Archiv für den Monat: Oktober 2014

Llama Love

Dina hat´s erwischt – akute Llamaitis…

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Sie sind aber auch zu niedlich…

 

… aber nicht zu unterschätzen: Auf dem schmalen Weg aus Kopfsteinpflaster kommt mir ein Llama entgegen und bleibt vor mir stehen. Ich mache einen Schritt auf es zu in der Annahme, daß es dann zur Seite weicht, aber es bleibt stur stehen. Ich gehe noch einen weiteren Schritt auf es zu und blicke ihm tief in die Augen … es hält meinem Blick stand und legt die Ohren an. Ich gebe nach und turne um es rum, denn mit Llama-Schleim besudelt durch Machu Picchu zu wandeln stelle ich mir nicht so prickelnd vor.

Entdecker oder Langfinger?

Genauso interessant und mysteriös wie die Geschichte Machu Picchus ist die heute nahezu gesicherte Vermutung, daß Hirem Bingham selbst den Ort bereits 1909, also zwei Jahre vor der offiziellen angegebenen Entdeckung, besucht und die wertvollen Fundstücke mit 60 Mulis heimlich über Bolivien und Peru in die USA verschifft und der Yale Universität zur Verfügung gestellt haben soll.

Professor Osvaldo Baca aus Cusco bestätigte jedenfalls, daß Bingham bei dessen Vater rund 200 Kisten, voll mit Fundstücken aus Machu Picchu, untergestellt habe, die bei der Yale/NGS-Expedition ausgegraben worden waren. Luis Valcarel von der Yale Universität bestätigt widerum, die Inhalte von Binghams Kisten selbst gesehen zu haben. Machu Picchu wäre demnach von Bingham kaltblütig geplündert worden.

Der über Jahrzehnte dauernde Disput zwischen den USA und Peru um die Herausgabe der Objekte verschärfte sich , wobei Yale letztendlich in 2010 einlenkte und einer Rückgabe zustimmte. Knapp 100 Jahre nach Binghams Expedition trafen am 30.3.2010 die ersten Objekte Machu Picchus in Lima ein. Sieh mal an!

Machu Picchu

Aufgrund unseres akuten Zeitmangels wird auch unser Machu Picchu Programm von fünf auf zwei Tage gestrafft. Tickets für Machu Picchu bekomme ich mit etwas Mühe online, ebenso die Zugtickets für den Vistadome hin und den Explorer von Perurail am nächsten Morgen zurück. Sowohl der Eintritt für Machu Picchu als auch die Zugtickets sind exorbitant teuer, hier wird – besonders für die pro Strecke rund dreistündige Bahnfahrt – hemmungslos abgezockt. Die Touristen zahlen im Zug den zehnfachen Preis wie die Einheimischen! Aber egal, es gibt keine Alternative, also zahlen wir und hoffen, daß unsere Erwartungen an den sagenumwobenen Ort nicht enttäuscht werden.

Pro Tag werden in Machu Picchu maximal 2.500 Besucher zugelassen. Die meisten kommen sehr frühmorgens mit dem ersten Zug nach Aguas Calientes und verlassen die Stätte mittags bereits wieder, um abends zurück in Cusco zu sein. Wir planen unsere Tour daher so, daß wir erst mittags in Machu Picchu ankommen, wenn die Masse der Besucher schon wieder geht:
– Morgens mit dem Taxi von der Quinta Lala zum Bahnhof nach Poroy
– Fahrt mit dem Vistadome nach Aguas Calientes, dann mit dem Bus hoch nach Machu Picchu
– Rundgang, dann spätnachmittags mit dem Bus wieder runter nach Aguas Calientes und Übernachtung im Hotel
– Am nächsten Tag frühmorgens Fahrt mit dem Explorer von Aguas Calientes bis Ollantaytambo
– Dort Abholung durch vorbestelltes Taxi und 2 Stunden Fahrt zurück nach Cusco

Der Vistadome fährt unter Führung der Venice-Simplon-Orient-Express Group und ist komfortabel ausgestattet. Wir bekommen sogar ein kleines Frühstück serviert, wobei uns die Hostess wortreich und mit ernstem Gesicht erklärt, daß es sich dabei um eine Banane, vier Erdbeeren und drei Pancakes mit einem Klecks Heidelbeermarmelade handelt.

