{"id":2129,"date":"2014-11-08T02:50:56","date_gmt":"2014-11-08T00:50:56","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=2129"},"modified":"2014-11-08T02:50:56","modified_gmt":"2014-11-08T00:50:56","slug":"angezapft","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=2129","title":{"rendered":"Angezapft"},"content":{"rendered":"<p><em><\/em>Wichtigstes Exportprodukt Chiles ist mit rund 50% der Erl\u00f6se nach wie vor Kupfer, obwohl die Kupferadern immer schwerer zug\u00e4nglich sind und der Metallgehalt im Gestein sinkt. Aber selbst bei nur 0,8% Kupfergehalt lohnt sich die F\u00f6rderung, daher werden immer weitere F\u00f6rderst\u00e4tten erschlossen. Selbst in den entlegendsten Winkeln fallen uns die Minen auf, jeder Berg hier scheint auf der Suche nach dem roten Gold zumindest angezapft.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/P1170279.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-2128\" src=\"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/P1170279-300x225.jpg\" alt=\"P1170279\" width=\"300\" height=\"225\" srcset=\"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/P1170279-300x225.jpg 300w, http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/P1170279-600x450.jpg 600w, http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/P1170279-624x468.jpg 624w, http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/11\/P1170279.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Stimmt der Weltmarktpreis wie zum Beispiel in 2011, dann f\u00e4hrt das exportierte Kupfer f\u00fcr Chile rund 44 Milliarden US-Dollar ein. Vor Peru mit 8% und China mit ebenfalls 8% ist Chile mit <em>32% der Weltproduktion<\/em> mit deutlichem Abstand der gr\u00f6\u00dfte Kupferproduzent und nutzt diese Spitzenposition inzwischen sehr klug f\u00fcr sich: Drohen die Preise f\u00fcr Kupfer auf dem Weltmarkt zu verfallen, dann versuchen die chilenischen Kupferkonzerne nicht, die Verluste durch h\u00f6here Exportvolumina auszugleichen, sondern drosseln ganz einfach die Produktion und st\u00fctzen somit den Preis f\u00fcr das rote Gold.<\/p>\n<p>Chiles ertragsreichste Kupfermine neben <em>Escondida<\/em> ist <em>Chuquicamata<\/em> bei <em>Calama<\/em> in der Atacama-W\u00fcste. Sie ist die weltweit gr\u00f6\u00dfte Kupfermine im Tagebau, ein riesiges Loch von 5 km x 3 km, in welchem tagt\u00e4glich in Terrassen bis zu 1.000 Meter Tiefe Gestein gesprengt, abgetragen, auf \u00fcberdimensional gro\u00dfe Kipper \u2013 die Reifen sind allein vier Meter hoch &#8211; verladen, hochgekarrt, zertr\u00fcmmert, ausgewaschen und geschmolzen wird. Pro Jahr erzielt die Mine ca. 500.000 Tonnen reinen Kupfers (99,6%) und als Nebenprodukte einige andere wertvolle Mineralien wie Gold und Silber. Allein die Kupferreserven von <em>Chuquicamata<\/em> reichen bei gleichbleibender Produktion gesch\u00e4tzt noch zwei bis drei Jahrzehnte. In der Nachbarschaft hat man mit der Mine <em>Radomiro Tomic<\/em> eine weitere Kupferader erschlossen, die heute rund 300.000 Tonnen des roten Metalls erwirtschaftet, in <em>Escondida<\/em> rund 800.000 Tonnen. \u00dcberall versteckt in den Bergen gibt es Minen, und wir haben in der Ein\u00f6de der Halbw\u00fcste auch mehrfach Ein-Mann-Minen gesehen, die aus einem simplen Bretterverschlag, Wasserbeh\u00e4lter, Generator und einem Loch im Boden bestehen. Diese M\u00e4nner graben v\u00f6llig allein und ohne gro\u00dfartige Hilfsmittel in der Hoffnung, auf den einen Fund, der ihr Leben ver\u00e4ndert.<\/p>\n<p>Die angestellten Minenarbeiter, zum Beispiel in <em>Chuquicamata<\/em>, verdienen nicht schlecht, mit rund 2.000 EUR pro Monat z\u00e4hlen sie zweifellos zu den Besserverdienern in Chile. Die Arbeiter wohnen zudem mietfrei und das Krankenhaus der Mine z\u00e4hlt zu den bestausgestatteten des Landes. Das Wort eines <em>mineros<\/em> hat Gewicht: Im Rahmen der Tarifverhandlungen 2012 erhielten alle Arbeiter Boni in H\u00f6he von umgerechnet EUR 30.000. Leitende Angestellte erhalten Freitickets f\u00fcr Urlaubsreisen und die Firma tr\u00e4gt auch die Studiengeb\u00fchren ihrer Kinder, wobei der Begriff \u201egeldwerter Vorteil\u201c, mit welchem die deutschen Finanz\u00e4mter es schaffen, jede Belohnung und Anerkennung seitens eines Arbeitgebers kr\u00e4ftig zu versalzen, hier in Chile unbekannt ist.