Archiv für den Tag: 22. November 2014

Isla Negra

„Companeros, enterradme en Isla Negra, frente al mar que conozco, a cada area rugosa de piedras, y de olas que mis ojos no volveran a ver…“

„Freunde, begrabt mich in Isla Negra, gegenüber dem Meer, das ich kenne, an jenem rauen, steinigen Ort mit den Wellen, die meine verlorenen Augen nicht wiedersehen werden.“

Wir verlassen die Großstadt nach Westen und stoßen bei Algarrobo wieder an die Küste. Nördlich des Ortes erstreckt sich mit San Alfonso del Mar ein Hotelkomplex mit Guiness-Rekord: Eine künstlich angelegte Meerwasser-Lagune stellt mit 1.013 Metern Länge das längste Schwimmbad der Welt. Auch sonst ist die Gegend unübersehbar touristisch geprägt:

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Wir fahren weiter nach Isla Negra, rund 80 km südlich von Valparaiso gelegen. Isla Negra ist nicht, wie der Name vermuten lässt, eine schwarze Insel vor der chilenischen Küste, sondern eines der drei Häuser des Schriftstellers Pablo Neruda, sein Lieblingshaus und zugleich seine Grabstätte. Auf die Felsen oberhalb des Pazifiks gebaut spiegelt es die überbordende Phantasie des Dichters und seine lebenslange Leidenschaft für das Meer wieder. Er kaufte das Grundstück mit einem kleinen Steinhäuschen 1938 einem spanischen Seemann ab und nahm im Laufe der Jahre zusammen mit seinen Freunden, den Architekten German Rodriguez Arias und Sergio Soza, zahlreiche Änderungen und Erweiterungen vor. Überwiegend wurden dabei Holz und Naturstein aus der Gegend verwendet. Mit der Zeit entstand ein organisch anmutendes Gebilde, teils Wohnhaus, teils Arbeitsstätte, teils Museum.

Das Haus ist im Originalzustand erhalten und beherbergt Nerudas sagenhaftes Sammelsurium an über 3.500 Gegenständen, die er weltweit auf Flohmärkten selbst zusammentrug. Alte, aus Holz geschnitzte Galionsfiguren, die einst den Bug von Walfängern schmückten, zieren heute Wohn- und Esszimmer, die Bar im Garten ist mit einer großen Anzahl skurriler Glasflaschen ausgestattet, Buddelschiffe sind so an den Fenstern angebracht, daß sie für den Betrachter auf dem Ozean zu schwimmen scheinen, der Durchgang zum Anbau ist mit asiatischen Masken geschmückt, im Arbeitszimmer finden sich eine Sammlung von Pfeifen, Schmetterlingen, Käfern und Walzähnen und im von Neruda so genannten „Sala del Caballo“ steht ein lebensgroßes künstliches Pferd, welches er nach einem Brand „rettete“. Besonders gut hat uns seine sehenswerte Muschelsammlung aus aller Welt gefallen, die in einem separaten Raum perfekt ausgeleuchtet in Szene gesetzt ist. Jedes Teil seiner Sammlung hat eine eigene Geschichte, zu jedem hatte er eine persönliche Beziehung. In seinen Memoiren schreibt Neruda:„In Isla Negra habe ich kleine und große Spielzeuge zusammengetragen, ohne die ich nicht leben kann“.

Pablo Neruda liebte seine Heimat und das Meer sehr, wenngleich er sich auf Schiffen nicht wohl fühlte und Seefahrten wenn möglich zu vermeiden suchte. Sein von zwei Seiten sonnendurchflutetes Schlafzimmer liegt im obersten Stock des Haupthauses und vom Bett aus blickt man durch ein großes Panoramafenster direkt auf die Pazifikwellen, die sich an den Felsen brechen. Auf seinem Nachtschränkchen hatte Neruda ein Fernrohr liegen, um die vorbei fahrenden Schiffe zu betrachten.

