Archiv für den Tag: 30. Oktober 2014

Reserva Nacional Pingüino de Humboldt

Am nächsten Tag setzen wir unsere Fahrt fort und gelangen zum kleinen Fischerort Punta de Choros, organisatorisches Zentrum des Nationalparks Pingüino de Humboldt. Hier hat der chilenische Staat drei vor der einsamen Felsenküste gelegene Inseln schon frühzeitig unter Naturschutz gestellt. Im Hafen sehen wir allerdings Fischer, die in großen Mengen Abalone, die ebenfalls unter Naturschutz stehen, auf Wagen verladen. Aber eingeschränkter Naturschutz ist immerhin besser als kein Naturschutz und man kann den seit ewigen Zeiten dort lebenden Fischern nicht jegliche Lebensgrundlage entziehen.

Auf der Isla Damas, Isla Choros und Isla Chanaral leben jedenfalls ungestört Seevögel, Seelöwen, Seeotter und eine Kolonie von Humboldt-Pinguinen. Wir entscheiden uns spontan für eine Tour und sind zwanzig Minuten später in einem kleinen Boot bereits unterwegs.

Unsere Spontanität wird belohnt: Schon während der Anfahrt Richtung Isla Choros entdecken wir Finnwale, die eigentlich für diese Jahreszeit noch etwas zu früh sind. Später im Jahr kann man rund um die Inseln mit etwas Glück auch Buckelwale, Blauwale und Orcas beobachten.

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Unser Glück hält an, denn kaum sind die Finnwale abgetaucht wird unser Boot von einer Gruppe großer Tümmler begleitet. Wir erfahren, daß sie im El-Nino-Jahr 1978 mit einer warmen Meeresströmung gekommen und seitdem geblieben sind.

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Im Boot geht es die felsige und steile Küste der Isla Choros entlang und wir können die dort lebenden Tiere aus nächster Nähe beobachten. Die Insel darf nicht betreten werden, sondern bleibt ausschließlich den Tieren vorbehalten, die dort auch ihre Babystuben haben. Besonders die nur einen halben Meter großen Humboldt-Pinguine sind putzig anzuschauen. So watschelig und unbeholfen sie an Land erscheinen so behände und rasend schnell sind sie unter Wasser.

An den steilen Hängen der Insel sehen wir an einigen Stellen schmale, weit nach oben führende Trampelpfade. Die kleinen Pinguine legen diese an, um ihre Nester vor den Seeottern zu schützen, die nichts lieber verspeisen als ein frisches Pinguinei.

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Wir können die Kobolde des Meeres, die flinken Seeotter, auf einem Felsen im Meer beim genüsslichen Verspeisen eines Krebses beobachten.

In den Felsnischen sind viele Seevögel gerade mit dem Nestbau beschäftigt. Wir sehen verschiedene Arten von Möwen, Tölpel, Pelikane und Kormorane, und bewundern ihre Flugakrobatik. Die Landung ist vielleicht nicht unbedingt die Stärke der Pelikane und manch einer kippt dabei auch schon mal auf die Nase und muß wild mit den Schwingen schlagend korrigieren, aber dafür sind sie mit Abstand die besten Gleiter. Die tiefschwarzen Kormorane kreisen in zehn bis 15 Metern über dem Meer und halten Ausschau nach kleinen Fischen. Erspähen sie ihre Beute aus der Luft, kippen sie über eine Flügelseite weg, bringen sich mit wenigen Flügelschlägen in die richtige Position, schießen dann wie ein Pfeil aufs Meer zu und klappen auf den letzten Metern die Flügel ein, um blitzschnell und in exakt dem richtigen Winkel einzutauchen.

Dann geht es weiter zur Isla Damas, der einzigen der drei Inseln, die betreten werden darf. Durch flechtenbehangene Kakteenfelder klettern wir über die kleinen Hügel und an den weißen Sandstränden mit türkisblauem Wasser fühlen wir uns fast wie in der Karibik. Auch hier blühen gerade die Pflanzen.

Es ist schön hier und wir genießen die Stille und den Aufenthalt, auch wenn er nur kurz ist, sehr. Die fast gänzliche Unberührtheit der Insel und ihre schlichte Schönheit vermitteln einen Eindruck, wie sich Leben ohne den Menschen, ohne Zivilisation anfühlt.

