{"id":2387,"date":"2014-12-09T15:32:35","date_gmt":"2014-12-09T13:32:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=2387"},"modified":"2014-12-09T17:03:45","modified_gmt":"2014-12-09T15:03:45","slug":"verliebt-in-chile","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=2387","title":{"rendered":"Verliebt in Chile"},"content":{"rendered":"<p>Nach den wenig ersprie\u00dflichen Kontakten und \u00fcberwiegend ern\u00fcchternden zwischenmenschlichen Erfahrungen mit den Einheimischen in Bolivien \u2013 Peru war deutlich besser &#8211; sind wir hier jetzt geradezu verliebt in Land und Leute. Sich mit Chileninnen und Chilenen zu unterhalten und Zeit zu verbringen macht einfach Spa\u00df. Sie haben eine \u00e4u\u00dferst angenehme Art, auf Menschen zuzugehen und mit Menschen umzugehen. Dies bezieht sich nicht nur auf Fremde wie uns, sondern in gleichem Ma\u00dfe auf den Umgang unter ihresgleichen.<\/p>\n<p>Ihre Umgangsformen sind vorbildlich in ihrer H\u00f6flichkeit und Eleganz, ohne aufgesetzt oder affektiert zu wirken. Bei einer Begegnung, egal, ob vor dem Supermarkt, am Strand oder in einem Restaurant, egal ob jung oder alt, geh\u00f6rt es zum guten Ton, sich mit dem Vornamen vorzustellen und die Hand zu reichen. Beim H\u00e4ndedruck werden die H\u00e4nde nicht gesch\u00fcttelt, wie h\u00e4ufig in Europa, sondern mit m\u00e4\u00dfig festem Druck ineinandergelegt und die Hand des Gegen\u00fcber wird f\u00fcr einen kurzen Moment l\u00e4nger gehalten als bei uns \u00fcblich. Es f\u00fchlt sich angenehm an, etwas pers\u00f6nlicher und verbindlicher, keineswegs aufdringlich. Beim Abschied gibt man sich erneut die Hand und manchmal legt der Chilene oder die Chilenin zus\u00e4tzlich die freie Hand leicht aufs das Handgelenkt. Immer, selbst wenn wir nur in der <em>panaderia<\/em> ein Brot kaufen, wird uns ein von Herzen kommendes <em>\u201eQue le vaya bien\u201c<\/em> mit auf den Weg gegeben.<\/p>\n<p>Selbst eine Polizeikontrolle auf dem Land ist hier ein angenehmes Erlebnis, denn der Polizist in seiner schicken dunklen Uniform fragt mit beispielhafter Liebensw\u00fcrdigkeit <em>\u201eGestatten Sie, da\u00df wir uns kurz Ihre Dokumente anschauen?\u201c<\/em> Wir trauen unseren Ohren nicht.<\/p>\n<p>Wir werden immer wieder auf eine nette Art angesprochen und die Menschen zeigen aufrichtiges Interesse an uns, unserem Fahrzeug, unserer Reise und der Familie in Deutschland, ohne dabei neugierig zu sein. Die meisten Chilenen haben europ\u00e4ische Wurzeln und je s\u00fcdlicher man im Land reist, desto gr\u00f6\u00dfer ist die Wahrscheinlichkeit, im Stammbaum der Familie Gro\u00dfeltern oder Urgro\u00dfeltern aus Italien, der Schweiz oder Deutschland anzutreffen. Von der Sprache ist meist nicht viel geblieben, aber viele Traditionen haben sich bis heute erhalten und werden mit Hingabe gepflegt. In den B\u00e4ckereien gibt es nach wie vor keinen spanischen Begriff f\u00fcr \u201eKuchen\u201c, man h\u00e4ngt Blumenk\u00e4sten vor die Fenster und tanzt Walzer.<\/p>\n<p>Au\u00dferdem zeichnen sich die Chileninnen und Chilenen durch eine auffallend gro\u00dfe Gastfreundschaft aus. Im Laufe der Gespr\u00e4che haben wir immer wieder Einladungen zum Essen nach Hause erhalten, die ernst gemeint waren, da sie wiederholt und mit gro\u00dfem Nachdruck ausgesprochen wurden.<\/p>\n<p>Wirft man einen Blick zur\u00fcck in die Geschichte des Landes, dann werden enge Verflechtungen von Deutschland und Chile offensichtlich. Chile hat immer eine offene Einwanderungspolitik betrieben und die erste Welle deutscher Siedler, die sich \u00fcberwiegend im S\u00fcden niederlie\u00dfen, setzte ab 1850 ein. Diese Siedler waren in Ackerbau und Viehzucht, aber auch in Handwerk und Brauereikunst sehr erfolgreich. Erste gr\u00f6\u00dfere Unternehmen entstanden, das Milit\u00e4r wurde mit Hilfe von Deutschen geschult und organisiert und die Firma <em>Krupp<\/em> lieferte Waffen aus Essen. Die nachfolgenden Generationen standen fest hinter der aggressiven deutschen Au\u00dfen- und Wirtschaftspolitik, und auch nach der Macht\u00fcbernahme der Nationalsozialisten gab es zun\u00e4chst mehr Beifall als Kritik.<\/p>\n<p>Das \u00e4nderte sich, nachdem Chile auf Dr\u00e4ngen der USA den Alliierten beitrat und deutsche Firmen auf die <em>black list<\/em> setzte. Nach dem Zusammenbruch des <em>Hitler<\/em>-Reiches hatten deutsche Namen in Chile keinen guten Klang mehr, und die deutschst\u00e4mmigen Chilenen verleugneten h\u00e4ufig ihre Herkunft und betonten das Chilenentum zunehmend. W\u00e4hrend des Nazi-Regimes retteten sich rund 13.000 Menschen, der \u00fcberwiegende Teil Juden, nach Chile. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges fl\u00fcchteten aber auch ehemalige Funktion\u00e4re auf der Suche nach einem Versteck erfolgreich in das Land hinter den Bergen, denn die chilenische Regierung lehnte eine Auslieferung nach Deutschland. W\u00e4hrend der <em>Pinochet-<\/em>Diktatur setzte dann eine umkehrte Migration ein; mehrere Zehntausend Chilenen flohen vor den Repressalien und der Gewalt in die beiden deutschen Staaten und baten um Asyl, kehrten aber ab Mitte der 1980er Jahre weitestgehend mit ihren Familien in die Heimat zur\u00fcck.<\/p>\n<p>Prominenteste deutsche Einwanderin der j\u00fcngeren Vergangenheit ist <em>Margot Honecker<\/em>, die von ihrer Witwenrente in H\u00f6he von rund 1.500 EUR nahe Santiago lebt.<\/p>\n<p>Wer sich tiefgehender interessiert: Die chilenische Schriftstellerin <em>Isabel Allende<\/em>, die in Kalifornien lebende Nichte von <em>Salvador Allende<\/em>, hat in ihrem Buch <em>\u201eMein erfundenes Land\u201c<\/em> ein sch\u00f6nes und am\u00fcsantes Portr\u00e4t ihrer Landsleute gezeichnet.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach den wenig ersprie\u00dflichen Kontakten und \u00fcberwiegend ern\u00fcchternden zwischenmenschlichen Erfahrungen mit den Einheimischen in Bolivien \u2013 Peru war deutlich besser &#8211; sind wir hier jetzt geradezu verliebt in Land und Leute. 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