Archiv für den Tag: 20. Juni 2014

Nabelschau

Von Rondonopolis aus sind wir auf dem Weg nach Chapada dos Guimaraes, einem Gebirgsplateau mit vielen Schluchten bei Cuiaba. Ganz in der Nähe liegt zwar nicht der Nabel der Welt, aber immerhin der geodätische Mittelpunkt Südamerikas. Da es noch früher Nachmittag ist machen wir uns auf die Suche und treffen prompt auf ein altes Holzschild mit eingeschnitzten Koordinationen und einem Pfeil, der eindeutig nach rechts zeigt. In ein Maisfeld. Okay, es führt dort eine Piste hinein und Pisten mussten wir schon des Öfteren fahren, um irgendwohin zu kommen, warum also nicht? Wir biegen rechts ab und fahren, bis wir an eine nicht weiter beschilderte Kreuzung kommen. Links oder rechts? Wir entscheiden uns für „grobes Richtungsfahren“ und biegen nach links ab. Dann die nächste Kreuzung, diesmal mit drei Optionen, ein Schild ist nirgendwo zu entdecken. So geht es eine ganze Weile mit Kreuzungen weiter bis wir uns inmitten des kilometerlangen Maisfeldes komplett verfranst haben. Bei fast drei Meter hoch gewachsenen Maisstauden rechts und links, vorne und hinten ist es mit der optischen Orientierung dann auch nicht mehr weit her. Also bleibt nur eine Lösung, wenn wir nicht den Track zurückverfolgen wollen: Solange weiterfahren, bis wir wieder auf eine befestigte Straße kommen. Der Nabel Südamerikas ist uns inzwischen egal. Es geht weiter durch endlosen Mais, über eine Holzbrücke, die uns zum Glück trägt und irgendwann haben wir die asphaltierte Straße wieder erreicht.

Wir sind einige Kilometer gefahren, als die Vegetation am Straßenrand plötzlich vollständig weicht und den Blick auf das rund 800 Meter tiefer liegende Pantanalbecken frei gibt. Dann sehen wir ein uns entgegenkommenden Auto rechts abbiegen und fahren hinterher. Wenige Minuten später stehen wir am Nabel Südamerikas und können bei klarem Wetter Hunderte Kilometer weit in die Tiefebene blicken. Ein Panorama, das uns den Atem raubt.

Chapada 2

Chapada 7

Aber der Tag wird noch besser. An der Kante des Plateaus entdecken wir eine Gruppe von Gleitschirmfliegern bei ihren Startvorbereitungen. So schnell, wie Hugo auf dem Dach des Unimogs bei seinem Gurtzeug ist, habe ich noch keine Affen auf die Bäume flüchten sehen! Nach dem obligatorischen Erfahrungsaustausch mit den lokalen Piloten kann es losgehen. Einzige wirkliche Herausforderung ist, daß zwingend top-gelandet werden muß. Hat man kein Steigen und versenkt sich in die Tiefebene, dann landet man unweigerlich im Dschungel des Pantanals und eine Rückholung bzw. Rettung ist langwierig, wenn nicht sogar aufgrund des unzugänglichen Geländes unmöglich. Bei jedem gelungenen Start jubeln die zuschauenden Brasilianer frenetisch und klatschen Beifall. Dann geht Hugo raus und genießt bei soften Luftverhältnissen einen Traumflug entlang der Steilkante.

Chapada 8

Chapada 3

Nach einer guten Stunde landet er – zum Glück oben – und strahlt wie ein Honigkuchenpferd.

Chapada 9

Kurz vor Anbruch der Dunkelheit erreichen wir unser Nachtquartier, einen winzigen Camp Ground im Ort Chapada dos Guimaraes. Die Einfahrt gestaltet sich schwierig, da die Stromleitungen für Unimoppel viel zu tief hängen. Wir versuchen, sie mit unserer Angel hochzuschieben, aber es reicht nicht. Dann klettert der Verwalter aufs Autodach, um die Strippen hochzuhalten. Auf meine Frage, ob das auch sicher sei, sagt er nur: „Si si!“ Ich glaube ihm, bis ich später den Duschkopf sehe: Offen liegende Kabel! Egal, wir bekommen Unimoppel jedenfalls auf den Camp Ground rangiert, dessen Fassungsvermögen damit zu 80% ausgelastet ist, und machen uns vorläufig keine Gedanken darüber, wie wir hier wieder rauskommen. Als ich Hugo zum Abendessen dann noch Nudeln mit Bröseln und Spiegelei serviere ist er der glücklichste Mann der Welt.

Prinzenrolle

Mein Herzensprinz ist Hugo ja schon lange, aber ich befürchte, er hat noch andere Ambitionen. Wo immer wir mit Unimoppel auftauchen winken uns die Menschen lachend zu. Auch unterwegs auf der Straße grüßen uns die entgegenkommenden Brummifahrer oftmals laut hupend und wir grüßen natürlich zurück. Hugo hat inzwischen die Kunst des huldvollen Winkens derart perfektioniert, daß selbst die Queen neidisch wäre. Ich habe allerdings die leise Befürchtung, daß er selbst ein royales Amt anstrebt und sich nach unserer Rückkehr in Düsseldorf für die Rolle des Karnevalsprinzen bewirbt.

Agrargigantismus

Wenn wir bisher gedacht haben, die Agrarflächen, die wir unterwegs gesehen haben, seien groß gewesen, dann werden wir jetzt eines Besseren belehrt. Wir fahren durch einen Ozean aus Mais, Zuckerrohr, Soja und manchmal Baumwolle; Felder, die nicht fünf oder zehn Kilometer lang sind, sondern zwanzig, dreißig Kilometer, teilweise sogar noch länger. Die grünen Flächen reichen bis zum Horizont und sind in ihrer Dimension wahrscheinlich vom Mond aus mit bloßem Auge sichtbar. In ihrer Schlichtheit sind sie beängstigenderweise schon fast wieder schön: Monochrome geometrische Flächen vor einem dreidimensionalen weiß-blauen Himmel.

Taquari 4 Doc

Taquari 8 Doc

Taquari 5 Doc

Wie frisch aufgerissene Wunden in der roten Erde scheinen die Fahrwege für die Landmaschinen und ja, der Mensch ist hier in seiner grenzenlosen Gier nach großen Profiten mit seinen John Deeres´und New Hollands´wie ein Raubtier über das Land hergefallen. Abgeerntet bleiben öde braune Flächen zurück, die Erde auf Jahre ausgeblutet.

