{"id":1444,"date":"2014-09-26T05:13:44","date_gmt":"2014-09-26T03:13:44","guid":{"rendered":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=1444"},"modified":"2014-09-26T05:34:18","modified_gmt":"2014-09-26T03:34:18","slug":"rueckblick-bolivien","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/?p=1444","title":{"rendered":"R\u00fcckblick Bolivien"},"content":{"rendered":"<p>Um es gleich vorweg zu nehmen: Bolivien hat einzigartige, tief beeindruckende Landschaften von ganz besonderer Sch\u00f6nheit, die einen Besuch dieses Landes immer rechtfertigen, aber das ist auch schon alles. Die Menschen hier zeichnen sich nicht durch die bei uns in Europa immer so hochgelobte Freundlichkeit der Andenv\u00f6lker aus. Hugo und ich sind irritiert, als uns die Bolivianer immer wieder m\u00fcrrisch, wortkarg und teilweise sehr abweisend begegnen. Wir fragen uns lange Zeit, was wir im Umgang mit ihnen falsch machen, ob wir etwas \u00fcbersehen, ob wir in ihren Augen und ihrer Kultur eventuell taktlos sind, oder ob wir zu sehr \u201ewei\u00dfer Mann\u201c sind und unbewu\u00dft ein Kolonialherrengehabe an den Tag legen, aber das alles ist es nicht. Wir schauen genauer hin und stellen fest, da\u00df ihr Umgang untereinander genauso harsch, kurz angebunden und ohne Herzlichkeit ist. Wir fragen daraufhin einen Schweiz-Bolivianer, der in La Paz geboren wurde und dort heute eine Werkstatt betreibt. Er nimmt kein Blatt vor den Mund. Nein, es liegt \u00fcberhaupt nicht an uns, da\u00df die Bolivianer, insbesondere die Aymara, uns so kalt und desinteressiert begegnen, sondern sie sind ein Volk der Neider und Egoisten. Der eine g\u00f6nnt dem anderen nichts. Ein allt\u00e4gliches Beispiel finden wir im Autoverkehr, wenn hunderte Autos mit rasender Geschwindigkeit auf einen engen Trichter zufahren und keiner bereit ist, die Geschwindigkeit zu drosseln. Niemand schaut nach rechts und links, sondern mit tief eingezogenem Kopf stur geradeaus, laut hupen ersetzt bremsen, und alle hoffen, da\u00df es irgendwie gut geht.<\/p>\n<p>Der Schweiz-Bolivianer berichtet uns von anderen F\u00e4llen, in denen diese ausgepr\u00e4gte Haltung zur Missgunst regelrechte wirtschaftliche Sch\u00e4den anrichtet. Ein Beispiel: Ein Bolivianer hatte gemeinsam mit seiner Frau in einer Ortschaft nahe des Sajama-Vulkanes eine kleine Firma zu Herstellung von Bio-Llamawolle gegr\u00fcndet. Mit der Zeit war diese Firma gewachsen, der Unternehmer hatte im Ort nach und nach drei kleine Lehmh\u00e4user als Arbeitsst\u00e4tten gekauft und bot zum Schlu\u00df etwa 25 Familien dieses Dorfes Arbeit. Als er eine weitere Produktionsst\u00e4tte ben\u00f6tigte und zu diesem Zweck ein viertes, wohlgemerkt kleines Haus kaufen wollte, wurde ihm dies von der Dorfgemeinschaft mit der Begr\u00fcndung, der bes\u00e4\u00dfe ja bereits drei H\u00e4user, untersagt und die bei ihm angestellten Arbeiter legten ihre Arbeit nieder. Die Verhandlungen zogen sich \u00fcber einen Zeitraum von \u00fcber einem Jahr hin, blieben f\u00fcr den Unternehmer letztlich aufgrund der Uneinsichtigkeit der Dorfgemeinschaft erfolglos und so sah er sich schlu\u00dfendlich gezwungen, den Standort vom Dorf wegzuverlegen. 25 Familien verloren somit ihre Arbeit und damit ein gutes sicheres Einkommen und das Dorf fiel wieder in Tiefschlaf.<\/p>\n<p>Wenn wir Europ\u00e4er an Andenv\u00f6lker denken, dann haben wir Bilder von bunt-bem\u00fctzten Indios mit tiefbraunen, von der Sonne zerfurchten markanten Gesichtern vor den Augen und das Panfl\u00f6tengedudel vom Evergreen \u201eEl condor pasa\u201c in den Ohren, aber wir sollten uns frei machen von dem Gedanken, da\u00df jeder Indio ein \u201eedler Inka-H\u00e4uptling\u201c ist. Genauso wenig ist jeder der eine Milliarde Inder ein spirituell erleuchteter Sadhu. Die Realit\u00e4t in Bolivien ist, da\u00df viele der Aymara in ihren Traditionen und Verhaltensweisen verharren, geradezu verkn\u00f6chern und sich nicht weiterentwickeln. Am Fortschritt partizipieren &#8211; ja, ein TV, Auto und Handy haben wollen &#8211; ja, aber die Einsicht, da\u00df man selbst