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Hätten wir nicht erraten; wir sind äußerst dankbar für die Aufklärung und fühlen uns so umsorgt wie bei der lieben Lufthansa.

Die 3 ½-stündige Fahrt durch das immer enger werdende Tal des Rio Urubamba ist jedenfalls wunderschön. Je tiefer wir in die Bergwelt eindringen desto grüner wird die Umgebung. An der Böschung können wir im Vorbeifahren sogar wilde Orchideen sehen. In Gedanken versunken fragen wir uns, was uns in Machu Picchu erwartet. Mystischer Zauber oder Touristennepp à la Disneyland?

Zugegeben, ein bisschen aufgeregt sind wir schon und fühlen wir uns wie Indiana Jones auf der Suche nach dem Kristallschädel. So muß es wohl dem 36jährigen Expeditionsleiter Hiram Bingham gegangen sein, als er (offiziell) 1911 im Auftrag der National Geographic Society und der Yale Universität, geführt von einem jungen Campesino aus der Gegend, die Dschungelstadt Vilcabamba suchte, die der letzte Inka Manco als Versteck vor den Konquistadoren genutzt hatte. Stattdessen stieß Bingham unvermittelt auf die Ruinen Machu Picchus. Den Bewohnern der umliegenden Täler war der Ort immer bekannt gewesen, aber Bingham war der erste „Gringo“, der die Stadt sozusagen für die restliche Welt entdeckte. Seitdem besuchten unzählige Archäologen den Ort und entwickelten ebenso viele Theorien über die Entstehung, die Funktion und den Untergang der Stadt. Viele Bücher wurden herausgegeben, allein Hiram Bingham veröffentlichte drei. War Machu Picchu eine reine Festungsanlage? Oder diente es ausschließlich religiösen Zwecken? War es ein Tempel der Sonnenjungfrauen oder entspringt dies der überbordenenden Phantasie eines verzückten Historikers? Die Wahrheit wird immer im Verborgenen bleiben, da es keine schriftlichen Überlieferungen aus dieser Zeit gibt und somit keine gesicherten Erkenntnisse.

Wie dem auch sei, es spielt – zumindest für uns – nicht wirklich eine Rolle. Als wir nach stundenlanger Anreise durch den Eingang schreiten und die Kulisse Machu Picchus im Sonnenlicht vor uns liegen sehen, können wir gar nicht anders als von so viel Schönheit ergriffen zu sein. Der besonderen Atmosphäre dieses Ortes kann man sich nicht entziehen. Wie ein Adlerhorst thront Machu Picchu auf einem von den Inka künstlich geebneten Bergsattelrund 700 Meter über dem Rio Urubamba, der den Berg an drei Seiten umfließt.

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Vom Tal aus ist die Anlage nicht zu sehen. Hohe, an den Steilhängen mit undurchdringlichem Urwald bewachsene Berge umgeben Machu Picchu auf allen Seiten, in den tiefen Tälern hängen noch kleine Fetzen von Nebelwolken, die sich in der Sonne nicht auflösen wollen. In steilen grünen Terrassen, die wohl früher mit Mais und anderen Getreidearten bepflanzt waren, zieht sich der Komplex an den Bergflanken hinunter. Die Gassen zwischen den Gebäuden sind schmal, die Stufen teilweise hoch. Die mächtigen tonnenschweren Steine sind fugenlos ineinandergesetzt. Bis heute ist es ein Rätsel, wie genau die Inka diese Steine bewegt haben.

Niemand weiß, wie lange Bestand Machu Picchu noch haben wird, denn Geologen haben herausgefunden, daß sich der Berg durch die vulkanischen Aktivitäten in der Region um Cusco pro Monat um rund einen Zentimeter senkt.