Taquari 6 Doc

Erst hat man diesem Land seine angestammten Bewohner genommen, so daß man in großem Maßstab Sklaven aus Afrika importieren mußte, mit denen man dann das an Bodenschätzen so reiche Land um sein Gold und Silber gebracht, danach hat man den wertvollen Kautschuk aus den Bäumen gezapft, später wurden die Bäume dann für die Felder und das Vieh gefällt und jetzt nimmt man dem Boden seine Kraft. Irgendwann ist Schluß.

Wir sind im Land von Shell, BR, Dow Chemical und BASF & Co. angekommen, die der Natur mit langen Fingern in die Tasche greifen. Die Mengen an Mais und Zuckerrohr sind nicht etwa für den Verzehr durch den Menschen bestimmt, nicht einmal für die Rinderzucht, sondern alles wandert in die Tanks nimmersatter Autos. Die Rohstoffe werden hier direkt vor Ort in riesigen Fabriken zu Ethanol verarbeitet, dann in große Tanklaster abgefüllt und abtransportiert. Ganze Güterzüge fahren direkt bis in die Felder hinein, Kolonnen von Tanklastwagen stehen wartend auf den großen Parkplätzen vor den Unternehmen. „Bio“-Ethanol ist in Brasilien der mit Abstand billigste Treibstoff und rund 30% günstiger als Diesel. Mobilität bedeutet Fortschritt, in Brasilien wie in jedem anderen Land der Welt. Aber zu welchem Preis für die Natur?

Taquari 3 Doc

Abends erreichen wir im letzten Licht Rondonopolis, eine Kleinstadt mit 180.000 Einwohnern und einer der logistischen Mega-Hubs. Hier kommen pro Tag Tausende von Trucks aus allen Winkeln Brasiliens zusammen und verteilen sich neu in alle Himmelsrichtungen. Die Fernstraße führt als Tangente an der Stadt vorbei und ist über mehrere Kilometer gesäumt von Reifenhändlern, Werkstätten, Tankstellen, kleinen und großen Lanchonetes. Alles dreht sich hier um das Thema LKW und seinen Bedarf. Die Trucks kommen teilweise von sehr weit her und sind restlos schmutz- und schlammverkrustet von der terra rossa. Unimoppel und wir selbst sind auch nicht mehr die Frischesten und so mogeln wir uns auf einer Tankstelle wieder zwischen zwei LKW.

Rondonopolis 1 Doc

Über der Stadt hängt ein dichter Schleier aus dem vom Schwerverkehr meterhoch aufgewirbelten Staub der rostroten Erde. Im Licht der untergehenden Sonne entsteht optisch Endzeitstimmung und ich erwarte jeden Moment, daß Bruce Willis lässig aus einem Truck steigt und sagt: „Volltanken, bitte.“

Parque Nacional das Emas

Paul Theroux hat den schönen Satz gesagt: „Tourists don’t know where they’ve been, travelers don’t know where they’re going.” Spontan beschließen wir mal wieder eine Kursänderung und machen einen Abstecher zu einem Biosphärenreservat weiter östlich im Bundsstaat Goias, also in die entgegengesetzte Richtung. Überschlägig rechnen wir abends einen Umweg von rund 400 km aus, das Garmin sagt uns am nächsten Tag, daß es locker über 700 km sind, aber wir fahren trotzdem. Die Fahrt dorthin zieht sich – wieder einmal – entlang Mais- und Zuckerrohrfelder, die zunehmend größer werden. Der Parque Nacional das Emas, benannt nach den großen flugunfähigen Emas (Nandus), ist einer der bedeutendsten Nationalparks in der brasilianischen Buschsteppe und weltweit ein Hot Spot in Bezug auf Biodiversität. Biologen und Wissenschaftler sind hier auf der Suche nach Pflanzen, die zukünftig für Medikamente und Kosmetika eingesetzt werden können. Wir sind gespannt, was uns erwartet.

Aus der Ebene geht es bis über 900 m auf ein immens großes, fast vollständig ebenes Hochplateau hinauf. Oben angekommen, finden wir auf der einen Seite der Fernstraße weiterhin gentechnisch perfektionierte Mais- und Zuckerrohrfelder, auf der anderen Seite den 132.000 ha großen Nationalpark, beide Gebiete nur getrennt durch die zweispurige BR 341. Wir erfahren, daß der Zutritt zum Park nur mit Genehmigung der ICMBio und in Begleitung eines Führers (gibt es sogar auch englischsprachig) möglich ist, aber es ist kein Problem, beides für den nächsten Tag zu organisieren. Am nächsten Morgen finden wir uns am nördlichen Eingang des Parks ein, wo außer dem „Portier“ niemand da ist. Dieser radelt mit seinem Fahrrad los und kommt kurze Zeit später zurück, um uns mitzuteilen, daß gleich jemand käme. Zwanzig Minuten später kommt auch jemand, der schon recht offiziell ausschaut und uns mitteilt, daß gleich der „Guide“ käme. Wiederum zwanzig Minuten später kommt dann auch jemand vorgefahren und stellt sich als unser Parkführer vor, allerdings der englischen Sprache dann doch nicht mächtig ist. Er fragt, woher wir kommen… aus Deutschland … ich frage ihn, ob er vielleicht Italienisch versteht … nein …. dann vielleicht Spanisch … nein … vielleicht eine andere Sprache… Französisch … nein und nochmals nein. Okay, dann wurschteln wir uns halt so durch.

Wir fahren auf Erdpisten in den Park, der Teil der Serra do Calapo ist, der Wasserscheide zwischen dem Amazonas-, Platino- und Pantanalbecken. Schon nach den ersten wenigen Kilometern haben wir den Eindruck, in ein post-apokalyptisches Szenario einzutauchen.

PDE 9 Doc

Die eigenwillige Landschaft ist zu einem großen Teil mit bis zu drei Meter hohem Gras bedeckt, dazwischen prägen Abertausende von Termitenkegeln und knorrige, weit auseinander stehende und oftmals gänzlich unbelaubte Bäume von wenigen Metern Höhe das Bild. Würde nicht ein leiser Windhauch durch die Spitzen des Grases streichen, man würde denken, die Landschaft sei „gefriergetrocknet“ oder durch einen Atomschlag erstarrt.