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Neruda war Dichter, Konsul, Senator, Freund Salvador Allendes, leidenschaftlicher Antifaschist, Präsidentschaftskandidat, Literaturnobelpreisträger. Die internationale Auszeichnung erhielt er „Für eine Poesie, die mit der Wirkung einer Naturkraft Schicksal und Träume eines Kontinents lebendig macht.“ 1973, 12 Tage nach dem Putschversuch gegen seine Unidad-Popular-Regierung, setzte Nerudas Herz aus. General Augusto Pinchet ordnete heuchlerisch eine dreitägige Staatstrauer an, während seine Truppen die Häuser Nerudas in Valparaiso, Isla Negra und Santiago verwüsteten.

Heute sind der Dichter und seine dritte Frau, Matilde Urrutia, im Garten von Isla Negra beigesetzt, der Grabstein schaut auf das Meer und die Wellen, die er so sehr liebte.

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Einen umfassenden Überblick über sein buntes Leben als Künstler und Politiker geben seine Autobiographie „Ich bekenne, ich habe gelebt“ und seine Biographie von Volodia Teitelboim.

Santiago de Chile

Wir sind auf dem Weg in die Hauptstadt Chiles, die weitläufige Metropole mit über vier Millionen Einwohnern, das uneingeschränkte wirtschaftliche und intellektuelle Zentrum des Landes, ein Häusermeer mit glitzernden Bürotürmen vor der Kulisse der schneebedeckten Andengipfel. Rund fünfzig Kilometer vor Santiago wird die Landschaft fast auf einen Schlag grün. Schöne, teilweise sehr alte, denkmalgeschützte Weingüter und üppige Obstgärten wechseln sich entlang der PanAm, die hier vierspurig ausgebaut ist, ab. Nachdem wir über Monate fast nur Wüstenlandschaften mit wenig bis keiner Vegetation gesehen haben tut uns das satte Grün in den Augen fast weh.

Unterwegs lernen wir an einer Tankstelle ein liebenswertes, chilenisches Paar kennen, die uns nach einem kleinen Plausch prompt zu sich nach Algarroba an der Küste westlich von Santiago einladen. Die Einladung wird zweifach ausgesprochen, ist also ernst gemeint, und wir würden sie auch wahrnehmen, haben aber bereits einige feste Termine in der Hauptstadt.

Wir erwarten Besuch aus Deutschland: DerNachbar kommt und wir holen ihn am Flughafen nordwestlich des Stadtzentrums ab. Unimoppel dürfte keinen Zentimeter höher sein; er passt so eben unter der Parkplatzschranke durch. Die Maschine aus Madrid ist überpünktlich gelandet, aber das Gepäck lässt auf sich warten. Wir erwarten DerNachbar sehnsüchtig, denn er bringt neben einigen Ersatzteilen für den Wagen etwas Unverzichtbares mit: ein Glas Schokoschmiere – Handelsname NUTELLA!

Die Freude ist groß, als DerNachbar endlich in den Massen aus Passagieren, wartenden Angehörigen, Freunden und Taxifahrern mit Namensschildern auftaucht. Nach einem kurzen Stopp im zentral gelegenen Hotel fahren wir gemeinsam ins Stadtviertel Bellavista und mit der Funicular, der Seilbahn, hoch auf den Cerro Cristobal, den Stadtpark von Santiago mit einer phantastischen Aussicht auf „Sanhattan“ mit seinen spiegelnden Glaspalästen. Der Gran Torre Santiago ist komplett verglast und mit 303 Metern das höchste Gebäude Lateinamerikas. Noch ist der Sommer mit seiner brütenden Hitze nicht da und der Dunstschleier über der Stadt ist kaum wahrnehmbar.

Am Sonntagabend bummeln wir durch die verkehrsberuhigte Innenstadt, wo unzählige fliegende Händler ihre Waren auf Tüchern ausgebreitet anpreisen und bei nahender Polizei in Windeseile das Weite suchen. Straßenmusikanten, Puppenspieler und Akrobaten unterhalten die Passanten, Schuhputzer bieten im Vorübergehen ihre Dienste an.