daf\u00fcr etwas tun, den Hintern hochbekommen mu\u00df, fehlt. Der Schweiz-Bolivianer gibt uns ein Beispiel gutgemeinter, aber aus diesem Grund fehlgeschlagener deutscher Entwicklungshilfe. \u00dcber einen Zeitraum von f\u00fcnf langen Jahren wurde mit Entwicklungshilfegeldern und unter deutscher Betreuung eine Berufsausbildungsst\u00e4tte f\u00fcr die Industrie in La Paz initiiert und erfolgreich gef\u00fchrt. Nach Abschlu\u00df der f\u00fcnf Jahre wurde die Leitung des Projektes vertragsgem\u00e4\u00df in bolivianische H\u00e4nde gegeben, kein Jahr sp\u00e4ter war es bereits gescheitert und wurde, da sich niemand zust\u00e4ndig f\u00fchlte, eingestellt.<\/p>\n<p>Bolivien verf\u00fcgt \u00fcber immense Rohstoffreserven und hat zur brasilianischen Grenze hin genug fruchtbares Land, um alle Einwohner ern\u00e4hren zu k\u00f6nnen. Niemand mu\u00df hier hungern, aber trotzdem ist die Armut gro\u00df. Von Santa Cruz, der wohlhabenden Provinz im Osten des Landes, werden bereits seit Jahren Rufe nach Autonomie von der Zentralregierung in wirtschaftlicher und politischer Sicht laut, so wie sich Norditalien am liebsten vom Rest der Landes lossagen m\u00f6chte, da man keine Lust mehr hat, zu schuften und den Rest \u201edurchzuf\u00fcttern\u201c. In einem Referendum in 2008 stimmten \u00fcber 85% der Bewohner von Santa Cruz f\u00fcr die Unabh\u00e4ngigkeit und gingen somit auf frontalen Kollisionskurs zum Projekt einer sozialistischen Gesellschaftsordnung, wie sie Evo Morales umsetzen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>Dann der Punkt der Demokratie. Auf dem Papier ist sie laut bolivianischer Verfassung zwar verb\u00fcrgt, de facto gibt es sie kaum noch, da Morales Kritiker und Opposition mit Erfolg mundtot gemacht oder aufgekauft hat. Reicht f\u00fcr letzteres das eigene Geld nicht, hilft der B\u00fcndnispartner im Geiste &#8211; Venezuela \u2013 aus. Viele politische Gegner sitzen ohne richterliche Entscheidung nur aufgrund von f\u00f6rmlichen Anklageerhebungen seit Jahren im Gef\u00e4ngnis und der Justizapparat wird korruptiv und erpresserisch missbraucht. Sicherlich ist die Demokratie nicht f\u00fcr jedes Land die ideale Staatsform, sondern setzt eine gewisse politische Reife voraus, und ob die parlamentarische Diskussionsfreudigkeit, mit der bei uns in Berlin oder Br\u00fcssel jeder Pups stundenlang und zuweilen vollends sinnentleert durchgekaut wird, der Weisheit letzter Schlu\u00df ist sei dahingestellt, aber eine Diktatur ist sicherlich nicht die L\u00f6sung, auch wenn oben genannter Schweiz-Bolivianer ganz lapidar meint, das Land ben\u00f6tige einen \u201etempor\u00e4ren Pinochet\u201c.<\/p>\n<p>Ganz klar, alle diese Aussagen, alle diese Eindr\u00fccke haben keinen Anspruch auf Allgemeing\u00fcltigkeit oder Richtigkeit, sondern sind lediglich subjektive Momentaufnahmen, ganz pers\u00f6nliche snapshots von uns. Wie dem auch sei, wir wollen jedenfalls raus aus diesem wundersch\u00f6nen, aber ungastlichen Land.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um es gleich vorweg zu nehmen: Bolivien hat einzigartige, tief beeindruckende Landschaften von ganz besonderer Sch\u00f6nheit, die einen Besuch dieses Landes immer rechtfertigen, aber das ist auch schon alles. Die Menschen hier zeichnen sich nicht durch die bei uns in Europa immer so hochgelobte Freundlichkeit der Andenv\u00f6lker aus. Hugo und ich sind irritiert, als uns [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[1,12],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1444"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1444"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1444\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1467,"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1444\/revisions\/1467"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1444"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1444"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.mondomare.de\/wordpress\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1444"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}