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Wir können keine Bewegung und fast keinen Laut wahrnehmen, außer dem Pfeifen einiger versteckter Vögel. Kaum zu glauben, daß diese Landschaft Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen ist: Mähnenwölfe, Ameisenbären, Tapire, Pecaris, Lanzenotter, Hirsche, Gürteltiere. Allein 90 verschiedene Säugetierarten sind hier zuhause, insgesamt über 3.000 Species. Wir fahren langsam die 45 Kilometer von Nord nach Süd durch den Park bis zum entgegengesetzten Eingang und dann nach kurzer Pause wieder zurück. Außer Hirschen, Nandus und ein paar anderen Vögeln bekommen wir keine Tiere zu sehen, aber wir sind auch viel zu spät dran. Die beste Zeit ist frühmorgens von 5 bis 7 Uhr; in der Hitze der Mittagszeit dösen die Tiere alle im Schatten, perfekt getarnt durch das hohe Gras. Trotzdem, die spröde Eigenwilligkeit der Landschaft ist beeindruckend. Schaut man genauer hin und nimmt einen Quadratmeter Boden „unter die Lupe“, dann entdeckt man selbst als Laie die Vielfalt.

PDE 12 Doc

Unzählige Pflanzen und Pflänzchen drängen sich auf kleinem Raum, manchmal auf den ersten Blick leblose Äste oder einzelne Blätter, die aus dem Boden wachsen, manchmal nur trockenes Gestrüpp, welches beim nächsten Regen erneut zu Leben erwacht. Zur Trockenzeit fällt hier ein halbes Jahr lang kein Tropfen Wasser und so verfügen viel Pflanzen über ausgeklügelte Fähigkeiten, sich am Leben zu erhalten.

Ich denke an die Mais- und Zuckerrohrfelder auf der anderen Straßenseite. Vor gar nicht einmal allzu langer Zeit hat das gesamte Hochplateau noch so ausgesehen und kurz vor knapp hat zum Glück jemand die unschätzbaren Ressourcen erkannt, die Reißleine gezogen und der völligen Vernichtung dieser einzigartigen Fauna und Flora Einhalt geboten.

Kurz vor Sonnenuntergang sind wir zurück am Nordtor. Unser „Guide“ hat freiwillig während der gesamten Zeit so gut wie keine Informationen gegeben; wenn wir etwas wissen wollten , dann mussten wir dies mühselig erfragen und die Antworten waren dann einsilbig und alles andere als zufriedenstellend. Nachdem wir abschließend den Parkeintritt – den wir ganz offiziell quittiert bekommen – und die Gebühr für den Guide – die wir nicht quittiert bekommen – gezahlt haben, kann der Mensch plötzlich sprechen, und zwar recht verständlich auf Deutsch! Er erzählt uns brühwarm, daß seine Großeltern aus Deutschland stammen und nach Brasilien ausgewandert sind. Ich bekomme Schnappatmung, zwinge mich dann aber dazu, diesen Vorfall mit buddhistischer Gelassenheit über mich hinwegrauschen zu lassen, weil ich uns den ansonsten schönen Tag nicht versauen möchte. Auf solche Idioten trifft man leider ab und zu, aber zum Glück ausgesprochen selten.

Wieder zurück auf der Straße, die Nationalpark von Agrarland trennt, fahren wir am späten Nachmittag Richtung Nordwesten weiter und entdecken zu unserem Entsetzen zwischen den Feldern immens große Gruben mit Müll, primär Plastik. Nach dem Motto „Aus den Augen aus dem Sinn“ schieben große Bagger einfach einen Meter rote Erde darüber und das war es. Wir sind etwas fassungslos. Naturschutz auf der einen Seite, und dann dieses…wie passt das zusammen?

In Alto Taquari finden wir abends an einer Tankstelle wieder einen Schlafplatz und quetschen uns zwischen die großen 80-Tonner-Trucks. 7-, 8- und 9-Achser, die Doppeltanks beladen mit jeweils 60.000 Litern Treibstoff. Um uns herum stehen davon 10 bis 12, irgendwie kein gutes Gefühl und den Gedanken „Was ist eigentlich wenn…“ schieben wir schnell beiseite.

Ziemlich beste Freunde

In den vergangenen Monaten hat sich zwischen Hugo und Unimoppel eine fast symbiotische Beziehung gebildet. Der eine kann nicht mehr ohne den anderen. Liebevoll wird mit der Infrarotpistole regelmäßig die Temperatur des Motors oder der Vorgelege gemessen – manchmal auch die des Lagerfeuers oder die von umherlaufenden Hühnern -, alle 1.000 km ein Liter Öl nachgefüllt (mit seinen dreißig Jahren ist Unimoppel schon ein Oldtimer und darf ein legitimes Laster haben), die Anzeigetafel für Energie- und Wasserversorgung hin- und hergeschaltet, die Solarzellen auf dem Dach von Laub und Staub befreit, Diesel von einem Tank in den anderen umgepumpt und so weiter und so fort. Zum Glück bin ich nicht der eifersüchtige Typ …

Da wir erst auf die allerletzte Minute vor unserer Abreise im Februar mit dem Ausbau der Wohnkabine fertig geworden sind, hatten wir keine Gelegenheit, unser rollendes Zuhause gründlich zu testen. Wir sind eine Nacht offroad im Halberbrachter Wald herumgerumpelt, mehr oder weniger im Blindflug, da die Zusatzscheinwerfer noch nicht angebracht waren, aber das war´s auch schon. Zu mehr Tests reichte die Zeit einfach nicht mehr. An Bord der Grande San Paolo haben wir uns manches Mal gefragt, ob wir nicht vollkommene Idioten sind, gleich die erste Tour direkt in Südamerika zu starten. Mut und Dummheit sind bekanntlich Geschwister…

Bisher funktioniert alles überraschend gut und wir sind sehr zufrieden. Unimoppel bewährt sich bestens. Nach längeren Fahrten auf rappeligen Erdpisten hat er manchmal die ein oder andere Schraube locker, die dann nachgezogen werden muß, die Temperaturanzeige für den Motor haben wir ausgetauscht und ab und an zieht die Trinkwasserpumpe Luft, aber das ist auch schon alles an Kinderkrankheiten.

