Archiv für den Tag: 13. Oktober 2014

KnusperKnusper

Hugo verbringt im Laufe der nächsten Tage etliche Stunden in der Praxis von Guadalupe, hat danach aber ein strahlend weißes Lächeln. Paul schenkt uns – trotz eigener Urlaubsvorbereitungen (es geht für fünf Wochen nach Europa) – seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit und nimmt uns an die Hand. Er führt uns mit Taxi, zu Fuß und Collectivo von Ecke nach Ohr durch ganz Tacna. Je mehr Zeit wir hier verbringen desto besser gefällt uns die Stadt. Besonders ihre vielen mercados, die teilweise die Größe ganzer Stadtviertel einnehmen, sind sehenswert. Durch die Grenznähe und vergleichsweise günstigeren Preise kommen viele Chilenos zum Einkaufen hierher.

In seiner Gastfreundschaft lässt Paul es sich nicht nehmen, uns zum peruanischen Sonntagsbraten einzuladen.

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Es gibt fritiertes cuy mit allem Drum und Dran. Die Meerschweinchen werden hier wie bei uns Kaninchen für den Verzehr gezüchtet. Es ist schön knusprig gebraten, das Fleisch ist zwar wenig, aber sehr zart, und ich finde es lecker. Angerichtet wird das cuy mit camote, einer gebackenen Süßkartoffel, Kartoffeln und dem typischen peruanischen Salat mit viel Zwiebel und Limonensaft. Hugo ist nicht so ganz überzeugt, ihm ist es zu „filigran“; er braucht halt ein „ordentliches Stück Fleisch“.

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Bürgermeisterwahlen

Am 5ten Oktober werden in ganz Peru die neuen Bürgermeister gewählt. Wählen ist hier Pflicht; wer nicht wählt, zahlt ein Strafgeld. Um gewalttätige Ausschreitungen zu verhindern gilt rund um die Wahlveranstaltung vom Samstag bis Montag auch absolutes Alkoholverbot, das sogenannte ley seca. Wer Alkohol ausschenkt macht sich strafbar und wird mit einem empfindlich hohen Bußgeld von 2000 Soles (ca. 600 EUR) belegt.

Die Wahlkampagnen beinhalten großformatige Plakate, aber auch eigene Wahlsongs, die überall auf den Straßen und den Radiosendern nonstop gedudelt werden. Vorausgesetzt, man verfügt über eine volle Kasse, gibt es auch Events mit populären Bands oder Prominenten. In den Städten besuchen die Kandidaten sehr gerne mit allerhand Versprechungen für die Zukunft die pueblos jovenes. Brot und Spiele, wie überall. Die Straßen und Häuserwände sind gepflastert mit Plakaten und in dem Meer von Kandidaten ist es schwer, einen Durchblick zu bekommen; es hat den Anschein, als könne sich jeder, der Lust hat, zur Wahl aufstellen lassen. Vielleicht ist es ja auch so.

Jeder Kandidat veröffentlicht auf seinem Werbeplakat einen einfachen, aber eingängigen Wahlspruch, sowie ein kleines lustiges Icon um zu zeigen, wo man beim Wahlgang sein Kreuzchen machen muß. Die Wahlsprüche übertreffen sich an Originalität und reichen von „Arbeit und Ehrlichkeit“ über „Für die Paprikabauern“ bis hin zu „Mit Drohnen gegen Einbrecher“. Letzteren habe ich in Lima gesehen und ich hätte garantiert den Kandidaten gewählt! 🙂

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Nichts für schwache Nerven

Zurück auf der Panamericana geht es durch die trockene Küstenwüste nach Ica, bekannt für seine Weinkellereien, Dattelpalmen und den Anbau von Mangos und grünem Spargel, der zum größten Teil exportiert wird, da die traditionelle peruanische Küche ihn nicht kennt.

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Die Oasenstadt liegt am Rand der höchsten Sanddünen Amerikas und hat ein sonniges, sehr heißes Klima. Auch hier sieht man noch immer die Spuren der schweren Verwüstungen des Erdbebens von 2007 mit der Stärke 8.0, bei dem in der Region Pisco rund tausend Menschen starben und 75.000 Häuser zerstört wurden. Auch entlang der PanAm verlaufen heute noch sichtbare große Verwerfungen.

