Nach den anstrengenden Tagen genießen wir das beschauliche Leben in Samaipata um so mehr, frönen hemmungslos den Gaumenfreuden…
… genießen das Treiben auf der Plaza…
… oder kaufen uns neue Füße.
Samaipata, eingebettet in eine sattgrüne Hügellandschaft mit dichtester Bewaldung, ist die Sommerfrische der wohlhabenden Santa Cruzenos, und so verfügt das charmante Städtchen über relativen Wohlstand. Die Einwohner sind trotzdem noch immer sehr traditionsverhaftet und kleiden sich vorwiegend in der Tracht des andinen Hochlandes.
Die kleinen Häuschen im Zentrum rund um die Plaza tragen Pastellfarben, wobei grundsätzlich nur die Front gestrichen wird.
An den Hängen finden sich vereinzelte Villen mit gepflegten Gartenanlagen und Swimming Pools.
Nach zwei Nächten in der Seitenstraße ziehen wir auf einen der hier äußerst seltenen Campingplätze, La Vispera, um, der von seit über 30 Jahren hier lebenden Holländern betrieben wird. Wir müssen unsere Wassertanks füllen und ein Hausputz steht auch an. Nur wenige Häuser hier in Samaipata verfügen über TV und so freuen wir uns umso mehr, als uns Peter für das WM-Endspiel zu sich nach Hause einlädt. Schande, wenn wir das verpasst hätten!
Samaipata ist Ausgangspunkt für das Fuerte de Samaipata, einem präinkaischen Kultplatz in rund 1900 Metern Höhe, der zu einem nationalen Denkmal Boliviens und Weltkulturerbe erklärt wurde. Der Heilige Felsen darf nicht erklommen werden, aber man hat einige Holzplattformen errichtet, welche einen guten Überblick über die gesamte zeremonielle Anlage bieten. Wir bummeln knapp zwei Stunden umher und genießen die magische Stille und Abgeschiedenheit des Ortes.
Ich bin gerade dabei, in einem wohltemperierten blitzsauberen und mit Waren mehr als gut bestückten Supermarkt ganze Berge voll Tüten von Haribo-Vampiren in den Einkaufswagen zu werfen, als jemand lautstark an die Tür unseres Unimogs hämmert und uns unsanft aus dem Traum reißt. Es ist der Wachdienst der Tankstelle außerhalb von Santa Cruz, an der wir mangels anderer Stellmöglichkeiten abends spät noch gestrandet sind. Es ist kurz nach sieben Uhr morgens und wir sollen verschwinden. Kein guter Anfang für einen neuen Tag.
Wir sind auf dem Weg nach Cochabamba und haben uns für die alte Hochlandroute entschieden, die schöner sein soll als die neue Route durch die Tiefebene, aber auch erheblich langsamer. Wieviel langsamer die Fahrt schlussendlich werden soll wissen wir zu diesem frühen Zeitpunkt noch nicht. Tagesziel ist Samaipata, nur rund 130 km von Santa Cruz in westlicher Richtung auf einer Höhe von 1.600 Metern gelegen. Unser erster kleiner Andenpass steht an.
Auf der Fernstraße in Richtung Berge läuft uns dann unversehens ein großer Hund vor die Räder. Wir haben keine Chance auszuweichen und auch der Bremsversuch unserer 7,5 Tonnen geht schief. So gibt es leider ein Todesopfer. Ein paar Kilometer weiter stehen wir dann mit unzähligen schwer beladenen LKW unvermittelt im Stau.
In einer ersten Information heißt es, daß es am militärischen Kontrollposten Fahrzeugchecks gibt, welche in Bolivien durchaus üblich sind, auch bei den einheimischen Fahrzeugen (noch so eine Schikane). Wir stehen und stehen und es geht nicht weiter. Ab und an darf ein Wagen vor rollen, dann geht wieder Ewigkeiten gar nichts. Wir schnappen eine neue und diesmal zutreffende Information auf: Durch die Regenfälle der letzten Tage ist der Berg aufgeweicht und der Paß ist in einem längeren Abschnitt von einer Schlammlawine begraben. Für LKW mit guter Bereifung ist er nach Aussage einiger LKW-Fahrer wohl langsam passierbar, also sind wir guter Dinge, daß wir in absehbarer Zeit durchkommen. Stunde um Stunde vergeht und schleppend bewegt sich die inzwischen Kilometer lange Kolonne voran. Wir vertreiben uns die Zeit mit den Simpsons.
Langsam wird für uns das ganze Ausmaß der Verwüstung sichtbar: Die Passstraße ist über mehrere Kilometer unter einer dicken Schlammschicht begraben. Die überladenen bolivianischen LKW mit ihren teilweise restlos abgefahrenen Profilen haben bergauf keine Chance, versuchen es aber natürlich trotzdem und orgeln mit hochjagenden Motoren wild im zähen Matsch. Mittlerweile ist es mittags und den Gedanken an Umkehr müssen wir verwerfen, da der Paß an keiner Stelle auch nur halbwegs breit genug ist, um den Unimog zu wenden. Etliche LKW haben schon aufgegeben, blockieren nun die Fahrbahn und erschweren die Fahrmanöver auf der rutschigen Oberfläche noch zusätzlich. Es werden große Raupen herangeschafft, um die LKW über die kritischen Meter zu ziehen, abwechselnd einer bergauf und bergab. Anstatt in der Schlange mitzufahren versuchen ungeduldige Fahrer leichterer 4×4 PKW und auch einige Busse an der Schlange vorbeizufahren. Klares Signal dieser von der Wand bis zur Tapete denkenden Idioten, die es in jedem Land der Welt gibt: ICH bin ja soviel wichtiger als du.