<\/p>\n<p><em>There\u00b4s no free lunch.<\/em> Die Kehrseite ist ein Arbeitsplatz, der mit einem enorm hohen Risiko f\u00fcr Leib und Leben verbunden ist. Wir alle erinnern uns an die wochenlange Berichterstattung in den Medien, als im August 2010 ein Bergsturz 33 Minenarbeiter in der 120 Jahre alten Kupfer- und Goldmine <em>San Jos\u00e9<\/em> bei <em>Copiap\u00f3<\/em> versch\u00fcttete. Niemand wusste zun\u00e4chst, ob die mineros, die man in 700 Metern Tiefe vermutete, noch lebten. Auf dem Minengel\u00e4nde wurde f\u00fcr die Angeh\u00f6rigen, aber auch f\u00fcr die Flut von internationalen Journalisten, das <em>Camp Esperanza<\/em> errichtet. Fortan konnte, wer wollte, zum Beispiel auf <em>n-tv<\/em> nonstop live dabei sein und die <em>reality show<\/em> in <em>real time<\/em> verfolgen. Ein Medienspektakel ohnegleichen setzte \u00fcber Wochen ein und Chile sicherte sich ungewollt einen t\u00e4glichen Spitzenplatz bei der internationalen Berichterstattung.<\/p>\n<p>Es dauerte die Ewigkeit von 17 Tagen, bis zwei Sondierungsbohrungen in den Schacht vordringen konnten, in dem die Bergleute vermutet wurden. Ein Bohrkopf brachte schlie\u00dflich die \u00fcberraschende Nachricht auf einem Zettel nach oben <em>\u201eEstamos bien en el refugio \u2013 los 33\u201c<\/em> (Uns 33 geht es im Schutzraum gut). Die Kumpels hatten im Schacht nicht nur \u00fcberlebt, sondern ihre Gruppe klug und \u00fcberlegt organisiert. Alle 48 Stunden gab es einen L\u00f6ffel Fisch aus der Dose, eine halbe Tasse Milch und einen halben Keks, getrunken wurde das K\u00fchlwasser aus den Fahrzeugen. Der \u00dcberlebenswille, ganz besonders aber die Disziplin dieser M\u00e4nner mu\u00df \u00fcberragend gewesen sein, denn die Luftfeuchtigkeit dort unten betrug 80%, die Frischluftzufuhr war minimal und die Aussicht auf Rettung \u2026 fast illusorisch.<\/p>\n<p>Eine notd\u00fcrftige Versorgung der Bergleute mit Lebensmitteln konnte \u00fcber die Sondierungsbohrungen zwar gew\u00e4hrleistet werden, aber es war eine enorme technische Herausforderung, ein ausreichend gro\u00dfes Bohrloch zur Bergung zu legen. Ein Wettlauf gegen die Zeit setzte ein \u2013 vor den Augen der Weltbev\u00f6lkerung. Drei unterschiedliche Gro\u00dfbohr\u00f6pfe wurden mit drei unterschiedlichen Techniken eingesetzt \u2013 ein deutsches Ger\u00e4t vom <em>Typ Schramm T-130<\/em> schaffte den Durchbruch als erstes. Am 13. Oktober, 69 Tage nach dem Grubensturz, konnten die 33 Bergleute einer nach dem anderen mit der eigens konstruierten Rettungskapsel <em>Phoenix 2<\/em> ans Tageslicht geholt werden. Pr\u00e4sident <em>Pineira<\/em> begr\u00fc\u00dfte jeden einzelnen der 33 Helden per Handschlag, 1.700 Journalisten vor Ort dokumentierten das Wunder mit Wort und Bild und Millionen von Fernsehzuschauern rund um den Erdball jubelten \u00fcber das Happy End dieses unglaublichen Dramas.<\/p>\n<p>Hat dieses Ungl\u00fcck das Verantwortungsbewu\u00dftsein der Minenbetreiber erh\u00f6ht und die Sicherheitsstandards verbessert? Wohl nicht. In den sechs Monaten nach dem \u201eWunder von San Jos\u00e9\u201c starben allein in Chile elf Minenarbeiter bei Grubenungl\u00fccken.<\/p>\n<p>Neben dem prim\u00e4ren Risiko unter Tage ist das sekund\u00e4re Risiko oftmals nicht unmittelbar sichtbar: die Belastungen im Rauch der Verh\u00fcttungsanlagen, die giftigen Chemikalien, die beim Reinigen des Rohkupfers benutzt oder auch freigesetzt werden, z. B. Schwefels\u00e4ure und Arsen. Nicht nur die Arbeiter sind von den Vergiftungen betroffen, sondern alle in der Umgebung der Mine lebenden Menschen und die Sp\u00e4tfolgen sind oft erst viele Jahre sp\u00e4ter erkennbar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wichtigstes Exportprodukt Chiles ist mit rund 50% der Erl\u00f6se nach wie vor Kupfer, obwohl die Kupferadern immer schwerer zug\u00e4nglich sind und der Metallgehalt im Gestein sinkt. Aber selbst bei nur 0,8% Kupfergehalt lohnt sich die F\u00f6rderung, daher werden immer weitere F\u00f6rderst\u00e4tten erschlossen. 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