Die kilometerlangen Geoglyphen von Nasca, deren Sinn und Herkunft bis heute von Archäologen nicht abschließend geklärt werden konnte, lassen wir links liegen, vielmehr durchschneiden sie, denn die PanAm führt durch den Schwanz der Eidechse hindurch.

Unterwegs sehen wir viele Streckenposten der Polizei, die uns aber immer freundlich durchwinken. Trotz der vielen Kontrollen trägt die PanAm in Südamerika den Namen „Carretera Criminal“, da es immer wieder zu brutalen Raubüberfällen kommt. Die Täter provozieren Unfälle und rauben dann die Opfer aus oder tarnen sich als falsche Polizisten. Nachtbusse auf der Strecke fahren inzwischen in Konvois von neun oder zehn Fahrzeugen, da die Täter selbst vor den Reisebussen nicht halt machen. Wir versuchen, Nachtfahrten soweit wie möglich zu vermeiden, zumal wir mit dem Mog nicht die Schnellsten sind.

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Hinter endlosen Kilometern in menschenleerer Wüsteneinsamkeit trifft die PanAm bei Puerto Lomas wieder aufs Meer und fast unberührte Strände. An der Mündung des Rio Yauca finden sich im gleichnamigen Ort unerwartet ausgedehnte grüne Haine mit knorrigen Olivenbäumen. Hinter dem kleinen Fischerort Chala führt die Traumstraße, die ihren Namen hier zu Recht trägt, dann hoch über dem grau-blauen Ozean eine spektakulären Steilküste entlang.

Für diese Teilstrecke der PanAm sollte man schwindelfrei und kein Hasenherz sein. Die kalten Wellen des Pazifik türmen sich meterhoch und brechen mit gewaltigem Donnern auf den Sandstrand direkt unter uns. Viele Pelikane und Raubvögel sind zu sehen, auch einen gestrandeten Wal entdecken wir am Strand. Die PanAm schraubt sich viele Hundert Meter hoch, eng an die Bergflanke geschmiegt, und wenn in einer Haarnadelkurve plötzlich ein schwer beladener Truck auf der eigenen Fahrbahn entgegenkommt, weil er mit zu hoher Geschwindigkeit aus der Spur getragen wurde oder weil er den Platz benötigt, um seine Fracht um einen Felsüberhang zu befördern, ja dann gibt’s auch mal kurzzeitig einen deutlich beschleunigten Herzschlag und Stress im Cockpit, denn einen knappen halben Meter weiter rechts geht es senkrecht ganz schnell nach unten. Es gibt’s nichts, was den Fall aufhalten könnte. Die Überlebenschance ist gleich Null: Wer sich bei dem Sturz noch nicht das Genick gebrochen hat, ertrinkt unten im Pazifik. Es ist erschreckend, wie viele der kleinen mit filigranen Kreuzen und Plastikblumen geschmückten Gedenkhäuschen die PanAm auf diesem Streckenabschnitt säumen. Das Foto habe ich vom Beifahrersitz aus während der Fahrt gemacht…

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Trotzdem, wir genießen die Fahrt entlang der Küste sehr.

Wir übernachten an einer 24h Tankstelle in der Oase Ocona. Hier, an der Mündung des Rio Ocona ins Meer, wird neben vielen Gemüse- und Obstsorten sogar Reis angebaut.

Am nächsten Tag führt die Fahrt noch eine Weile die Küste entlang, bevor die PanAm dann mit schönen Blicken auf die Vulkane Misti und Chachani ins Inland Richtung Arequipa ansteigt und damit wieder für viele Stunden in öde Wüste. Hinter La Reparticion entscheiden wir uns, die PanAm zu verlassen und wieder an die Küste zu fahren, um über Mollendo und Mejia und dann weiter am Wasser entlang bis Tacna zu fahren.

Rund 50 km vor dem wichtigsten Hafen Südperus, Islay, rollt uns wieder die weiße pazifische Nebelwand entgegen, die zunehmend dichter wird, je tiefer wir uns die Serpentinen hinunter zur Küste schrauben.

Kurz vor der Mautstation Matarani oberhalb der Stadt ist die Sicht fast Null und wir überlegen, die 70 km bis zur PanAm zurückzufahren, entscheiden uns dann aber dagegen und werden mit einer Fahrt durch wunderbare Küstenstädtchen belohnt.

