geschlossen! Muitos Bejios!

PS: Miguel, Du bist an allem „Schuld“ – vielen herzlichen Dank auch an Dich. Wir haben Dich vermißt!!!

Vor Hansis Haus

Vor Hansis Haus

Voll im Trend

High Fashion in Brasilien – darunter stellt man sich in der Regel für die Frauen hauteng sitzende ultra low cut Hüftjeans kombiniert mit farbenfrohen bauchnabelfreien Spaghettitops vor, die mehr offenbaren als verbergen, und dazu sexy High Heels mit Mörderabsätzen. Der moderne brasilianische (Macho-) Mann  hingegen drückt sein Modebewußtsein mit am Po knackig sitzenden Designerjeans, Six-Pack-betonenden T-Shirts und ultraschicken Sneakers aus. Denkt man.

Weit gefehlt!!!

Beim Zusammenstellen unserer Reisegarderobe hatten wir aufgrund des doch etwas limitierten Platzes an Bord von Unimoppel besonderen Wert auf universelle Einsatzmöglichkeiten und Kompatibilität im Sinne des Zwiebelprinzips gelegt und uns konsequent auf die wesentlichen Kleidungsstücke für Hitze, Kälte und Regen beschränkt: Wasser- und winddichte Goretexjacken, Jeans, Trekkinghosen, Shorts, T-Shirts, Fleecejacken dick und dünn, Badeklamotten usw. Ergänzt wurde diese Basisaustattung um zwei „Schlampenhosen“ zum gelegentlichen „Indoor-Abhängen“, zum Beispiel an Regentagen. Für diesen Zweck hatte Hugo seine uralte 100% Polyester Adidas-Altherren-Torwarthose, schwarz mit drei weißen Längsstreifen, auserkoren und ich eine ebenfalls uralte schwarze Leggins von H&M für 5 Euro.

Als wir dann das erste Mal einen Brasilianer mit schwarzer Adidas-Trainingshose mit weißen Streifen bemerkten hielten wir es für Zufall und eine Ausnahme. Gleiches galt bei der ein oder anderen Brasilianerin, die in schwarzen Leggins zum Shoppen ging oder mit ihren Freundinnen – ebenfalls ins schwarzen Leggins – im Café saß. Aber je länger wir uns in Brasilien aufhalten desto mehr wird uns klar, daß dieser Look gerade „high fashion“ ist. Alle Welt trägt hier schwarze Leggins und schwarze Trainingshosen von Adidas, und zwar exakt die mit den weißen Streifen an den Seiten! Sowohl für Männlein als auch für Weiblein gilt dabei, daß Alter und Körperfülle keine Rolle spielen, was manches Mal zwar äußerst körperbetont, aber nicht unbedingt sexy ist. Abhängig vom Wetter werden die schwarzen Trainingshosen und Leggins entweder mit Flip-Flops oder mit Joggingschuhen kombiniert.

Seitdem wir wissen, daß wir mit unseren Schlampenhosen voll  im Trend liegen und daher modisch locker mithalten können, schlampen wir noch ein wenig entspannter durch die Gegend 🙂 !

Gute Zeiten in Floripa

2009 erklärte die New York Times Florianopolis zum „place to be“ und zur „party destination“ des Jahres. Die Stadt auf der Ilha de Santa Catarina gilt als Brasiliens Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Für uns liegt Floripa – wie die Einheimischen sie nennen – an der Strecke und, da das Wetter schön ist, nehmen wir gerne noch einige Strandtage mit, bevor wir uns dann für lange Zeit von den Küsten des Kontinentes verabschieden. Auf der Fahrt in den Inselnorden nach Sao Joao do Rio Vermelho werden wir im Unimoppel durch gefühlte 500 lombadas = richtig böse Drempel satt durchgeschüttelt. Von dem Schleudertrauma müssen wir uns erholen und legen daher vor Ort ein paar Orgatage ein. Wäsche gibt man hier in Brasilien übrigens in lavandarias ab; die Berechnung erfolgt pro Kilo. Überhaupt gilt hier viel kiloweise. Es gibt u. a. zahlreiche Restaurants in den Ortschaften oder an den Autobahntankstellen, die das Buffet nach Kilo abrechnen.

Unser Camp Ground liegt inmitten des Parque Florestal, einem Naturschutzgebiet. Zu Fuß laufen wir 400 m bis zur Praia do Mosambique, einem 14 km langen Sandstrand. Der Weg führt durch den Wald und hier treffen wir erstmals große Schilder an „Vorsicht: Giftige Schlangen, Skropione und Spinnen“. Uns begegnet außer ein paar wenigen Surfern nichts und niemand.