In logischer Konsequenz kommt der Verkehr durch die von oben entgegen rutschenden Wagen nun vollständig zum Erliegen. Zwischen den LKW laufen Menschen im Schlamm herum: Trucker, die teilweise mit ihren gesamten Familien unterwegs sind, Frauen und Kinder aus dem Dorf, die inzwischen in ihren Flip-Flops den Paß hochgestiegen sind, um den Wartenden Essen und Getränke zu verkaufen, von irgendwoher taucht plötzlich ein Fernsehteam auf.
Das Chaos ist perfekt und langsam wird es dunkel. Wir haben die Hoffnung längst aufgegeben, Samaipata bei Tageslicht zu erreichen; für die letzten vier Kilometer haben wir acht Stunden gebraucht. Irgendwann, als es schon stockfinster ist, haben wir dann die Schlammpiste geschafft und es folgen lange Abschnitte mit Steinschlag, am Straßenrand liegen Felsbrocken so groß wie Doppelgaragen. Gut, daß wir in der Dunkelheit nicht sehen können, wie viele Meter es seitlich der Piste senkrecht abwärts geht.
Dann kommt es wie es kommen muß: Uns überholt plötzlich ein eiliger Overlander vor einer uneinsehbaren Kurve und prompt kommt Gegenverkehr von oben. Statt abzubremsen schneidet uns der Bus brutal, um sich vor uns in die nicht vorhandene Lücke zu quetschen und hakt sich bei voller Geschwindigkeit von hinten in unsere vordere Stoßstange. Außer einem kurzzeitig beschleunigten Puls, der sich in einem Schwall übelster Verwünschungen entlädt, passiert zum Glück nichts. Der Overlander hält noch nicht einmal an.
Wir erreichen Samaipata zwar noch am gleichen Tag, aber es ist schon 22.00 Uhr und so stellen wir uns mit dem Unimog in eine ruhige Seitenstraße.
Es gibt Länder, die alles dafür tun, ihren Bewohnern das Leben so beschwerlich und unangenehm wie möglich zu machen. In der Regel sind dies die kommunistischen Staaten und die Militärdiktaturen. Aber auch Bolivien, wenngleich präsidiale Republik, gehört dazu und die ideologische Nähe zu Venezuela ist unübersehbar. Wie der verstorbene venezolanische Staatspräsident Hugo Chavez lässt der bolivianische Präsident Evo Morales in seiner Selbstverliebtheit überall sein Konterfei abbilden. Einem Hund gleich, der zwanghaft jeden Baum anpinkelt, muß er überall seine Marke hinterlassen, und so schmücken überdimensionale Werbetafeln für Energieausbau, Agrarproduktion, Wasserversorgung, Tourismus, Bildung, Töpfe, Pfannen, Staubsauger …den Straßenrand und die Häuserwände, auf jedem das Gesicht Morales, hübsch mit rot-weißer Blumengirlande um den dicken Hals und leicht seitlich von unten fotografiert wie das berühmte Bild Che Guevaras. Man scheut keinen Vergleich.
Wie jeder „gute“ Präsident hat sich Evo Morales mit dem neuen Flughafen 17 Kilometer außerhalb von Santa Cruz, mit über 1.5 Millionen Einwohner größte Stadt Boliviens und wirtschaftliche Metropole, ein Denkmal gesetzt. Auf einer riesigen Fläche steht das reguläre Passagierterminal mit einer ungefähren Größe von Münster/Osnabrück für nationale und wenige internationale Flüge. Eine vierspurige, teilweise noch im Bau befindliche Asphaltstraße mit Beleuchtung führt zum Terminal, vor welchem bereits eine metallene Pferdeskulptur installiert ist. Wie Geschäftsreisende oder Touristen allerdings überhaupt in dieser ausufernden Stadt zum Flughafen finden sollen ist uns ein Rätsel, den Santa Cruz hat so gut wie keine Beschilderung.
Auch als Präsident kann man den Boliviano nur einmal ausgeben und so muß auch Senor Morales Prioritäten setzen. Da die Volksvertretung, der Congreso Nacional, eine jährliche Sitzungsperiode von nur drei Monaten hat – die restliche Zeit ist mehr oder weniger Urlaub – drängen sich bei ihm die Termine in dieser Zeit natürlich Schlag auf Schlag. Um mögliche Wartezeiten auszuschließen läßt er sich daher gerade am Flughafen flugs ein eigenes Präsidententerminal errichten. Kostet ja nicht die Welt, oder? Macht ja auch nichts, solange Deutschland wie bisher großzügige Entwicklungshilfegelder in das Land pumpt (seit den 60er Jahren bereits über eine Milliarde EUR).
Wir parken jedenfalls ohne schlechtes Gewissen zwei Nächte vor dem Flughafen, entsorgen unseren Müll, nutzen hemmungslos das mal mehr mal weniger stabile Wi-Fi und schauen uns die WM-Spiele an, allerdings ohne zu lautstark zu jubeln.