Archiv für den Tag: 24. Mai 2014

Voll im Trend

High Fashion in Brasilien – darunter stellt man sich in der Regel für die Frauen hauteng sitzende ultra low cut Hüftjeans kombiniert mit farbenfrohen bauchnabelfreien Spaghettitops vor, die mehr offenbaren als verbergen, und dazu sexy High Heels mit Mörderabsätzen. Der moderne brasilianische (Macho-) Mann  hingegen drückt sein Modebewußtsein mit am Po knackig sitzenden Designerjeans, Six-Pack-betonenden T-Shirts und ultraschicken Sneakers aus. Denkt man.

Weit gefehlt!!!

Beim Zusammenstellen unserer Reisegarderobe hatten wir aufgrund des doch etwas limitierten Platzes an Bord von Unimoppel besonderen Wert auf universelle Einsatzmöglichkeiten und Kompatibilität im Sinne des Zwiebelprinzips gelegt und uns konsequent auf die wesentlichen Kleidungsstücke für Hitze, Kälte und Regen beschränkt: Wasser- und winddichte Goretexjacken, Jeans, Trekkinghosen, Shorts, T-Shirts, Fleecejacken dick und dünn, Badeklamotten usw. Ergänzt wurde diese Basisaustattung um zwei „Schlampenhosen“ zum gelegentlichen „Indoor-Abhängen“, zum Beispiel an Regentagen. Für diesen Zweck hatte Hugo seine uralte 100% Polyester Adidas-Altherren-Torwarthose, schwarz mit drei weißen Längsstreifen, auserkoren und ich eine ebenfalls uralte schwarze Leggins von H&M für 5 Euro.

Als wir dann das erste Mal einen Brasilianer mit schwarzer Adidas-Trainingshose mit weißen Streifen bemerkten hielten wir es für Zufall und eine Ausnahme. Gleiches galt bei der ein oder anderen Brasilianerin, die in schwarzen Leggins zum Shoppen ging oder mit ihren Freundinnen – ebenfalls ins schwarzen Leggins – im Café saß. Aber je länger wir uns in Brasilien aufhalten desto mehr wird uns klar, daß dieser Look gerade „high fashion“ ist. Alle Welt trägt hier schwarze Leggins und schwarze Trainingshosen von Adidas, und zwar exakt die mit den weißen Streifen an den Seiten! Sowohl für Männlein als auch für Weiblein gilt dabei, daß Alter und Körperfülle keine Rolle spielen, was manches Mal zwar äußerst körperbetont, aber nicht unbedingt sexy ist. Abhängig vom Wetter werden die schwarzen Trainingshosen und Leggins entweder mit Flip-Flops oder mit Joggingschuhen kombiniert.

Seitdem wir wissen, daß wir mit unseren Schlampenhosen voll  im Trend liegen und daher modisch locker mithalten können, schlampen wir noch ein wenig entspannter durch die Gegend 🙂 !

Gute Zeiten in Floripa

2009 erklärte die New York Times Florianopolis zum „place to be“ und zur „party destination“ des Jahres. Die Stadt auf der Ilha de Santa Catarina gilt als Brasiliens Stadt mit der höchsten Lebensqualität. Für uns liegt Floripa – wie die Einheimischen sie nennen – an der Strecke und, da das Wetter schön ist, nehmen wir gerne noch einige Strandtage mit, bevor wir uns dann für lange Zeit von den Küsten des Kontinentes verabschieden. Auf der Fahrt in den Inselnorden nach Sao Joao do Rio Vermelho werden wir im Unimoppel durch gefühlte 500 lombadas = richtig böse Drempel satt durchgeschüttelt. Von dem Schleudertrauma müssen wir uns erholen und legen daher vor Ort ein paar Orgatage ein. Wäsche gibt man hier in Brasilien übrigens in lavandarias ab; die Berechnung erfolgt pro Kilo. Überhaupt gilt hier viel kiloweise. Es gibt u. a. zahlreiche Restaurants in den Ortschaften oder an den Autobahntankstellen, die das Buffet nach Kilo abrechnen.