Bei sehr steilen Bergauffahrten verlangsamt sich die Fahrt allerdings so drastisch von 70 kmh auf gefühlte 3 kmh, daß ich denke: „Jetzt rollen wir gleich jeden Moment rückwärts“ und Herzjagen bekomme, aber das sind die Momente, wo Hugo mir beruhigend auf´s Knie klopft und sagt:“Schatz, wir haben noch zwei …(Gänge)“. Okay, bis zu den gewaltigen Andenpässen müssen Unimoppel und ich an unserer Beziehung wohl noch etwas arbeiten.

Und Schweine können doch fliegen

Von Campo Grande aus fahren wir nordwärts und nähern uns immer mehr dem geographischen Mittelpunkt Südamerikas. Wir legen einen Stopp auf der Fazenda Cachoeira das Palmeiras hinter Coxim ein, wo wir … die Überraschung ist perfekt … Ursi und Urs wiedertreffen, die aus dem Norden kommen und jetzt in einem ziemlichen Ritt zurück nach Montevideo müssen, um ihren Heimflug Ende Juni zu bekommen.

Urs und Ursi Doc

Unser Stellplatz auf der Fazenda liegt sehr schön in der Nähe eines kleinen Wasserfalls, der nicht sehr hoch, aber dafür schön breit ist. Außer uns sind noch einige Brasilianer da, die im Fluß angeln wollen.

Cachoeira das Palmeiras  Stellplatz Doc

Zur Fazenda gehören neben den vielen Rindern auch Pferde, Hühner, eine Katze und ein Schwein, welches wir den ganzen Nachmittag immer wieder grunzen hören, aber nicht zu Gesicht bekommen. In den Bäumen des nahen Waldes springen einige Äffchen von Baum zu Baum und im dichten Unterholz rascheln einige Tiere von der Größe eines Hasen, die wir sehen, aber nicht kennen. Nachmittags fliegen lautstark drei Gelbbrust-Aras ein, um die Früchte in den großen Palmen zu verspeisen und eine Art Specht klopft sich seine Mahlzeit aus einem Baum.

Cachoeira das Palmeiras  Gelb Ara  Doc

Abends streunt Hugo weiträumig über das Gelände, um Holz für unser Lagerfeuer zu sammeln, aber auch er kann das grunzende Schwein immer noch nicht entdecken.

Cachoeira das Palmeiras Unimoppel Doc

Wo versteckt es sich bloß? Wir vermuten sogar, daß es vielleicht ein Wildschwein ist; der Wald fängt direkt an unserem Stellplatz an. Irrtum! Am nächsten Morgen sitzt das Schwein über uns im Baumwipfel und hat einen gelben Schnabel.

Marmitex

Es ist Mittagszeit und wir steuern eines der einfachen, aber gut besuchten Straßenrestaurants in Downtown Campo Grande an. Eine Speisekarte am Tisch gibt es nicht, aber an der Wand hängt eine Tafel, auf der sieben oder acht Gerichte aufgeführt sind. Was sich hinter den eigenwilligen Namen verbirgt erschließt sich uns auch bei intensivem Nachdenken nicht, noch nicht einmal ob Fleisch, Fisch oder Huhn, daher entscheide ich mich für das mit dem lustigsten Namen: Marmitex. Es gibt auch noch Marmitex Special, aber das ist – vemute ich – bestimmt eine große Portion von Marmitex und so groß ist mein Hunger auch wieder nicht. Hugo schließt sich mir an und dann wird es wirklich lustig.

Ich bestelle beim Kellner in perfektem Brasilianisch- das schaffe ich inzwischen schon ganz gut – zwei Mal Marmitex und eine große Flasche Cola. Er schaut mich leicht irritiert an und stellt mir eine Frage. Die zu enträtseln schaffe ich dann schon nicht mehr ganz so gut. Ich meine zu verstehen, daß er wissen möchte, ob wir an diesem Tisch essen möchten, und ich denke: „Was für eine doofe Frage: Erstens hast du uns gerade erst diesen Tisch zugewiesen und zweitens sind alle anderen im Restaurant besetzt“, aber ich schenke ihm mein strahlendstes Lächeln und sage selbstbewußt: „Si, cierto!“ Woraufhin er mich erst recht verständnislos anschaut und seine Kollegin zur Hilfe holt, die dann ihren etwa 18jährigen Sohn hinzuzieht. Erwartungsvoll schauen die beiden mich an und noch immer lächelnd wiederhole ich unseren Wunsch und denke mir nichts dabei: Zwei Marmitex und eine große Flasche Cola und ja, hier an diesem Tisch, bitte.

Die Kollegin lächelt mich unverändert an, zieht zeitverzögert dann die Unterlippe zwischen die Zähne und die Augenbrauen hoch, schaut nachdenklich erst zum Kellner, dann zu mir, zu Hugo, wieder zum Kellner, in ihren Augen unverkennbar große Fragezeichen. Sie zuckt hilflos mit den Achseln, offensichtlich bleibt es ihr ein Rätsel, was wir wünschen. Der Junge sieht seinen Einsatz kommen, zückt hilfsbereit sein Handy, tippt in atemberaubender Geschwindigkeit wie es nur Teenager können etwas auf brasilianisch in das Übersetzungsprogramm und hält Hugo dann das Display vor die Nase. Der liest laut den folgenden Satz vor: „Even if you serve the food.“

??? Heißt das, wir sollen uns am Buffet selbst bedienen??? Nein, auch damit liege ich falsch. Wir grinsen uns an, erst Hugo und ich, dann wir alle fünf. Inzwischen amüsieren sich auch die Gäste an den Nachbartischen über die beiden Gringos. Mittlerweile ist klar, daß sie hier gerade Zeugen eines mittleren Kommunikationsgaus sind. Ich kann mich vor Lachen kaum noch halten, nehme nochmals einen Anlauf, erst auf italienisch, dann auf spanisch, der Kellner und seine Kollegin versuchen es gemeinsam mit wilder, aber bezeichnender Gestik und dann macht es plötzlich „Bingo“ in meinem Kopf! Marmitex bedeutet Take Away! Ist doch ganz klar, oder? Wir signalisieren, daß wir endlich verstanden haben, und bestellen dann für Hugo “irgendetwas mit carne! (Fleisch) und für mich „irgendetwas mit frango“( Hühnchen) und bekommen beides prompt serviert. Geht also doch…

Anpfiff in Campo Grande

Wieder zurück auf der Fernstraße nehmen wir Kurs auf Campo Grande und fahren rund 280 km ostwärts. Eigentlich interessieren uns die großen Städte nicht sonderlich und wir wollen in der Nähe von Campo Grande nur eine Tankstelle als Zwischenstopp und Übernachtungsplatz ansteuern. Als wir ankommen ist es noch früh und wir beschließen, einmal die Ost-West-Achse, die Avendia Afonso Pena, mitten durch das Stadtzentrum zu fahren. Ist der erste Eindruck positiv, dann bleiben wir, wenn nicht, dann fahren wir „hinten“ wieder raus aus der 750.000-Einwohner-Stadt.

