Archiv für den Monat: Juni 2014

Uns laust der Affe

Im beschaulichen Bonito, dem südlichen Tor zum Pantanal und touristisch gut erschlossen, finden wir einen traumhaft am Rio Formoso gelegenen Camp Ground. Hölzerne Stege führen in den kristallklaren Fluß und man schnorchelt dort wie in einem großen Aquarium, umgeben von Piraputangas. Kleine Pfade führen durch den Regenwald, in dem auch eine Gruppe Macacos lebt. Morgens erhalten sie eine Handvoll Maiskörner und man kann ihnen zuschauen, wie sie gemeinsam mit einigen Vögeln genüßlich frühstücken.

The Boss

The Boss

Ich schlage Hugo vor, sich die gleiche dynamische Frisur zuzulegen, aber er will nicht so recht…

Während unseres Aufenthaltes kommen uns viele Tiere rund um den Wagen besuchen: Frühmorgens gegen halb acht krakelen zwei grüne Aras hoch oben in den Wipfeln, gegen Mittag erscheint lautlos ein Pärchen dieser seltsam anmutenden Vögel mit Federn auf dem Schnabel und unglaublich dünnen langen Beinen, etwas später dann eine Gruppe von großen schwarzen Vögeln, angeführt vom einem imposanten Hahn mit Löckchen auf dem Kopf, der seinen Harem stolz spazierenführt. Den Abschluß machen zwei Tucans, die am späten Nachmittag schnarrend im Tiefflug einlanden, um ein paar Früchte zu knuspern. Sogar eine Art Reh kommt eines Nachmittages vorbei und läßt uns völlig unbesorgt bis auf drei Meter herankommen. Und dann sind da natürlich noch die … Katzen…

Wer kann diesen Blicken widerstehen?

Wer kann diesen Blicken widerstehen?

Dank der vorausschauenden Intervention meiner besseren Hälfte kann die Einleitung eines Adoptionsverfahrens noch eben verhindert werden. Nicht verhindert werden kann dagegen der Kauf eines Sacks Trockenfutter am nächsten Tag.

 

Energiegeladen

Unser nächstes Ziel ist Bonito im südlichen Pantanal, rund 800 km weiter nördlich. Auf dem Weg dorthin nehmen wir noch das gewaltige Wasserkraftwerk Itaipu (= Klingender Fels) mit, welches kurz außerhalb von Foz de Iguacu an der Grenze von Paraguay und Brasilien liegt und den Rio Paraná staut. Ich erinnere mich noch daran, als ich im Geographieunterricht das erste Mal von dem Megaprojekt hörte. Die ganze Welte staunte damals nicht schlecht über dieses – auch in finanzieller Hinsicht – gewagte Vorhaben zweier „Dritte-Welt-Länder“.

Itaipu

Itaipu

Das Wasserkraftwerk ist ein Gemeinschaftsprojekt von Brasilien und Paraguay. Der Vertrag beinhaltet eine Klausel, die den Verkauf von in Itaipu erzeugter Enegie an Drittstaaten untersagt. Argentinien hat also keine Chance zu partizipieren und schaut neidisch zu den Nachbarn . 1974 wurde mit dem Bau begonnen, 1991 die vorläufig letzte Turbine in Betrieb genommen, bis der brasilianische Präsident Lula Da Silva das Bauwerk in 2007 um zwei weitere Turbinen (aus dem deutschen Heidenheim) ergänzte und das Projekt als beendet erklärte. An der Großbaustelle arbeiteten über 34.000 Mitarbeiter, während der Bauphase gab es 145 Todesfälle, über 40.000 Ureinwohner vom Stamm der Guarani – die indianischen Namensgeber des Kraftwerkes – mußten ihren angestammten Lebensraum aufgeben und wurden zwangsumgesiedelt und große Flächen subtropischen Regenwaldes, Heimat vieler seltener Tiere und Pflanzen, wurden abgeholzt. Positive Bilanz? Negative Bilanz? Kommt auf die Brille an, durch die man schaut. Im stylischen Besucherzentrum jedenfalls wird das gesamte Thema in schönen Bildern und Worten auf amerikanische Art und Weise emotional aufgeladen und gekonnt weichgespült.