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Für den Montag haben wir von unterwegs zwei Durchcheck-Termine vereinbart: Wir sind bei Mercedes angekündigt, wo wir den Unimog nach den vielen Achterbahnfahrten an seinen neuralgischen Punkten fachmännisch prüfen lassen wollen, bevor wir nach Patagonien aufbrechen. Die Verkehrsführung ist mörderisch und wir benötigen fast 1 ½ Stunden, bis wir die Mercedes-Vertretung gefunden haben. Die große Werkstatt liegt an einer Straße, die sich intelligenterweise beidseitig !!! der Autobahn über unzählige Blocks kilometerweit entlang zieht und immer wieder von der Stadtautobahn unterbrochen wird. Die Hausnummer liegt in den 16.000ern !!!, kann aber von keinem unserer drei Navigationssysteme angesteuert werden und die Karten sind ohnehin obsolet. Es geht also nur mit systematischer Sucherei. Wir fahren Block für Block ab, kreuzen die Autobahnen immer wieder, müssen zwangsweise U-Turns nehmen, fahren über unzählige Überführungen und durch Unterführungen und haben es dann kurz vor dem Verzweifeln irgendwann geschafft. Bei Mercedes begrüßt man uns mit der gewohnten chilenischen Liebenswürdigkeit und legt sofort fachmännisch mit Motor- und Getriebeölwechsel, Bremsprüfung und abschließender Autowäsche los. Der Geschäftstellenleiter mit deutschen Großeltern lädt uns mittags in die Betriebskantine ein und verabschiedet uns mit einer großen Tüte Walnüsse aus eigenem Garten.

Ich selbst bin nachmittags in der Clinica Alemana im Stadtteil Vitacura zu einem Routinecheck angemeldet und staune nicht schlecht. Ich hatte eine kleine Klinik vermutet, aber stattdessen erwartet mich eine topmoderne Klinik mit über 1.000 Ärzten. Für Expats und Reisende gibt es einen separaten Check-in, und nachdem die Formalitäten und die Bezahlung geklärt sind wird mir ein „Runner“ zur Seite gestellt, der mich auf meinen weiteren Wegen durch die Klinik begleitet. Was für ein Service! Da ich etwas zu früh bin und warten muß bietet mir der Runner an, mich ein wenig in den Klinikgebäuden herumzuführen. Er ist 19 Jahre alt, studiert Philosophie und Psychologie, jobbt nebenbei in der Klinik, spricht passables Englisch und hat Spaß daran, die Sprache mit Expats oder Reisenden zu üben. Nachdem wir über ein wenig über Freud´sche Traumdeutung und unsichtbare Gorillas geplänkelt haben nimmt er mich mit in das oberste Stockwerk des Gebäudes und zeigt mir von dort die Stadtteile Vitacura und El Golf, die teuersten Viertel der Hauptstadt. Was ich sehe, lässt mich staunen, denn mit dem gewohnten Klischee südamerikanischer Städte hat dies nichts mehr gemeinsam. Ich blicke auf elegante Villen mit englischem Rasen, Designerboutiquen mit wunderbar dekorierten Schaufenstern, riesige Multiplex-Kinos, verspiegelte Fassaden von großen Konsumtempeln, geschmackvoll gestaltete Ladengalerien und erlesene Restaurants. Ich könnte mich auch in Beverly Hills befinden. Recherchen ergeben; daß die Quadratmeterpreise in Vitacura und El Golf auf dem Niveau der Preise von Hamburg und München liegen. Auch den Deutschen Club, der hier sein gut bewachtes Domizil hinter hohen Mauern aufgeschlagen hat, kann ich in unmittelbarer Nähe der Klinik entdecken.

Mein Check wird von Luigi durchgeführt, einem älteren Arzt mit italienischen Vorfahren, der in den USA Medizin studiert hat und mit seiner Frau Europa intensiv bereist hat. Er teilt meine Begeisterung für Chile, findet aber, das Land läge leider zu sehr „hinter den Bergen“ und sei zu weit weg vom Weltgeschehen. Ich finde, das kann auch Vorteile haben… Der Check ist okay und ich fahre zurück zu Mercedes, wo mich Hugo und ein frisch gewaschener, blendend-weißer Unimoppel erwarten. Der Dampfstrahler hat Schmutz und Wüstenstaub der vergangenen Wochen entfernt und der Wagen ist jetzt stadtfein. Abends treffen wir uns mit DerNachbar zum Essen und verabschieden uns dann vorläufig. DerNachbar fliegt nach Puerto Montt vor und wir werden uns in einigen Tagen in Osorno wiedersehen, um gemeinsam von dort das Seengebiet zu bereisen.