Die Entscheidung fällt nicht schwer: Campo Grande präsentiert sich von der besten Seite. Sehr sauber, modern und tiefenentspannt. Wir bleiben, und finden zentrumsnah einen Stellplatz an der Straße vor einem Hostel, etwas laut, aber dafür sicher. Von hier aus können wir alles gut zu Fuß und mit dem Bus erreichen. Nach so viel Natur in den letzten Tagen ist uns jetzt nach etwas Kultur und quirligem Leben: Wir besuchen den überdachten Mercado Publico mit seinen unzähligen Ständen und erstehen verschiedene Gewürze, die wir nicht kennen, und die fünfte (!) scharfe Soße. Anschließend kaufen wir spontan zwei Bustickets und fahren zum Parque das Nacoes Indigenas am anderen Ende der Stadt, um das Museu das Culturas Dom Bosco zu besuchen, welches mit über 5.000 Exponaten einen Einblick in das Leben der Ureinwohner dieser Region gibt. Wir sind begeistert von dem kleinen, feinen Museum. In gut überlegtem, zurückhaltendem Ambiente werden handgefertigte Waffen, filigraner Schmuck, Musikinstrumente, Gefäße und Werkzeuge der Indianer ausgestellt. Dazu Kopfschmuck aus Federn, der schöner nicht sein könnte. Philip Tracey würde vor Neid erblassen! Auf großen Tafeln wird nicht nur die Geschichte der vielen unterschiedlichen Indio-Stämme erklärt, sondern auch die heutige geographische Verbreitung. Traurig zu sehen, daß einige Stämme ganz ausgestorben sind und es von manchen heute nur noch gerade einmal 600 Nachfahren gibt.

Auf dem Rückweg zur Busstation sehen wir, daß im Park eine große Leinwand und Lautsprecher aufgebaut werden. Morgen ist WM-Auftakt; Brasilien spielt gegen Kroatien. Im Vorfeld hatten wir immer wieder von schweren Massenausschreitungen gehört und entschieden, public viewings in großen Städten zu meiden, aber da auch der zweite Eindruck von Campo Grande eindeutig entspannt ist beschließen wir, das Spiel live im Kreise der Brasilianer mitzuverfolgen. Eine bessere Gelegenheit werden wir nicht mehr haben. Wir schmücken Unimoppel rechts und links mit grün-gelben Bannern und am nächsten Tag fahren wir zum Park.

Fan mit grüner Perücke Doc

Es ist eine einzige Show! Als wir ankommen, ertrinken wir in einem gelb-grünen Meer. Niemand, der nicht mindestens ein T-Shirt, eine Perücke, eine Flagge oder Gesichtsbemalung in den brasilianischen Nationalfarben trägt, am besten gleich mehreres zusammen. Mit meinem langweiligen schwarzen T-Shirt – und ja, wieder einmal den schwarzen Leggins – bin ich das sprichwörtliche scharfe Schaf und fühle mich wie ein Pickel auf Schneewittchens Teint. Als die brasilianischen Nationalspieler ins Stadion einlaufen bricht um uns herum infernalischer Jubel aus und die Sambatrommel dröhnt bis zur Copacabana. Die Brasilianerinnern haben sich aufgebrezelt wie für die Disco: Knappste Shirts, noch knappere Shorts und Ultrahighheels, aber zur Brasilianerin (und zum Brasilianer) verraten wir an anderer Stelle mehr.

Die Diven von hinten Doc

Hugo und ich sind so mit people watching beschäftigt, daß wir das 1:0 für Kroatien nicht mitbekommen. Bei allen Toren, die Brasilien schießt, bricht minutenlang frenetisches Gejubel aus. Als das Spiel vorbei ist, sind wir längst von der ausgelassenen Stimmung angesteckt und fahren laut hupend mit Unimoppel im Konvoi zurück in die Stadt.

PS: Mit Doppelclick auf die Bilder könnt Ihr sie öffnen und in vollem Format anschauen.

Zwei Girls und ein Mann Doc

Emergency Room

Seit einigen Tagen trage ich einen imaginären weißen Kittel und ein rotes Kreuz auf der Stirn. Hugo hat eine üble Entzündung im Zeh – die Details ersparen wir Euch – , die behandelt werden muß. Ich sehe zwar nicht aus wie George Clooney, aber Fußbäder, Jodbehandlungen und Bandagen bekomme ich hin. Hugo ist ein vorbildlicher Patient, klagt und jammert nicht und lässt alles tapfer über sich ergehen. Zur Belohnung gibt’s nach der abendlichen Behandlung eine Dose Skol-Bier.

Sackgasse

Der Abschied von der schönen Fazenda Sao Joao fällt uns schwer, aber wir wollen weiter bis Corumba und begeben uns wieder auf die Estrada Parque do Pantanal. Wir kommen genau bis zur Curva do Leque, dann ist Schluß.

