“A journey is best measured in friends, rather than miles.” – Tim Cahill
Archiv für den Monat: März 2015
Wiedersehen in Santiago
Wir verbringen noch einige sonnige Tage an der Küste, verabschieden uns dann – diesmal aber wirklich endgültig – vom Pazifik und fahren weiter in die chilenische Hauptstadt, um uns mit Brigitte und Celi vor ihrer Abreise nach Spanien noch zu treffen.
Die Birnchen unseres Abblendlichtes sind auf beiden Seiten durchgebrannt oder Opfer von Rappelpisten geworden, und da ein eingeschaltetes Abblendlicht in den südamerikanischen Staaten auch am Tag obligatorisch ist, fahren wir zunächst die Mercedes-Werkstatt an. Hier kennt man uns noch von unserem ersten Besuch; wir bekommen Ersatzbirnchen und man bietet uns eine kostenlose Wagenwäsche an, die wir sehr gerne in Anspruch nehmen. Zu zweit und mit großen Schrubbern bewaffnet bemüht man sich, die dicken Schichten patagonischen Luxusdrecks der letzten Wochen und Monate abzukratzen. Die Mühe lohnt sich: Der Wagen sieht danach aus wie mit Perwoll gewaschen.
Ein mit Brigitte und Celi befreundetes Ehepaar ist so freundlich, uns ihr wunderschönes Haus als Treffpunkt zur Verfügung zu stellen. Brigitte und Celi sehen blendend aus und freuen sich genauso über das Wiedersehen wie wir, unsere aus der Schweiz stammenden Gastgeber Beate und Guntram sind äußerst liebenswert, und so beschließen wir, den Abend gemeinsam in einem trendigen Restaurant zu verbringen. Die Fahrt dorthin führt vorbei an den modernen Hochhäusern, die wie illuminierte Reagenzgläser in den nächtlichen Himmel Santiagos ragen. Nach so viel „wildem Outdoor-Leben“ sind wir die städtische Schickeria gar nicht mehr gewohnt, aber das anfangs etwas befremdliche Gefühl gibt sich mit dem ersten Pisco Sour und wir genießen hemmungslos die maritimen Leckereien. Mit Meeresfrüchten gefüllte empanadas und Thunfischtartar als Vorspeise, danach mit Seespinne gefüllte Canelloni an cremiger Krebssauce – göttlicher geht nicht! Schon wenn ich daran denke läuft mir das Wasser im Mund zusammen…
Am nächsten Morgen heißt es für alle Abschied nehmen. Mit dem Versprechen, uns in Europa zu treffen, trennen sich unsere Wege. Für Brigitte und Celi geht es zurück nach Spanien, und wir brechen mit dem Ziel Mendoza Richtung chilenisch-argentinische Grenze auf.
Östlich von Los Andes steigt die Ruta 60 zunächst in sanften Kurven, dann immer steiler an. In über dreißig atemberaubenden Serpentinen geht es den Berg hinauf; die LKW am Hang gegenüber sehen wie Spielzeugautos aus.
Kurz vor der Grenzstation erstreckt sich auf 2.800 Metern das Skigebiet Portillo, welches mit Abfahrten aller Schwierigkeitsgrade und einem Luxushotel angeblich zu den zehn besten der Welt zählt. Jetzt im Sommer ist alles geschlossen.
Auf 3.200 Metern Höhe führt ein drei Kilometer langer, zweispuriger und diffus beleuchteter Tunnel durch die Anden auf die argentinische Seite, wo alle Grenzformalitäten an einer gemeinsamen Station – eine Art Drive Through – mit Chile durchgeführt werden. Bisher hatten wir bei unseren Grenzüberquerungen nach Argentinien immer Glück, aber diesmal kassieren sie unsere frischen Lebensmittel ein.