Auf das nicht nachlassende Bestreben zahlreicher nationaler und internationaler Naturschützer hat man heute das Wasserkraftwerk um ein geschütztes Naturreservat erweitert, für die heimischen Fische eine 10 km lange Fischtreppe gebaut, um die Höhendifferenz von oberem zu unterem Rio Paraná bewältigen zu können und die Ufer des Flusses auf einer Breite von je 200 Metern unter Naturschutz gestellt. Daß die einzigartige Natur dieser Region geschützt werden muß scheint inzwischen im Bewußtsein angekommen zu sein und Naturschutz und technischer Fortschritt müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen, sondern ergänzen sich im Idealfall und bei sorgfältiger Planung sogar perfekt.

Noch einige interessante Zahlen im Vergleich: Bei normaler Stauhöhe wird der Rio Paraná im Itaipu-Stausee auf einer Fläche von 1.350 km² und auf etwa 170 km Länge aufgestaut. Bei maximalen Stauvolumen ist die Wasseroberfläche des Stausees zweieinhalb mal so groß wie der Bodensee. Die dazugehörige Itaipu-Staumauer inklusive Damm ist 7.760 m lang und 196 m hoch. Insgesamt wurden 13 Mio Kubikmeter Beton verbaut.

Paraguay generiert heute 100% seines Stromverbrauches aus Wasserkraft; das große Land Brasilien immerhin 75%. Jetzt wundern wir uns auch nicht mehr, warum wir bisher auf unsere Frage, warum Solarenenergie in diesen sonnenverwöhnten Ländern energietechnisch so gar kein Thema ist, nur Achselzucken erhielten. Allein aus der Leistung von Itaipu wird der Energiebedarf Paraguays zu 75% gedeckt und der Brasiliens zu 17%! Der in Itaipu erzeugte Strom wird bis ins 800 km entfernte Sao Paulo transportiert und versorgt den gesamten Süden Brasiliens. Bei einem Black Out heißt es: Gute Nacht!

 

Komische Vögel

Wir runden unser Programm in Foz mit dem Besuch des Parque das Aves ab, einem großen Vogelpark, der die Fauna und Flora Brasiliens zeigt. Der Spaziergang durch den Park ist wunderschön. Die Vögel sind in großzügigen Volieren untergebracht, so daß sie frei fliegen und Nester bauen können. Für die Besucher sind die Volieren durch Doppeltore zugänglich, so daß wir uns mitten unter den Vögeln befinden und sie im wahrsten Sinne hautnah erleben können. Die Tiere sind Besucher gewöhnt, dementsprechend sehr zutraulich und kommen teilweise auf weniger als Armlänge an uns heran. Sie sind mindestens genauso neugierig wie wir.

Ich bin nicht aus Plastik!!!

Ich bin nicht aus Plastik!!!

Überhaupt scheint die Vogelwelt nicht viel anders zu „ticken“ als unsere menschliche. Überall ohrenbetäubende Streiterei und immerwährendes Gezeter um nichts, man macht sich gegenseitig das Futter oder den Sitzplatz streitig oder man stiehlt gleich des anderen Weiblein/Männlein…

Das große Wasser

In Foz de Iguacu im Dreiländereck Brasilien, Argentinien und Paraguay angekommen finden wir einen Platz auf einem sehr schönen Camp Ground nur wenige Kilometer von den Wasserfällen entfernt. Außer uns ist nur eine französische Familie da, die mit drei Kindern zwischen drei und sieben Jahren Südamerika bereist. Im Gegensatz zu Deutschland ist es in Frankreich überhaupt kein Problem, ein Kind für ein Jahr aus der Schule zu nehmen, solange man ihm selbst den Lernstoff halbwegs vermitteln kann, was während der Grundschulzeit nicht schwierig sein sollte. Vernünftige Einstellung; Kinder werden durch Reisen bestimmt nicht dümmer…

Wir fahren zunächst über die Grenze auf die argentinische Seite. Ein Fußweg führt etwas über einen halben Kilometer durch den Nationalpark, bevor der Blick auf die Wasserfälle von der dichten Vegetation freigegeben wird. Da es die Tage vorher stark geregnet und gewittert hat führen die Fälle viel Wasser.

