Archiv für den Tag: 8. Juli 2014

Bullenritt

Wir haben uns bewusst für die nördliche Ringstraße Ruta Misiones Jesuiticas Chiquitanas nach Santa Cruz entschieden, da wir einige der alten Jesuitenreduktionen besichtigen möchten.Die Fahrt führt durch den Urwald und das Dickicht zu beiden Seiten der Fahrbahn ist undurchdringlich. Ab und an gibt es Abschnitte, die von gelbblühenden Ipé-Bäumen gesäumt sind.

Ipé - Bäume

Die Rote-Erde-Piste wird zunehmend schlechter. Die brettharte Oberfläche ist von Längs- und Querfurchen durchzogen und Krater mit einer Tiefe von über einem halben Meter machen die Fahrt zu einem einzigen Slalomparcours. Außer ein paar LKW und einem gelegentlichen Overlander ist die Route so gut wie nicht befahren und entgegenkommende Fahrzeuge kündigen sich schon kilometerweit durch eine große Staubwolke an.

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Als es später Nachmittag ist sind wir noch weit über 100 Kilometer von unserem eigentlichen Tagesziel, San Ignacio, entfernt und so bleiben wir in dem winzigen Ort San Vicente, nicht mehr als eine Handvoll Häuser entlang der Piste. In einem „Restaurant“ am Straßenrand essen wir Reis mit Hühnchen, etwas anderes gibt es nicht. Über eine Juke Box werden Musikvidos abgespielt und wenn diese gerade nicht laufen, flimmern auch in diesem so erzkatholischen Land schon am späten Nachmittag und in aller Öffentlichkeit leicht bekleidete Damen über den Bildschirm.

In Santa Rosa 1

Kinderprogramm

Die Piste wird am nächsten Tag noch schlimmer. Der Wagen buckelt wie ein gereizter Bulle beim Rodeo, die Sitze schlagen trotz Druckluftfederung bis zum Anschlag durch. Hugo klammert sich ans Lenkrad und ich mich an die Hoffnung, daß wir zumindest heute San Ignacio noch vor dem Abend erreichen werden. Einzig dem Unimog macht der mörderische Ritt nichts aus; er entpuppt sich als wahre Pistenkuh.

Stunde um Stunde, Kilometer für Kilometer arbeiten wir uns vor. Wir verkeilen uns in unseren Sitzen, irgendwann schmerzt das Steißbein empfindlich und ich klammere mich wie ein Gibbon an die Dachgriffe. Unsere flüsterasphalt-verzärtelten deutschen Hintern sind eine solche Dauerbelastung einfach nicht gewohnt.

In Santa Rosa

Same same but different

Die Landschaft des Pantanal und seine Tierwelt werden über viele Kilometer noch unverändert bleiben, aber mit dem simplen Schlagbaum, der die Grenze zwischen Brasilien und Bolivien markiert, ändert sich alles andere im wahrsten Sinne des Wortes schlagartig. Die fröhliche Offenheit und Neugier der Brasilianer weicht einer distanzierten Zurückhaltung der beiden bolivianischen Grenzbeamten. Es gibt hier an der Grenze keinen Computer; mit Bleistift werden unsere Daten auf einem Stück Papier notiert. Die offizielle Anmeldung erfolgt erst einige Kilometer später in San Mathias. Mit dem Schlagbaum endet auch die Asphaltstraße. Die nächsten 470 Kilometer bis Concepcion führen über Erdpiste durch zunehmend undurchdringlichen Urwald.

Pantanalhirsch

Und mit dem Schlagbaum endet leider auch die Sauberkeit und die Vermüllung beginnt. San Mathias erstickt schon fast in Plastikmüll, der gedankenlos auf die Straße geworfen wird und auch bei tropischen Temperaturen leider eben nicht verrottet. Bolivien zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und Umweltbewusstsein ist hier noch Luxus.

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Wir kreisen mit unserem Unimog mehrmals kreuz und quer durch die kleine Ortschaft, bis wir die Migración finden. Problemlos werden die 90 Tage Aufenthaltsgenehmigung in unsere Dokumente eingetragen.