Auf der Ostseite der Anden fällt die Straße dann über viele Kilometer sanft bergab. Ab und an blitzt die schneebedeckte Silhouette des Aconcagua im Hochgebirge auf, des mit 6.959 Metern höchsten Gipfel Südamerikas. Bis Mendoza liegen jetzt noch zweihundert Kilometer vor uns.
Mit Segen von oben
Beschwingt unterwegs
Auf unserem Weg nach Santiago liegt das Valle de Colchagua, aus welchem die meisten aller preisgekrönten chilenischen Tropfen stammen. Hier, nicht weit vom Meer entfernt, gibt es genügend Feuchtigkeit und im Sommer brennt die Sonne über Monate unbarmherzig. Ideale Bedingungen für feine Weine. Rund zwanzig Weingüter produzieren in dieser Region mit der Devise Klasse statt Masse vollmundige und samtige Rotweine aus den Rebsorten Cabernet-Sauvignon und Merlot und der in Europa durch die Weinpest Mitte des 19ten Jahrhunderts ausgestorbenen kräftigen Sorte Carmenère.
Europäische Winzer wurden ob der wachsenden neuen Konkurrenz aus dem Land hinter den Anden hellhörig. Bevor man Anteile am Weltmarkt riskiert geht man doch lieber mit dem Feind ins Bett. Besonders französische Weingüter erkannten die Qualität und das große Potenzial der chilenischen Weine und kauften sich bei alteingesessenen Bodegas ein, wie zum Beispiel bei der Bodega Clos Apalta der Vina Lapostolle, die wir uns für eine Weinprobe ausgesucht haben und die mit dem Slogan wirbt „French in Essence, Chilean by Birth“. Cyril de Bournet und seine Frau Alexandra Marnier Lapostolle, die Nichte des Likör-Herstellers Alexandre Marnier Lapostolle (Grand Marnier), kauften 1994 eine alte bestehende Vina zweihundert Kilometer südlich von Santiago und führen diese seitdem unter streng biologischen und biodynamischen Gesichtspunkten. Der Zertifizierungsprozeß unter der Kontrolle eines deutschen Instituts dauerte allein sieben Jahre.
Die moderne Bodega auf altem Grund und mit alten Reben ist ein architektonisches Meisterwerk. Sie wurde in einen großen Granitfelsen hineingesprengt, ist mit sechs Etagen insgesamt 25 Meter tief und arbeitet ausschließlich mit Schwerkraft, so daß der Most ohne Pumpen in den Weinkeller gelangt. Dank ihrer besonderen Architektur überstand die Bodega bisher jedes noch so schwere Erdbeben. Umliegende Kellereien im klassischen Stil erlitten dagegen so schwere Schäden, daß sie bis zu einem Jahr Ausfallzeit überstehen mussten.
Von der höher gelegenen Bodega schaut man auf die Weinfelder. Die Trauben von Vina Lapostolle werden über einen Erntezeitraum von zwei Monaten Sorte für Sorte handgepflückt, dann von achtzig Frauen handverlesen und anschließend in große Behälter gegeben, die wiederum in voluminöse Eichenfässer gekippt werden. Allein durch ihr Eigengewicht und die Schwerkraft werden die Trauben entsaftet. Insgesamt wird auf diese Weise ein Rotwein produziert, der nicht in modernen Edelstahlbehältern reift, sondern in 450 Fässern aus französischer Eiche. Diese befinden sich tief im Fels auf Etage 3 und 4 und der Wein ruht hier zwei Jahre. Der abschließenden Qualitätskontrolle halten schlussendlich dann gerade einmal 250 Fässer stand, die dann als Spitzenwein Clos Apalta in den Handel kommen.
Nach dem wir uns im „Felsenturm“ Etage für Etage heruntergeschraubt haben findet im fünften Stock die Weinverkostung statt. Als wir den stimmungsvoll illuminierten Raum betreten haben wir das Gefühl, in einem Planetarium zu sein. Die Decken sind aus gewölbtem Naturholz, ins Holz eingelassene kleine Lämpchen leuchten dezent wie ein Sternenhimmel und die schlichten Eichenfässer mit dem eingebrannten „Lapostolle“-Zeichen geben der Weinprobe einen wunderschönen Rahmen.