Curva do Leque Doc

Wir sprechen mit drei LKW-Fahrern, die ebenfalls nicht weiter kommen und umkehren müssen. Es steht noch zu viel Wasser in der verbleibenden Strecke, selbst mit Unimoppel, der Tiefen bis 120 cm durchwaten kann, ist es nicht zu schaffen. Maximal fünf Kilometer könnten wir noch fahren, aber der Damm selbst ist so durchweicht, daß wir den Wagen nicht mehr wenden könnten. Wir sehen ein, daß es hier nicht weitergeht, aber vielleicht ja in die andere Richtung? Es gibt noch einen alten Weg, der quer durch das Pantanal führt und für uns eine Abkürzung nach Coxim böte. Wir fragen nach, erhalten aber die gleiche Antwort: Ebenfalls noch viel zu viel Wasser für die Jahreszeit. Alle Fazendas in östlicher Richtung sind durch das Hochwasser komplett abgeschnitten. Die Regenzeit hat sich spürbar nach hinten verschoben; der Klimawandel macht auch vor dem Pantanal nicht halt. Wir sind einsichtig, kehren um und werden stattdessen den Pantanal über die BR 262 und BR163 großräumig umfahren, um über Coxim nach Cuiabá zu gelangen.

Tunnel Doc

Tiere des Pantanal

Der Pantanal ist in Südamerika das Gebiet mit der höchsten Tier- und Pflanzenartendichte. Naturkundlich registriert wurden bis jetzt: 1700 Pflanzenarten, 700 Vogelarten, 50 Reptilienarten, 278 Fischarten, darunter welche, die bis zu 120 kg schwer werden.

Trotz der immens hohen Tierdichte darf man keinen „Zoobesuch“ erwarten. Vögel sieht man sehr viele und sie machen auch immer lautstark auf sich aufmerksam, ansonsten ist der Pantanal leise und man muß sehr genau und geduldig hinsehen, um Tiere zu entdecken. Die größeren Säugetiere sind fast ausnahmslos nachtaktiv und so muß man entweder in den frühen Morgenstunden zwischen 5 und 7 Uhr losziehen oder aber abends nach Einbruch der Dunkelheit. Lediglich Capivaras, die „Wasserschweine“ und Jacarés = Kaimane gibt es häufig.

Caiman 1 Doc

Der Name „Jacaré“ entstammt der Sprache der Guarani-Indiander, der Ureinwohner des Pantanal. Für sie ist der Kaiman ein göttlicher Bruder und sie erzählen sich eine Legende, in der sich ein Guarani-Häuptling in einen Kaiman verwandelte, um die Natur zu schützen. Sie glauben, daß der Kaiman die göttliche Ordnung auf Erden aufrecht erhält und das Ende der Welt naht, wenn der Kaiman den Pantanal verlässt. Was die Apokalypse betrifft besteht zumindest im Augenblick kein Anlaß zur Sorge: Seit 1967 die Kaimanjagd verboten wurde hat sich der Bestand im Pantanal auf 35 Mio Kaimane erholt.

Tagsüber haben Hugo und ich bisher mehrfach den großen Ameisenbären, einen Pantanalhirsch, ein Opossum, ein Gürteltier, zahlreiche Affen und einen großen Keiler gesehen, und wir hoffen, auf einer organisierten Nachtbeobachtungstour noch mehr Tiere zu Gesicht zu bekommen. Auf der Fazenda Sao Francisco geht es im offenen Jeep abends für zwei Stunden los, die Augen durch übergroße Brillen gut geschützt vor den Unmengen an Moskitos und anderen Insekten. Im Scheinwerferlicht stieben vor unserem Wagen auf den Feldwegen unzählige Eulen unwillig im letzten Moment hoch, in ihren Fängen baumelt hilflos ihre Beute, meistens kleine Frösche. Wir sehen im Lichtkegel ein paar Capivaras, einen Pantanalhirsch, entdecken in einem Busch am Rande des Weges eine grüne Schlange und schrecken einen Ozelot auf, der prompt mit einem Satz im Gebüsch verschwindet.

Ozelot Doc

Auf der Fazenda Sao Francisco wird im Rahmen eines Reproduktionsprogrammes ein ausgewachsener männlicher Tapir gehalten. Sein Gehege ist groß, dicht und hoch bewachsen und die Chance, ihn zu sehen, sind eher gering, aber wir haben Glück. Als wir am späten Nachmittag aus dem Unimog treten sehen wir ihn, noch ganz verschlafen, aus seinem Stall kommen. Wir waren gewarnt worden, ihm zu nahe zu treten: Bei Bedrohung können Tapire ihren (vermeintlichen) Feind zielgenau über mehrere Meter Entfernung anpinkeln. Wir betrachten das seltsam anmutende Tier von der Größe eines Ponies aus gebührendem Abstand.

Tapir 1 Doc

Der größten Katze des südamerikanischen Kontinentes, dem Jaguar, zu begegnen ist eher unwahrscheinlich. Seit brasilianische Umweltschutzbeamte die Einhaltung des Arten-schutzabkommens streng überwachen hat sich zwar der Bestand des Jaguars im Pantanal wieder auf rund 8.000 Exemplare erhöht, aber leider bekommen wir in dieser Nacht keines dieser Raubtiere mit dem schön gezeichneten Fell zu sehen. Sie sind ausgesprochene Einzelgänger, sehr scheu und man wird ihnen vermutlich eher auf der Fifth Avenue oder der Kö zu begegnen, wo sie die Schultern einer rich bitch schmücken, mit der zweifelhaften Aufgabe ihr zu mehr Selbstbewusstsein und Anerkennung zu verhelfen.

Wir sehen in dieser Nacht jedenfalls keinen, sind aber nicht enttäuscht, weil die Fahrt durch den nächtlichen Pantanal auch so sehr lohnenswert ist. Wenn die Vögel schlafen ist die Stille fast physisch greifbar. Es gibt keine künstlichen Lichtquellen, keinen Lichtsmog, der den Millionen Sternen am Himmel Konkurrenz machten könnte. Man bekommt eine Vorstellung davon, wie es war, als der Mensch noch nicht da war.

Eine große Säugetierart gibt es hier im Pantanal allerdings zu Millionen und bedroht das Paradies immer stärker. Hugo nennt sie den „brasilianischen Butterhirsch“, naturwissenschaftlich korrekt heißen sie Charolez, Miura, Caracu, Longhorn oder Boi Pantaneiro, ich sage dazu einfach Rinder. Für die einträgliche Zucht roden die Fazenderos legal und illegal nach wie vor großflächig den Urwald, so daß die Rückzugsräume für die wilden Tiere immer kleiner werden. Viel Fleisch wird dabei nach Europa und Indien exportiert. Die Größe der Fazendas ist teilweise atemberaubend: Es gibt Farmen mit über 100.000 Tieren. Geschätzt werden zur Zeit allein im Pantanal ca. 8 Mio Rinder gehalten.

