Archiv für den Tag: 1. August 2014

Endspurt nach La Paz

Wir haben in dem kleinen Ort Caracollo übernachtet und als wir am nächsten Morgen wach werden stellen wir fest, es ist Sonntagsmarkt. Von überall her rollen Taxis, Motorräder, LKW, Reisebusse und sonstige fahrbare Untersätze an, aus denen Unmengen an Menschen purzeln.

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Wir lassen uns die Gelegenheit nicht entgehen und bummeln im Ort umher. Bunter kann ein Markt nicht sein: Von Gemüse bis zu Coca-Blättern, von Autoersatzteilen bis zu Lamas und Schafen, von gekochten Hühnerherzen bis zu bunten Spitzenröcken, von Waschmitteln bis zu medizinischen Heilkräutern, hier gibt es alles zu kaufen. Es geht beschaulich zu, das Verkaufsgespräch ist nicht beschränkt auf den Tausch von Geld gegen Ware, sondern man nimmt sich viel Zeit für einen ausgiebigen Plausch. Wie in alten Zeiten ersetzt der Markt hier noch immer die Zeitung und erhält die Gemeinschaft.

Schafe liegen an Vorder- und Hinterbeinen gebunden blökend auf dem Boden, nur die Lämmchen dürfen frei umherlaufen, bewegen sich aber nicht von ihrer Mutter weg. Lammfromm halt.

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Nach erfolgreichen Verhandlungen nimmt der Käufer die Schafe rechts und links am Seil zwischen den Beinen wie zwei Einkaufstaschen und schleppt sie kopfüber fort. Sie werden entweder auf einen robusten Anhänger geladen, auf die Rückbank eines Taxis gestopft oder aber – die abenteuerlichste Version, die wir sehen – neben die Gepäckstücke auf dem Dach eines so schon völlig überladenen Overlanders geschnallt. Ein Herz für Tiere kennt man hier nicht.

Caracollo ist kein touristischer Ort und dementsprechend begegnen uns die Menschen. Nicht unfreundlich, aber misstrauisch und verschlossen, manchmal abweisend. Ein offenes Lächeln und ein freundlicher Blick werden nicht unbedingt erwidert. Wir sind hier Fremdlinge und fühlen uns auch so.

Über die fast schnurgerade Straße geht die Fahrt über das Hochplateau weiter Richtung La Paz. Die Landschaft ist wie am Vortag eine eintönige Halbwüste, trockene Weiden und einige weiße Salzflächen säumen die Fahrbahn rechts und links bis hin zu den sanften beige-braunen Hügeln am Horizont.

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Dann, wie eine Fata Morgana, wie ein gestrandeter Eisberg, wie ein weißer Baiser aus Eischaum und Puderzucker, schiebt sich auf der rechten Seite zwischen zwei Hügeln die schneeweiße Kuppe des Illimani (6.439 m) in den Blick.

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In der glasklaren Luft scheint er zum Greifen nah. Wenige Kilometer weiter wird auf der linken Seite dann auch der Vulkankegel des Sajama (6.542 m), 240 Kilometern entfernt an der Grenze zu Chile und höchster Berg Boliviens, sichtbar.

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Und dann ist der Moment da, in dem am Horizont vor unseren Augen die Cordillera Real, die Königskordillere, plötzlich mit ihren eisgepanzerten Gipfeln im klaren Licht des Nachmittages wie eine übergroße Fototapete sichtbar wird. Wir fahren im rechten Winkel direkt auf die Bergkette zu, zu deren Füßen tief im Talkessel La Paz liegt, und halten den Atem an. Die europäischen Alpen sind beeindruckend, die Rocky Mountains im Westen Nordamerikas auch, aber dieses Panorama ist schlichtweg atemberaubend und treibt uns für einen Moment die Tränen in die Augen. Vor uns liegen die schneebedeckten Gipfel in ihrer ganzen königlichen Pracht: Die Grupo Condoriri (5.648 m), der Huayna Potosi (6.088 m), der berühmte Chacaltaya (5.395 m) mit seinem inzwischen geschmolzenen Gletscher, der Mururata (5.858 m),der Illimani (6.439 m) und unzählige weitere Gipfel mit über 5.000 Metern.