Wir erleben einen tollen Tag, und der Grzimek in mir ist mehr als zufrieden. Auch in puncto Nachtplatz bleibt das Glück auf unserer Seite: Zwischen Meer und großen Sanddünen schlagen wir unser Quartier auf und zünden das Lagerfeuer an – Romantik pur.

(M)ein kleiner grüner Kaktus

Am nächsten Tag geht es gezwungenermaßen ein Stück über die öde PanAm bis Caldera, von wo wir wieder für lange Zeit eine wenig befahrene Küstenstraße nehmen können. Ab Bahia Inglesa wird es auf kleinem Niveau spürbar touristischer, da hier viele Chilenen aus Santiago oder aus dem Norden ihre Ferien verbringen. Bahia besteht aus einem halbmondförmig geschwungenen Sandstrand und einer kleinen Ansammlung von Eigentumswohnungen, Ferienhäusern und Restaurants in buntem Stilmix, aber da wir außerhalb der Saison hier sind ist alles geschlossen und außer einigen wenigen Dauergästen niemand zu sehen.

In Baranquillas schlagen wir unser Quartier für eine Nacht oberhalb der Bucht zwischen bizarren schwarzen Felsen mit Blick auf den Ort und die Küste auf.

Am nächsten Tag führt uns der Weg durch Huasco, eine kleine Oase an der Küste, und an ausgedehnten Olivenhainen vorbei, in denen die in Chile berühmten Aceitunas des Huasco gedeihen. Es ist keine Erntezeit und so träumt der sehr authentische Ort entspannt vor sich hin.

Hier in Huasco endet die Küstenstraße und wir müssen zurück auf die östlich im Landesinneren verlaufende PanAm, um zum Parque Nacional Pingüino de Humboldt zu gelangen. Auf nicht ganz halber Strecke zur PanAm beschließen wir, uns ab Freirina querfeldein südwärts durch die Berge zu schlagen. Über eine ausgesetzte, nur mühsam befahrbare Piste schrauben wir uns Kurve für Kurve immer weiter bis auf 1.300 Meter hoch. Die Fahrerei ist anstrengend und Hugo kurbelt bis er dicke Arme hat. Teilweise ist die Piste in dem Gelände nur auf die nächsten zwanzig Meter sichtbar und wir erwarten jeden Moment ein Sesam-öffne-dich-Tor oder ein Loch im Boden, welches uns verschlingt, aber auf jede Biegung folgt die nächste und so geht es immer weiter.

Auf den ersten Blick scheint die Landschaft, soweit das Auge blicken kann, eintönig braun-grau, hoffnungslos vertrocknet, von stacheligen Kakteen abgesehen ohne jedes Leben, aber als wir aussteigen und genauer hinschauen werden wir überrascht: Die Vielfalt der Vegetation ist enorm groß und viele der Kakteen tragen gerade Blüten in den unterschiedlichsten Farben und Formen oder auch kleine Früchte.

Selbst aus dem trockensten Gestrüpp wachsen kleine zarte Blüten und auf verbrannt aussehenden Wurzeln oder Ästen wächst eine Art leuchtend-grünes Moos. Wir sind beeindruckt, wie die Natur es auch hier schafft, der Luft das bisschen Feuchtigkeit abzutrotzen und für sich zu nutzen. Es ist Frühling und zwischen September und November lebt hier die Wüste.

Wir entdecken sogar einen kleinen Baum, der zwei unterschiedliche Blütenformen trägt:

Je länger wir verweilen desto schärfer stellt sich der Blick für das Gelände und um so mehr entdecken wir. Neben der Vielfalt an Pflanzen gibt es kleine und größere Insekten, Schmetterlinge, Geckos und auch ein unerschrockener Fuchs schnürt neugierig an uns vorbei.

Unser Ziel, der Nationalpark Pingüino de Humboldt, schaffen wir an diesem Tag nicht mehr und so übernachten wir, etwas gerädert, aber voller schöner Eindrücke, im Kakteenfeld.

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Parque Nacional Pan de Azucar

Von Cifuncho führt uns eine Piste zurück zur Panamericana, welche wir aber nach einem kurzen Stück bereits wieder verlassen können, um eine verschlungene, in großen Teilen versandete Straße in den Nationalpark Pan de Azucar zu nehmen. Die Landschaft ist bizarr, erscheint auf den ersten Blick lebensfeindlich, aber die Vegetation und die Tierwelt sind erstaunlich: Hier gedeihen viele Arten von Kakteen, die die nötige Feuchtigkeit aus dem aufsteigenden Küstennebel, dem camanchaca, ziehen, und neben vielen Seevögeln sind hier auch Füchse und sogar Guanakos zu finden. Wir gönnen uns an einem der schönen Sandstrände des Nationalparks einen faulen Nachmittag und bleiben über Nacht.

