Archiv für den Tag: 25. Juli 2014

Cochabamba

Nach vielen weiteren Kilometern über das Altiplano fällt die Hochlandroute in ein weites staubiges Tal ab und wir erreichen am Nachmittag Cochabamba auf 2.600 Metern.Trotz des klaren blauen Himmels liegt ein dicker Deckel aus Feinstaub und Abgasen über der Stadt.

Cochabamba Graffity 1

Da es in Santa Cruz problemlos möglich war, auf dem Public Parking des Flughafens zu stehen und alle Annehmlichkeiten vor Ort zu nutzen, steuern wir durch und durch optimistisch den Jorge Wilstermann Airport an. Prompt verfransen wir uns im Straßenlabyrinth der Innenstadt und landen mitten auf dem Markt La Cancha. Es herrscht ein unbeschreibliches Chaos : Die enge Straße ist nur einspurig, also keine Chance zu wenden, tiefhängende Stromkabel, quer über die Straße gespannte Werbebanner, Marktstände halb auf der Straße, Händler, die ihre Karren zwischen den Autos durchschieben und tausende Menschen machen den Weg auch nicht einfacher. Kurzeitig beschleunigt sich unser Puls, aber nach einer knappen Stunde haben wir uns durchgewuselt.

Am Flughafen finden wir einen schönen Stellplatz. Denken wir vorerst. Mitten in der Nacht hämmert jemand wie wahnsinnig gegen unser Fahrzeug. Metall auf Metall. Wir linsen vorsichtig durch unsere Fenster und stellen als Erstes fest, daß außer uns kein anderes Fahrzeug auf dem Parkgelände stehen. Nicht gut. Dann höre ich einen Funkspruch und entdecke einen Arm mit der Aufschrift „Security“. Wir öffnen das Fenster, nur um von zwei Security Officers zu erfahren, daß nächtliches Parken hier nicht erlaubt ist. Mag ja sein, steht aber nirgendwo. Wir flunkern und jammern ein bisschen, erklären, daß wir auf unsere Kinder warten, die früh am nächsten Morgen aus La Paz einfliegen … und dürfen wenigstens für den Rest der Nacht bleiben. In diesem Land herrscht pure Anarchie: Es gibt Gesetze, Regeln und Vorschriften für jede Kleinigkeit, niemand hier hält sich daran, aber aus Lapalien wird willkürlich eine Riesensache gemacht. Am nächsten Morgen verduften wir und schlagen gegen eine kleine Gebühr unser Quartier im Hinterhof eines Hotelkomplexes etwas außerhalb der Stadt auf. Von dort können wir gut mit dem Taxi ins Zentrum gelangen und uns weiteren Fahrstress ersparen.

Die Stadt mit ihren 800.000 Einwohnern zieht sich die umliegenden Hügel hinauf und wird überragt von der 40 Meter hohen schneeweißen Statue Cristo la Concordia, angeblich die größte begehbare Cristusstatue der Welt.

Cochabamba

Neben Santa Cruz zählt Cochabamba zu den wohlhabendsten Städten Boliviens, wenngleich dieser Reichtum nicht überall sichtbar ist. Dreh- und Angelpunkt des sozialen Lebens ist die Plaza Principal im Stadtzentrum, ein hübscher Platz im Kolonialstil mit Palmen und vielen Bänken, die zum Verweilen einladen. In der Mitte stehen eine Kondorsäule und Anschlagtafeln mit den Seiten der aktuellen Zeitungen.

Condorsäule

Viele Frauen tragen hier die typische andine Tracht: mehrere Faltenröcke in gedeckten Farben übereinander, auf dem Kopf ein kleiner schwarzer Hut ähnlich der Melone von Pan Tau, auf dem Rücken eine geschlungene „Kiepe“ aus leuchtend-buntem Stoff für ihr Hab und Gut, die dunklen Haare zu zwei langen Zöpfen geflochten, an deren Ende kleine schwarze Trodeln eingearbeitet sind. Optisch werden wir mehr und mehr auf die Anden eingestimmt.

Cochabamba Frau mit Hut

Abends sind wir mit Cristian, einem Gleitschirmflieger aus Cochabamba, zum Essen verabredet. Es geht nach La Recoleta, einem schönen modernen Stadtteil nördlich des Zentrums. Nach einem opulenten, landestypischen Mahl inklusive reichlich bolivianischem Merlot möchte uns Cristian noch das Nightlife seiner Heimatstadt ein bisschen vorstellen. Erst geht es in eine Karaoke-Bar, anschließend in einen Salsaschuppen. Wenn Cristian so fliegt wie er Salsa tanzt, dann wird es morgen ein spannender Tag. Es ist zwei Uhr nachts, als wir endlich zuhause sind.