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Nachdem wir den Kontrollpunkt der Militärpolizei passiert haben führt unsere Route durch die auf dem Rand des Altiplano gelegene sozial schwache Zwillingsstadt von La Paz, El Alto. Da Garmin zur Zeit noch keine Bolivien Software anbietet haben wir uns eine bolivianische Freeware auf das Handy geladen und folgen nun ihren Anweisungen, kombiniert mit dem bewährten Richtungsfahren. Wir wollen zum Hotel Oberland, dem Treffpunkt der Globetrotter in La Paz im Stadtteil Mallasa nahe dem Valle de la Luna. Nach etlichen Kilometern auf schnurgerader Straße durch El Alto weist uns das Navi an, rechts abzubiegen. Die Richtung stimmt, also folgen wir und stürzen uns mit dem Unimog auf einer Schotterpiste fast 1.000 Meter talwärts durch bizarre Stein- und Erdtürme, Säulenpyramiden, und Felsnadeln, geformt durch Erosion und klimatische Gegensätze.

Keine Frage, die Richtung stimmt noch immer, es ist das Valle de la Luna, aber wir bezweifeln, daß es der offizielle Weg nach Mallasa ist. Minuten später bekommen wir eine blinkende Nachricht auf unser Handy: „Thank you very much for improving our software. You receive 24 bonus points.“ Ob der Weg eine Verbesserung ist sei mal dahin gestellt. Wir haben eher die Befürchtung, daß jetzt zukünftig alle armen Teufel diesen Steilhang hinuntergejagt werden.

Nach Wochen ohne eine einzige Begegnung mit anderen Travellern treffen wir jetzt im Hof des Hotels gleich auf drei Wagen aus Deutschland (2x Bamberg, 1x Berlin) und einen aus UK. Das „Hallo“ ist immer groß bei solchen Treffen, es folgt der übliche Austausch bei Bier und Wein und für den nächsten Abend wird gemeinsames Grillen verabredet. In der Nacht gesellt sich noch ein Pärchen aus der Schweiz dazu und damit ist der Hof zugeparkt.

Auf dem Altiplano

Unser nächstes Etappenziel auf dem Weg nach La Paz ist Oruro. Die Ruta 4 schraubt und windet sich entlang steiler Felswände unaufhörlich die Ostflanke der Anden hinauf. Leitplanken gibt es nur selten, was die Fahrer von LKW, Bussen und Autos aber nicht von waghalsigen Überholmanövern abhält.

Die Pässe sind gesäumt mit unzähligen kleinen Giebelhäuschen geschmückt mit Blumenkränzen, filigranen Metallkreuzen oder kleinen weißen Engeln aus Marmor zum Gedenken der Unfallopfer, die hier ihr Leben im bodenlosen Abgrund neben der Fahrbahn ließen. Manchmal stehen in Kurven acht, neun Häuschen nebeneinander, auf einigen Tafeln stehen bis zu zwanzig Namen. Ganze Familien, ganze Reisebusse, die hier in die Tiefe stürzten. Auf glatten Felswänden sehen wir immer wieder fromme Sprüche in weißer Farbe gepinselt: „Herr Jesus Christus, wir legen unser Leben in Deine Hände, bitte beschütze uns“. Wie wäre es denn einfach mal mit langsamer fahren? Aber es ist ja so viel leichter, die Verantwortung für das Leben an irgendeinen Gott abzugeben.

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Nachdem wir den La Cumbre-Paß mit knapp 4.500 Metern überwunden haben erreichen wieder das waldlose und trockene Hochlandbecken des Altiplano zwischen West- und Ostkordilleren. Unterwegs sehen wir die ersten Llamas.