Im Gegensatz zum Norden der Insel ist der Süden sehr wenig touristisch erschlossen. Wir fahren eine wildromantische Küste entlang, deren Bewuchs an den Berghängen zunehmend dichter und tropischer wird. Hier siedelten einst Einwanderer von den Azoren an und noch heute erkennt man die Einflüsse in der Architektur. Gegen Abend erreichen wir Solidao, einen verwunschen anmutenden Ort, bestehend aus wenigen von Bäumen und Pflanzen überwucherten Holzhäusern, von wo aus es so gut wie nicht mehr weiter geht. Uns war das Hostel do Pirates für einen Stellplatz genannt worden, aber dieser scheitert am Gewicht von Unimoppel. Wir würden Gefahr laufen, morgens mit samt Auto in der Sickergrube aufzuwachen. Mel Gibson (verblüffende Ähnlichkeit!) eilt entspannt zur Hilfe und organisiert einen Übernachtungsplatz bei einem Freund im Garten, winkt uns unter den tiefhängenden Kabeln durch, beruhigt die Hofhunde und leistet uns bei einem Bierchen noch ein bißchen Gesellschaft.

Am nächsten Tag bummeln wir die Buchten entlang zurück Richtung Inselmitte und legen mittags in Pantano do Sul am Strand einen Stop ein.

Praia do Pantano do Sul

Praia do Pantano do Sul

In der Bar do Arante, einer einfachen Fischerkneipe und lokalen Institution, bestellen wir einige Fisch- und Meeresfrüchtespezialitäten. Zur Begrüßung bekommen wir erst einmal einen hausgemachten Zuckerrohschnaps mit satt Umdrehungen. Es ist Sonntag, und zahlreiche Inselbewohner kommen mit ihren Familien zum Essen hierher, immer ein gutes Zeichen.

Frische Seezunge in der Bar do Arante, Pantano do Sul

Frische Seezunge in der Bar do Arante, Pantano do Sul

Es gibt so gut wie keinen Platz in dem Restaurant, der nicht mit einem kleinen Zettel gespickt wäre, auf welchem Anmerkungen von Gästen stehen. Deutsche finden wir darunter auf die Schnelle nicht, aber hier als Beispiel eine Übersetzung aus dem Spanischen: „Die Casquinhas de Siri waren fabelhaft, der frische Fisch ein Gedicht, der Service erstklassig, aber euer Olivenöl ist echt Scheiße.“ Na gut. Wir fanden das Essen in jeder Hinsicht himmlisch.

Bar do Arante in Pantano do Sul

Bar do Arante in Pantano do Sul

Über Campeche, den Ort , der seinen Namen in den 20er Jahren von Antoine de Saint Exupery, der dort mehrfach auf dem kleinen Inselflughafen landete,  erhielt (champs de peche, es gibt natürlich auch eine „Straße des kleinen Prinzen“), geht es zurück und wir finden einen schönen Stellplatz in den Dünen der Praia do Mola. Der Weg dorthin ist allerdings sehr schmal und dicht bewachsen. Es klingt, als bräche ein weißer Elefant durchs Gebüsch.

Übernachtung an der Praia do Mola

Übernachtung an der Praia do Mola

In den Dünen sitzen zwei kleine Eulen, die uns neugierig beobachten und auf zwei Meter an sich heran kommen lassen. Zur Abwechslung wird abends im Sand mal wieder ein Feuerchen gemacht und … gegrillt;-). Ein Kilo bestes Rumpsteak kostet hier rund sieben Euro, man wird also geradezu genötigt Fleisch zu kaufen.

Dann sind die Götter des Wetters und der Thermik endlich freundlich gestimmt und spendieren Hugo einen einstündigen Flug mit dem Gleitschirm über die wunderschöne Insel mit ihren Buchten, Bergen und Lagunen; sanfte Landung am Sandstrand inklusive.

Hugo im Landeanflug auf Praia do Mola

Hugo im Landeanflug auf Praia do Mola

Mit Glanz auf den Backen – happyhappyhappy – kommt er zurück; es geht doch nichts über einen glücklichen Ehemann!

Am Tag darauf ist es time to say goodbye – Iguacu und das Pantanal warten auf uns. Wir kehren der Küste vorerst den Rücken zu, nicht ahnend, welche Überraschungen der Weg dorthin für uns bereit halten würde.

