{"id":712,"date":"2014-06-30T19:52:42","date_gmt":"2014-06-30T17:52:42","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=712"},"modified":"2014-06-30T19:56:15","modified_gmt":"2014-06-30T17:56:15","slug":"so-ist-das-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=712","title":{"rendered":"So ist das Leben"},"content":{"rendered":"<p>Hugos Infektion am Zeh wird nicht deutlich sp\u00fcrbar besser, der Tunga am anderen Fu\u00df mu\u00df auch entfernt werden, bevor er gr\u00f6\u00dferen Schaden anrichtet, und so planen wir vor dem Grenz\u00fcbertritt nach Bolivien einen Arztbesuch in Cuiab\u00e1 ein.<\/p>\n<p>Bei Unimoppel haben wir zudem ein \u201eGelenkleiden\u201c festgestellt: Die Manschetten an der Lenkstange sollten besser ersetzt werden, bevor wir in wenigen Wochen im Gebirge die langen P\u00e4sse fahren. Wir steuern in Cuiab\u00e1 eine Mercedes LKW-Werkstatt an, wo man unser Problem l\u00f6sen kann und will. Da es Originalteile hier nicht gibt, mu\u00df improvisiert werden und das dauert. Wir verbringen die Nacht vor der gro\u00dfen Niederlassung, in der gerade an die vierzig LKWs in Stand gesetzt werden. Die Werkstatt ist blitzsauber, perfekt mit allen Werkzeugen und Maschinen ausgestattet und bestens durchorganisiert und das Zuschauen bei den Reparaturarbeiten an den Trucks, die wie gro\u00dfe Tiere in der Halle stehen, ist auch f\u00fcr uns interessant.<\/p>\n<p>Cuiab\u00e1 ist tags\u00fcber ein Glutofen und auch nachts sinkt die Temperatur nicht. Es weht nicht der geringste Lufthauch durch die gro\u00dfe Stadt und so schwitzen wir vor uns hin. Am n\u00e4chsten Morgen geht die Schicht bei Mercedes zwar fr\u00fch los, aber das Ersatzteil l\u00e4sst auf sich warten. Hugo verbringt die Zeit mit kleineren Wartungsarbeiten am Unimog; ich mit Lesen und brasilianischen Telenovelas im Aufenthaltsraum f\u00fcr die Fernfahrer. Zwischendurch gibt es Kaffee und Sandwiches, mittags werden wir in die Betriebskantine zu Schmorh\u00fchnchen eingeladen. Die Zeit tr\u00f6pfelt in der Hitze dahin, nichts geschieht. Am sp\u00e4ten Nachmittag ist das Ersatzteil dann pl\u00f6tzlich da und wird fix und gekonnt montiert.<\/p>\n<p>Inzwischen ist es zu dunkel, um noch eine gr\u00f6\u00dfere Strecke zu fahren, und wir beschlie\u00dfen, uns einen \u00dcbernachtungsplatz an einer der Tankstellen an den gro\u00dfen Ausfallstra\u00dfen der Stadt zu suchen. Der Platz, den wir aufsuchen, \u00fcbertrifft in seiner Rohheit alles bisher dagewesene. Das Wort <em>w\u00fcst<\/em> beschreibt es vielleicht am Besten. Eine riesige Fl\u00e4che am Rand der sechsspurigen Fernstra\u00dfe, die rote Erde, die nachts schwarz zu sein scheint, plattgewalzt von Tausenden schwerer LKWs, die kreuz und quer geparkt sind, eine kleine Lanchonete mit roten Plastiktischen und -st\u00fchlen, eine zweite mit gelben St\u00fchlen. Das Angebot ist bei beiden identisch: Auf einem kleinen Grill werden drau\u00dfen Spie\u00dfe mit Fleisch, H\u00fchnerherzen oder Bacon zubereitet, alles entweder mit Maniok oder Reis aus dem gro\u00dfen Plastikeimer, dazu Bier, Cola oder Wasser.<\/p>\n<p>M\u00fcckenumschwirrte Neonlampen tauchen unbarmherzig das Geschehen in einen ungesunden gr\u00fcn-schwarzen Schimmer; au\u00dferhalb ihres Lichtkegels verschluckt die Dunkelheit nach wenigen Metern alles. Fernfahrer sitzen ersch\u00f6pft, einsam und schweigend vor ihrem Bier. Kaum jemand unterh\u00e4lt sich. Professionelle ziehen von Tisch zu Tisch und hoffen auf ein schnelles Gesch\u00e4ft. An der Kreuzung steht dauerhaft ein Krankenwagen mit eingeschaltetem Blaulicht und offener T\u00fcr; davor f\u00e4hrt ein Junge mit rot-wei\u00dfem Ringelpulli auf einem Fahrrad unaufh\u00f6rlich im Kreis. Ein paar Hundert Meter entfernt sehen wir die mit Stacheldraht bewehrten Mauern eines gro\u00dfen Gef\u00e4ngnisses.<\/p>\n<p>Wir lassen uns an einem Tisch nieder, bestellen Fleischspie\u00dfe und lassen die Szenerie, die einem der surrealistisch-d\u00fcsteren Filme David Lynchs\u00b4entsprungen sein k\u00f6nnte, auf uns wirken. Sie w\u00e4re in ihrer Trostlosigkeit bedr\u00fcckend, geradezu gespenstisch, vielleicht sogar bedrohlich, w\u00e4re da nicht die Musik, die aus der Juke Box t\u00f6nt. Brasilianischer Country-Pop, eine Mischung aus Fr\u00f6hlichkeit und Saudade, der sanften brasilianischen Melancholie, nimmt dem Moment alle D\u00fcsternis und verleiht der Atmosph\u00e4re eine unbeschreibliche Leichtigkeit. Eso es la vida.<\/p>\n<p>Als wir am n\u00e4chsten Morgen abfahren h\u00f6ren wir die Insassen der Strafanstalt laut singen und klatschen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hugos Infektion am Zeh wird nicht deutlich sp\u00fcrbar besser, der Tunga am anderen Fu\u00df mu\u00df auch entfernt werden, bevor er gr\u00f6\u00dferen Schaden anrichtet, und so planen wir vor dem Grenz\u00fcbertritt nach Bolivien einen Arztbesuch in Cuiab\u00e1 ein. 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