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Der Altiplano erstreckt sich auf einer Höhe von 3.600 – 4.200 Metern auf einer Fläche von 700 km Länge und 200 km Breite. Das heißt: Einmal auf dieser Höhe kommt man so schnell nicht wieder hinunter. Trotz der Höhenlage und Trockenheit ist der Altiplano das Siedlungsgebiet Boliviens; rund 80% der Bevölkerung lebt hier, überwiegend noch in den traditionellen, mit Stroh oder Wellblech gedeckten winzigen Lehmhäusern. Aber die Moderne hat auch hier Einzug gehalten, wenngleich noch nicht wirklich spürbar, aber auf jeden Fall unübersehbar. Das Mobilfunkunternehmen tigo hat offensichtlich einen Trupp die Ruta 4 entlang gejagt mit der Aufgabe, möglichst viele Bauern dazu zu bewegen, ihr Häuschen vollständig tigo-blau streichen zu lassen. So ist der Weg entlang der Ruta 4 jetzt blaugetupft.

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Vermutlich haben die Bewohner als Gegenleistung dafür eine Handvoll Bolivianos, ein Huhn oder einen Sack Reis erhalten. Das auf die Häuserwände gepinselte großspurige Versprechen, auf der gesamten Ruta 4 eine dauerhafte gute Internetverbindung zu gewährleisten, kann tigo allerdings nicht halten.

Die Sonne brennt unbarmherzig von einem wolkenlosen Himmel, auf dem gesamten Altiplano gibt es nicht einen Baum oder Strauch, der Schatten wirft und wir fahren Stunde um Stunde bei gleißendem Licht auf gleichbleibender Höhe. Staub dringt durch alle Öffnungen, die Nase verstopft, der Rachen fühlt sich wie Sandpapier an, obwohl Hugo und ich – Entschuldigung – schon Wasser saufen wie die Ponies. Wie war das Leben hier ohne Telefon? Ohne Fernsehen? Ohne Internet? Für die Bewohner muß die Einführung dieser Medien einen Quantensprung bedeutet haben, oftmals vielleicht der einzige Zugang zu aktuellen Informationen und Bildung.

Wir erreichen die Peripherie von Oruro (250.000 Einwohner) und sind entsetzt. Nach einer Fahrt durch die Stadt erhärtet sich unser erster apokalyptischer Eindruck und wir beschließen, ein Stück außerhalb zu nächtigen. Die Vermüllung mit Plastik und Schrott ist grenzenlos, darüber hinaus wurden überall planlos private und gewerbliche Baumaßnahmen begonnen und offensichtlich aus Geldmangel wieder abgebrochen. Wildwuchs und Bauruinen en masse beherrschen das Bild. Wir bezweifeln, daß es hier so etwas wie Kommunalpolitik oder Stadtverwaltung gibt. Oder, wahrscheinlicher, es gibt alle paar Monate eine neue.

Wir verlassen Oruro über die Ruta 1 und wundern uns wieder einmal über ein Großprojekt. Die Ruta 1 soll auf einer Strecke von 230 km von Oruro bis La Paz zu einer vierspurigen „Autobahn“ ausgebaut werden. Der eher mäßige Verkehr mit 90% LKW rechtfertigt dies nicht wirklich. Besser hätte man auf dieser planen Geradeaus-Fläche eine Bahnlinie für den Güter- und Personenverkehr angelegt. Noch verwunderlicher ist, daß über endlose Kilometer auf beiden Seiten der Fahrbahn zigtausende Bäume in aufwändiger Weise angepflanzt werden.

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Erste Frage: Welche Bäume sollen hier, in der dürren, salzhaltigen Erde, wo nur das trockene Büschelgras ichu überlebt, wachsen? Zweite Frage: Wofür überhaupt? Jeder Baum am Straßenrand, wenn er denn wider Erwarten überhaupt gedeihen sollte, stellt bei der bolivianischen Fahrweise ein zusätzliches Sicherheitsrisiko dar. Dann sehen wir in einer der Baustellen ein überdimensionales Plakat zu dem Straßenprojekt, von welchem uns Herr Morales mit Blumenkette anlächelt, und uns wird alles klar: Er möchte bestimmt eine repräsentative Präsidentenavenida anlegen! Ein paar Kilometer weiter steht dann in der Mitte der Fahrbahn eine deutlich kleinere Projekttafel und es erschließt sich uns, wie er sein Projekt finanziert: Die Europäische Union greift mal wieder tief in die Tasche. Tun sie/wir das aus Nächstenliebe? Oder Berechnung? Bolivien ist immens reich an Bodenschätzen, die in Zukunft auch für uns immer mehr an Bedeutung gewinnen werden. Wie dem auch sein, hier wird jedenfalls viel Geld in den Sand bzw. das Salz  gesetzt.