Ganz schön schräg

Valparaiso verfügt über ein ganz besonders originelles Transportmittel und einzigartige Attraktion: In der Blütezeit der Stadt Mitte des 19ten Jahrhunderts verband man etliche Hügel mit Schrägaufzügen. Insgesamt gab es dreißig solcher Aufzüge, von denen heute noch sieben funktionieren und von Einheimischen wie Touristen benutzt werden. Die kleinen Mahagoni-Kabinen für vier bis sechs Personen wurden per Wasserkraft über die schwarzen, schräg am Hang verlaufenden Schienen bewegt. Die talwärts fahrende Kabine zog dabei mit ihrem Gewicht die bergauffahrende Kabine an einem Drahtseil, welches in der oberen Station über ein großes Führungsrad lief. Wenn die Kabine nicht mit ausreichend „Lebendgewicht“ besetzt war, wurden einfach große Tanks am Boden der Kabine mit Wasser gefüllt, und schon funktionierte die Schwerkraft. Später wurden die Aufzüge dann mit Dampfmaschinen betrieben und ab 1906 mit Elektromotoren, deren erster aus Deutschland kam.

Valparaiso

Paramaribo, Mandalay, Jaipur, Isfahan … es gibt Orte auf unserer Welt, die so klangvolle, für uns manchmal kaum aussprechbare Namen tragen, daß das Herz eines Globetrotters unweigerlich in Schwingung versetzt und die Phantasie beflügelt wird. Städte, die man immer wieder im Atlas und Web nachgeschlagen hat, die das Fernweh wecken, die man einmal im Leben unbedingt besuchen möchte. Städte in fernen Ländern, deren Fremdheit und Exotik Träume auf die Reise schicken. Valparaiso ist auch so ein magischer Name mit enormer Anziehungskraft und wir sind auf dem Weg dorthin.

Von Combarbalá aus führt unser Weg über eine kurvenreiche Strecke und zwei Passhöhen mit eindruckvollem Ausblick auf die Kakteenwüste und die dahinter liegenden Anden. Hier in dieser Region haben die kleinen Chinchillas mit ihrem weichen Fell ihr letztes Refugium in Chile in einem eigens zu ihrem Schutz eingerichteten Reservat gefunden. Die putzigen nacht-aktiven Tiere wurden ihres Pelzes wegen, mit dem sich die „Dame von Welt“ im 19ten und 20ten Jahrhundert allzu gern schmückte, millionenfach bis fast zur Ausrottung gejagt,

Wieder an der Küste und auf der PanAm angekommen wird die Nähe des Großraums Santiago allmählich spürbar. An den schönen halbmondförmigen Buchten aus hellem und dunklem Sand und oberhalb der rauen Felsenküste haben sich viele Fischerdörfer mit der zunehmenden wirtschaftlichen Prosperität Chiles zu beliebten Sommerbadeorten entwickelt und – weniger schick als Vina del Mar oder La Serena – dabei ihren alten Charme noch nicht verloren. Die Ortschaften sind ein bunter Stilmix aus kleinen, in Pastellfarben gestrichenen Holzhäuschen, alpenländisch anmutendem Fachwerk und puristischen Villen aus Stein und Glas mit atemberaubender Lage auf den Kliffs und Ausblick auf den Pazifik. Jetzt, in der Vorsaison, sind die Häuser noch verwaist, die Vorhänge zugezogen. Ganze Straßenzüge stehen noch leer, was uns die Gelegenheit zum Betrachten in aller Ruhe gibt. Lediglich die Gärtner und Hausmädchen sind zu sehen, die für die Besitzer die Sommersaison vorbereiten.

Wir finden einen schönen Stellplatz direkt am Strand des verschlafenen Pichidangui. Auch hier ist der Frühling angekommen und selbst in den Felsspalten unmittelbar an der Brandung des Pazifiks blühen Pflanzen mit dickfleischigen Stengeln und Blättern in den leuchtendsten Farben. Trotz des Tourismus halten die Einheimischen an ihren alten Gewohnheiten fest und so können wir morgens einige Frauen mit großen Körben beobachten, die in gemächlichem Tempo zwischen den Felsen im Meer Muscheln sammeln und dabei ein Schwätzchen halten.