Wir gucken in die Röhre

Auf der Suche nach einem Nachtplatz am Strand südlich von Antofagasta kommt plötzlich ein großer Volvo auf uns zu und wir treffen Rita und Rudi wieder, die wir schon in Cusco getroffen hatten. Wir finden einen gemeinsamen Stellplatz im Parque Croatia und Zeit für ein Schwätzchen ist immer.

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Am nächsten Morgen fahren wir auf gut Glück rund 140 Kilometer weiter zum Observatorium Cerro Paranal auf dem gleichnamigen 2.600 m hohen Berg südlich von Antofagasta in der Küstenkordillere. Je höher wir fahren desto größer wird die Einsamkeit und die Landschaft mit ihren rot-braunen Hügeln und den weiten Ebenen dazwischen gleicht mehr und mehr dem Mars.

Schon von weitem sehen wir die vier großen, in der Abendsonne silbrig glänzenden Kuppeln der europäischen Astronomie-Organisation ESO. Wir übernachten in der Marslandschaft unterhalb des bereits geschlossenen Eingangstores. Die Stille ist greifbar; nicht ein Laut ist zu hören.

Hier im Observatorium steht ein Very Large Telescope, welches vier Spiegel mit je 8,2 Meter Durchmesser kombiniert. So wird die Auflösung eines 200 Meter Teleskopes simuliert und eine unvorstellbare Reichweite und Genauigkeit erzielt. Ein Mann auf dem Mond ist damit erkennbar, aber Ziel der dort forschenden Astronomen sind ferne Galaxien und das Geheimnis des Ursprungs des Universums. Wir hoffen auf eine spontan mögliche Besichtigung, die uns aber leider – Europäer hin oder her – verwehrt bleibt. Wir gucken in die Röhre, aber anders, als wir uns das gedacht hatten.

Wir fahren zurück ans Meer und legen einen kurzen Stopp in Taltal, einem ruhigen Fischernest, ein. Bei einem Bummel durch die Umgebung der zentralen Plaza mit ihrer bunten Kirche entdecken wir auch einige Graffity-Malereien, die in ihrer Aussage traurige Einblicke in das wohl manchmal doch brutale lokale Leben geben:

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Bevor wir an der Playa Cifuncho einen malerischen und einsamen Stellplatz finden führt uns die wenig befahrene Straße durch eine staubtrockene Landschaft, in welcher zwischen dem Geröll – wie wir finden – äußerst seltsam anmutende Kakteen wachsen:

Wir dürfen eine ruhige Nacht am Traumstrand genießen.

Antofagasta

Über die Ruta 1 fahren wir in den nächsten Tagen die abwechslungsreiche Küste mit ihren tief in die Felswände eingegrabenen Buchten, kleinen Industriehäfen und beschaulichen Fischerorten weiter nach Süden. Antofagasta ist unser nächstes größeres Etappenziel. Die Entfernungsangaben auf den grün-weißen Schildern tragen den großen Distanzen in diesem langgezogenen und gefühlt nur handtuchbreiten Land Rechnung und lassen uns manches Mal staunen: Puerto Montt 1.640 km. Okay. Das ist ungefähr so, als würde in Düsseldorf ein Schild mit der Entfernung nach Rom stehen.

Mejillones, ein völlig untouristischer, aber dafür um so authentischerer Ort nördlich von Antofagasta, bringt uns zum Schmunzeln, denn überall in der kleinen Stadt stehen große bunte Comicfiguren aus Plastik; von Goofy über Minnie Mouse bis Superman sind alle namhaften Helden unserer Kindheit vertreten. Auch wenn es vielleicht nicht unserer Auffassung von urbaner Ästhetik entspricht: Der Ort gibt sich alle Mühe, es den Bewohnern hübsch zu machen, denn außer dem Meer vor den Füßen und der Wüste im Rücken gibt es im Umland nicht viel.

Erschreckend ist auch hier die Zahl der Verkehrstoten, die die kurvenreiche und ungesicherte Küstenstrecke fordert. Überall stehen rechts und links der Fahrbahn die reich geschmückten Gedenkhäuschen, wobei die Trauer der Angehörigen und Freunde zuweilen skuril anmutende Formen annimmt.

