{"id":1808,"date":"2014-10-13T19:22:11","date_gmt":"2014-10-13T17:22:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=1808"},"modified":"2014-10-13T22:27:28","modified_gmt":"2014-10-13T20:27:28","slug":"schnullibulli","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=1808","title":{"rendered":"Schnullibulli"},"content":{"rendered":"<p>Hugo kr\u00e4nkelt mit einem b\u00f6sen Husten etwas vor sich hin und so verschnaufen wir ein paar weitere Tage in Miraflores. Dann wird es auch f\u00fcr uns Zeit, weiterzuziehen. Urspr\u00fcnglich hatten wir auf dieser Reise vor, nach gesamt Peru auch Ecuador zu besuchen, aber wir planen spontan um. Der Sommer kommt jetzt langsam von Norden auf die S\u00fcdhalbkugel und wir werden mit ihm in den n\u00e4chsten Monaten ein paar Tausend Kilometer durch Chile und Argentinien s\u00fcdw\u00e4rts bis ans Ende des Kontinentes ziehen. Wir freuen uns auf viel K\u00fcste, Fjordlandschaften, Gletscher und die immergr\u00fcnen Urw\u00e4lder Patagoniens, auch wenn es dort viel regnet und die Winde auch im Sommer sehr st\u00fcrmisch sein k\u00f6nnen. <em>Chan-Chan<\/em> wird auch in ein paar Jahren noch stehen und die Blaufu\u00dft\u00f6lpel auf <em>Galapagos<\/em> werden bestimmt auch noch da sein, also k\u00f6nnen Nordperu und Ecuador noch ein bisschen warten.<\/p>\n<p>Wir suchen uns unseren Weg aus der Stadt und kommen in ihrer Peripherie wieder an den endlosen <em>pueblos jovenes<\/em>, den \u201ejungen D\u00f6rfern\u201c, wie die Elendsviertel hier in Peru verharmlosend genannt werden, vorbei. Die provisorischen H\u00fctten aus Schilf, Pappkarton oder Wellblech und viele angefangene, aber nie fertig gestellt Bauten aus Ziegeln umschlie\u00dfen die Stadt wie ein Ring und ziehen sich etliche Kilometer die tristen W\u00fcstenh\u00fcgel hinauf. Rund die H\u00e4lfte der Einwohner Limas lebt in diesen Elendsvierteln, die sich am Stadtrand immer weiter ausdehnen; die letzten H\u00fctten sehen wir 25 Kilometer au\u00dferhalb des Stadtzentrums entlang der PanAm. Flie\u00dfendes Wasser, M\u00fcllentsorgung oder Stromversorgung gibt es hier nicht, auch keine Stra\u00dfen oder Beleuchtung. Wasser wird mit Tanklastwagen herbeigeschafft, gekocht wird mit Gaskartuschen und nachts z\u00fcndet man Kerosinlampen oder Kerzen an. Die Wege zu Schulen, Krankh\u00e4usern oder zu Arbeitsst\u00e4tten, sofern man eine hat, dauern oft Stunden. Die Menschen leben hier in ihren meist nur 10 \u2013 15 qm gro\u00dfen H\u00fctten illegal, werden aber von der Regierung, die keine bessere L\u00f6sung bieten kann, zwangsweise toleriert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/P1160125.jpg\"><img decoding=\"async\" class=\"alignnone size-medium wp-image-1797\" src=\"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/P1160125-300x210.jpg\" alt=\"P1160125\" width=\"300\" height=\"210\" srcset=\"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/P1160125-300x210.jpg 300w, http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/P1160125-600x421.jpg 600w, http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/P1160125-624x438.jpg 624w, http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/wp-content\/uploads\/2014\/10\/P1160125.jpg 1024w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Gr\u00fcnde f\u00fcr die Landflucht sind vielf\u00e4ltig: Katastrophen wie Erdbeben zwingen die Menschen zur Umsiedlung, die Bev\u00f6lkerung auf dem Land explodiert bei stagnierender Wirtschaft oder die Gr\u00e4ueltaten des \u201eLeuchtenden Pfades\u201c in den achtziger Jahren. Als das TV in den D\u00f6rfern des Hochlandes Einzug hielt war die Bewegung weg vom Land in die Stadt nicht mehr aufzuhalten. Die Medien gaukelten in ihren schw\u00fclstigen <em>Telenovelas<\/em> den Menschen ein Leben in Lima in Saus und Braus vor, und Hunderttausende packten ihre B\u00fcndel, nahmen ihr weniges Geld und brachen in die Hauptstadt auf in der Hoffnung, dort paradiesische Verh\u00e4ltnisse vorzufinden und \u201ereich\u201c zu werden wie ihre Vorbilder aus dem Fernsehen. Dort angekommen mussten sie feststellen, da\u00df es keine Arbeit gab und die Mieten f\u00fcr Wohnungen in der Stadt unbezahlbar waren. Oftmals wurde alles Ersparte f\u00fcr die Suche nach Arbeit ausgegeben und schon bald reichte das Geld nicht mehr f\u00fcr eine R\u00fcckkehr in ihr altes Dorf.