Wir steigen hinunter zu einem Anleger und registrieren uns für eine Bootstour. Bevor es losgeht erhalten alle Teilnehmer einen wasserdichten Sack für ihre Taschen, Kameras usw. Noch wundern wir uns und halten die Maßnahme für leicht übertrieben: Auch wenn die Luft voll feinstem Sprühnebel ist – so schlimm kann es doch nicht werden. Außerdem scheint die Sonne.

Das Schlauchboot legt ab, der Bootsführer dreht den Motor voll auf und dann geht es nicht etwa bis vor die Fälle auf der brasilianischen Seite, sondern mitten hinein, und zwar bis ans Limit! Ich habe das Gefühl, daß ich in den unglaublichen Wassermassen rundherum für einen Moment keine Luft mehr bekomme, aber dann sind wir auch schon wieder draußen – klatschnaß trotz großem Regencape mit Kapuze. Bevor wir richtig Luft holen können dreht der Bootsführer mit hoher Geschwindigkeit eine enge Linkskurve … ich sitze auf der linken Seite unmittelbar an der Bordwand, die sich entsprechend tief neigt und ein Riesenschwall Wasser ergießt sich über meine untere, bis dahin noch fast trockene Hälfte. Jetzt bin ich endgültig durch und Hugo ebenfalls. Und weil es so schön war, wiederholt der Bootsführer die gesamte Aktion noch einmal. Es geht wieder hinein in die gewaltige Naturdusche, dann eine enge Kurve für alle, die auf der rechten Seite sitzen. Hugo und ich sind zwar naß bis auf die Knochen, haben aber Spaß ohne Ende. Mit unverminderter Geschwindigkeit donnert der Bootsführer dann zur argentinischen Seite, wo die Fälle nicht weniger Wasser führen. Da inzwischen ohnehin alle zappelnaß sind, geht es auch hier noch zweimal „satt unter die Dusche“. Dann ist der Spaß vorbei und zum oberflächlichen Antrocknen fahren wir noch eine kleine Weile gemütlich auf dem unteren Rio Iguacu spazieren.

Iguacu BR6

Iguacu BR6

Beim anschließenden Fußmarsch durch den Wald und einer Fahrt mit der kleinen Parkbahn zur Garganta del Diablo trocknen wir in der Sonne kurzzeitig gut durch, bevor uns der Sprühnebel über den Wasserfällen erneut einweicht. Ein Weg aus Stegen über den oberen Rio Iguacu führt rund einen Kilometer weit direkt bis an den Rand der Fälle zum „Teufelsschlund“. Abhängig von der jahreszeitlich schwankenden Wassermenge stürzen dort 1500 m³/s bis über 7000 m³/s mit ohrenbetäubender Wucht hinunter. Der Grund bzw. der untere Iguacu ist durch die Gischt für uns nicht mehr zu erkennen.

Für alle Interessierten hier ein paar Fakten:

  • 20 größere und 255 kleineren Wasserfälle
  • gesamte Ausdehnung rund 2,7 Kilometer
  • Höhe zwischen 64 und 82 Meter.