Wir fahren die Küste entlang südwärts bis wir Vina del Mar mit seinem langen, hellen Sandstrand, gepflegten Grünanlagen, von Palmen gesäumten Alleen, schicken Restaurants, Shopping Malls und Wohnpalästen erreichen. Das beliebteste Seebad Chiles ist noch jung: Die Stadt entstand erst vor rund 120 Jahren aus einem großen Weingut. Seit die Bahnlinie von Santiago nach Vina del Mar eröffnet und mit der Ruta 68 eine schnelle Anbindung per Auto geschaffen wurde strömen die santiaguinos an den Wochenenden und in den Ferien in ihre Stadt am Meer. In der Sommersaison von Dezember bis Februar verbringen über eine Millionen Feriengäste aus Chile, aber auch aus anderen Ländern Lateinamerikas, hier ihren Urlaub. Argentiniens wohlhabenden Weinregion liegt nur einen Katzensprung entfernt hinter den Bergen und die Küste Chiles ist deutlich näher und schneller zu erreichen als die eigene am Atlantik. Durch die gute Infrastruktur ist Vina del Mar inzwischen auch für viele Firmen attraktiv geworden, so daß heute rund 300.000 Menschen fest hier leben. An der Promenade, die sich viele Kilometer die Küste Richtung Norden entlang windet und den Strand begrenzt, stehen hohe, fast ausnahmslos sehr geschmackvolle Wohntürme neben gepflegten Anwesen in parkähnlichen Gärten. Selbstbewusste Architekten scheuen auch nicht davor zurück, die Apartmenthochhäuser direkt in die schwarzen Felsen im Wasser zu bauen. Mit dem weiter südlich gelegenen Valparaiso ist Vina del Mar inzwischen verwachsen und sowohl durch eine breite Straße als auch eine S-Bahn verbunden. Die leicht verlotterte, sich mit ihren unzähligen bunten Häuschen eng an die Hügel schmiegende Nachbarstadt bildet einen scharfen Kontrast zum modernen Vina.

Valparaiso, die Stadt mit dem verheißungsvollen Namen „Paradiestal“, war einst der unange-fochtene Handelshafen für Schiffe, die Kap Hoorn umrundeten und den Pazifik befuhren. Viele Jahrtausende bereits von Chango-Indianern bewohnt, wurde der Ort mit dem fast mediterranen Klima 1536 vom Spanier Juan de Saavedra „entdeckt“, der dort im Namen der spanischen Krone einen kleinen improvisierten Hafen anlegte. Der wirtschaftliche und gesellschaftliche Boom kam zu Beginn des 18ten Jahrhunderts mit den großen Frachtschiffen aus aller Welt, den Walfängern, die im Südpazifik ihre Beute jagten, und der Bedeutung als Chiles Umschlagplatz für Weizen, der von dort zur Zeit des Goldrausches nach Kalifornien verschifft wurde. Mitte des 19ten Jahrhunderts war Valparaiso zu einem der wichtigsten Häfen und Drehkreuz im internationalen Handel geworden und auch die Schiffe bedeutender Forscher wie zum Beispiel Charles Darwin´s „Beagle“ legten hier einen Stopp ein, um Proviant aufzunehmen, Korrespondenz zu erledigen, gesellschaftlichen Verpflichtungen nachzugehen oder sich nach Monaten auf See zu vergnügen. Renommierte Handelshäuser eröffneten in Valparaiso Niederlassungen, die deutsche Reederei Hamburg-Süd ließ sogar einen Schnelldampfer namens „Valparaiso“ bauen und in Thomas Manns „Buddenbrooks“ zieht ein Familienmitglied für einige Zeit in diese Stadt. Viele der prachtvollen, heute unter Denkmalschutz stehenden Bauten im Zentrum Valparaisos entstammen dieser Zeit.

Die goldene Ära sollte nur rund ein Jahrhundert andauern. Ein schweres Erdbeben mit über 6.000 Todesopfern verwüstete die Stadt 1906 fast völlig und der nächste Schlag mit schwer-wiegenden wirtschaftlichen Folgen war die Eröffnung des Panamakanals nur acht Jahre später. Mit einem Schlag war Valparaiso von den internationalen Routen abgeschnitten und verlor über Nacht seine strategische Bedeutung als Handels- und Finanzplatz. Erst seit die chilenische Wirtschaft seit den 80er Jahren auf einen relativ stabilen Wachstumskurs und Exportzuwächse blicken kann erholt sich die Hafenstadt allmählich und löst sich aus ihrem Schock. Mit ihrem besonderen, leicht verwahrlosten Charme ist Valparaiso heute auch für zahlungskräftige Touristen aus aller Welt attraktiv geworden: Allein über 120.000 Kreuzfahrtgäste besuchen pro Jahr die Stadt am Meer.