Über das recht große Islay/Matarani wird der gesamte Güterverkehr vom Pazifik zur brasilianischen Atlantikseite abgewickelt. Die Fracht der Schiffe wird hier auf LKW umgeladen und dann über die Titicacasee-Route nach Brasilien transportiert. Sind ja auch nur ein paar Kilometer, nur eben einmal quer rüber über die Anden. Daneben ist Islay/Matarani Freihandelszone und Hafen für … Bolivien. Das Land, das seit der Unabhängigkeit 1825 rund 200 gewaltsame Machtwechsel durchlebt hat und damit den einsamen Weltrekord hält, hatte sich neben seinen dauernden innenpolitischen Wirren auch mit all seinen Nachbarn angelegt und dabei den Kürzeren gezogen: Im Salpeterkrieg um 1880 mußte es die Region Antofagasta an Chile abtreten und verlor damit den Zugang zum Pazifik. Gute zehn Jahre später streitet es sich mit Brasilien, verliert und muß die Region um Acre abtreten. Knappe dreißig Jahre später verliert Bolivien im Chaco-Krieg das Chaco-Gebiet an Paraguay. Im Laufe der Zeit verlor Bolivien so rund 50% seines ursprünglichen Staatsgebietes. Zum Glück sind die Peruaner verträgliche Nachbarn und schlossen 1992 großzügig einen Vertrag über die bolivianische Nutzung der Pazifikhäfen Ilo und Islay.

Mangels irgendeiner Beschilderung verfahren wir uns hoffnungslos im Stadtverkehr von Mollendo und fragen zwei Polizisten in einem Streifenwagen nach dem Weg Richtung Mejia. Robert der Niro in jungen Jahren und schick bemützt sagt daraufhin, wir sollen uns keine Sorgen machen, sondern ihm einfach folgen. Es sei ihm eine Ehre, uns den Weg zu zeigen. Galanter gehts nicht. Umgehend schaltet er sein Rotlicht auf dem Dach an, ein zweiter Wagen setzt sich hinter uns und nach wenigen Kilometern in Begleitung sind wir auf die richtige Spur gesetzt. Die Fahrt über die Costanera führt uns entlang der Laguna de Mejia, einem unter Naturschutz stehenden Feuchtgebiet mit Küstenlagunen, in dem zahlreiche Vogelarten dauerhaft zuhause sind und auch viele Zugvögel überwintern.

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In El Arenal wird es für uns dann langsam Zeit, einen Übernachtungsplatz zu suchen, und wir fragen widerum aus dem Auto heraus einen Polizisten, der gerade an einer Ecke ein Schwätzchen hält. Wir haben Glück: Er macht uns umgehend ganz offiziell zu Gästen der Polizei und winkt uns zum örtlichen Kommissariat durch. Einen so sicheren Stellplatz hatten wir bisher noch nie.

Am nächsten Tag ist es für unsere Verhältnisse nur noch ein Katzensprung bis Tacna und wir machen mittags noch einen Stopp in dem zur jetzigen Jahreszeit noch völlig verwaisten Badeort La Boca del Rio. Die Saison hat noch nicht angefangen, und so sind am Strand nur zwei Fischbuden geöffnet, wo wir aber fangfrische Seezunge und Chicharron de Pescado, eine Megaportion gebackener Fischfilets, essen.

Peninsula de Paracas

Die Peninsula de Paracas hat uns auf der Fahrt von Cusco nach Lima so gut gefallen, daß wir hier auf der Reise Richtung Süden nochmals einen Stopp einlegen und die Tour über die Halbinsel, die wegen Sandsturmes damals ausfiel, nachholen. Als wir abends an unserem alten Stellplatz eintreffen sind in der Bucht wieder zwei Delfine unterwegs, zeigen sich am nächsten Morgen aber nicht mehr.

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Die Fahrt über die holprigen Pisten und Wege, die keine sind, lohnt sich und die frische Meeresbrise, Ruhe und Natur tun Seele und Körper nach dem Stadtaufenthalt gut. Wir fahren die teilweise steile Küste mit ihren von der Brandung unterspülten Überhängen entlang, beobachten Inkamöwen, die in den Felswänden ihre Nester bauen, und verfransen uns prompt, da jegliche Beschilderung fehlt und es kaum alte Fahrspuren gibt. Unimoppel und Hugo sind keine Steigung zu steil und kein Sand zu tief und wir wühlen uns durch.