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Auch für uns sind die Häuschen eine Mahnung.

Wir erreichen Antofagasta, mit rund 400.000 Einwohnern größte Stadt in Chiles Norden und noch heute einer der bedeutendsten Häfen. Die beiden größten Kupferminen des Landes, Chucicamata und La Escondida, liegen nicht weit entfernt; per Bahn wird das Erz an die Küste transportiert und die Verladung auf Frachtschiffe erfolgt hier in den großen Hafenanlagen. Wie Arica und Iquique wird auch Antofagasta im Sommer von internationalen Kreuzfahrtschiffen angelaufen, deren Passagiere zusätzlich Geld in die Stadtkasse spülen.

Zum Übernachten finden wir rund 15 km nördlich der Stadt einen „Kaiserplatz“ an der Steilküste aus Muschelkalk, die hier vom ewig nagenden Meer im Laufe der Jahrtausende ausgewaschen ist. So entstand auch das Wahrzeichen Antofagastas, La Portada, ein steinernes Tor in der Brandung des Pazifiks.

Als wir einen Gleitschirmflieger parallel zum Steilufer in immer gleicher Höhe nonstop über den Strand hin und her fliegen sehen gibt es für Hugo kein Halten mehr. Rauf aufs Dach, rein ins Gurtzeug und rauf in die Luft. Davon hat er schon lange geträumt und die Bedingungen sind geradezu ideal. Am Strand zieht er den Schirm auf, geht ein paar Schritte zurück und schon ist er im Aufwindband. In gleichmäßigen Bahnen schwebt er geräuschlos am Ufer entlang und erst mit der im Pazifik versinkenden Sonne hat er wieder festen Boden unter den Füßen.

Das Stadtbild von Antofagasta zeigt die Identität als Hafenstadt und ihre enge Verflochtenheit mit den Minen in zahlreichen Wandmalereien und dem schön restaurierten, alten Bahnhof aus dem 19ten Jahrhundert.

Nach einem Bummel durch das Zentrum und die palmenbestandene Plaza Colón besuchen wir das kleine, aber attraktiv gestaltete Museo Desierto de Atacama, welches auf den imposanten Ruinen einer ehemaligen Silberschmelze angelegt und 2010 eröffnet wurde. In verschiedenen Themenräumen widmet es sich primär der Geologie und dem Bergbau in der Atacama-Wüste und sekundär der Arbeit in den astronomischen Observatorien, die nicht weit entfernt liegen.

@DerNachbar: Eines der Highlights ist der Prototyp des Marsroboters NOMAD, den die NASA in der Atacama testete und bei welchem SICK verantwortlich für die Teleoptik war!

Während unserer Fahrt durch die hoch gelegenen Andenregionen in Bolivien und Peru waren uns häufiger große leuchtend blau oder grüngefleckte Steine aufgefallen und wir hatten uns schon gefragt, welcher Wahnsinnige wohl auf über 4000 Metern mit einer Paintball-Pistole durch die Einöde läuft und Steine mit Farbe anspritzt. Das Museum klärt uns auf: Alles echt – es handelt sich um kupferhaltige oxidierte Steine.

Daß die Atacama vor vielen Millionen Jahren keine Wüste, sondern Teil des Meeresbodens war bezeugen zahlreiche archäologische Funde. Unter anderem sind im Museum Kieferteile von Urkrokodilen, versteinerte Skelette von Mini-Sauriern, Fossilien von Muscheln und Meeresschnecken und die Knochen und Zähne eines Megalodons, des bis zu 18 Meter großen Riesenhais, ausgestellt. Ein einzelner Zahn ist in etwa so groß wie meine Handfläche und Hugo hätte im Kiefer des Riesenhais noch locker aufrecht stehen können. Bei zwei bis drei Metern Kieferdurchmesser konnte der Megalodon ein ausgewachsenes Pferd im Ganzen verschlucken. Der Weiße Hai ist dagegen ein Kuscheltier.

Auf kleinem Raum bringt das Museum gekonnt alle relevanten Informationen rund um die Geschichte der Atacama übersichtlich zusammen, erklärt die geologische Bedeutung für die Metallgewinnung und auch die Zusammenhänge zwischen Erdgeschichte und der Erbebenhäufigkeit heute.