Unser Camp Ground liegt inmitten des Parque Florestal, einem Naturschutzgebiet. Zu Fuß laufen wir 400 m bis zur Praia do Mosambique, einem 14 km langen Sandstrand. Der Weg führt durch den Wald und hier treffen wir erstmals große Schilder an „Vorsicht: Giftige Schlangen, Skropione und Spinnen“. Uns begegnet außer ein paar wenigen Surfern nichts und niemand.

Im Gegensatz zum Norden der Insel ist der Süden sehr wenig touristisch erschlossen. Wir fahren eine wildromantische Küste entlang, deren Bewuchs an den Berghängen zunehmend dichter und tropischer wird. Hier siedelten einst Einwanderer von den Azoren an und noch heute erkennt man die Einflüsse in der Architektur. Gegen Abend erreichen wir Solidao, einen verwunschen anmutenden Ort, bestehend aus wenigen von Bäumen und Pflanzen überwucherten Holzhäusern, von wo aus es so gut wie nicht mehr weiter geht. Uns war das Hostel do Pirates für einen Stellplatz genannt worden, aber dieser scheitert am Gewicht von Unimoppel. Wir würden Gefahr laufen, morgens mit samt Auto in der Sickergrube aufzuwachen. Mel Gibson (verblüffende Ähnlichkeit!) eilt entspannt zur Hilfe und organisiert einen Übernachtungsplatz bei einem Freund im Garten, winkt uns unter den tiefhängenden Kabeln durch, beruhigt die Hofhunde und leistet uns bei einem Bierchen noch ein bißchen Gesellschaft.

Am nächsten Tag bummeln wir die Buchten entlang zurück Richtung Inselmitte und legen mittags in Pantano do Sul am Strand einen Stop ein.

Praia do Pantano do Sul

Praia do Pantano do Sul

In der Bar do Arante, einer einfachen Fischerkneipe und lokalen Institution, bestellen wir einige Fisch- und Meeresfrüchtespezialitäten. Zur Begrüßung bekommen wir erst einmal einen hausgemachten Zuckerrohschnaps mit satt Umdrehungen. Es ist Sonntag, und zahlreiche Inselbewohner kommen mit ihren Familien zum Essen hierher, immer ein gutes Zeichen.

Frische Seezunge in der Bar do Arante, Pantano do Sul

Frische Seezunge in der Bar do Arante, Pantano do Sul

Es gibt so gut wie keinen Platz in dem Restaurant, der nicht mit einem kleinen Zettel gespickt wäre, auf welchem Anmerkungen von Gästen stehen. Deutsche finden wir darunter auf die Schnelle nicht, aber hier als Beispiel eine Übersetzung aus dem Spanischen: „Die Casquinhas de Siri waren fabelhaft, der frische Fisch ein Gedicht, der Service erstklassig, aber euer Olivenöl ist echt Scheiße.“ Na gut. Wir fanden das Essen in jeder Hinsicht himmlisch.

Bar do Arante in Pantano do Sul

Bar do Arante in Pantano do Sul

Über Campeche, den Ort , der seinen Namen in den 20er Jahren von Antoine de Saint Exupery, der dort mehrfach auf dem kleinen Inselflughafen landete,  erhielt (champs de peche, es gibt natürlich auch eine „Straße des kleinen Prinzen“), geht es zurück und wir finden einen schönen Stellplatz in den Dünen der Praia do Mola. Der Weg dorthin ist allerdings sehr schmal und dicht bewachsen. Es klingt, als bräche ein weißer Elefant durchs Gebüsch.

Übernachtung an der Praia do Mola

Übernachtung an der Praia do Mola

In den Dünen sitzen zwei kleine Eulen, die uns neugierig beobachten und auf zwei Meter an sich heran kommen lassen. Zur Abwechslung wird abends im Sand mal wieder ein Feuerchen gemacht und … gegrillt;-). Ein Kilo bestes Rumpsteak kostet hier rund sieben Euro, man wird also geradezu genötigt Fleisch zu kaufen.

Dann sind die Götter des Wetters und der Thermik endlich freundlich gestimmt und spendieren Hugo einen einstündigen Flug mit dem Gleitschirm über die wunderschöne Insel mit ihren Buchten, Bergen und Lagunen; sanfte Landung am Sandstrand inklusive.