Die Landschaft im Inneren der Halbinsel scheint in Pastellfarben getaucht, die von zartgelb über blaß-rosa und hellblau bis violett reichen.

Das Naturreservat auf der Halbinsel und dem angrenzenden Festland ist erheblich größer als wir zunächst vermutet haben. Je weiter wir ins Innere fahren desto wüstenhaftiger wird die Landschaft. Sicheldünen aus feinstem weißen Sand liegen wie Vanillekipferl auf dunkelgrauem Split und bilden einen wunderschönen Kontrast.

Wir können uns kaum losreißen von soviel purer Schönheit.

Schnullibulli

Hugo kränkelt mit einem bösen Husten etwas vor sich hin und so verschnaufen wir ein paar weitere Tage in Miraflores. Dann wird es auch für uns Zeit, weiterzuziehen. Ursprünglich hatten wir auf dieser Reise vor, nach gesamt Peru auch Ecuador zu besuchen, aber wir planen spontan um. Der Sommer kommt jetzt langsam von Norden auf die Südhalbkugel und wir werden mit ihm in den nächsten Monaten ein paar Tausend Kilometer durch Chile und Argentinien südwärts bis ans Ende des Kontinentes ziehen. Wir freuen uns auf viel Küste, Fjordlandschaften, Gletscher und die immergrünen Urwälder Patagoniens, auch wenn es dort viel regnet und die Winde auch im Sommer sehr stürmisch sein können. Chan-Chan wird auch in ein paar Jahren noch stehen und die Blaufußtölpel auf Galapagos werden bestimmt auch noch da sein, also können Nordperu und Ecuador noch ein bisschen warten.

Wir suchen uns unseren Weg aus der Stadt und kommen in ihrer Peripherie wieder an den endlosen pueblos jovenes, den „jungen Dörfern“, wie die Elendsviertel hier in Peru verharmlosend genannt werden, vorbei. Die provisorischen Hütten aus Schilf, Pappkarton oder Wellblech und viele angefangene, aber nie fertig gestellt Bauten aus Ziegeln umschließen die Stadt wie ein Ring und ziehen sich etliche Kilometer die tristen Wüstenhügel hinauf. Rund die Hälfte der Einwohner Limas lebt in diesen Elendsvierteln, die sich am Stadtrand immer weiter ausdehnen; die letzten Hütten sehen wir 25 Kilometer außerhalb des Stadtzentrums entlang der PanAm. Fließendes Wasser, Müllentsorgung oder Stromversorgung gibt es hier nicht, auch keine Straßen oder Beleuchtung. Wasser wird mit Tanklastwagen herbeigeschafft, gekocht wird mit Gaskartuschen und nachts zündet man Kerosinlampen oder Kerzen an. Die Wege zu Schulen, Krankhäusern oder zu Arbeitsstätten, sofern man eine hat, dauern oft Stunden. Die Menschen leben hier in ihren meist nur 10 – 15 qm großen Hütten illegal, werden aber von der Regierung, die keine bessere Lösung bieten kann, zwangsweise toleriert.

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Die Gründe für die Landflucht sind vielfältig: Katastrophen wie Erdbeben zwingen die Menschen zur Umsiedlung, die Bevölkerung auf dem Land explodiert bei stagnierender Wirtschaft oder die Gräueltaten des „Leuchtenden Pfades“ in den achtziger Jahren. Als das TV in den Dörfern des Hochlandes Einzug hielt war die Bewegung weg vom Land in die Stadt nicht mehr aufzuhalten. Die Medien gaukelten in ihren schwülstigen Telenovelas den Menschen ein Leben in Lima in Saus und Braus vor, und Hunderttausende packten ihre Bündel, nahmen ihr weniges Geld und brachen in die Hauptstadt auf in der Hoffnung, dort paradiesische Verhältnisse vorzufinden und „reich“ zu werden wie ihre Vorbilder aus dem Fernsehen. Dort angekommen mussten sie feststellen, daß es keine Arbeit gab und die Mieten für Wohnungen in der Stadt unbezahlbar waren. Oftmals wurde alles Ersparte für die Suche nach Arbeit ausgegeben und schon bald reichte das Geld nicht mehr für eine Rückkehr in ihr altes Dorf.