Strand…gut

Aus der über 1.000 m hoch gelegenen Serra fahren wir am nächsten Tag über Serpentinen fast senkrecht hinab bis auf Meereshöhe und bummeln von einem Traumstrand zum nächsten. Die offizielle Saison ist vorbei, die Urlauber aus Uruguay, Argentinien und Brasilien sind längst wieder zuhause und die charmanten kleinen Küstenorte betten sich zum Winterschlaf, bevor im Juli die nächste Attraktion kommt: die Wale, die wir auf dieser Tour noch nicht erleben werden. Sie kommen aus der Antarktis und bringen in den warmen geschützten Buchten südlich von Florianopolis ihre Jungen zur Welt. Dabei kommen sie erstaunlich nahe, teilweise bis 30 Meter, an die Küste.

In Praia do Rosa, einem der Top Ten Strände der Welt, machen wir einen Stop; außer uns ist niemand zu sehen. Wir fahren die Küste entlang – über 30 km feinster Sandstrand – weiter bis Jaguaruna, einem verschlafenen Nest, wo wir einen ungestörten Platz in den Dünen finden und die Stille genießen.  Hugo frönt abends der urzeitlich-männlichen Lieblingsbeschäftigung: Feuer machen.

Hugo at work

Hugo at work

Auch am nächsten Morgen sind wir bis auf einige Fischer allein und genießen einen Sonnenaufgang wie er schöner nicht sein könnte.

Jaguaruna Sunrise

Jaguaruna Sunrise

Fischer bei Jaguaruna

Fischer bei Jaguaruna

Später am Tag erklimmen wir bei Farol do Santa Marta einen kleinen Hügel und genießen eine spektakuläre Aussicht auf die Küste mit ihren großen Sandünen und sichelförmigen Buchten. Wo sich im Sommer die Surfer tummeln ist um diese Jahreszeit kaum jemand da.

Farol de Santa Marta

Farol de Santa Marta

Boote beI Farol de Santa Marta

Boote beI Farol de Santa Marta

Um den Ort Laguna zu erreichen müssen wir mit samt Unimoppel eine große Lagune queren ; außer uns passen zwei Busse und ein weiterer PKW auf den Ponton, der dann von einem kleinen Boot gezogen wird. Am anderen Ufer geht es weiter nach Garopaba, einem ehemaligen Walfängerort. Heute fischt man dort in der Saison nach Touristen, die mit kleinen Booten hinaus gefahren werden, um die Glattwale zu beobachten.

Die zentrale Praia do Garopaba, der „Stadtstrand“, ist ein traditioneller Fischerstrand, und auch heute noch gesäumt von den Schuppen, an denen die Fischer ihren Fang abliefern und verkaufen. Wir sehen dem Schauspiel aus bunten Booten, Fischern, Möwen, einigen Geiern, Hunden und Katzen eine Weile zu und beschließen, die Nacht über zu bleiben.

Boot in Garopaba

Boot in Garopaba

Praia do Garopaba

Praia do Garopaba

Plötzlich blinkt Blaulicht neben unserem Wagen auf und bleibt. Es ist die Feuerwehr, die aus Neugier gestoppt hat. Die beiden jungen Feuerwehrmänner verwickeln uns in einen längeren Plausch und wir erfahren, daß einer der beiden ursprünglich aus Sao Paulo kommt. Die Hektik der Metropole mit 12 Mio Einwohnern war ihm zu viel und so hat er einen Job in einer ruhigeren Gegend Brasiliens gesucht und in Garopaba gefunden.