Schnappatmung

Nach einigen entspannten Tagen in Samaipata geht es über die alte Hochlandstraße weiter Richtung Cochabamba. Der unbefestigte Paß schraubt sich Meter um Meter die Ostseite der Anden hoch. Nur wenige Fahrzeuge, zumeist kleine LKW, kommen uns entgegen oder folgen uns. Hand aufs Herz: Die meisten überholen uns, da Unimoppel bei steilen Abschnitten im Schneckentempo kriecht. Es geht durch Nebelwälder mit kurios gewachsenen Bäumen, deren Äste dicht mit Moos, Bromelien und graugrünen Flechten bewachsen sind, die wie lange steinalte Bärte herabhängen. Mit seiner geheimnisvollen Anmutung und Stille wird der Nebelwald hier in Südamerika auch poetisch „Elfenwald“ genannt.

Die Nebelwälder der Anden sind wichtige Wasserspeicher Südamerikas. Sie binden Wolkenwasser, das sonst nicht abregnen würde. Die großen Ströme und Flüsse, die von den Anden durch den Kontinent ostwärts zum Atlantik fließen, entspringen alle in den Nebelwäldern der Anden. Leider gehören auch diese zu den gefährdetsten Ökosystemen unserer Welt. Die Ursachen sind weithin bekannt: extensive Viehwirtschaft, Anbau von Kaffee, Koka, Zitrusfrüchten, Nutzholzeinschlag und Klimawandel. Biologen schätzen, dass in zehn Jahren die Nebelwälder der Anden und damit auch die Elfen in Südamerika verschwunden sein werden.

Je höher wir fahren, desto mehr dämpft der Wolkennebel das Sonnenlicht und irgendwann sind auch wir im Dunst verschwunden. Wir wissen, daß es neben der Fahrbahn Hunderte Meter senkrecht abwärts geht, aber wir sehen den Abgrund nicht.

Dann lichtet sich der Nebel und wir erreichen erstmals auf unserer Reise die 3000-Meter-Marke. Die Sicht ist nach allen Seiten frei und die Nebelwälder werden abgelöst durch kargen Baumbewuchs und Kakteenfelder.

Wir sind bis zum Horizont umgeben von einem Ozean aus Bergen unter einem strahlend-blauen wolkenlosen Himmel. Die Sonne brennt in dieser Höhe unbarmherzig und die Luft ist spürbar dünner. Wir fahren und fahren und hinter jedem Paß folgt ein neuer Paß. Tageshöchstmarke sind 3.700 Meter, und wir wundern uns, daß in dieser Höhe nicht nur Menschen leben, sondern auch noch Ackerbau betreiben. Überall sehen wir Felder mit Weizen, Raps, Mais, Kartoffeln und Gemüse. Selbst Steilhänge mit 50 Grad oder mehr Neigung werden hier auf dem Altiplano noch bewirtschaftet, wie seit jeher mit dem von Ochsen gezogenen Pflug, da jeder Traktor umfallen würde. Die wenigen Ortschaften auf unserer Route sind klein, bestehen meist nur aus einer Handvoll niedriger Ziegelhäusern. Die alles dominierende Farbe in dieser Höhe ist beige-braun, ab und an unterbrochen von lila blühenden Bäumen.

Insgesamt befahren wir an diesem Tag sechs oder sieben Pässe mit einer Höhe von mindestens 3.000 Metern. An einer Mautstelle auf einer Passhöhe erfahren wir, daß eine Weiterfahrt am gleichen Tag nicht mehr möglich ist, da der Paß aufgrund seiner Gefährlichkeit ab 16.00 Uhr gesperrt wird. Es ist 16.35 Uhr, heute also nichts mehr zu machen. Als ich zum Wagen zurückkehre höre ich unvermutet hinter mir eine Stimme in akzentfreiem Deutsch „Düsseldorf“ sagen. Erstaunt drehe ich mich um und sehe eine junge Frau mit zwei Jungen, die auf unserer Autokennzeichen zeigt. Auf mein verblüfftes Gesicht hin erklärt sie mir, daß sie hier oben geboren, aber als sehr kleines Kind zur Adoption freigegeben wurde, in Bonn bei deutschen Eltern groß geworden ist und nun, zum zweiten Mal in ihrem Leben, ihre biologische Mutter hier in dieser Abgeschiedenheit besucht. Ein größerer Kontrast ist fast nicht vorstellbar. Was muß in dieser jungen Frau vorgehen? Dieser Gedanke soll mich den ganzen Abend über nicht mehr loslassen.

Wir fahren unseren Wagen an die Seite und müssen die Nacht unfreiwillig hier in der Einsamkeit auf 3.000 Metern verbringen. Pro Tausend Meter Höhe fehlen dem Körper ungefähr 10% Sauerstoff, sagt man. Heißt, uns fehlen ca. 30%. Dazu habe ich durch den Staub und die trockene Luft eine Schnupfnase mit geschwollenen Schleimhäuten, so daß Schnappatmung und Beklemmungen die Folge sind. Ich schnaufe und hechle mich irgendwie durch die Nacht und bin froh, als es am nächsten Morgen weiter nach Cochabamba geht.