 

Machu Picchu ist zweifellos wunderschön und hat alle unsere Erwartungen erfüllt, aber der Rest der Welt braucht sich nicht zu verstecken. Die beeindruckende Anlage der Inka wurde in der ersten Hälfte des 15ten Jahrhunderts erbaut. Zur ungefähr gleichen Zeit wurden in Rom der mächtige Petersdom errichtet, stand Notre-Dame bereits und auch die gewaltige Tempelanlage der Khmer, Angkor Wat in Kambodscha. Ein Besuch dieser Bauwerke ist ebenso schön und kostet deutlich weniger. Trotzdem ist Machu Picchu ein Muß – once in a lifetime.

Wahrheit oder Mythos?

Die Inka besaßen keine Schriftzeichen und verfügen daher auch nicht über beweiskräftige Aufzeichnungen. Zur Übermittlung von Daten hatten Inka-Gelehrte Quipus entwickelt, die aber kein Ersatz für eine Schrift waren, sondern ein mathematisches Knotenschnursystem, mit dem sich Einheiten, Zahlen, Mengen und Statistiken darstellen und festhalten ließen. Geschichten konnten damit jedoch nicht erzählt werden. Deshalb existiert bis heute kein geschichtlich geschlossenes Bild der Inka-Epoche. Vieles ist Vermutung, wenig ist bewiesen. Alle Aufzeichnungen wurden erst nach der Eroberung durch die Spanier von deren Chronisten auf Basis von Überlieferungen und Erzählungen angefertigt und sind entsprechend einseitig und unvollständig oder gehören ins Reich der Legenden.

Cusco

Der Sonnengott Inti sandte seine beiden Kinder, die ersten Inkas Manco Capac und Mama Ocllo, auf die Erde, um Kultur und Erleuchtung unter die Menschheit zu bringen. Von der Isla del Sol im Titicacasee begaben sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Standort für ihr zukünftiges Wirken. Sie trugen einen goldenen Stab mit sich, und die Prophezeihung besagte, wo dieser sich fest in die Erde bohren würde, dort sollten sie sich niederlassen und ihr Reich gründen. Als sie die Stelle des heutigen Cusco erreichten, sank der Stab tief in den Untergrund. Das war das Zeichen, hier ihre Stadt zu gründen, die sie „Qosqo“ nannten, was Nabel der Welt bedeutet.

Eine schöne Geschichte, die gut zum Mythos um Machu Picchu passt.

Cusco, um 1200 gegründet und auf 3.400 Metern Höhe gelegen, zählt zu den schönsten und abwechslungsreichsten Städten Südamerikas. Die Nachfolger Manco Capacs und Mama Ocllos bauten in den folgenden 300 Jahren Cusco in vieler Hinsicht zum Zentrum aus. Hier kreuzten sich die beiden Hauptachsen des Inka-Reiches, hier errichtete man die wichtigsten Heiligtümer und Paläste, hier befanden sich die Residenzen der Adelsfamilien und des obersten Inka-Fürsten. Cusco war das Herz des Inka-Imperiums, das sich in der Blütezeit vom Süden des heutigen Kolumbiens bis nach Mittelchile erstreckte, und auch heutzutage fasziniert sie Hunderttausende mit ihrem kolonialen Glanz, der sich auf den schweren steinernen Fundamenten der Inka entfaltet. Von einem Bauerndorf entwickelte sich Cusco zu einer großen und wohlhabenden Stadt mit Palästen und Tempeln und rund 200.000 Einwohnern. Der Cusco-Experte Peter Frost schreibt in seinem Buch „Exploring Cusco“, daß die Stadt unter den Quechua-Indianern als Pilgerstätte einen ähnlich hohen Stellenwert besaß wie Mekka in der moslemischen Welt.

Dann kamen die Spanier. Als Francisco Pizarro und seine goldgierige Bande von Konquistadoren 1533 in Cusco einzog, war er überwältigt von den immensen Schätzen der Stadt. Wie schon vorher im Norden des Landes folgten einige Jahre kriegerische Auseinandersetzungen, in deren Folge die Spanier alles Gold und Silber der Stadt zusammenrafften, kurzerhand einschmolzen und zum größten Teil nach Spanien verschifften. Der letzte Inka-Herrscher, Manco, zog sich geschlagen in den Dschungel nach Vilcabamba zurück, die Stadt, die der junge Forscher Hiram Bingham suchte und stattdessen Machu Picchu fand.