Migracion San Mathias

Mit den Papieren fahren wir zum Zoll etwas außerhalb des Städtchens. Dort erklärt uns der junge Zollbeamte, daß er von allem Kopien benötigt, er aber keinen Kopierer hat. In puncto Büroartikel ist er ansonsten jedoch bestens bestückt: Auf einem Regal stapeln sich in bester Loriot-Manier unzählige Kisten von Büroklammern, die bei dem mageren Grenzverkehr hier bis zum Jahr 3000 ausreichen sollten.

Wir fahren zurück ins Zentrum und suchen einen Copy Shop. Wir kopieren alle Unterlagen und stellen dabei fest, daß auf allen Dokumenten 90 Tage eingetragen sind – mit einer Ausnahme: Auf Hugos Touristenkarte sind nur 30 Tage eingetragen. Absicht oder Fehler? Im Zweifel kann das bei Überziehung der Frist, da er der Fahrzeughalter ist, richtig Ärger bis hin zu Beschlagnahmung des Fahrzeuges bedeuten. Und da wieder rauszukommen kostet in der Regel eine Menge Geld und noch mehr Zeit. Also wieder zurück in die Migración und alles von vorne. Nachdem schlussendlich überall 90 Tage eingetragen sind und wir die Kopien haben geht es wieder zum Zoll. Dort werden alle Angaben über Internet erfasst, nur dieses ist so langsam, daß der Prozess ewig dauert. Nachdem alle Formalitäten erledigt sind ist es zu spät zum Weiterfahren und wir verbringen den Abend und die Nacht in San Mathias. Im Abstand von ein paar Stunden kommen zwei vom Pistenstaub rot gepuderte Overlander aus Santa Cruz an, das Gepäck der Fahrgäste auf dem Dach unter Planen festgezurrt, aus den eigentlichen Gepäckfächern unten im Bus werden große Säcke Kartoffeln, Zwiebeln, Maniok und Orangen ausgeladen. Frauen mit langen Zöpfen in landestypischer Tracht räumen die Lebensmittel in die kleinen Verkaufsstände entlang der staubigen Straße. Brasilien ist keine zehn Kilometer weit weg, und doch Lichtjahre entfernt.

Abschied von Brasilien

Dafür, daß Brasilien für unsere erste Tour nicht vorgesehen war, haben wir es ganz schön lange ausgehalten: Insgesamt zwei Monate waren wir hier unterwegs und haben es trotzdem nur gestreift, nur einen Bruchteil dieses großen und großartigen Landes kennenlernen können.

Es hat uns in vielerlei Hinsicht überrascht. Dieses Land ist ein Gigant, der vor Kraft und Energie nur so strotzt. Weltweit unter den TOP TEN der Wirtschaftsmächte hat es den Sprung vom Entwicklungsland längst geschafft und verfügt über immense Ressourcen, sowohl was Rohstoffe als auch was manpower angeht. Viele Märkte werden dominiert von starken brasilianischen Marken, zum Beispiel die Bekleidungs- oder Möbelindustrie. Die „üblichen Verdächtigen“ namens Hilfiger, Calvin Klein, Benetton usw. findet man hier selten, wenn überhaupt, dann nur in den Malls sehr großer Städte. In Design und Qualität reichen die einheimischen Textilien, Schuhe usw. an die amerikanischen oder europäischen locker heran. In anderen Bereichen wie zum Beispiel der Elektroindustrie gibt es – noch – qualitative Unterschiede, aber diese Lücken werden sicherlich schnell geschlossen werden. Knowhow läßt sich im Zweifel einkaufen.

Im wirtschaftlich weniger starken Norden des Landes sieht es derzeit vielleicht noch etwas anders aus, aber trotzdem: Brasilien benötigt keine Unterstützung von außen mehr. Die verbleibende Lücke, das letzte Quentchen, muß und kann es aus eigener Kraft schaffen, indem innenpolitisch die Stellschrauben entsprechend justiert werden. Jeder Entwicklungshilfeminister, der bei einem Besuch durch die Favelas von Rio geschleust wird und aufgrund dessen dem Land noch Gelder zusagt, gehört gehauen.

Wir reisen über Cacéres aus und müssen dazu bei der lokalen Polizeistation offiziell auschecken, rund 100 km vor dem eigentlichen Grenzübergang nach Bolivien. Die Straße ist gut ausgebaut, sehr wenig befahren und endet mitten in der Landschaft an einem einfachen Schlagbaum und einem Holzhäuschen vom Format eines Dixie-Klos.