Wichtigstes Exportprodukt Chiles ist mit rund 50% der Erlöse nach wie vor Kupfer, obwohl die Kupferadern immer schwerer zugänglich sind und der Metallgehalt im Gestein sinkt. Aber selbst bei nur 0,8% Kupfergehalt lohnt sich die Förderung, daher werden immer weitere Förderstätten erschlossen. Selbst in den entlegendsten Winkeln fallen uns die Minen auf, jeder Berg hier scheint auf der Suche nach dem roten Gold zumindest angezapft.

Stimmt der Weltmarktpreis wie zum Beispiel in 2011, dann fährt das exportierte Kupfer für Chile rund 44 Milliarden US-Dollar ein. Vor Peru mit 8% und China mit ebenfalls 8% ist Chile mit 32% der Weltproduktion mit deutlichem Abstand der größte Kupferproduzent und nutzt diese Spitzenposition inzwischen sehr klug für sich: Drohen die Preise für Kupfer auf dem Weltmarkt zu verfallen, dann versuchen die chilenischen Kupferkonzerne nicht, die Verluste durch höhere Exportvolumina auszugleichen, sondern drosseln ganz einfach die Produktion und stützen somit den Preis für das rote Gold.
Chiles ertragsreichste Kupfermine neben Escondida ist Chuquicamata bei Calama in der Atacama-Wüste. Sie ist die weltweit größte Kupfermine im Tagebau, ein riesiges Loch von 5 km x 3 km, in welchem tagtäglich in Terrassen bis zu 1.000 Meter Tiefe Gestein gesprengt, abgetragen, auf überdimensional große Kipper – die Reifen sind allein vier Meter hoch – verladen, hochgekarrt, zertrümmert, ausgewaschen und geschmolzen wird. Pro Jahr erzielt die Mine ca. 500.000 Tonnen reinen Kupfers (99,6%) und als Nebenprodukte einige andere wertvolle Mineralien wie Gold und Silber. Allein die Kupferreserven von Chuquicamata reichen bei gleichbleibender Produktion geschätzt noch zwei bis drei Jahrzehnte. In der Nachbarschaft hat man mit der Mine Radomiro Tomic eine weitere Kupferader erschlossen, die heute rund 300.000 Tonnen des roten Metalls erwirtschaftet, in Escondida rund 800.000 Tonnen. Überall versteckt in den Bergen gibt es Minen, und wir haben in der Einöde der Halbwüste auch mehrfach Ein-Mann-Minen gesehen, die aus einem simplen Bretterverschlag, Wasserbehälter, Generator und einem Loch im Boden bestehen. Diese Männer graben völlig allein und ohne großartige Hilfsmittel in der Hoffnung, auf den einen Fund, der ihr Leben verändert.
Die angestellten Minenarbeiter, zum Beispiel in Chuquicamata, verdienen nicht schlecht, mit rund 2.000 EUR pro Monat zählen sie zweifellos zu den Besserverdienern in Chile. Die Arbeiter wohnen zudem mietfrei und das Krankenhaus der Mine zählt zu den bestausgestatteten des Landes. Das Wort eines mineros hat Gewicht: Im Rahmen der Tarifverhandlungen 2012 erhielten alle Arbeiter Boni in Höhe von umgerechnet EUR 30.000. Leitende Angestellte erhalten Freitickets für Urlaubsreisen und die Firma trägt auch die Studiengebühren ihrer Kinder, wobei der Begriff „geldwerter Vorteil“, mit welchem die deutschen Finanzämter es schaffen, jede Belohnung und Anerkennung seitens eines Arbeitgebers kräftig zu versalzen, hier in Chile unbekannt ist.
There´s no free lunch. Die Kehrseite ist ein Arbeitsplatz, der mit einem enorm hohen Risiko für Leib und Leben verbunden ist. Wir alle erinnern uns an die wochenlange Berichterstattung in den Medien, als im August 2010 ein Bergsturz 33 Minenarbeiter in der 120 Jahre alten Kupfer- und Goldmine San José bei Copiapó verschüttete. Niemand wusste zunächst, ob die mineros, die man in 700 Metern Tiefe vermutete, noch lebten. Auf dem Minengelände wurde für die Angehörigen, aber auch für die Flut von internationalen Journalisten, das Camp Esperanza errichtet. Fortan konnte, wer wollte, zum Beispiel auf n-tv nonstop live dabei sein und die reality show in real time verfolgen. Ein Medienspektakel ohnegleichen setzte über Wochen ein und Chile sicherte sich ungewollt einen täglichen Spitzenplatz bei der internationalen Berichterstattung.
Es dauerte die Ewigkeit von 17 Tagen, bis zwei Sondierungsbohrungen in den Schacht vordringen konnten, in dem die Bergleute vermutet wurden. Ein Bohrkopf brachte schließlich die überraschende Nachricht auf einem Zettel nach oben „Estamos bien en el refugio – los 33“ (Uns 33 geht es im Schutzraum gut). Die Kumpels hatten im Schacht nicht nur überlebt, sondern ihre Gruppe klug und überlegt organisiert. Alle 48 Stunden gab es einen Löffel Fisch aus der Dose, eine halbe Tasse Milch und einen halben Keks, getrunken wurde das Kühlwasser aus den Fahrzeugen. Der Überlebenswille, ganz besonders aber die Disziplin dieser Männer muß überragend gewesen sein, denn die Luftfeuchtigkeit dort unten betrug 80%, die Frischluftzufuhr war minimal und die Aussicht auf Rettung … fast illusorisch.
Eine notdürftige Versorgung der Bergleute mit Lebensmitteln konnte über die Sondierungsbohrungen zwar gewährleistet werden, aber es war eine enorme technische Herausforderung, ein ausreichend großes Bohrloch zur Bergung zu legen. Ein Wettlauf gegen die Zeit setzte ein – vor den Augen der Weltbevölkerung. Drei unterschiedliche Großbohröpfe wurden mit drei unterschiedlichen Techniken eingesetzt – ein deutsches Gerät vom Typ Schramm T-130 schaffte den Durchbruch als erstes. Am 13. Oktober, 69 Tage nach dem Grubensturz, konnten die 33 Bergleute einer nach dem anderen mit der eigens konstruierten Rettungskapsel Phoenix 2 ans Tageslicht geholt werden. Präsident Pineira begrüßte jeden einzelnen der 33 Helden per Handschlag, 1.700 Journalisten vor Ort dokumentierten das Wunder mit Wort und Bild und Millionen von Fernsehzuschauern rund um den Erdball jubelten über das Happy End dieses unglaublichen Dramas.
Hat dieses Unglück das Verantwortungsbewußtsein der Minenbetreiber erhöht und die Sicherheitsstandards verbessert? Wohl nicht. In den sechs Monaten nach dem „Wunder von San José“ starben allein in Chile elf Minenarbeiter bei Grubenunglücken.
Neben dem primären Risiko unter Tage ist das sekundäre Risiko oftmals nicht unmittelbar sichtbar: die Belastungen im Rauch der Verhüttungsanlagen, die giftigen Chemikalien, die beim Reinigen des Rohkupfers benutzt oder auch freigesetzt werden, z. B. Schwefelsäure und Arsen. Nicht nur die Arbeiter sind von den Vergiftungen betroffen, sondern alle in der Umgebung der Mine lebenden Menschen und die Spätfolgen sind oft erst viele Jahre später erkennbar.