Auf den von den Schlachten und Plünderungen unzerstörten Fundamenten der Inka-Bauten Cuscos errichteten die Spanier prachtvolle Kolonialbauten. Doch auch die neue Pracht war nicht von Dauer. Rund 80% der kolonialen Gebäude fielen dem großen Erdbeben von 1650 zum Opfer, wurden aber von den stolzen Cuscenos in ebensolchem Glanz neu errichtet. Ein eindrucksvolles und detailgenaues Bild des Erdbebens hängt, neben 400 weiteren wertvollen Gemälden der Escuela Cusquena, in der mächtigen Kathedrale an der Plaza de Armas, die auf den Grundmauern eines Inkatempels errichtet wurde. Der Hauptaltar besteht aus 180 Kilogramm massivem Silber, das von Sklaven aus den Minen von Potosi im heutigen Bolivien herbeigeschafft wurde. Rechts des Altares hängt das sehenswerte Bild „Das letzte Abendmahl“ vom Künstler Marcos Zapata, auf welchem ein knusprig gebratenes cuy (Meerschweinchen) auf dem reich gedeckten Tisch allen anderen die Schau stiehlt. Kein Scherz.

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Bemerkenswert ist auch ein Geschenk Kaiser Karls V., welcher der Stadt nach dem verheerenden Erdbeben mit der Figur „Senor de los Temblores“ einen Schutzpatron stiftete. Seit 1650 wird die Heiligenfigur in gold- und edelsteinverzierter Kleidung bei Prozessionen durch die Stadt getragen und ist vom Rauch der vielen Kerzen inzwischen ganz schwarz.
Leider dürfen wir in den prachtvoll ausgestatteten Innenräumen der Kathedrale mit unzähligen vergoldeten Seitenaltären nicht fotografieren.

Vor den großen Toren liegt die Plaza de Armas, der Mittelpunkt von Cusco, der auch das Herz der alten Inkastadt war. Der Platz ist fast vollständig von Arkadengängen, den Portales, umgeben und bietet dem bunten Publikum aus Einheimischen und Touristen eine friedliche Kulisse. Aber der Platz hat auch viel Blut gesehen, zuletzt die Hinrichtung des letzten Inca Tupac Amaru II im Jahre 1781.

Bei einem Bummel über das Kopfsteinpflaster der Innenstadt erleben wir gleichzeitig das Cusco von einst und von heute. Die Mischung aus Tradition und Moderne stimmt, auch wenn sich bereits einige der üblichen Verdächtigen namens Starbucks & Co an den dollarträchtigsten Punkten breitgemacht haben. Dort sitzen sie dann, die Traveller und Backpacker, mit ihren i-phones und Macs und skypen mit zuhause was das Zeug hält. Anscheinend haben sie alle Heimweh. Miteinander reden tun sie dagegen nicht.

Wir logieren mit Unimoppel auf der Quinta Lala, nur wenige Meter von der mächtigen Festungsanlage der Inka, Saksayhuama (ungefähr ausgesprochen wie „sexy woman“) entfernt unmittelbar über der Stadt und treffen dort einige Traveller wieder, die wir in La Paz kennen gelernt hatten: eine Familie aus Berlin, zwei Familien aus Frankreich, ein Pärchen aus Dänemark, eines aus den USA. Die Welt ist klein, das Hallo groß – an solchen Hot Spots trifft man sich wieder.

Nur noch 20% des ursprünglichen Saksayhuama sind heute noch erhalten, aber selbst das ist noch imposant. Das terrassenförmig angelegte Bollwerk besteht aus fast fugenlos ineinandergepassten gigantischen Steinblöcken, der größte wiegt ca. 350 Tonnen. Rund 30.000 Indios arbeiten 70 Jahre an der Festung, die nach der Eroberung Cuscos durch die Spanier als Steinbruch für ihre Kolonialbauten hemmungslos geplündert wurde.