Elefantentreffen

Unsere Reise führt uns über eine zum Teil schlechte Erdpiste mitten durch den Parque Nacional dos Aparados de Serra mit seiner gewaltigen Schlucht, dem Canion do Itambezinho, mit rund 700 m Tiefe, 2000 m Breite und 7000 m Länge der „Grüne Grand Canyon Brasiliens“. Der Weg ist gesäumt von immergrünen, unter Naturschutz stehenden Araukarienwäldern, die nur auf der Südhalbkugel vorkommen  und deren Bäume bis zu 1.000 Jahre alt werden können. Da wir unsere geplante Tagesetappe aufgrund der bescheidenen Pistenverhältnisse vor Einbruch der Dunkelheit nicht schaffen werden halten wir Ausschau nach einem geeigneten Übernachtungsplatz und treffen Ardi und Joop, ein sehr symphatisches holländisches Paar, welches mit ihrem riesigen DAF bereits mit kleinen Unterbrechungen seit rund fünf Jahren unterwegs ist und ebenfalls einen Platz zum Schlafen gesucht hat. Wie immer bei solchen Treffen beschnüffeln Hugo und Joop als Erstes gegenseitig die Autos und tauschen sich ausgiebig über PS, Reifenstärke, Generatoren, Serviceklappen, Größe der Tanks, Dieselverbrauch usw. aus. Unimoppel bekommt kurzzeitig Minderwertigkeitskomplexe; gegen diesen Riesen ist er ein Winz. Ardi und ich unterhalten uns dagegen nur über so unwesentliche Dinge wie Reiseroute, Gesundheit und Begegnungen mit Menschen. Hugo hat gesagt, ich darf im Blog frotzeln….

Wer hat den Größten?

Wer hat den Größten?

Nach wenigen Sätzen stellen Hugo und Joop dann fest, daß sie beide Gleitschirmflieger sind, womit das kommunikative Abendprogramm steht. Da Ardi und Joop aus Richtung Florianopolis kommen, was unser nächstes größeres Ziel ist, können sie uns noch wertvolle Tipps zu Übernachtungsmöglichkeiten, Startplätzen usw. geben. Ardi und Joop: Vielen lieben Dank nochmals!!!

St. Moritz in Brasilien

In Uruguay lernen wir Emy und Franz kennen, Hotelbesitzer aus Gramado in der Serra Gaucha und deutschstämmige Brasilianer in der 2ten Generation. Sie schwärmen von der uns bis dahin völlig unbekannten Stadt in den Bergen und wir beschließen spontan einen Abstecher zu machen. Ihre Tochter Shanie, die das Hotel Das Hortensias heute führt, lädt uns nicht nur großzügig ein, auf dem Parkplatz unser Moppel-Quartier aufzuschlagen, sondern offeriert uns darüber hinaus auch jeden Morgen ein umfangreiches Frühstück. Die Gastfreundschaft, die wir bei dieser Familie erleben dürfen, ist grenzenlos und die deutschen Wurzeln sind unübersehbar: Die Räumlichkeiten des Hotels sind konsequent im voralpenländischen Stil gehalten, die Hauskatze hört auf den Namen „Mieze“und es gibt in der Lobby einen „Pipiroom“.

Gramado Hotel Das Hortensias Web

Bummelt man durch Gramado, reibt man sich unweigerlich die Augen. Der Ort ist mit seinen Fachwerkhäusern, zahlreichen Hotels, teuren Boutiquen und Schokoladenläden eine Mischung aus St. Moritz und Disneyland, und wirklich: Als wir nachmittags auf dem Weg nach Hause sind rollt ein Oldtimer-Cabrio an uns vorbei und im Fond sitzt … der Weihnachtsmann, original mit rotem Anzug und weißem Rauschebart. Zur Erinnerung: Am Wochenende vorher war Ostern.

Auch sonst ist hier jeder auf Winter eingestellt. Im Städtchen flaniert man bei fast 20 Grad mit modischer Steppjacke und pelzbesetzter Mütze und führt die neuesten Ugg-Boots aus, natürlich die mit Glitzersteinchen, und in der Hotellobby brennen große Holzscheite im Kamin … bei eingeschalteter Klimaanlage. Die betuchten Gäste wähnen sich in Europa und sind glücklich.

Mieze am Kamin

Mieze am Kamin

Auf der Suche nach einer Lupe für die brasilianischen Straßenkarten mit ihrer winzigen Beschriftung lernen wir in einer Papeleria Rolf kennen, einen weitgereisten Deutschen, der seit rund 30 Jahren in Brasilien lebt, teilweise in Bahia und Gramado. Minuten später sitzen wir bei Café und Cointreau zusammen und tauschen uns aus. Rolf ist historisch sehr gebildet und gibt uns einen umfassenden Abriß über die Geschichte Brasiliens von der Kolonialzeit über die Sklavenzeit bis zur gegenwärtigen Wirtschaftslage. Auch er warnt uns vor Kriminalität und Gewalt und rät uns, sehr vorsichtig zu sein. Es ist schon erstaunlich, wieviel Angst die Brasilianer in ihrem eigenen Land haben, aber bei rund 35.000 registrierten Morden pro Jahr bei knapp 200 Mio Einwohnern kein Wunder. Bei rund 20% aller Verbrechen ist die Polizei beteiligt, ebenfalls kein Wunder, denn ein Polizeibeamter verdient gerade einmal umgerechnet 800 Euro im Monat und ist dankbar für jede Gelegenheit, sein Gehalt aufzubessern, egal ob auf legalem oder illegalem Weg. Die Korruption verfolgt Brasilien nicht nur überall in kleinem Maßstab, sondern trotz massiver Antikorruptionskampagnen der Staatspräsidentin Dilma Vana Rousseff nach wie vor mit Beträgen in Milliardenhöhe bis in die hohe Politik. Aktuelles Beispiel: Der teilweise unsinnige Bau von Fußballstadien im Zuge der bevorstehenden WM in Städten, die noch nicht einmal über eine Mannschaft auf Liga-Ebene verfügen.