Wie alle ehemals bedeutenden Hafenstädte und einer betagten stolzen Dame nicht unähnlich besitzt Valparaiso unter der bröckelnden Fassade einen starken Charakter und ein großes Herz. Die Stadt lebt am Wasser, erstreckt sich auf wenigen parallelen Straßenzügen auf dem „plan“, dem schmalen, künstlich eingeebneten Uferstreifen zwischen den Bergen und dem Meer, und zieht sich dann mit ihren bunten, ineinander verschachtelten Häusern die Hügel hinauf. Insgesamt 42 dieser bewohnten Hügel gibt es heute, die alle über steile Gassen, gewundene Treppen, krumme Stiege und uralte Schrägaufzüge miteinander verbunden sind. Viele dieser pittoresken Stadtviertel und das Zentrum zählen mit Recht seit 2003 zum Weltkulturerbe und verdienen die Fördermittel, die die Weltbank in die Sanierung gesteckt hat.

Wir schlendern durch die Straßen, bummeln hinüber zur Iglesia La Matriz, von wo aus bis 1900 alle auslaufenden Schiffe gesegnet wurden, fahren mit dem Ascensor El Peral und dem Ascensor Concepción auf zwei Hügel, genießen den grandiosen Ausblick über den Hafen und die Stadt, bewundern die wie Schwalbennester an den unzugänglichsten Stellen klebenden Häuser. Viele bestehen nur aus einem abenteuerlichen Holzgerüst mit Lehmziegelwänden, wobei die Fassade und das Dach aus bunt angemaltem Wellblech sind. Kleine, auf den Betrachter marode wirkende Balkone mit Topfpflanzen lugen zwischen den Häusern hervor und zwischen den Wänden weht auf langen Leinen die Wäsche. Viele der schmalen Gassen beherbergen urige Kneipen und Restaurants oder winzige Boutiquen, die lokales Kunsthandwerk wie zum Beispiel Schmuck aus Kupfer verkaufen. In einem Hof spielt eine Gruppe junger Musiker soften Jazz, dessen Noten vom Wind über das ganze Viertel getragen werden. In der Nachmittagssonne liegt über allem eine leichte Melancholie, eine dösige Trägheit, die mich ein wenig an Lissabon und die portugische saudade erinnert.

Zeit und Zeitgeschehen, Naturgewalten und Wirtschaftskrisen haben dieser einstigen Hafen-schönheit arg zugesetzt, aber sie trotzt ihrem Schicksal beharrlich. Auch das Großfeuer, welches im April diesen Jahres 12 Menschen das Leben kostete, über 2.000 Häuser vernichtete und zehntausend Menschen vorübergehend in die Flucht trieb ist nur von temporärer Bedeutung. 1.300 Feuerwehrleute waren im Einsatz, 20 Hubschrauber und Flugzeuge bekämpften die Flammen aus der Luft. Das Feuer war nachmittags auf einer 30 Hektar großen Müllhalde ausgebrochen und in kürzester Zeit wurde die Flammenwand von anhaltenden Winden bis in die Wohnhügel getrieben. Als mögliche Auslöser des Infernos nannten Augenzeugen zwei Truthahngeier, die sich auf einer Hochspannungsleitung niederließen. Der Wind habe zwei Kabel aneinander gebracht, die Geier seien dabei verbrannt und die entstandenen Funken hätten die trockenen Blätter am Boden entzündet, berichtete das Nachrichtenportal Emol unter Berufung auf die Feuerwehr. Auch diesen Schlag wird die Stadt am Meer verkraften.

Valparaiso ist einzigartig, zeigt stolz seine Schönheit, aber versteckt auch die hässlichen, die armen, die menschlichen Seiten nicht. Der verheißungsvolle Name hält, was er verspricht.