Wir verkosten drei Weine, die Proben sind üppig bemessen, und besonders der Clos Apalta ist merklich ein Schwergewicht. Hier beim Erzeuger kostet die Flasche USD 120. Auch bei dem stolzen Preis: Nur vom Clos Apalta allein kann die Vina Lapostolle nicht leben, daraus macht das Familienunternehmen auch keinen Hehl. Ganz offen erzählt man uns, daß der Gewinnbringer ein nahegelegenes, ebenfalls zum Unternehmen gehörendes Weingut ist, welches pro Jahr 2,5 Millionen Flaschen Rotwein mit dem Handelsnamen Cuvée Alexandre und einen Weißwein Casa Gran Reserva für den Massenmarkt produziert.
Im sechsten und letzten Stockwerk der Kellerei und über eine indirekt beleuchtete Treppe im Boden ist der ganz private Weinkeller der Marnier Lapostolles untergebracht. Hier ruhen einige besondere gustatorische Schätze, sehr alte Cabernets und Carmeneres. Für uns heißt es leider: Betreten verboten.
Als wir nach der Besichtigung beschwingt die Vina verlassen wartet am Fuße des Weinberges eine Überraschung auf uns – die Polizei. Vorsätzliche Alkoholkontrolle, das hat als krönender Abschluß noch gefehlt. Ich lege mir schon auf Spanisch eine halbswegs glaubwürdige Erklärung für unsere kaum zu ignorierende Fahne zurecht, aber es kommt dann anders: Ein Wagen ist von der staubigen Straße abgekommen und mit Blechschaden im Graben gelandet. Die Polizei ist nur der Freund und Helfer … und wir fahren winkend und lächelnd vorbei.
So beautiful
Valdivia
Von Pucon rutschen wir quer durch Chile an die Pazifikküste bis Valdivia, welches wunderschön an dem Zusammenfluß zweier Flüsse liegt, die dann vereint als Rio Valdivia in den Ozean münden. 1960 wurde die Stadt durch ein Erdbeben mit der Stärke 8,9 zu achtzig Prozent zerstört und sackte um drei Meter ab, der Tsunami schleuderte Schiffe auf den Strand und veränderte die Landschaft bis weit ins Landesinnere nachhaltig. Am Ufer des Rio Valdivia liegen der kleine Flusshafen und der mercado fluvial, der Flußmarkt, auf dem es viele Arten von Fisch und Meeresfrüchten gibt, unter anderem auch ceviche, in Limettensaft gebeizter roher Fisch, und erizo, die frischen Seeigelzungen. Im Hintergrund der Fischhändler dösen gewichtige Seelöwen gemächlich auf Pontons im Fluß und kommen nur kurz in Schwung, wenn die Fischhändler beim Zerlegen der Fische Köpfe und Schwänze über ihre Schultern entsorgen.
An der kleinen Promenade entlang des Flusshafens entdecken wir einen hohen Turm aus Glas, der ein Foucaultsches Pendel beherbergt, welches hier seine ausschließlich durch die Erdrotation bewegten Kreise in feinem Sand zieht.
Wir fahren weiter die Küste hinauf, aber aufgrund der sommerlichen Hochsaison bevölkern Menschenmassen die Strände und Ortschaften – Playa del Ingles auf chilenisch. Mit ein bisschen Sucherei und Rumpelei über Pisten finden wir dann doch noch ein paar einsame Stellplätze etwas außerhalb der touristischen Hochburgen und genießen Traumausblicke auf die Brandung des Pazifik.
Jetzt, im Hochsommer, ist die Sonne stark genug, den über dem Meer liegenden Schleier aus Nebel in den Morgenstunden zu schmelzen.














