Wann immer wir auf unseren Reisen durch solche Elendsviertel kommen, egal ob in Indien, Burma oder Namibia, spüren wir den Stachel im Bewußtsein ganz besonders tief, fast schon so wie ein schlechtes Gewissen. Und das ist auch gut so, denn so bleiben wir sensibel.

Was trennt uns von einem solchen Leben in bitterster Armut? Nur der Zufall. Der Zufall, daß wir auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden. Wir haben nichts für unser Schnullibulli-Leben in Sicherheit und Konsum im Überfluß getan, außer vielleicht unsere Chancen gut zu nutzen. Wir hatten einfach das unverschämte Glück, zu einer wirtschaftlichen Boomzeit in einen immer wohlhabender werdenden Staat hineingeboren zu werden und in Elternhäusern aufzuwachsen, die es uns an nichts fehlen ließen. Dank der klugen Umsicht und auch persönlichen Opferbereitschaft unserer Eltern konnten wir eine Erziehung und Bildung genießen, die uns eine gute Positionierung am Arbeitsmarkt und Wettbewerbsfähigkeit verschafft hat.

Bildung ist der Schlüssel für Erfolg und Entwicklung und so ist sie für die Kinder in Bolivien und Peru wie auch anderswo die einzig nachhaltige Chance auf ein besseres Leben. Ohne zumindest eine grundlegende Schulbildung gibt es kaum eine Möglichkeit, dem Elend zu entkommen und die Armut wird von Generation zu Generation weiter vererbt. Wir hatten einfach verdammt viel Glück, und das sollten wir uns immer wieder vor Augen führen.

Dazu auch das Bewusstsein, daß unser heutiger Wohlstand, unsere vermeintliche wirtschaftliche Sicherheit, an einem hauchdünnen Faden hängt. Tag für Tag vollbringen wir, die Industrienationen, einen wahren globalen Hochseilakt, indem wir versuchen, alle relevanten Wirtschaftsräder, Stellschrauben und Märkte am Laufen und zumindest halbwegs in der Balance zu halten, aber platzt die Konsumblase, fällt das gesamte Schnullibulli-System im Nu wie ein Kartenhaus ineinander. Unser von Konsum getriebenes Wirtschaftssystem ist nicht unkaputtbar – siehe 2008, als sich die Schuldenberge vieler Volkswirtschaften auf untragbare Höhen aufsummiert hatten und das Kartenhaus erstmals gewaltig in die Knie ging.

Das alles interessiert die Menschen in den pueblos jovenes verständlicherweise herzlich wenig. Sie leben von einem Tag zum nächsten, immer damit beschäftigt, ihr Überleben zu sichern. Haarshampoo-Päckchen gibt es zum Beispiel portionsweise an kleinen Kiosken zu kaufen, weil die Menschen sich eine ganze Flasche nicht leisten können. Auch Zigaretten und Bonbons gibt es einzeln zu kaufen. Manche Menschen zwacken ein bißchen von ihrem Wasser ab und befeuchten sich ihre Haare, bevor sie aus ihrem „Haus“ gehen, um in der Öffentlichkeit zumindest den Anschein zu erwecken, frisch geduscht zu sein. Es geht nicht nur ums Überleben, sondern auch um die Würde des Menschen. Trinkwasser MUSS als Grundrecht für alle Menschen verankert sein. Für uns fast nicht vorstellbar, keines zu haben, darum sei es hier mal gesagt.

Reality bites, aber die Freude am Reisen wird uns dadurch nicht genommen. Wir wissen, wir können die Welt nicht vor sich selbst retten und wir können nicht jedem, der uns um Geld bittet, helfen, aber es gibt besonders Bedürftige, wie zum Beispiel alte Frauen ohne Familie oder Behinderte, die überhaupt keine Chancen auf Arbeit haben. Diesen Menschen helfen wir gerne, ihre nächste Mahlzeit zu sichern, denn das größte Problem von vielen Millionen Menschen auf unserer Welt sind immer noch Hunger und Durst.

Am 16ten Oktober ist übrigens Welternährungstag. Zahlen, Daten, Fakten zu dem Thema finden sich unter http://de.wfp.org/hunger/hunger-statistik