Hugo im Landeanflug auf Praia do Mola

Hugo im Landeanflug auf Praia do Mola

Mit Glanz auf den Backen – happyhappyhappy – kommt er zurück; es geht doch nichts über einen glücklichen Ehemann!

Am Tag darauf ist es time to say goodbye – Iguacu und das Pantanal warten auf uns. Wir kehren der Küste vorerst den Rücken zu, nicht ahnend, welche Überraschungen der Weg dorthin für uns bereit halten würde.

Strand…gut

Aus der über 1.000 m hoch gelegenen Serra fahren wir am nächsten Tag über Serpentinen fast senkrecht hinab bis auf Meereshöhe und bummeln von einem Traumstrand zum nächsten. Die offizielle Saison ist vorbei, die Urlauber aus Uruguay, Argentinien und Brasilien sind längst wieder zuhause und die charmanten kleinen Küstenorte betten sich zum Winterschlaf, bevor im Juli die nächste Attraktion kommt: die Wale, die wir auf dieser Tour noch nicht erleben werden. Sie kommen aus der Antarktis und bringen in den warmen geschützten Buchten südlich von Florianopolis ihre Jungen zur Welt. Dabei kommen sie erstaunlich nahe, teilweise bis 30 Meter, an die Küste.

In Praia do Rosa, einem der Top Ten Strände der Welt, machen wir einen Stop; außer uns ist niemand zu sehen. Wir fahren die Küste entlang – über 30 km feinster Sandstrand – weiter bis Jaguaruna, einem verschlafenen Nest, wo wir einen ungestörten Platz in den Dünen finden und die Stille genießen.  Hugo frönt abends der urzeitlich-männlichen Lieblingsbeschäftigung: Feuer machen.

Hugo at work

Hugo at work

Auch am nächsten Morgen sind wir bis auf einige Fischer allein und genießen einen Sonnenaufgang wie er schöner nicht sein könnte.

Jaguaruna Sunrise

Jaguaruna Sunrise

Fischer bei Jaguaruna

Fischer bei Jaguaruna

Später am Tag erklimmen wir bei Farol do Santa Marta einen kleinen Hügel und genießen eine spektakuläre Aussicht auf die Küste mit ihren großen Sandünen und sichelförmigen Buchten. Wo sich im Sommer die Surfer tummeln ist um diese Jahreszeit kaum jemand da.

Farol de Santa Marta

Farol de Santa Marta

Boote beI Farol de Santa Marta

Boote beI Farol de Santa Marta

Um den Ort Laguna zu erreichen müssen wir mit samt Unimoppel eine große Lagune queren ; außer uns passen zwei Busse und ein weiterer PKW auf den Ponton, der dann von einem kleinen Boot gezogen wird. Am anderen Ufer geht es weiter nach Garopaba, einem ehemaligen Walfängerort. Heute fischt man dort in der Saison nach Touristen, die mit kleinen Booten hinaus gefahren werden, um die Glattwale zu beobachten.

Die zentrale Praia do Garopaba, der „Stadtstrand“, ist ein traditioneller Fischerstrand, und auch heute noch gesäumt von den Schuppen, an denen die Fischer ihren Fang abliefern und verkaufen. Wir sehen dem Schauspiel aus bunten Booten, Fischern, Möwen, einigen Geiern, Hunden und Katzen eine Weile zu und beschließen, die Nacht über zu bleiben.

Boot in Garopaba

Boot in Garopaba

Praia do Garopaba

Praia do Garopaba

Plötzlich blinkt Blaulicht neben unserem Wagen auf und bleibt. Es ist die Feuerwehr, die aus Neugier gestoppt hat. Die beiden jungen Feuerwehrmänner verwickeln uns in einen längeren Plausch und wir erfahren, daß einer der beiden ursprünglich aus Sao Paulo kommt. Die Hektik der Metropole mit 12 Mio Einwohnern war ihm zu viel und so hat er einen Job in einer ruhigeren Gegend Brasiliens gesucht und in Garopaba gefunden.