Butterhirsche 1 Doc

Vor Kurzem hatten wir im Blog die Benutzung des Begriffs „öko“ angesprochen, der hier in Brasilien unserem Empfinden nach inflationär eingesetzt wird. Inzwischen haben wir recherchiert und unser Eindruck wurde bestätigt: Von den Rund 1.250 Fazendas im Pantanal haben ganz drei (!) ein offizielles Öko-Zertifikat; der Rest schmückt sich also mit fremden Federn und bastelt sich seine Eco-Labels selbst. Trotzdem, globale Naturschutzorganisationen wie der WWF und auch die brasilianische Regierung haben erkannt, daß Ökotourismus ein sinnvolles Instrument ist, dieses Biotop zu erhalten und die Bemühungen gehen in die richtige Richtung.

Bewegte Bilder findet Ihr hier:

Der Grzimek ist los

Am nächsten Morgen bin ich schon vor sechs Uhr unterwegs, während Hugo noch im Koma liegt und sich vom Capivara-Trauma des Vorabends erholt. Der Himmel über der Fazenda ist malerisch gefärbt; ein Hauch von Nebel überzieht die Landschaft um diese Zeit noch mit einem zarten Schleier, den die Sonne in kurzer Zeit weggeschmolzen haben wird. Außer den Vögeln, die wie immer um diese Uhrzeit einen Mordsradau machen, ist noch alles still. Einer der Peones sattelt mit ruhigen Bewegungen und leise eine Melodie summend sein noch dösendes Pferd, um seine morgentliche Runde zu machen, zwei Stunden später wird er zurück sein.

Satteldecke Doc

Schon am Vortag hatte sich der Reichtum an Vögeln hier auf der Fazenda gezeigt. Jetzt, am frühen Morgen, bestätigt sich der erste Eindruck und der Grzimek in mir kennt kein Halten mehr. Schon als Kind zogen mich die Tierdokumentationen von Prof. Bernhard Grzimek im Fernsehen in ihren Bann und viele Jahre lang war es mein größter Berufswunsch (nach Verpackerin an der Käsetheke bei IFA, Försterin und Eiskunstläuferin), ihm später im Frankfurter Zoo zu assistieren. Clarence, der schielende Löwe, Flipper, der Freund aller Kinder und Skippy, das nuksende Buschkänguruh waren meine besten Freunde, im Kinderzimmer stapelten sich die Steifftiere, vom heimischen Eichhörnchen bis zur exotischen Giraffe. Während andere Mädchen eifrig Glanzbilder mit und ohne Glitzer für das Poesiealbum tauschten sammelte ich die Unterwasser-Klebebilder von Hans Hass, die es damals an den Esso-Tankstellen gab, wenn ich mich recht erinnere. Zu meinem Glück zeigten meine Eltern Verständnis für meine Leidenschaft und sponsorten großzügig ein Abonnement von „Der kleine Tierfreund“, so daß ich dafür nicht mein Taschengeld opfern musste.

Zwei kleine Grüne Doc

„Live“ drückte sich meine Tierliebe noch vehementer aus, da ich alles nach Hause schleppte, was auch nur im Entferntesten „hilfebedürftig“ aussah: Kleine Katzen, Maikäfer im Karton, Marienkäfer im Glas, Kaulquappen, Wellensittiche, Frösche. Im wahrsten Sinne „den Vogel abgeschossen“ hatte ich, als ich eines Tages nach der Schule eine in die Brust geschossene Taube anschleppte, an die ich dann zum Leidwesen meiner Mutter heimlich die Körner aus den in liebevoller Arbeit von ihr selbstgebastelten Trockenblumensträußen, die damals so modern waren, verfütterte. Die Taube hat es trotz meines Einsatzes leider nicht überlebt. Getoppt wurde das dann wohl noch durch die zwingend erforderliche „Rettung“ eines völlig verflohten Igels. Ich weiß es noch wie gestern: Um die Flöhe besser sehen zu können hatte ich den Igel in unserer Küche auf ein weißes Trockentuch mit dünnen roten Karos gesetzt und war gerade dabei, die stachelige Kugel mit dem Staubsauger hin und her zu rollen und von ihren Flöhen zu befreien, als meine Mutter herein kam. Der Igel durfte gnädigerweise noch bei uns im Keller überwintern, aber die Geduld meiner lieben Mutter war mit dieser Episode dann doch überstrapaziert. Meinen tierischen Rettungseinsätzen wurde jedenfalls vorläufig ein Ende gesetzt.

Roter Vogel Doc

Egal, hier auf der Fazenda Sao Joao jedenfalls kann ich meiner animalischen Leidenschaft hemmungslos und ohne schlechtes Gewissen frönen und so gehe ich auf Pirsch. Die Kaimane liegen reglos und mit halb geschlossenen Augen im seichten Wasser, zwei weiße Jabirus mit schwarzen Köpfen – die großen Störche und Wahrzeichen des Pantanal – stolzieren auf ihren langen Beinen erhaben durch das Gras, rund um unseren Stellplatz zetern lautstark die grünen Sittiche und kleinen Papageien. In den Baumkronen entdecke ich großen Gruppen von Gelbbrust-Aras mit ihren leuchtend-blauen Flügeln und einem roten Farbtupfer auf der gelben Brust, der aussieht wie ein kleines rotes Herz. Etwas entfernt davon sehe ich hellrote Aras Vermelhas im Tiefflug über die Landschaft jagen.

Bunter Großer Doc

Dann kneife ich die Augen zusammen, da ich nicht glauben kann was ich sehe: In einem fast gänzlich entlaubten Baum entdecke ich Hyazinth-Aras mit ihrem blauen, leicht ins Violette schimmernden Gefieder und dem markanten gelben Pinselstrich um die Augen! Ich hätte nie gedacht, jemals einen Ara Azul in seiner natürlichen Umgebung erleben zu können, und hier zähle ich gleich zwölf Tiere, die entspannt Früchte knabbern und dabei genüsslich vor sich hin krakelen. Sie beobachten mich genauso aufmerksam wie ich sie. Dann startet eine Gruppe von ihnen in vollendeter Formation zu einem Tiefflug über die Farm; ihre Größe und ihre langen Schwanzfedern sind beeindruckend. Nach einiger Zeit kommen sie zurück und kündigen ihre Landung schon von weitem lautstark an.