Hugo im Sandkasten

Wir sind für ein paar Tage zurück in Iquique und im Altazor Flypark. Außer uns ist dort für eine Woche eine große Gruppe Gleitschirmflieger aus Argentinien zu Gast und drei deutsche Piloten aus der Nähe von München. Zeit für ein gemeinsames Bier…

Bei unserem ersten Besuch hatte Hugo den Startplatz oberhalb der großen Sanddüne El Dragón kennengelernt, aber im Süden der Stadt soll es eine zweite legendär gute Startmöglichkeit an einem Sandhügel fast auf Meereshöhe geben, der auch gleichzeitig Landeplatz ist. Wir fahren hin. Der Hügel entpuppt sich als nicht viel mehr als ein Sandhüppelchen in der prallen Sonne, aber die Thermik ist für jeden Flieger ein Traum. Mit dem auflandigen Wind schraubt sich Hugo in kürzester Zeit weit über die Bergkuppen und genießt einen langen Flug.

Iquique boomt unübersehbar. Überall schießen schicke gläserne Wohntürme aus dem Boden. Der Platz zwischen der großen Sanddüne und dem Meer ist begrenzt, also baut man in die Höhe. Die Beschreibungen der Objekte bei den Immobilienagenturen und auf den großformatigen Werbetafeln klingen gut: Keine Wohnung unter 120 qm, Parkettboden, High-Tech-Küche mit Kochinsel, erdbebensicher und in der Tsunami Safety Zone gelegen. Wir sprechen mit einem seit 15 Jahren in Iquique beheimateten Europäer und erfahren, daß derzeit nicht nur die Wohntürme, sondern auch deren Preise in den Himmel wachsen. Rund um Iquique liegen fünf sehr große Kupferminen und die Minenarbeiter verdienen doppelt soviel wie der chilenische Durchschnittsarbeiter. Sie treiben in Iquique die Immobilienpreise in die Höhe.

Die Minen liegen zu einem großen Teil in Höhen von bis über 4.000 Metern. Eine tägliche Pendelei zwischen Arbeitsstätte und Zuhause ist weder zeitlich noch körperlich machbar, daher fragen wir nach, wie die Arbeitszeiten der Minenarbeiter sind. Sieben Tage Arbeit, während der die Arbeiter in einfachsten Quartieren vor Ort untergebracht sind, dann sieben freie Tage, während derer alle Annehmlichkeiten von Iquique auf vergleichsweise hohem Niveau genossen werden können.

Marsmännchen

Sowohl in Peru als auch im Norden Chiles gibt es in der Wüste, insbesondere an den Osthängen des kargen Küstengebirges, zahlreiche Geoglyphen, großformatige Erdbilder, die meist zwischen 1000 und 1400 aus bis heute von Wissenschaftlern nicht enträtseltem Grund geschaffen wurden. Meist handelt es sich bei den Darstellungen um Tiere, geometrische Figuren oder Abbildungen von Menschen.

Von der Panamericana aus machen wir einen kurzen Abstecher über eine Schotterpiste zu den Geolifos del Cerro Unita. Auf einem verloren in der Wüste stehenden Erdhügel findet sich dort mit 86 Meter die weltweit größte bislang von Archäologen gefundene Abbildung einer menschlichen Figur, der Gigante de Atacama. Die Wissenschaftler vermuten, daß sie einen Gott oder einen Herrscher darstellen soll, da das Haupt auch heute noch gut sichtbar mit vier Federn geschmückt ist und sich seitlich die Abbildung eines Herrschaftsstabes befindet.

Erich von Däniken hätte die Figur bestimmt den Marsmännchen zugordnet, aber vielleicht hat vor Tausend Jahren auch einfach nur jemand Langeweile gehabt.

Zurück in Chile

Wir verabschieden uns von Guadalupe und Paul, verlassen Tacna und überqueren schon nach wenigen Kilometern die Grenze zu Chile. Die Ausreise aus Peru ist schnell und unkompliziert, aber die Einreiseformalitäten nach Chile sind dieses Mal langwierig. Wir spüren sofort: Hier tickt die Uhr anders. Eine freundliche Grenzbeamtin fängt uns schon vor den verschiedenen Schaltern ab und erklärt das Procedere. Mit ihrem Outfit könnte sie ohne Überarbeitung durch Stylisten und Visagisten sofort in jeder CSI-Serie mitspielen: Dunkelblauer, mit Goldborten und – Knöpfen abgesetzter Hosenanzug, der auf Figur geschneidert sein muß, so tadellos und faltenfrei wie er sitzt, dazu eine ebenfalls goldbesetzte Polizeimütze im gleichen Farbton, die dunklen Haare zu einem eleganten Knoten im Nacken frisiert, mit leuchtend rotem Lippenstift makellos geschminkte Lippen, dazu die anscheinend für alle südamerikanischen Beamten obligatorische Pilotenbrille mit Goldrand und Vollverspiegelung. In Jeans und T-Shirt fühlen wir uns in ihrer Gegenwart leicht underdressed…