Palacio de los Portales

Zurück auf der Straße und im prallen Leben besuchen wir als Kontrastprogramm den Palacio de los Portales, das Stadthaus des legendären Zinnkönigs Simon Patino, einst einer der reichsten Männer der Welt und eine Zeit lang bolivianischer Botschafter in der Schweiz. Der elegante Palast im Renaissancestil beherbergt verschiedene Salons mit Seidentapeten, Tapisserien und Möbeln aus der Zeit Napoleons und Ludwig XV. Zahlreiche fünf Meter hohe Flügeltüren (portales), die dem Palast den Namen gaben, öffnen sich auf eine große Terrasse oberhalb der parkähnlichen Anlage. Vor dem geistigen Auge erscheinen unweigerlich Bilder von rauschenden Festen, Damen in großen Roben und Zigarre rauchenden Männern.

Convento Santa Teresa

Ein mitten im Zentrum von Cochabamba gelegener Ort mit besonderer Atmosphäre ist das Karmeliterkloster Santa Teresa, eines der wenigen „geschlossenen“ Klöster in Südamerika. Architektonisch ist das aus zwei Gebäuden und einem Innenhof bestehende Kloster ein Kleinod; fotografieren ist leider untersagt. Wir nehmen an einer Führung teil und erfahren, daß die Klosterschwestern früher wie auch heute noch von der Gesellschaft völlig isoliert leben. Am „normalen“ Leben nehmen sie nicht teil, jeglicher Kontakt nach draußen ist strengstens untersagt. Innerhalb der Klostermauern werden einige Produkte wie zum Beispiel Zitronenmarmelade hergestellt, die verkauft oder getauscht werden, wobei der Verkauf ausschließlich über ein blickdichtes Holzrondel erfolgt. Die Karmeliterinnen legen ihre Produkte im Gebäude in ein Fach des Rondels und drehen dieses; der Käufer entnimmt die Waren draußen und legt seinerseits Geld oder Tauschwaren hinein.

Die Wände der Räume und des Kreuzganges sind mit vielen großformatigen Gemälden geschmückt, die in ihrer Art sehr besonders sind und drei verschiedene Kunstschulen repräsentieren. Bei Eintritt in das Karmeliterkloster wird den Nonnen das Haar geschoren, welches teilweise für Figuren der heiligen Familie und anderer Heiliger verwendet wird, die in einigen Nischen und Treppenaufgängen stehen. Wir empfinden es schon als sehr befremdlich, sich freiwillig so vollständig von der Gesellschaft zurückzuziehen.

Paragliding in Cochabamba

In der Nacht hatte es etwas geregnet und am nächsten Morgen tragen die Vier- bis Fünftausender rund um Cochabamba kleine weiße Mützen. Die Flugbedingungen stimmen: Der Himmel ist wieder strahlend blau, der Startplatz auf 3.300 Metern liegt sehr schön an einem Paß oberhalb von Cochabamba, die Startbedingungen mit leichtem Wind von vorne sind für die Piloten fast ideal. Es ist Winter, daher ist es thermisch zwar nur mäßig, aber ausreichend. Nach einem lässigen Bilderbuchstart kann sich Hugo eine Dreiviertelstunde in Startplatzhöhe halten und einen schönen Flug vor grandiosem Panorama genießen, bevor er zur Landung auf dem offiziellen Platz des lokalen Clubs in einem ausgetrockneten Flussbett ansetzt. Alles prima, ein guter Tag.