Nach ein paar Tagen verabschieden wir uns von Shanie und fahren durch die wildromantische Berglandschaft mit ihren geheimnisvollen Araukarienwäldern, die auch als Kulisse für „Herr der Ringe“ dienen könnten, weiter Richtung Küste.

Von Stränden und Steaks…

Mit Uruguay haben wir ein in vieler Hinsicht unterschätztes Land kennengelernt. Die Küste von Montevideo über Punta del Este in Richtung Brasilien ist gesäumt von unzähligen einsamen Stränden und in den kleinen Fischerdörfern ist die Zeit vor 50 Jahren stehen geblieben. Das mondäne Seebad Punta del Este dagegen mutet mit seiner modernen Skyline aus Glas wie Klein-Miami an, aber wenige Kilometer später verlieren sich die Touristen, überwiegend aus dem benachbarten Argentinien und Brasilien, auch schon.

Skyline Punta del Este/Uruguay

Skyline Punta del Este/Uruguay

Bis zur östlichen Grenze des Landes dann nur Traumstrände, an denen die Surfer auf die perfekte Welle warten.

Strand bei Aguas Dulces/Uruguay

Strand bei Aguas Dulces/Uruguay

Die Uruguayer scheinen das entspannteste Volk der Welt zu sein. Von Hektik keine Spur. Mit Thermoskanne in der einen und Mate-Tee-Becher in der anderen Hand schlendern sie gemächlich durch den Tag, immer offen für einen kleinen Plausch, auch mit uns Fremden. Gespräche ergeben sich wie von selbst. Würde man einen Uruguayer nach der Bedeutung des Wortes „Burnout“ fragen, so erhielte man als Antwort, das sei das letzte Glimmen der Glut beim Grillen. Apropos: Gegrillt wird hier unentwegt; bereits ab mittags ziehen die Rauchfahnen und Aromen in die Nase. Bestes Fleisch erhält man hier zu ganz kleinen Preisen und so schwelgen wir in Entrecote und Filet samt herzhaften Saucen und passenden Weinen der Region. Da zwingend ein gustatorischer Kontrapunkt gesetzt werden muß gibt es als Dessert Dulce de leche, natürlich die kleine Doppelportion. Für Hugo ist das natürlich gar nichts;-)))

Steaks vom Grill in Uruguay

Steaks vom Grill in Uruguay

Hasta luego!

Endlich geht es los…

Nach einem guten halben Jahr intensivster Vorbereitungen gingen wir mit unserem Unimoppel am 28.2.2014 in Hamburg an Bord der Grande San Paolo. Sechs lange Wochen und über 10.000 Seemeilen später erreichten wir am 14.4.2014 Montevideo/Uruguay. Unterwegs hatten wir in Leixoes/Portugal, Casablanca/Marokko, Dakar/Senegal, Luanda/Angola, Paranagua/Brasilien und Zarate/Argentinien angelegt, teilweise mit Aufenthalten von bis zu sieben Tagen. Neben dem Leben an Bord eines Frachters mit über 4.000 Autos und mehr als 1.100 Containern haben wir den Atlantik in allen Schattierungen kennengelernt, von ruhig bis stürmisch, von leuchtendblau am Äquator über smaragdgrün vor der Küste Brasiliens bis tropisch-braun im Parana-Delta. Zeitweise begleiteten uns Delfine und Wale auf unserer Seereise. Die ersten Tage in Uruguay verbrachten wir an einsamen Stränden, bevor wir uns dann durch die Weite der Pampa Richtung Brasilien aufmachten, wo wir inzwischen angekommen sind.

Luanda/Angola

Luanda/Angola