Nachdem ich vier verschiedene Stationen in unterschiedlichen Gebäuden abgelaufen habe, um alle erforderlichen Stempel für die Einreise von Fahrzeug und uns zu erhalten, müssen wir noch eine eidesstattliche Erklärung über die mitgeführten Produkte/Lebensmittel ausfüllen und unterzeichen. Dann wird der Wagen von einem Beamten geprüft. Wir kennen dies bereits von der vorherigen Einreise und haben bewusst leicht auffindbar ein paar Bananen, Avocados und Kartoffeln deponiert, damit der Beamte schnell was findet und gar nicht erst auf die Idee kommt, nach dem Fleisch im Kühlfach, der Mango in der Handtasche, dem Honig unterm Bett und den Chia-Samen unter den Handtüchern zu suchen, vom Coca-Tee aus Bolivien ganz zu schweigen. Wie erwartet werden Bananen, Avocados und Kartoffeln konfisziert, dann erhalten wir die Freigabe, dürfen weiterfahren und am letzten Kontrollpunkt wird uns das Formular mit den vielen Stempeln wieder abgenommen.

Die nördlichste Stadt Chiles und eine der ältesten Siedlungen des Landes ist Arica, nur eine gute halbe Stunde Fahrt von Peru entfernt. Lange vor der Ankunft der Spanier trieben die hier lebenden Indianer regen Handel mit den Völkern im Andenhochland und über den alten Handelsweg entlang des Azapa-Tales verläuft heute eine asphaltierte Straße nach Bolivien. Die Spanier legten hier einen Hafen an, um das Silber aus den Minen von Potosi leichter verschiffen zu können. Heute wird Arica von Kreuzfahrtschiffen, die im Sommerhalbjahr auf der legendären Kap-Hoorn-Route rund um Südamerika reisen, gelegentlich besucht.

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Bei unserem ersten kurzen Besuch Chiles hatten wir vor einigen Wochen an einem der Strände im Süden Aricas übernachtet, uns die Stadt selbst aus Zeitmangel aber nicht angesehen. Dies holen wir jetzt nach und sind sehr überrascht. Hier finden wir den gleichen „Drive“, die gleiche Emsigkeit, die uns schon in Iquique aufgefallen war. Anders als in Bolivien oder Peru besitzen die Chilenen eine ausgeprägte „Aufsteigermentalität“. Am wirtschaftlichen Erfolg bemisst sich auch der persönliche eines jeden Einzelnen. Nicht nur in diesem Punkt ist die Nähe zum europäischen oder US-amerikanischem Lebensstil auffällig. In Arica finden wir neben dem klassischen mercado publico mit der schmalen Calle Bolognesi auch eine schöne gepflegte Fußgängerzone mit vielen Geschäften, Restaurants und Cafes und der Supermarkt braucht in puncto Größe und Sortiment den Vergleich mit einem real oder Walmart nicht zu scheuen.

Sehenswert ist die Iglesia San Marcos, die als Fertigbau-Konstruktion vollständig aus Eisen von Alexandre Eiffel hier 1875 errichtet wurde. Es klingt seltsam, als wir an die Wände klopfen. Auch vom deutschen Einfluß finden sich heute noch Spuren: An der Wasserfront steht auf dem ehemaligen Bahnhofsvorplatz eine alte Lokomotive aus der Maschinenfabrik Esslingen, welche um 1925 den Zug auf der Strecke zwischen Arica und La Paz in Bolivien zog.

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Im Norden der Stadt liegt ein kilometerlanger, fast menschenleerer Sandstrand, der zum Sonnenbaden und Faulenzen einlädt. Nur einige hartgesottene Surfer in dicken Neoprenanzügen wagen sich mit ihren Boards ins Wasser, denn die Fluten des Humboldtstromes sind um diese Jahreszeit noch eiskalt.