<\/p>\n<p>Wann immer wir auf unseren Reisen durch solche Elendsviertel kommen, egal ob in Indien, Burma oder Namibia, sp\u00fcren wir den Stachel im Bewu\u00dftsein ganz besonders tief, fast schon so wie ein schlechtes Gewissen. Und das ist auch gut so, denn so bleiben wir sensibel.<\/p>\n<p>Was trennt uns von einem solchen Leben in bitterster Armut? Nur der Zufall. Der Zufall, da\u00df wir auf der Sonnenseite des Lebens geboren wurden. Wir haben nichts f\u00fcr unser Schnullibulli-Leben in Sicherheit und Konsum im \u00dcberflu\u00df getan, au\u00dfer vielleicht unsere Chancen gut zu nutzen. Wir hatten einfach das unversch\u00e4mte Gl\u00fcck, zu einer wirtschaftlichen Boomzeit in einen immer wohlhabender werdenden Staat hineingeboren zu werden und in Elternh\u00e4usern aufzuwachsen, die es uns an nichts fehlen lie\u00dfen. Dank der klugen Umsicht und auch pers\u00f6nlichen Opferbereitschaft unserer Eltern konnten wir eine Erziehung und Bildung genie\u00dfen, die uns eine gute Positionierung am Arbeitsmarkt und Wettbewerbsf\u00e4higkeit verschafft hat.<\/p>\n<p>Bildung ist der Schl\u00fcssel f\u00fcr Erfolg und Entwicklung und so ist sie f\u00fcr die Kinder in Bolivien und Peru wie auch anderswo die einzig nachhaltige Chance auf ein besseres Leben. Ohne zumindest eine grundlegende Schulbildung gibt es kaum eine M\u00f6glichkeit, dem Elend zu entkommen und die Armut wird von Generation zu Generation weiter vererbt. Wir hatten einfach verdammt viel Gl\u00fcck, und das sollten wir uns immer wieder vor Augen f\u00fchren.<\/p>\n<p>Dazu auch das Bewusstsein, da\u00df unser heutiger Wohlstand, unsere vermeintliche wirtschaftliche Sicherheit, an einem hauchd\u00fcnnen Faden h\u00e4ngt. Tag f\u00fcr Tag vollbringen wir, die Industrienationen, einen wahren globalen Hochseilakt, indem wir versuchen, alle relevanten Wirtschaftsr\u00e4der, Stellschrauben und M\u00e4rkte am Laufen und zumindest halbwegs in der Balance zu halten, aber platzt die Konsumblase, f\u00e4llt das gesamte Schnullibulli-System im Nu wie ein Kartenhaus ineinander. Unser von Konsum getriebenes Wirtschaftssystem ist nicht unkaputtbar &#8211; siehe 2008, als sich die Schuldenberge vieler Volkswirtschaften auf untragbare H\u00f6hen aufsummiert hatten und das Kartenhaus erstmals gewaltig in die Knie ging.<\/p>\n<p>Das alles interessiert die Menschen in den <em>pueblos jovenes<\/em> verst\u00e4ndlicherweise herzlich wenig. Sie leben von einem Tag zum n\u00e4chsten, immer damit besch\u00e4ftigt, ihr \u00dcberleben zu sichern. Haarshampoo-P\u00e4ckchen gibt es zum Beispiel portionsweise an kleinen Kiosken zu kaufen, weil die Menschen sich eine ganze Flasche nicht leisten k\u00f6nnen. Auch Zigaretten und Bonbons gibt es einzeln zu kaufen. Manche Menschen zwacken ein bi\u00dfchen von ihrem Wasser ab und befeuchten sich ihre Haare, bevor sie aus ihrem &#8222;Haus&#8220; gehen, um in der \u00d6ffentlichkeit zumindest den Anschein zu erwecken, frisch geduscht zu sein. Es geht nicht nur ums \u00dcberleben, sondern auch um die W\u00fcrde des Menschen. Trinkwasser MUSS als Grundrecht f\u00fcr alle Menschen verankert sein. F\u00fcr uns fast nicht vorstellbar, keines zu haben, darum sei es hier mal gesagt.<\/p>\n<p><em>Reality bites<\/em>, aber die Freude am Reisen wird uns dadurch nicht genommen. Wir wissen, wir k\u00f6nnen die Welt nicht vor sich selbst retten und wir k\u00f6nnen nicht jedem, der uns um Geld bittet, helfen, aber es gibt besonders Bed\u00fcrftige, wie zum Beispiel alte Frauen ohne Familie oder Behinderte, die \u00fcberhaupt keine Chancen auf Arbeit haben. Diesen Menschen helfen wir gerne, ihre n\u00e4chste Mahlzeit zu sichern, denn das gr\u00f6\u00dfte Problem von vielen Millionen Menschen auf unserer Welt sind immer noch Hunger und Durst.<\/p>\n<p>Am 16ten Oktober ist \u00fcbrigens <em>Weltern\u00e4hrungstag<\/em>. Zahlen, Daten, Fakten zu dem Thema finden sich unter http:\/\/de.wfp.org\/hunger\/hunger-statistik<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Hugo kr\u00e4nkelt mit einem b\u00f6sen Husten etwas vor sich hin und so verschnaufen wir ein paar weitere Tage in Miraflores. Dann wird es auch f\u00fcr uns Zeit, weiterzuziehen. Urspr\u00fcnglich hatten wir auf dieser Reise vor, nach gesamt Peru auch Ecuador zu besuchen, aber wir planen spontan um. 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