Im Vergleich zu anderen Wasserfällen:

Victoria Falls in Zimbabwe:                    61 m hoch    1.100 Kubimeter pro Sekunde

Niagara in Kanada:                                51 m hoch    7.000 Kubikmeter pro Sekunde

Sete Quedas in Brasilien/Paraguay:     40 m hoch   13.300 Kubikmeter pro Sekunde

Wir sind beeindruckt und können uns von dem Naturschauspiel kaum losreißen. Aus jeder Perspektive erscheinen die Wasserfälle vor der Kulisse des immergrünen Regenwaldes wieder anders und überall schimmern Regenbogen. Niemand hat die Macht, auf einen Knopf zu drücken und die Wasserfälle „abzustellen“. Gut so.

Auf dem Fußweg zurück begegnen wir vielen großen Schmetterlingen in den schönsten Edelsteinfarben, die sich nicht scheuen, auf dem Arm oder der Schulter zu landen und eine Weile mitzureisen.

Iguacu Schmetterlinge 7

Iguacu Schmetterlinge 7

An den öffentlichen Plätzen plündern Unmengen von Nasenbären die Abfallbehälter und drangsalieren dreist bis aggressiv Besucher, die den Fehler machen, Lebensmittel zu verzehren oder die Tiere anzulocken. Dabei gehen die eigentlich possierlichen Tierchen sogar soweit, völlig hemmungslos die Hosenbeine hochzukrabbeln. Das wäre alles ganz niedlich, wären da nicht die langen Zähne und die Gefahr von ganz üblen Bißwunden und noch übleren Infektionen bis hin zu Tollwut. Auch wenn wir gut geimpft sind, wir halten lieber gebührenden Abstand.

Iguacu Nasenbären 3

Iguacu Nasenbären 3

Der Name Iguazú hat seinen Ursprung aus den guaranischen Wörtern y für Wasser und guasu für groß. Ende der achziger Jahre wurde der Nationalpark auf die UNESCO-Weltnaturerbe-Liste gesetzt, um die Artenvielfalt des atlantischen Regenwaldes zu schützen. Leider etwas zu spät, da einige Tiere wie beispielsweise der Riesenotter hier schon ausgestorben sind, aber besser als gar nicht. So haben Tapir, Jaguar & Co noch eine gute Chance. Wie wir erfahren gibt es bis heute noch Interessenkonflikte, weil Anwohner der Region eine bei der Einrichtung des Parks geschlossene Straße ungesetzlich wiedereröffneten. Die 17,5 km lange Straße teilt den Park von Nord nach Süd in zwei Häften und erspart den Anwohnern einen Umweg von 130 km. Inzwischen ist die Straße per Bundesgerichtsentscheid wieder gesperrt, aber der Unmut geblieben.

Überwältig von den Eindrücken des Tages fahren wir nach Hause und können nachts prompt nicht schlafen. Im Kopf sind zu viele Bilder.

Ein paar Tage später fahren wir mit den Mountain Bikes zur brasilianischen Seite des Parks. Auch dort ist alles top durchorganisiert. Mit einem Bus geht es vom Eingang aus etwa 9 km  bis zu den Wasserfällen. Die meisten Kaskaden liegen auf argentinischer Seite, daher ist von Brasilien aus der Panoramablick noch imposanter. Beide Seiten sind durch mehre Inseln und Halbinseln voneinander getrennt.

Hier auf der brasilianischen Seite von Iguacu empfinden wir die Wasserfälle anders,  unmittelbarer, physisch noch deutlicher spürbar als auf der argentinischen Seite. Man kommt näher heran, teilweise kann man den Arm in das herabtosende Wasser strecken. In der Gischt entstehen wunderbare Regenbogen, vereinzelt sogar Doppelbögen. Ein Catwalk führt in weniger als 1m Höhe über eine der großen wasserumspülten Felsterrassen zu einer kleinen Plattform in den Fällen und in kürzester Zeit sind wir trotz Regencape wieder „sanft geduscht“, können uns aber von dem Anblick nicht losreißen. Was folgt kennen wir ja schon: eine schlaflose Nacht. Diagnose: Akute Reizüberflutung.

Iguacu BR14

Iguacu BR14