Hyazinth Aras 5 Doc

Hyazinth Aras 2 Doc

Mit über einem Meter Länge ist der Ara Azul der größte Papagei der Welt und in gewissen Kreisen leider ein Objekt der Begierde. Sammler zahlen bis zu 20.000 Euro, egal ob tot oder lebendig, was dazu geführt hat, daß der freilebende Bestand in ganz Südamerika auf geschätzte 3.000 Tiere geschrumpft ist. Was veranlaßt Menschen nur, diese Tiere besitzen zu wollen? Sie in viel zu kleine Käfige zu sperren oder ausgestopft in ihren Designer-Wohnzimmern zu präsentieren, wo ihr einzigartiges Gefieder allen Glanz verliert und Staub ansetzt, bis sie irgendwann herzlos entsorgt werden, weil ein neues „Objekt“ begehrt wird? Wer sind diese Menschen?

Hyazinth Arars 3 Doc

Als ich nach über zwei Stunden nach Hause zurückkomme, bin ich voll mit Eindrücken und Erlebnissen und texte den noch völlig verschlafenen Hugo regelrecht zu. Ergebnis: Wir beschließen, unseren Aufenthalt in diesem kleinen Paradies um einen Tag zu verlängern.

 

Schwein gehabt

Am Portico in Buraco das Piranhas verlassen wir die asphaltierte BR 262 und die Rote-Erde-Piste der Estrada Parque do Pantanal, die uns tiefer in das seit 2001 von der UNESCO geschützte Biosphärenreservat bringen soll, beginnt. In Urzeiten war das Pantanal eine große pazifische Meeresbucht, heute ist es das größte zusammenhängende Feuchtgebiet der Welt. Zum Vergleich: Die Everglades in Florida betragen gerade einmal 4% der Fläche des Pantanal. Die zweitweilig überschwemmte Landfläche ist oftmals so groß wie Dänemark, Niederlande, Belgien und Portugal zusammen. Wissenschaftler sprechen vom größten Schwamm der Erde: Ein halbes Jahr lang saugt der Pantanal die Wassermassen aus den Anden und dem Herzen Südamerikas auf, pro Stunde 178 Millionen Liter. Fein dosiert mit einer Geschwindigkeit von 1200 Kilometern in 180 Tagen gibt er das Wasser dann ganz langsam wieder ab. Alles hier ist vom diesem Wasserkreislauf abhängig und folgt den jahreszeitlichen Schwankungen, insbesondere die Tiere, die in diesem Labyrinth aus Flüssen, Seen, Sumpf, Savanne, Kanälen und Inseln ihren Lebensraum haben.

Land unter

Land unter

Die Dammpiste der Estrada Parque do Pantanal ist 117 km lang und überquert auf 87 Holzbrücken Wasserläufe und sumpfigen Grund. Wir sind überrascht: Die Brücken sind in tadellosem Zustand und offensichtlich nach Ende der regulären Regenzeit im April/Mai in Stand gesetzt worden. Unsere Chancen, die gesamte Strecke bis Corumba durchfahren zu können, steigen.

Estrada do Parque do Pantanal

Estrada do Parque do Pantanal

Übernachtungsziel ist die Fazenda Sao Joao zwischen Brücke 28 und 29. Es ist später Nachmittag, als wir ankommen, und wir sind sofort begeistert von der Atmosphäre dieses Ortes. Wir werden vom Verwalter sehr freundlich begrüßt, stellen Unimoppel drei Meter vom See auf einer Wiese ab, um uns herum grasen Pferde oder stehen im Wasser, in den Bäumen sehen und hören wir viele Vögel. Die Sonne sinkt bereits ab 17.00 Uhr und taucht die Landschaft in ein zart-rosa Licht, um 18.00 Uhr umgibt uns rabenschwarze Finsternis und Stille, bis das abendliche Konzert der Frösche und Zikaden einsetzt.

Stellplatz auf der Fazenda Sao Joao

Stellplatz auf der Fazenda Sao Joao

Vor dem Zubettgehen wollen wir noch die Sonnencreme und das Moskitospray von der Haut spülen. Es gibt zwanzig, dreißig Meter von Unimoppel entfernt eine Freiluftdusche ohne alles; heißt: kein warmes Wasser, keine Tür, kein Licht. Hugo marschiert als Erster los, die Stirnlampe leuchtet in der Finsternis wie ein umherirrendes Glühwürmchen. Ich räume inzwischen im Unimoppel ein bisschen herum. Dann plötzlich ohrenbetäubendes Wasserplatschen!!! Alarm!!! Adrenalin in einer Überdosis schießt im Bruchteil einer Sekunde durch meinen Körper, nur ein Gedanke rast durch meinen Kopf: Die Dusche ist nur zwei oder drei Meter vom See entfernt. Hat sich einer der bis zu drei Meter großen Kaimane, die den ganzen Abend vor unseren Augen im See geräuschlos das Ufer entlang patrouillierten, meinen knusprigen Ehemann zum Abendessen geschnappt?

Kaiman 1

Kaiman 1

Ich greife nach der Taschenlampe und jage Richtung Dusche. Es ist stockfinster, aber dann erkenne ich im Lichtkegel der Taschenlampe Hugo, der wie versteinert am Ufer steht, das Badelaken lässig um die Hüfte geschlungen, Stirnlampe und Augen gebannt auf das Wasser gerichtet. Mein Herzschlag verlangsamt sich spürbar. Ich drehe meine Taschenlampe um 90 Grad auf den See und sehe riesige Augen, die das Licht reflektieren. Für Kaimane leuchten die gelben Scheiben zu groß, für Pferde eindeutig zu niedrig über der Wasseroberfläche. Was sind das für Tiere? Dann erkennen wir eine große Familie Capivaras, Wasserschweine (… die richtigerweise Nager sind und zu den Ratten zählen), die fröhlich hintereinander her durchs Wasser plantschen. Schwein gehabt…

Capivara mit Krönchen

Capivara mit Krönchen

PS: Wir lernen später, daß Kaimane friedliche Tiere sind und wir Menschen ihnen nicht schmecken.